Herrschaft durch Sprache
Sprachen beherrschen
Zum Konflikt um Sprachenvielfalt
von Monika Hoffmann
Hüter »bedrohter« Sprachen verteidigen die Sprachenvielfalt gegen die Dominanz der großen Verkehrssprachen. Doch im Konsens der guten Absicht stärken die Sprachenschützer essentialistischen und kulturalistischen Ansätzen den Rücken. Der »unesco-Kurier« hat sich in seiner neuesten Ausgabe schwerpunktmäßig dem Thema »Gefährdete Sprachenvielfalt« gewidmet. An diesem Beispiel sollen die Fallstricke einer Sprachpolitik aufgezeigt werden, die sich auf Identitätskonzepte und überkommene Sprachtheorien beruft.
Zum schützenswerten Welterbe erklärt die UNESCO in jüngster Zeit neben Naturwundern und Kulturschätzen die »babylonische Sprachenvielfalt«. Gemeinsam mit Robbenbabys und nubischen Tempelanlagen werden nunmehr die nach Kolonialismus und »Kulturkriegen« verbliebenen rund 6.000 Sprachen dieser Welt ins Serengeti-darf-nicht-sterben-Projekt aufgenommen. So viel guter Wille löst Skepsis aus, und in der Tat kommt der Grund für dieses humanitäre Engagement weniger alttestamentarisch daher: Der drohende Tod der Idiome versinnbildliche die Gefährdung der kulturellen Vielfalt, welche wiederum »wesentlich zur Erforschung und (zum) Schutz der biologischen Vielfalt« sei.1 Die Sprache sei eine vom »Aussterben bedrohte Art«, und: »wie die Tier- und Pflanzenarten, so sind auch die bedrohten Sprachen auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt und gelten mithin dort als heimisch«, ist im Kurier der Unesco zu lesen.
Im Duktus einer »Gesellschaft für bedrohte Sprachen« folgen die Beiträge einer essentialistischen Logik, die Minoritätendiskurse allzu oft durchziehen. Sprache wird als quasi naturgegebenes Element ethnischer Identität definiert. Losgelöst von der Verflechtung zwischen Sprache und Macht oder von Sprache als Zeichensystem, das in einen gesellschaftspolitischen Rahmen eingebunden ist, wird Sprache atomisiert als Wert bzw. Art an sich betrachtet.
Auch handelt es sich beim Verschwinden von Sprachen keineswegs um ein Phänomen, das, wie die Unesco feststellt, »innerhalb der letzten Jahrzehnte ein nie gekanntes Tempo erreicht hat«, sondern es dürfte selbst bereits biblisches Alter und seine Hochzeit wohl eher während der weltumspannenden europäischen Kolonialisierung erreicht haben. Die Bemühungen um den Spracherhalt kommen also reichlich spät, zu einem Zeitpunkt, da die meisten Sprachen der kolonialen und auch postkolonialen Sprachpolitik bereits zum Opfer gefallen sind. Die Wiederbelebungsversuche scheinen daher zumindest zum Teil ein Projekt der Etablierung vieler bunter Inselchen im multikulturellen Weltmuseum zu sein.
Weitere Argumente der Sprachenschützer liefern Grund zum Misstrauen: Die Patenschaft, die rhetorisch für die Sprachen indigener Minderheiten übernommen wird, gilt im Subtext auch den europäischen »Kultursprachen« wie Deutsch, Französisch und Englisch. Die Monopolstellung des Englischen im fortschreitenden Globalisierungsprozess und durch den Einfluss in den neuen Medien ruft Puristen ersterer Sprachen auf den Plan. Die französische Sprachpolitik mit ihrem gesetzlichen »Rettungssystem« ist hier ein beredtes Beispiel.2 Darüber hinaus sieht sich Englisch bedroht, auf lange Sicht das Schicksal des Lateinischen zu teilen und durch die Zentrifugalkräfte des Sprachwandels in verschiedenen Einzelsprachen aufzugehen. Waffen im Abwehrkampf gegen den »Verfall« sind z.B. die Diskriminierung von Pidgin- und Kreolsprachen als restringierte Unterschichtsdialekte und die Weigerung, sie als eigenständige Sprachen anzuerkennen (siehe Kasten).
Sprache, Denken und Kultur
Die essentialistischen Ansätze, die in der Diskussion um die Sprachenvielfalt bemüht werden, werden im Folgenden kurz anhand einiger sprachwissenschaftlicher Grundzüge überprüft (vgl. S. 22). In der Rede vom Sprachensterben tauchen immer wieder Deutungsmuster und Prämissen auf, die in der neueren Sprachwissenschaft äußerst umstritten, wenn nicht widerlegt sind. Sprache determiniere das Denken und Denken das Sein, so heißt es, und oft wird eine unmittelbare Bedingtheit und gegenseitige Konditionierung von Sprache und Kultur behauptet. Wo die Sprache aussterbe, verschwinde das gesamte traditionelle Wissen über die Umwelt und mit der Sprache sterbe die jeweilige Kultur.
Noch die Linguistik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. ging in weiten Teilen von einer strengen Dependenz zwischen Sprache und Weltbild aus. Die Hypothesen der amerikanischen Linguisten Sapir und Whorf, die in der romantischen Tradition Herders und Humboldts stehen, besagten, dass nur Kategorien und Unterscheidungen wahrgenommen werden könnten, die in der Sprache kodiert sind. Gedacht werden könne also nur das, was Lexikon und Grammatik hergeben. Mithin könne eine Sprache nicht die gleiche kommunikative Funktion wie die andere erfüllen.3 Der Kulturrelativismus, auf dem diese Theorie trotz ihrer positiv-idealistischen Wendung beruht, war in den vergangenen Jahrhunderten der philosophische Grundstein für die Aufteilung in »wilde« und »zivilisierte« Sprache und Kultur des Kolonialismus. Selbst Basil Bernsteins soziolinguistische Sprachdefizitthese mit der Unterscheidung in einen restringierten und elaborierten Code folgte noch, wenn auch in emanzipatorischer Absicht, dem deterministischen Sprachbild.
Die heutige Sprachwissenschaft stellt dagegen zwei wesentliche Erkenntnisse ins Zentrum, die sowohl die kompensatorischen Programme für Unterschichts-Kinder ad absurdum führen, die seit Bernstein in der Erziehungswissenschaft großen Einfluss genossen, als auch essentialistischen Prämissen den Boden entziehen: 1. Es gibt keine primitive Sprache. Jede Sprache ist in der Lage, alle kommunikativen Bedürfnisse zu erfüllen und z.B. das Fehlen von Vokabeln durch andere sprachliche Elemente zu kompensieren und 2. hat Sprache zwar einen Einfluss auf Wahrnehmung und Denken, formt aber nicht Denkkategorien und Denkmuster.
In der Anwaltschaft für die bedrohten Sprachen bleiben diese Erkenntnisse unberücksichtigt. Nach wie vor beziehen sich die VerteidigerInnen auf die widerlegten Thesen des sprachlichen Defizits bzw. des Sprachessentialismus.
Imaginierte Gemeinschaft
Das kulturalistische Sprachverständnis beruht auf einem Identitätskonzept, das der Sprache eine Schlüsselrolle im Modell der Nation oder Ethnie zuweist. Identitäre Konstruktionen einer imaginierten Gemeinschaft sind eine Antwort auf historisch wechselnde Umstände, auf sich verändernde materielle Bedingungen und Machtbeziehungen. Bei der Konstruktion nationaler oder ethnischer Identität handelt es sich um einen Vorgang, in dem immer wieder aufs neue und mit wechselnden Gewichtungen, scheinbare Gemeinsamkeiten generiert werden. Territorium und Kultur sind ihre Bezugsgrößen und Variablen. Die Merkmale, die die Zugehörigkeit bestimmen, sind keine objektiven Bedingungen, sondern werden definiert und nach jeweiligen Bedürfnissen neu orientiert. Das Prozesshafte dieser Konstruktion darf dabei nicht offenkundig werden: Erfolgreich sind Identitätskonstruktionen dann, wenn sich die Gemeinsamkeit als unverbrüchlich, schon immer da gewesen, quasi naturwüchsig aufdrängt und in einem kollektiven Gedächtnis eingeschrieben ist. Auf symbolischer Ebene stellen sie ein bewusst eingesetztes politisches Mittel dar, um Einheit zu festigen und Trennendes, wie geschlechtliche, ökonomische, soziale Unterschiede, aus dem Blickfeld zu verbannen. Zugehörigkeiten konstruieren sich entlang verschiedener Stränge, die eine willkürliche Linie ziehen. Der ethnischen Differenzierung in Hutu und Tutsi beispielsweise lag ein Abstammungs-Mythos zugrunde (vgl. iz3w Nr. 218), die baskische Identität beruft sich auf die Sprache, deren Wurzeln 4 -5.000 Jahre zurückreichen, andernorts ist es die Glaubensgemeinschaft oder das vermeintliche territoriale Vorrecht. Genauso wie die anderen Variablen fungiert Sprache als Symbol einer deklamierten Gemeinschaft.
Die Beziehung zwischen Sprache und nationaler oder ethnischer Identität wird vielfach als Grundlage und Wesensmerkmal, als dominierendes Binde- und Abgrenzungssymbol gegenüber anderen identitätsstiftenden Konstrukten wie »älteren Rechten« auf Land, Abstammungs- oder Religionsgemeinschaften bewertet. Die Sprache ist wohl ein erstes Identifizierungszeichen, sie ermöglicht Kommunikation, Rekurrieren auf einen gemeinsamen sprachlichen Erfahrungsschatz und Prägung durch sprachliche Überlieferungen. Weder gemeinsame Abstammung, territoriale Herkunft noch kulturelle Traditionen werden als Bezugssymbol in dieser Weise sichtbar. Allerdings sind durch die Funktion von Sprache als Träger, als Instrument der Vermittlung von Geschichte, Mythen und Glaube Vermittlungsmedium und Identitätssymbol ineinander verwoben. Signifikant ist hier die Unterscheidung aber auch der fließende Übergang zwischen der Sprache als Zeichensystem und als Symbol.
Die sprachlich geschaffene Identität ist gleichzeitig immer eine des Ausschlusses. Der Ausschluss nach außen ist beispielhaft im Konzept der Nation seit der französischen Revolution festgeschrieben. Die linguistische Vereinheitlichung, lange als Voraussetzung für die Existenz der Nation gesehen, ist tatsächlich aber ihr Ergebnis. Im Prozess der Konstituierung von Nationalstaaten wird eine normierte, einheitliche Sprache erst gegenüber anderen Sprachen und Sprachvarianten durchgesetzt. (Bsp. Frankreich, Spanien). Die Umkehrung dessen findet auch in der entgegengesetzten politischen Praxis nationaler Befreiungsbewegungen statt: Eine gemeinsame Sprache liefert die Begründung für den Anspruch auf eine separierte Nation (Baskisch). Nation-building oder ethnische Identitätsbildung instrumentalisiert vermeintliche sprachliche Einheit zur politischen Vergesellschaftung. Der Ausschluss findet aber auch innerhalb einer Sprache statt. Die idealtypische Sprachgemeinschaft jedoch bleibt eine Fiktion; selbst in kleinen Regionen oder bei einer geringen SprecherInnenzahl finden sich stark ausgeprägte Codevarianten (normierte Standardsprache, Dialekte, Soziolekte, sprachlich fixierte Geschlechterdifferenzierung z.B. im Japanischen).
Sprachkolonialismus
Wie eingangs erwähnt, blenden die Hüter und Schützer der Sprachenvielfalt gerne die Bedingungen und Tatsachen aus, die durch die Kolonisierungen geschaffen worden sind. Der Sprachenkonflikt, die Chancen und Voraussetzungen unterdrückter Sprachen in der heutigen Situation sind aber die direkte Folge kolonialistischer Sprachpolitik.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen findet im Verlauf von Kolonisierung immer eine umfassende sprachliche Neubestimmung statt. Der militärischen und administrativen Invasion folgt die sprachliche, die sich als Resultat der ökonomischen Bedingungen ausdehnt. Erst in einem späteren Stadium handelt es sich um ein zielgerichtetes, geplantes sprachpolitisches Vorgehen:
Sei es, dass die Dominanz der Kolonialsprache in den eroberten Gebieten gewaltsam durchgesetzt wird und die präkolonialen Sprachen vollständig oder nahezu vollständig verdrängt werden, wie bei der Hispanisierung Lateinamerikas, sei es, dass autochthone Sprachen neben der Eroberersprache geduldet, aber in ihrem Prestige abgewertet werden oder als säkulare Sprache gegenüber der konfessionellen dominieren (Frankophonie in Nordafrika).
Im Falle einer Besiedlungskolonisation wurde meist die Sprache der Invasoren vollständig auf Kosten der beherrschten Sprachen durchgesetzt (Durchsetzung heißt in diesem Zusammenhang oft Genozid wie z.B. auf den Antillen). In Herrschaftskolonien wurde die Kolonialsprache für alle Sphären der Macht ? der Administration, der Wirtschaft, Justiz, Bildung, etc. ? als Standardsprache oktroyiert. Die regionalen Sprachen blieben auf den »privaten« Bereich beschränkt oder behielten nur noch eine religiös konnotierte Funktion. Die herrschende Sprache wird von jenen erlernt und übernommen, die den Zentren der Macht nahe stehen. Frauen und der ländlichen Bevölkerung blieb der Zugang zur exklusiven, aber doch offiziellen Sprache meist verwehrt. Die linguistische Struktur der beherrschten Sprachen blieb in dieser Nische eher konserviert und konnte kaum die für jede Sprache notwendigen Modifizierungsprozesse durchlaufen.
Randständig sind die Beispiele, in denen eine Sprache der Beherrschten aus strategischen oder pragmatischen Gründen zur offiziellen Sprache der Kolonie gekürt wurde. (Bsp. Guaraní in Paraguay, Spanisch unter arabischer Herrschaft).
Je nach den Bedingungen, denen die SprecherInnen der unterdrückten Sprachen ausgesetzt waren, hatten sie also mehr, weniger oder keine Möglichkeit, deren volle Kommunikationsfunktion zu erhalten und auszubauen. Die besten Chancen, die Kolonialzeit überhaupt zu überstehen, hatten jene Sprachen, die verschriftlicht, normativiert (= vereinheitlichte Grammatik, Lexikon, etc.) und weit verbreitet waren. Den hohen gesellschaftlichen Status verdanken jene Sprachen meist früheren imperialen Systemen. In der Anwaltschaft für unterdrückte Sprachen kann es also zu der scheinbar paradoxen Wendung kommen, dass eine ehemalige Kolonialsprache wie das Quechua der Inkas verteidigt wird, das sich zuvor seinerseits schon Hunderte von regionalen Kleinstsprachen linguistisch auf der Zunge hat zergehen lassen.
Koloniale Spuren
Nach der offiziellen politischen Unabhängigkeit, mit der faktisch noch lange keine Souveränität erlangt ist, leben diese geschaffenen Bedingungen nahezu ungebrochen fort. Meist behielten die neuen Staaten zunächst aus pragmatischen Gründen, aber auch aufgrund des massiven post- bzw. neokolonialen ökonomischen und politischen Einflusses die Herrschaftssprache bei.4 Monolinguale lokale Eliten besetzten die Führungspositionen und lehnten aus Prestigegründen die beherrschten Sprachen ab. Ein wichtiges Faktum postkolonialer Sprachpolitik ist die mangelnde Akzeptanz gewaltsam entwerteter Sprachen. Die ideologische Stoßkraft der Kolonisierung, die Entwertung und Leugnung der Existenz der beherrschten Sprachen, die »Kolonisierung der Köpfe« und der Selbsthass als Folge des kolonialen Traumas waren durch die Unabhängigkeit noch lange nicht gebrochen. Mit entwicklungsökonomischen Argumenten suchen die ehemaligen Kolonialmächte selbst die hegemoniale Vormachtstellung der großen Verkehrssprachen zu behaupten.
Sprache ist ein Machtinstrument. Und Sprachpolitik immer auch Machtpolitik. Soll die Teilhabe an der Macht nicht auf die herrschenden Eliten beschränkt bleiben und das europäische Machtmonopol gebrochen werden, so muss für alle gesprochenen Sprachen nicht nur die Existenzberechtigung festgestellt werden, sondern sie müssen auch sprachpolitisch für alle Bereiche des öffentlichen Lebens durchgesetzt werden können. Zur Überwindung und Entkolonialisierung gehört dabei auch die Emanzipation der Sprachen. Ob diese allerdings ausgerechnet einer Anwaltschaft bedarf, die an essentialistische Prämissen anknüpft, muss wohl bezweifelt werden.
Anmerkungen:
1 Hier scheint die Nachtigall ins Reagenzgläschen der Biotechnologie zu trapsen. Die Assoziation zur gewinnversprechenden Verwertung biologischer Ressourcenvielfalt drängt sich durch die Wortwahl geradezu auf.
2 Die Sprachwissenschaft hat der Tatsache, dass keine Sprache jemals stagniert oder einförmig ist, ganze Forschungszweige gewidmet, die sich des phonetischen, grammatischen und lexikalischen Wandels annehmen. Dennoch scheint sich hartnäckig die weit verbreitete Meinung zu halten, dass Sprachwandel einen Verfall oder Korruption der »reinen«Sprache darstellt.
3 Als Beleg für diese These galt z.B., dass in vielen australischen Sprachen keine höheren Zahlwörter als »vier« existent sind. Die fatale Schlussfolgerung lautete, dass australischen Ureinwohnern das Verständnis für Zahlen fehle. Die Widerlegung dieser These schien aber nicht in die Überlegungen einzufließen: dass nämlich SprecherInnen der australischen Sprachen im Englischen genauso fähig sind mit Zahlen zu operieren wie englische MuttersprachlerInnen.
4 Das gilt hier für die frühe Unabhängigkeit der ehemaligen spanisch/portugiesischen Kolonien des 18. Jh. genauso wie für die der 60er Jahre diesen Jh. ? die postkoloniale Sprachsituation ist durchaus vergleichbar.
Monika Hoffmann ist Mitarbeiterin der iz3w. |