Herrschaft durch Sprache
Editorial
Symbole, Macht und Widerworte
Guck mal, wer da spricht!
Magnitello (verwendet Anti-Schwerkraft, um zu schweben) spielt Angriff Donnerwelle. Alpollo (aus Nebulak entstanden, stammt aus einer anderen Dimension und kann daher durch feste Mauern schweben) verliert 10 KP, macht dann Hypnose und das verteidigende Pokémon ist schlafend. Alpollo macht Traumfresser, Magnitello verliert weitere 50 KP. Porgyron (das vollständig aus Programmiercodes besteht und sich im Cyberspace frei bewegen kann) macht Umwandlung I und sofort hat Magnitello eine Schwäche, die Porgyron auf einen Typ seiner Wahl (außer Farblos) ändern kann. Rattfatz (sehr bissig und angriffslustig, obendrein wendig und in fast allen Gegenden zu finden) hat Resistenz minus dreissig.
Werden Geheimsprachen (wie das Pokémonsche oder andere abstrakte Expertencodes) entschlüsselt ? also ins Vulgärsprachliche übersetzt und in geläufige, verständliche Teile zerlegt ? verlieren sie häufig ihre Macht. Beim Pokémonschen scheinen aber alle Entschlüsselungsversuche zu scheitern. Was tun, wenn eine radikal fremde Sprache radikal fremde Dinge und Wesen bezeichnet, wenn nicht nur Wörter, sondern auch Wortkombinationen, ja selbst die bezeichneten Dinge als solche erst erfahren, erlernt und verstanden werden wollen? Das heißt, wenn nicht nur der Pokémonsche Dialekt, sondern zudem der Pokémonsche Diskurs jenseits des Fassbaren (Übersetzbaren) liegt? Das Pokémonsche ? so etwas wie ein Sachkundigensoziolekt der Erst- bis Fünftklässler, der auf Englisch wie auf Deutsch, Japanisch oder Französisch funktioniert ? ist durchaus vergleichbar mit der Expertensprache der EntwicklungspolitikerInnen, die mit ihrem Berichtswesen eine virtuelle Welt jenseits sozialer Realitäten produziert haben.
Der als Vulgär-Esperanto betitelte Pausenhofdialekt grenzt alle nicht des Pokémonschen Mächtigen aus: gegen die geläufigen Gesetze von Logik, vernünftigen Argumenten und normativen Überzeugungen ist das Pokémonsche immun (so immun wie der herrschende politische Diskurs der Mitte gegen radikale Außenpositionen) und damit seine SprecherInnen. Eltern und Lehrer sind sprachlos und damit quasi machtlos. Ihre Nicht-Teilnahme verhindert die Inbeschlagnahme der Inhalte (der Mythos Nebulak wird Mythos bleiben und von niemandem als Fiktionsfigur dekonstruiert) ? und was noch wichtiger ist: Die diskursiven Spielregeln (die Taktik des Sprechens) der Kids können nicht vereinnahmt werden. Ihre kommunikative Bastion schirmt sich durch Inhalt und Sprechtaktik doppelt ab. So soll die verzweifelte Direktorin der Grundschule in Borna bei Leipzig in einem letzten Akt von pädagogischem Widerstand an die Lehrerzimmertür geschrieben haben: No Entrance for Pokémons. Damit hat das Pokémonsche auch die Widerworte seiner Widersacher vereinnahmt.
Das Pokémonsche kann zugleich als Fremdsprache und als Diskurs betrachtet werden. Auf beiden Ebenen, mit denen sich dieser Themenschwerpunkt auseinandersetzt, wird Herrschaft durch Sprache ausgeübt ? Sprache ist Medium und Instrument von Eingrenzung und Ausgrenzung. Auf der fremdsprachlichen Ebene sind vor allem Machtverhältnisse zwischen verschiedenen Sprachen, wie kolonialen und lokalen Sprachen berührt. In diesem Zusamenhang steht z.B. eine Sprachpolitik im Dienste der Entkolonialisierung ebenso wie der neuerliche Konflikt um Sprachenvielfalt und Spracherhalt, mit seinen teils ethnisierenden oder nationalistischen Motiven.
Auf der Ebene des Diskurses wird Macht und Herrschaft vor allem durch die Be- und Durchsetzung von Begriffen ausgedrückt und ausgeübt. Beispiele hierfür wären der Globalisierungsdiskurs oder auch die entwicklungspolitische Lobbysprache. »Guck mal, wer da spricht!«: Nicht nur die Schröders und Blairs prägen den herrschenden Diskurs. Der Globalisierungsdiskurs etwa macht auch vor dem Vorstand des hessischen Kleingärtnerverbandes nicht halt, der jetzt in seinem Grußwort zum 75. Landesverbandstag forderte, die soziale Hängematte endlich auch aus den Lauben zu verbannen:
»Tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen, die unsere Gesellschaft prägen, zwingen zu vielseitigem Umdenken. Hiervon bleibt auch das Kleingartenwesen nicht verschont. Daher appellieren wir, sich von liebgewonnenen Bequemlichkeiten unseres Wohlstandes wie Desinteresse, Gleichgültigkeit, Aussitzen u.ä. langsam zu verabschieden, um auf Tugenden wie Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Innovationsbereitschaft u.ä. zurückzugreifen. Gute Möglichkeiten für eine erfolgreiche Umsetzung solcher Zielsetzungen bieten hier nach wie vor Vereins- und Verbandsstrukturen, die zeitgemäß und zukunftsorientiert arbeiten. Hierzu gehören aber auch Leistungsbereitschaft, Konkurrenzfähigkeit und finanzielle Unabhängigkeit. Ich bin sicher, dass die Delegierten des 75. Landesverbandstages wie bisher verantwortungsbewusst und sachlich gerecht die anstehenden erforderlichen Entscheidungen treffen.«
die redaktion |