Volltext

(Artikel * 2000) Müller, Jochen
Fluchthelfer "Schleuser" hießen früher "Fluchthelfer"
in Blätter des iz3w Nr. 247 * Seite 4 - 4
Themen: "Fluchthelfer" * Dok-Nr: 131333
Fluchthelfer

von Jochen Müller

Als vor einigen Wochen 58 ChinesInnen in Dover in einem Container erstickten, in dem sie dem Elend entfliehen und den goldenen Westen erreichen wollten, war das Entsetzen zunächst groß. Doch schon nach wenigen Stunden waren die Verantwortlichen ausgemacht und jegliches Nachdenken kanalisiert: Die »Schleuser« waren schuld, und die gilt es fortan international und effektiver zu bekämpfen.
Als vor einigen Wochen eine Gruppe von TouristInnen, die dem Alltag entfliehen und auf den Philippinen einmal abtauchen wollten, in Geiselhaft gerieten, war ihnen anhaltendes Mitgefühl und Medienöffentlichkeit sicher. Auf die Idee, Touristikunternehmen dafür verantwortlich zu machen, dass sie ihre Kunden wissentlich in Weltregionen schleusen, in denen ihnen solcherlei Gefahren drohen, kam aber niemand.
»Schleuser« ? seien sie von der »Russenmafia« oder von »Meyers Weltreisen« ? betreiben ein marktwirtschaftliches, nach Angebot und Nachfrage funktionierendes Geschäft mit dem Bedürfnis ihrer Kundschaft nach einem grenzüberschreitenden Ortswechsel. Todesfälle und ähnliche Ereignisse sind in beiden Fällen schlecht für?s Geschäft. Dass die Hilfe zur Grenzüberquerung jedoch im einen Fall so sicher und bequem und im anderen so riskant und elend aussieht, liegt weniger an den beteiligten Unternehmen, als an den dem Geschäft zugrunde liegenden Bedingungen: Können es sich die einen leisten, dem Arbeitsalltag zu entfliehen, nehmen die anderen Lebensgefahren auf sich, um auch die schlechtbezahlteste Arbeit anzunehmen. Werden die einen überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen, müssen die anderen alles tun, um unentdeckt zu bleiben, sonst werden sie zurück geschickt und ihre Investition war vergeblich.
Über 2.000 Menschen starben seit 1993 beim Versuch, die Festung Europa zu erreichen ? die Zahl der nicht-registrierten Toten liegt erheblich darüber. Die meisten von ihnen ertranken vor der spanischen Küste. Diesen hier unbekannt bleibenden Toten gilt kein Entsetzen und kein Mitgefühl. Sie haben sich in Gefahr gebracht, heißt es, und sind darin umgekommen. Europa überhaupt zu erreichen und die Gefahr, entdeckt zu werden, zu verringern ? dazu gibt es Schleuserunternehmen. Zu einem lukrativen Geschäft kann ihre Tätigkeit nur werden, weil es verboten ist, ohne Erlaubnis nach Westeuropa zu kommen. »Fluchthelfer« hießen sie einmal, als es galt, DDR-BürgerInnen in den Westen zu lotsen ? und sie erhielten staatliche Rückendeckung.
Die Schuld für die Toten von Dover auf die Schleuserorganisationen zu reduzieren, ist zynisch und so beschränkt, wie Kneipiers für Alkoholismus verantwortlich zu machen. Diese Abwälzung von Verantwortung verdrängt jeglichen Gedanken an die Ursachen der Flucht aus dem Armenteil der Welt und an das Bestreben des Nordens, sich gegen die zutiefst berechtigten Teilhabeansprüche aus dem Süden abzuschotten. So sitzen sie dann nebeneinander in der selben Lufthansa-Maschine, die legalen Alltagsflüchtlinge auf ihrem Weg zu einem Platz in der Sonne, den »Sie sich verdient haben« (TUI), und die illegalen, abgeschobenen Armutsflüchtlinge auf dem Rückweg zu dem elenden Ort, dem sie entrinnen wollten.

Jochen Müller ist Mitarbeiter im iz3w