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(Artikel * 2000) die Redaktion
Grabenkämpfe am Mittagstisch Mittagessen im iz3w
in Blätter des iz3w Nr. 247 * Seite 3 - 3
Themen: Mittagstisch iz3w * Dok-Nr: 131331
Editorial

Grabenkämpfe am Mittagstisch

Die Grünen haben sich damit abgefunden, und selbst der Vorsitzende des hessischen Kleingartenverbandes (s. Seite 18) hat es erkannt: Die fetten Jahre sind vorbei, Zeit, sich von alten Zöpfen zu verabschieden. Auch das iz3w bleibt vom Wandel nicht unberührt. Und natürlich geschieht so etwas nicht konfliktfrei. Ein hervorragendes Beispiel gibt dazu die Geschichte des täglichen gemeinsamen Mittagessens in den Räumen des iz3w ab.
In den ? je nach Standort ? seligen wie unseligen 70er Jahren, als eine Generation aufbrach, sich vom spießigen Muff der Elterngeneration zu befreien und Kollektivität als Organisationsform neu entdeckt wurde, fand dieser Zeitgeist in der gemeinsamen Einnahme des kollektiv bereiteten warmen Mittagstischs seine Entsprechung. Im Laufe der Jahre wurde trotz zunehmender Individualisierung und sich ausbreitender Mc Donaldisierung der Essgewohnheiten im Rest der Gesellschaft am einträchtlichen Mahl festgehalten. Streitereien über Vegetarismus oder Vollkorn spiegelten die Auseinandersetzungen der gesamten linken Szene in den moralischen 80er Jahren wieder. Dass diese vorbei und das iz3w keineswegs eine letzte Bastion vergangener Zeiten und Gewohnheiten ist, sondern sich den Anforderungen der Globalisierung und der Postmoderne stellen muss, zeigt sich nun in den vergangenen Monaten: Qualitätssicherung, Auslagerung der Produktion, Abwanderung von Fachkräften und postmoderne Beliebigkeit sind Probleme, mit denen sich auch das iz3w herumschlägt.

Irgendwann in den 90ern wurde nämlich ein neuer Modus zur Sicherstellung der Reproduktion von leiblichem Wohlbefinden und Arbeitskraft gefunden. Alle Beschäftigten investieren pro Monat einen fixen Betrag, mit dem ein für diesen Zeitraum bestimmter Kollege den über die Zeiten geretteten Mittagstisch bestückt ? gekocht wird schon lang nicht mehr. Dieses System führt jedoch zu den immer gleichen Grabenkämpfen in wechselnder Besetzung: Der/Die EinkäuferIn sieht sich mit der unlösbaren Aufgabe konfrontiert, bei steigenden Preisen gleichbleibende Qualität und sogar Abwechslung im täglich Brot zu sichern. Hierbei findet er/sie sich plötzlich in einer Position, in die sich andere ? nehmen wir mal die Grünen ? selbst hinein katapultiert haben. Früher Fundamentalopposition, heute staatstragende Regierungspartei, mit immer unverschämteren Appellen an die Bevölkerung. Allmonatlich wird diese Entwicklung im Kleinen nachvollzogen: Ganz wie die Ex-Müslis fordern unsere EinkäuferInnen in Zeiten (angeblich) leerer Kassen Bescheidenheit und Verzicht. Das gipfelt in Vorwürfen an die Belegschaft (Hang zu unkritischer Gefräßigkeit!) und im Appell, den Gürtel enger zu schnallen (Esst nicht so viel!). Das Kollektiv antwortet mit Genörgel (Schon wieder Brie, Gouda und Fleischwurstringe?) und vollkommen maßlosen Forderungen (Wo ist die Schokolade für den Nachtisch?).
Zwar wird immer wieder die Erhöhung des von allen zu zahlenden monatlichen Essensbeitrages debattiert, aber solche realen Lohnkürzungen sind ähnlich schwer durchsetzbar, wie der Gedanke an die Einführung von privater Vorsorge in Form mitgebrachter Stullen. Die Unzufriedenheit mit dem mittäglichen Einerlei führte eine Weile zur Einstellung der Produktion und zum Konsum externer Dienstleistungsangebote ? aber für diese postfordistische Strategie erwies sich die Mensa als zu fordistisch. Auch die Fachkräfte, die daraufhin dorthin abwanderten, wo der Service angeblich besser ist ? in die Pizzeria zwei Häuser weiter ?, streckten ihre Füße bald wieder unter den heimischen Tisch.


Weniger eindeutig verlaufen die Fronten zwischen post-moderner Beliebigkeit und gleichzeitig anzutreffendem Wertekonservativismus. So wurde die Frage, ob beim Gespräch mit BesucherInnen des iz3w aus Höflichkeit die Hände aus den Taschen, bzw. die Kaugummis aus dem Mund zu nehmen seien, durchaus kontrovers diskutiert. Während die VertreterInnen der Generation X auf solche altbackenen Benimmregeln mit Unverständnis bis hin zu demonstrativer Ungläubigkeit (Seid ihr echt so spießig?) reagieren, können die älteren Semester an derartigen Anstandsvorgaben schier gar nichts Verkehrtes finden. (Zu dieser Frage würden uns Meinungen aus der LeserInnenschaft brennend interessieren, Zuschriften bitte mit Altersangabe an die Redaktion ? Stichwort »Knigge«.)

In Anbetracht solcher Auseinandersetzungen ist es nicht verwunderlich, dass sich unser Heft vor allem durch ständige Kritik an Missständen und weniger in der Darlegung (geschweige denn der Entwicklung) von praktikablen Alternativen auszeichnet. Die überwältigende Mehrheit (eigentlich alle außer der Person, die gerade einkauft) bleibt dabei: Zufrieden? Nie! Kritik? Aber immer!

Ein teilnehmender Beobachter