Volltext

(Artikel * 1999) Müller, Jochen
Onkel Ö. und Vater Staat Türkei - Nationalismus
in Blätter des iz3w Nr. 236 * Seite 4 - 4
Themen: Nationalismus; Türkei * Dok-Nr: 131128
Kommentare und Kabale

Onkel Ö. und Vater Staat
von Jochen Müller

Man wußte gar nicht, wo man zuerst wegsehen und sich die Ohren zuhalten sollte in den Wochen nach der Entführung von PKK-Boss Öcalan: bei den völkischen Parolen, die von PKK und anderen kurdischen Organisationen ausnahmsweise unisono verbreitet wurden; bei dem Triumphgeheul seitens türkischer Medien und national tümelnder wie taumelnder Politiker; oder bei den hiesigen Staat und Verantwortung Tragenden, die nun wirklich einmal keine Parteien mehr kannten und im Namen des bedrohten Volkes, des deutschen versteht sich, nach »ganzer Härte« und Abschiebung aufgebrachter Kurden riefen.
Mittlerweile sind hierzulande Ruhe und bürokratisch-diplomatische Routine wieder eingekehrt. Was nach dem Rummel bleibt, ist die nachdrückliche Erinnerung an Kontinuität, Virulenz und Idiotie nationaler und völkischer Denkart. Auf diesem Terrain nahmen sie sich nämlich alle nichts: In den Aufrufen kurdischer Organisationen war wieder einmal wenig von sozialen Fragen, dafür aber vom »Führer Öcalan« und vom Kampf und Sieg des einen kurdischen Volkes die Rede. Mit der Beschwörung des Volkes stellen die Wortführer der kurdischen Organsiationen das kongeniale Komplement zum türkischen Nationalismus dar. Beide kommen auch historisch gesehen ohne einander gar nicht mehr aus. Deshalb durfte der triumphierende türkische Staat mit seinen aggressiven und pubertär-machistischen Gesten der Erniedrigung in Form der Präsentation des geknebelten Öcalan vor türkischen Fahnen tatsächlich hoffen, das »kurdische Volk« zu treffen ? eben weil auf der anderen Seite mit den gleichen Mitteln (Führerkult, Fahnentreue, Feindbild, Volksgemeinschaft...) hantiert wird, um kollektive Identität und Homogenität zu demonstrieren. Bei dem ganzen Identitätsgehuber und seinen Folgen könnte man beinahe vergessen, daß es in diesem Konflikt Täter und Opfer gibt...
Aber nicht nur die türkischen Einpeitscher und die PKK-Kader betreiben das Geschäft der völkischen Identifizierung, die das Individuum qua Geburt in die Gemeinschaft zwingt und Dissidenten als Nestbeschmutzer verfolgt. Ein paar verletzte Polizisten und ein paar zerbrochene Fensterscheiben reichten aus, und Sabine Christiansen warb mit der Parole » Wie schützen wir uns vor dem Kurdenterror?« für ihre Wochen-Show. Otto Schily, gezeichnet von der CDU-Kampagne gegen das Recht auf doppelte Staatsbürgerschaft, die bei den Hessen auf fruchtbaren Boden fiel, kündigte die Revision desselben und Ausweisungen von Kurden an. Und Kanzler Schröder (»Raus und zwar schnell«) oder CDU-Rüttgers setzten noch eins drauf: Bei Kriminalität und Gewalt kenne er (Rüttgers) keine Nationalitäten, da müsse bestraft werden ? gleich ob Deutsche, Kurden oder sonstwer. Nun mochte mancher meinen, Rüttgers wolle einige seiner wegen Korruption oder Trunkenheit am Steuer mit Todesfolge verurteilten Kollegen nicht mehr im Volke haben. Aber weit gefehlt ? ausgewiesen werden selbstverständlich »die anderen«: »Unsere Gäste« sind es, die sich benehmen müssen, solange sie ihre Füße unter deutsche Tische stecken. Neben Sozialhilfe- und Arbeitslosengeldanwärtern (Vorlage zum neuen Staatsbürgerschaftsrecht) haben eben fremde »Kriminelle« unter den guten Deutschen nichts verloren. So schließen nationale Kollektive ihre Reihen. Selektiert wird dabei nach Reisepaß und Nutzen. (Und nach diesem Kriterium ausgegrenzt wird auch im Innern: Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose unter den Einheimischen werden nicht direkt ausgewiesen, bekommen aber immer mehr zu spüren, wie wenig »wert« sie der Volksgemeinschaft sind.)
Neben der Öcalan-Affaire gab`s in den vergangenen Wochen aber noch einige andere Beispiele zu bestaunen für die Unvernunft des alltäglichen Denkens und Handelns, das nach Nationen unterscheidet: So kann Ex-Diktator Pinochet, nachdem er sich einmal außer Landes begeben hatte, nur wegen Mord und Folter an spanischen Staatsangehörigen und nicht wegen tausendfacher Verbrechen an seinen »Landsleuten« angeklagt werden. Deutsche Behörden intervenierten offiziell gegen die Exekution der Brüder LaGrand in den USA, weil diese Deutsche waren. Offizielle Interventionen gegen die Todesstrafe für US-amerikanische BürgerInnen sind dagegen, selbst wenn sie politisch gewollt wären, nicht möglich. Nur als Angehöriger einer Nation, als Bürger, hat nämlich ein Mensch die Möglichkeit, von »seinem« ? aber eben nur von seinem ? Staat beschützt zu werden. (Wer also flieht vor seinem Staat, hat andernorts noch längst nicht alle Rechte; s. Öcalan.)
Und schlauer sind eben auch nationale Befreiungsbewegungen nicht, denen man vielleicht einmal mehr zugetraut hatte. Das gilt nicht nur für die PKK: Gerade führen in Äthiopien und Eritrea zwei von ihnen nun als Regierungen armer Staaten einen ganz normalen Krieg, und der ANC, nach dem Ende der politischen Apartheid mit krassen sozialen Widersprüchen konfrontiert, bestellte jüngst in Deutschland drei U-Boote für schlappe 3,5 Mrd. DM ? zur Verteidigung der Nation.
Was zum Teufel soll da eigentlich verteidigt werden?


Jochen Müller ist Mitarbeiter im iz3w.