Literatur
Unterwegs mit Helmut
Erfahrungen eines mexikanischen Schriftstellers
Im Alter von vier Jahren sah ich mich vor eine Alternative gestellt, die meinem Leben eine entscheidende Wendung geben sollte. Im Colegio Alemán, der deutschen Schule in Mexiko Stadt, mußte ich zu einer Prüfung antreten, die zur Folge hatte, daß man mich der deutschen Gruppe zuteilte. Neun Jahre lang wurde ich nur in einem einzigen Fach auf spanisch unterrichtet: Landessprache.
In den Mathematikstunden zum Beispiel mußten Aufgaben folgender Art gelöst werden: »Udos Großmutter hat in ihrem Keller fünf Körbe mit Äpfeln, die sie in ihrem Garten geerntet hat. Damit möchte sie einen Apfelstrudel backen. Wenn man für ein Stück Strudel eineinhalb Äpfel braucht und sich in jedem Korb fünfzehn Äpfel befinden, wieviel Stück Kuchen kann die Großmutter dann backen?« Nicht nur solch unlösbare Rechenaufgaben quälten mich, sondern auch zusätzliche Rätsel: In Mexiko besitzen die Häuser weder einen Keller noch ernten Großmütter Äpfel in ihren Gärten, und Apfelstrudel backen sie schon gar nicht. Die Schule brachte es fertig, mir jegliche Erkenntnis als unüberwindbare Hürde erscheinen zu lassen. Da ich auf deutsch lesen und schreiben lernte, war jedes Wissen für mich ein fremdsprachiges. Diese sonderbare Schulbildung hatte zweierlei Folgen: Nichts liebe ich mehr als das Spanische, und nichts verabscheue ich mehr als ein verengtes Bild der nationalen Identität.
Orakel für volkstümliche Bräuche
Die Leiden meines Schulalltags waren auf eine Maxime des Colegio Alemán zurückzuführen, die vielleicht das Bildungsministerium ausgegeben hatte: Rassismus und Absonderung im Klassenzimmer sollte ein Riegel vorgeschoben werden. Als ich 1960 in die Hallen des Wissens einzog, lieferte der zweite Weltkrieg immer noch den bevorzugten Stoff für Action-Filme. Das Colegio Alemán war wegen seiner nationalsozialistischen Verbindungen während des Kriegs geschlossen worden.
Wie in vielen zweisprachigen Schulen hatte es auch in der unseren zunächst eine rein ausländische Gruppe gegeben. Nach dem Krieg griff die Furcht vor dem Pangermanismus um sich, und um den Schein zu wahren, mußte es in jedem deutschen Klassenzimmer zwei oder drei Mexikaner geben, die die kulturelle Vielfalt gewährleisten sollten. Neun Jahre lang fanden sich die Lehrer mit meinen schlechten Noten ab, denn letzten Endes war ich ein Vertreter des geduldig seine Leiden ertragenden einheimischen Volkes, dem nicht nur jegliche Apfelstrudel-Gesinnungen fremd waren, sondern ebenso der korrekte Gebrauch des Dativs und die Sätze mit dem Verb am Ende. An manchen Tagen befragten mich die Lehrer, als wäre ich ein Orakel für volkstümliche Bräuche: Reibt sich deine Großmutter die Beine mit Marihuana ein? Stimmt es, daß es bei euren Totenwachen lustig zugeht? Zieht einer deiner Onkel bei Festlichkeiten immer die Pistole und feuert Freudenschüsse in die Luft? Warum verschwinden eure Dienstmädchen plötzlich auf Nimmerwiedersehen, warum betteln die Polizisten um Almosen, warum kommen die Klempner zwar am vereinbarten Wochentag, aber nicht in dem Monat, in dem sie zu einem Haus mit Rohrbruch gerufen wurden? Das wilde, unbegreifliche mexikanische Leben, das das Colegio umtoste, drang durch diese Fragen zu dem jeweiligen Folklore-Abgeordneten eines jeden Klassenzimmers. Mit der Zeit wurden die Themen etwas komplexer: Im Alter von elf sah ich mich nicht nur zu Erklärungen, sondern auch zu einer Verteidigung der aztekischen Menschenopfer verpflichtet. Da ich das Andersartige repräsentierte, war mir nichts so sehr von Nutzen wie Kuriositäten. Je schärfer unsere Chilis desto besser für meine Berichte. Die Lehrer genossen die Schauergeschichten über ihre Wahlheimat; ihr Verlangen nach Exotik brachte mich dazu, ein übertriebenes Bild meines Landes zu zeichnen, in dem meine Vettern zum Frühstück Tequila mit Schießpulver tranken, meine Tanten sich als Strafe für schlechte Gedanken mit Agavendornen spickten und blutend durchs Haus liefen, als wollten sie für Frida Kahlo posieren, mein Großvater während der Revolution standrechtlich erschossen worden war und uns nichts als sein Glasauge vermacht hatte, mit dem ich immer Murmeln spielte.
Helmut oder der europäische Blick
Während der Jahre, in denen ich die Erwartungen der Schule erfüllte, wurde ich zu einem Autor des magischen Realismus. Doch als ich begann, selbst Erzählungen zu schreiben, tat ich dies nicht im Bewußtsein, typisch mexikanisch sein zu müssen. Erneut war es der europäische Blick, der mich mit der Existenz eines literarischen Patriotismus konfrontierte.
Internationale Schriftstellertreffen führen für gewöhnlich eine Komödie der kulturellen Mißverständnisse auf. Als ich einmal in Deutschland an einem Kongreß teilnahm, lernte ich einen der zahllosen Helmuts kennen, für die Lateinamerika die Chance bedeutet, ihre Lust zur Unverantwortlichkeit auszuleben. Als erstes erfuhren wir von ihm, daß er das europäische Joch der Pünktlichkeit abgeschüttelt hatte. Er ließ uns eine Stunde am Flughafen warten, bis wir wegen des jet lags beinahe in Ohnmacht gefallen wären. Während der folgenden vier Tage bedachte uns Helmut zu den unmöglichsten Zeiten mit japanischem Tequila aus einer pyramidenförmigen Flasche und zwang uns dazu, am Ende einer jeden Zusammenkunft Cielito lindo zu singen. Es versteht sich von selbst, daß wir uns gründlich lächerlich machten. Überall kamen wir zu spät, aber Helmut stellte uns mit herausforderndem Trotz vor, als stünde Europa noch wegen der Erfindung der Schokolade in unserer Schuld. Unser Gastgeber war all das Unrecht leid, das Lateinamerika erlitten hatte, dieser Urwald mit seiner brennenden Sonne, wo man seinen Kopf nur mit Hilfe von deutschem Aspirin tragen konnte. Als wir ihm sagten, wir hätten das unbestimmte Gefühl, recht unhöflich gewesen zu sein, wandte er sich mit einstudierter Ché-Guevara-Geste an uns und erinnerte uns daran, daß wir uns nicht um den kolonialen Rationalismus zu scheren brauchten. Das Publikum erwartete Magisches von uns. So gut er es auch meinte, durch Helmut wurde unser Aufenthalt zu einer Hölle, in der wir uns genauso aufführten wie die grotesken Figuren, die ich im Colegio Alemán erfunden hatte.
Das Exotische soll den fremden Blick befriedigen. Es ist eine der bedenklichsten, subtilsten Erscheinungen des Eurozentrismus, daß er auf der Suche nach dem »Authentischen« dem Pittoresken den Vorzug gibt. Wir haben es hier nicht mit Figuren von Kipling oder Conrad zu tun, bei denen der Weiße bzw. der Mensch der westlichen Welt den Eingeborenen weit überlegen ist, sondern der Fall liegt komplizierter. Vor lauter Respekt vor der Verschiedenartigkeit verfällt der postkoloniale Diskurs bisweilen in einen merkwürdigen folkloristischen Fundamentalismus. Die Romane, Filme, Illustrationen und Installationen der Dritten Welt werden zu einem bloßen Vehikel für die nationale Identität. In diesem Licht sind die Erzählungen der Andersartigen nur als Dokument von Bedeutung und ihre Handlungsstränge nichts als Archive des Volkstümlichen; ein Argentinier, der mit dem Fahrstuhl steckengeblieben ist, oder ein Bolivianer, der sich in einem Kentucky Fried Chicken in Depressionen ergeht, sind nur eine Geschichte wert, insofern sie sich direkt oder symbolisch mit dem reichen Vorrat des »Lateinamerikanischen« in Verbindung bringen lassen, das heißt, mit den vorgefaßten Urteilen europäischen Zuschnitts.
Garant der Unterschiedlichkeit
Die »Rhetorik der Schuld«, wie es Edward Said nennt, hat dem Eurozentrismus eine eigentümliche Wende gegeben, wobei der Respekt vor dem Anderen nun in neuen, komplexeren Verrenkungen zum Ausdruck kommt. Freitag unterwirft sich Robinson nicht, sondern er verkauft ihm bunte Steine und bringt ihm bei, wie ein Schamane zu meditieren. Der Eingeborene ist jetzt kein niedrigeres Wesen mehr, sondern ist einfach anders. Aber sein Anderssein muß etwas Eindeutiges an sich haben, er muß als Hüter und Garant der Unterschiedlichkeit dienen. Man erwartet nicht von Freitag, daß er genauer addiert und subtrahiert als Robinson, sondern daß er ihn mit transzendentalen, neuen, verführerisch prälogischen Weisheiten belehrt. Der Mythos von Freitag erfährt somit eine anthropologische Umkehrung: Das Absonderliche an ihm macht seine Überlegenheit aus.
Vom Wunderlichen angezogen, verschmähen zahllose Geister mit den besten Absichten die von Alexander von Humboldt beschriebene Route und weigern sich, ein Territorium, dessen Reiz das Unverständliche ausmacht, auf dem Weg der Vernunft zu betreten. Im Namen der Unterschiedlichkeit wird Lateinamerika für sie zu einem Freigehege für Lokalkolorit. In Lateinamerika spielt es dagegen kaum eine Rolle, ob etwa ein schwedischer Zeichner mit jedem Strich seine skandinavische Eigenart verwirklicht. Von jeher waren wir an eine Kunst gewöhnt, die auf Reisen geht und sich vermischt. Die Geographie unserer Vorstellungswelt kennt zumindest zwei Ufer: das Ufer der Ursprungskultur und das Ufer all dessen, was von weither dazugekommen ist.
Drei Jahre lang war ich als Kulturattaché meines Landes in Ostberlin tätig und stellte dort einmal eine Ausstellung mit Siebdrucken von Sebastián auf die Beine, eines Mexikaners, der in der Tradition von Josef Albers und der Bauhausschule steht. Der Leiter der Galerie schaute sich die konstruktivistischen Bilder mit äußerster Skepsis an: »Sie gefallen mir schon, aber wo ist das Mexikanische?« fragte er. In einem Anfall von Verzweiflung erzählte ich ihm, daß die Dreiecke auf den Bogen der Maya-Pyramiden anspielten, die Rechtecke auf die aztekischen Mäander und die Farben auf die verschiedenen Himmelsrichtungen der prähispanischen Kosmogonie. Der Ausstellungsleiter änderte unverzüglich seine Meinung: Sebastián war ein Genie.
Ebenso wie der Tequila oder der Cognac muß auch der lateinamerikanische Künstler für seine Herkunftsbezeichnung einstehen. Angesichts der Nachfrage nach einer Kunst mit lupenreinem Latino-Stammbaum versuchen manche Künstler, doppelt urwüchsig zu sein. Gabriel García Márquez und Alejo Carpentier hatten sich keinerlei Strategie zurechtgelegt, um die ausländische Kritik zu begeistern; ihre Werke sind das natürliche Ergebnis ihrer literarischen Entwicklung. Hundert Jahre Einsamkeit und Die verlorenen Spuren sind Höhepunkte unserer Sprachkultur, überwältigende Neuerfindungen der Wirklichkeit. Nichts wäre erbärmlicher, als ihnen ihre Verdienste abzusprechen. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, daß im Schatten dieser gewaltigen Kapokbäume der Fabulierlust »Tutti-frutti-Federn« gewachsen sind ? um einen Ausdruck von Cabrera Infante zu benutzen ?, die ein Erfolgsrezept wiederholen und mit Berechnung Licht auf die wunderliche amerikanische Landschaft werfen wollen. Eine Situation, die sich für eine Farce über verquere Authentizitäten eignet. In meinem Roman Das Spiel der sieben Fehler wird eine mexikanische Theatertruppe zu einer Europatournee eingeladen. Vor ihrer Abfahrt gibt ihnen ihr Manager eine Empfehlung: Um jenseits des Atlantiks Erfolg zu haben, müßten sie noch mexikanischer wirken. Die Schauspieler stürzen sich in einen schwindelerregenden Abgrund der Identitäten: Wie können sie sich als sie selbst verkleiden? Der Regisseur engagiert ein paar karibische Trommler, die rein gar nichts Mexikanisches an sich haben, aber in Europa immer den Eindruck wilder Urwüchsigkeit geben, und die Schauspieler legen sich unter die Höhensonne, um als würdige, bronzefarbene Repräsentanten der »Bronze-Rasse« auftreten zu können. In einer Art kultureller Travestie gründen die Schauspieler einen neuen Stamm, die Infrarothäute, deren Farbe in der Fremde nicht enttäuschen soll. Die absurdeste Form künstlicher Authentizität.
Jedes Publikum hat ein Recht auf seine Leidenschaften, und nichts wäre willkürlicher als eine Tyrannei des guten Geschmacks errichten zu wollen. In einer Welt, die zu ihrer Befriedigung Erfindungen gemacht hat, die die ganze Palette vom gregorianischen Gesang bis zu eßbaren Unterhosen abdecken, ist es nicht unbedingt skandalös, wenn europäische Leser von Lateinamerika 168 Jahre alte Generäle, Jaguare mit Jadeaugen oder über Mangrovensümpfen schwebende Nymphen fordern. Schlimm ist jedoch, daß sich das Allgemeinbild Lateinamerikas solch vorgefaßten Vorstellungen unterwerfen soll: Der magische Realismus als Erklärung einer Welt, der jede andere Logik fremd ist.
Das Imperium der Zeit
Der Kontakt zu Lateinamerika stellt für die Festung Europa keine unmittelbare Bedrohung dar. Gefährliche Wanderbewegungen lauern anderswo: bei den Russen, die sich im Winter ihres Mißvergnügens auf Skiern von Moskau nach Berlin aufmachen könnten, bei den Arabern, die auf der Suche nach Asyl und Arbeit sind, bei den wohlhabenden Chinesen, die Paris kennenlernen wollen und eine halbe Million Hotelzimmer buchen. Lateinamerika liegt dagegen weitab und dringt nur in Form der schillernden, bunten Verpackungen seiner Kaffeebohnen und seiner Salsa-CDs nach Europa.
Eben diese Ferne befriedigt auch auf kulturellem Gebiet ein sonderbares Bedürfnis der europäischen Phantasie: die Utopie der Rückständigkeit. In einer globalisierten Welt ist nichts verführerischer als ein Reservat, in dem ferne Bräuche bewahrt werden. Wenn die Nordamerikaner Hotels aufsuchen, die ihnen das Gefühl vermitteln, daß Chichén Itzá genauso aussieht wie Houston, nur mit Pyramiden, schwelgen die Europäer meist im Authentischen. Merkwürdigerweise kann diese Lust nach dem Ursprünglichen zu einem archäologischen Hedonismus führen, bei dem Elend und Ungerechtigkeit zu Formen des Pittoresken werden. Der gewöhnliche Urwald der Leguane wird zum faszinierenden Lebensraum der Dinosaurier, ein Jurassic Park, der Exkursionen in die Vergangenheit ermöglicht.
Sowohl in den Reiseführern, die davon abraten, unser Leitungswasser zu trinken, als auch in Hollywoods Großproduktionen, in denen »der Mexikaner« jemand mit mustergültigem Schnurrbart ist, der sich halbtot lacht, wenn er seinen besten Freund ins Jenseits befördert: Mexiko gleicht einem Vergnügungspark außerhalb der Zeit, einem brodelnden melting pot, wie ihn all die Länder nicht mehr kennen, in denen verschiedene Kulturen und Völker nur noch in der Benetton-Reklame präsent sind.
Wir haben es hier mit einem Kolonialismus ganz neuer Prägung zu tun, der keinen Raum mehr, sondern die Zeit besetzt. In dieser Vision eines Lateinamerikas als Themenpark ist die Vergangenheit nicht mehr Geschichte, sondern entscheidender Bestandteil der Gegenwart. Unsere Länder, fest in ihrer Identität verankert, versorgen eine Welt mit Antiquitäten, die sich das Moderne und die Zukunft für sich selbst vorbehalten hat.
Wohlgemerkt gehen die Ansprüche an eine Kultur, die den verwirrenden Duft der Guayave ausströmt, nicht auf den europäischen Egoismus zurück, sondern auf das Bedürfnis Europas, seiner Vorstellungswelt eine kontrollierte Barbarei einzuverleiben. Der Anthropologe Roger Bartra hat untersucht, inwiefern es für das Europa des Mittelalters notwendig war, sich einen haarigen, von niederen Instinkten beherrschten Homunkulus zu erfinden, um durch den harten Kontrast die Überlegenheit des zivilisierten Menschen unter Beweis stellen zu können. Nach Meinung Bartras zerstörte die Entdeckung Amerikas diese Tradition. Angesichts der »realen Wilden« benötigte man keine Legendengestalt mehr, die Jungfrauen an Bäume fesselte. Der Europäer konnte sich nun an Inkas und Olmeken messen.
Vergnügungspark in Chiapas
Auch wenn es Unterschiede geben mag, so setzt die kulturelle Überbewertung der Rückständigkeit Lateinamerikas doch diese Entwicklungslinie fort. Ein Musterbeispiel dafür ist der Zapatistenaufstand in Chiapas. Seit Januar 1994 hat die Völkergemeinschaft entscheidend dazu beigetragen, ein Blutvergießen zu vermeiden. Die ungewöhnliche Rückendeckung von seiten der Presse hat es außerdem möglich gemacht, daß sich die Zapatisten wie in einem Spiegel sehen und ein anderes Bild von sich selbst machen konnten. Die überwältigende Mehrheit der Mexikaner verstand wohl das Anliegen, nicht aber die Methode einer Guerilla, die in der Anfangsphase des Kampfes verkündete, sie würde in der Hauptstadt einmarschieren und die Regierung stürzen. Die wichtigste Wendung war zweifellos, daß der EZLN diese Realität erkannte, auf Gewalt verzichtete und sich auf den geschickten Kampf mit den Waffen öffentlicher Kommuniqués einließ, den der Schriftsteller Gabriel Zaid als postmodernen Krieg bezeichnet hat, der auf einer Schaubühne ausgetragen wird. Fünf Jahre nach dem Aufstand hat sich Chiapas in das bevorzugte Ziel des politischen Welttourismus verwandelt, denn es bietet sicherere Reisebedingungen als der Kosovo und garantiert gleichzeitig lateinamerikanische Mythen. Ein maskierter Dichter führt die Rebellen an und veröffentlicht Aufrufe, die sich auf vor- und nachsozialistisches Gedankengut stützen: Seine neue Version des Popol-Vuh, des heiligen Buchs der Maya, kann man über das Internet lesen.
Von außen betrachtet, haben wir es mit einem wunderbar virtuellen Konflikt zu tun; dennoch wird hier mit dem Schicksal von Völkergruppen gespielt, die unter unwürdigen Bedingungen leben. Die Unterstützung und der Beistand Europas waren unbedingt erforderlich, um zu verhindern, daß diese Region erneut zum Schauplatz eines Massakers wie das von Acteal im Dezember 1997 wurde. Doch es stimmt ebenso, daß Chiapas ein beliebtes Reiseziel von Italienern geworden ist, die für ein paar Stunden Tzoztiles sein wollen, sowie von Deutschen, für die eine vergleichbare Lage im Schwarzwald wohl inakzeptabel wäre. Die Rebellen-Skimützen wandern als Souvenirs des Nonkonformismus in ihre Koffer. Für alle, die nur auf ein Abenteuer aus sind und ein Gefühl der Unsicherheit erfahren wollen, wie es in europäischen Ländern nicht mehr existiert, wäre es geradezu eine Katastrophe, wenn Chiapas nicht länger ein Vergnügungspark der Vergangenheit wäre. »Helft uns, damit es uns nicht mehr geben muß, helft uns, zu verschwinden«, wie es der Subcomandante Marcos exemplarisch ausgedrückt hat.
Chiapas? Einzigartigkeit hat den Nebeneffekt, daß man inzwischen kaum mehr von anderen Indiovölkern in Lateinamerika spricht. Allein in Mexiko leben 56 verschiedene Kulturen von Ureinwohnern mit äußerst unterschiedlichen Interessen und Absichten. Nur Chiapas als »Ausnahmefall« und Modeobjekt des schlechten Gewissens Europas in den Brennpunkt zu rücken, verkennt das Komplexe der lateinamerikanischen Geschichte und versperrt den Blick auf andere Bereiche, die nicht mit der Gunst der Scheinwerfer rechnen können.
Beim Betrachten des Regens in McOndo
1996 veröffentlichte eine Handvoll lateinamerikanischer Schriftsteller, die in den sechziger Jahren geboren worden waren, die Anthologie McOndo, deren Titel bereits auf die synkretistische Wirklichkeit Lateinamerikas anspielt (gegenüber von Aureliano Buendías Haus steht bereits ein McDonald?s). Auch der Buchumschlag hat prinzipiellen Charakter: Im Paradies führt die Schlange Eva mit dem Logo von Apple Macintosh in Versuchung. Die Erzählungen in McOndo haben sich die Demontage des mythifizierten Bildes von Lateinamerika vorgenommen. Die Idee des Projekts entstand, als drei der Autoren ? ein Chilene, ein Mexikaner und ein Argentinier ? von einem nordamerikanischen Verleger mit der Begründung abgewiesen worden waren, daß ihre Werke nicht mit der nötigen Ration magischen Realismus aufwarteten. Im Vorwort schreiben Alberto Fuguet und Sergio Gómez über die neuen lateinamerikanischen Landschaften: »Vor lauter Urwaldbäumen sahen wir die Wolkenkratzer nicht mehr.«
Die McOndisten lehnen im allgemeinen ländliche Themen ab. Natürlich widmen sich Alvaro Mutis, Mario Vargas Llosa, José Balza und Juan José Saer weiterhin der glücklichen Neuerfindung der entlegensten Gegenden unseres Kontinents. Die neuen Erzähler wollen nur die Freiheit des Schreibens unter Beweis stellen, sie treten für ihr Recht ein, untypisch zu sein und nicht als Repräsentanten eines bestimmten Territoriums fungieren zu müssen.
Neun Jahre lang bewältigte ich heikle Situationen im Colegio Alemán, indem ich aus gewöhnlichen Leguanen Jahrmarktsdinosaurier machte. Das Land meiner Kindheit war in zweifacher Hinsicht exotisch. Mich beschäftigte zum einen der Apfelstrudel, den ich nur in der Phantasie aß, und zum anderen die Folklore, für die ich in der Klasse zu garantieren hatte. Es war keine vorbildliche Schulbildung, aber sie vermittelte mir immerhin die Gewißheit, daß man sich die wirkliche Heimat nur aneignet, wenn man nicht für den fremden Blick posiert.
Den auf dem Internationalen Schriftstellertreffen in Berlin gehaltenen Vortrag übersetzte Susanne Lange.
Juan Villoro lebt als freier Schriftsteller in Mexiko-Stadt. Zuletzt erschien von ihm der Roman Das Spiel der sieben Fehler, Deutsche Verlags-Anstalt, 1997 (Orginalausgabe: Materia dispuesta, Alfaguara, México, 1997). Sein erster Roman (El disparo de argón, 1991) liegt in der deutschen Übersetzung als Taschenbuch vor: Die Augen von San Lorenzo, dtv 1996. |