Volltext

(Artikel * 1999) Kull, Volker
"Leben heißt pfeifen" Das 20. Festival del Nuevo Cine Latinoamericano in Havanna 20. kubanisches Filmfestival in Havanna
in Blätter des iz3w Nr. 235 * Seite 36 - 38
Themen: Film * Dok-Nr: 131125
Film

»Leben heißt pfeifen«
Das 20. Festival del Nuevo Cine Latinoamericano in Havanna

von Volker Kull

»Quién es el último?« ? »Wer ist der letzte (in der Reihe)?« An diese für Kubaner und Kubanerinnen alltägliche Frage mußten sich während des Festivals des Neuen Lateinamerikanischen Kinos in Havanna auch internationale Besucher gewöhnen. Wie jedes Jahr war der Andrang bei der 20sten Ausgabe des wichtigsten lateinamerikanischen Filmfestivals so groß, daß dieses Mal die meisten Vorstellungen ausverkauft waren. Nicht wenige Habaneros und Habaneras nehmen sich ? sofern sie eine ?legale? Arbeitsstelle haben ? zwei Wochen Urlaub, um bloß keinen Film zu verpassen.

Etwa 500.000 Besucher sahen an den elf Tagen vom 1. bis 11. Dezember 1998 in mehr als 30 Kinos über 500 Filme der unterschiedlichsten Filmgattungen und -genres. Neben dem offiziellen Wettbewerb kam das kubanische Publikum in den Genuß der unterschiedlichsten Filme zeitgenössischer und historischer nationaler Kinematographien. Französische, italienische, britische und nordamerikanische Filme wurden ebenso gezeigt wie erstmals seit langem eine Reihe mit aktuellen deutschen Produktionen: Rossini von Helmut Dietl, Das Leben ist eine Baustelle von Wolfgang Becker, Jenseits der Stille von Caroline Link und Comedian Harmonists von Joseph Vilsmaier. Insbesondere Der bewegte Mann von Söhnke Wörtmann, ein Film über die Verwicklungen eines heterosexuellen Mannes in der Schwulenszene Berlins, rief beim kubanischen Publikum große Begeisterung hervor. Dies erstaunt nicht, wurde doch mit Fresa y chocolate (Erdbeer und Schokolade) von Gutiérrez Alea in kinematographischer Hinsicht mit dem Tabuthema Homosexualität gebrochen. Obwohl seither die Restriktionen gegenüber Homosexuellen, vor allem Schwule, gelockert wurden ? Lesben sind öffentlich so gut wie inexistent ?, herrscht in der kubanischen Öffentlichkeit noch immer große Unkenntnis über die Kultur von Schwulen. Schwulsein in Kuba war früher eine gefährliche, heute ist es noch immer eine ernste Sache. Daher war gerade der für kubanische Verhältnisse ungezwungene und humorvolle Umgang mit Sexualität unter Männern ein großer Genuß für das kubanische Publikum.
Insgesamt bekam das Publikum im Wettbewerb des Filmfestivals, der ausschließlich den lateinamerikanischen Produktionen vorbehalten bleibt, wenig herausragende Filmkunst zu sehen. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist bei den meisten lateinamerikanischen Filmemachern wenig Mut zur filmsprachlichen Innovation festzustellen. Die meisten bevorzugen eine konventionelle Erzählweise, die sich am kommerziellen Hollywood-Kino orientiert. Das mag zum einen am Generationswechsel lateinamerikanischer Regisseure liegen. Die politisch bewegten Filmemacher Lateinamerikas der 60er und 70er Jahre, wie etwa der Argentinier Fernando E. Solanas, machen jüngeren Regisseuren Platz, denen die politischen Ideale verloren scheinen. Eine andere Ursache liegt in der großen Abhängigkeit lateinamerikanischer Regisseure von europäischen Produzenten. Selten waren beim Filmfestival so viele Koproduktionen mit nicht-lateinamerikanischen Firmen zu sehen. Diese wirtschaftliche Notwendigkeit gibt den Regisseuren zwar die Möglichkeit, ihre Filmprojekte überhaupt realisieren zu können, hat aber zur Folge, daß die Filmemacher in der Wahl ihrer filmischen Mittel und Geschichten ihre Unabhängigkeit einbüßen.

Die Preisträger
Die Filme, die sich diesem generellen Eindruck entzogen, waren dann auch die Preisträger des diesjährigen Festivals. El viento se llevó lo que (ein Wortspiel auf die spanische Übersetzung von Vom Winde verweht, Lo que el viento se llevó) des Argentiniers Arturo Agresti beispielsweise ist eine liebevoll ironische und sehr poetische Beschreibung des Lebens in einem kleinen Dorf in Patagonien. Seine Geschichte über eine junge Frau aus Buenos Aires, die nach Río Pico-Chubut kommt, um dort beim Aufbau des Dorfkinos zu helfen und die daraus entstehende Verwirrung des Dorflebens steckt voller absurder, bisweilen dadaistischer Elemente und hat zurecht den zweiten Preis erhalten.
Ein für Kolumbien und Lateinamerika aktuelles Thema greift der drittplazierte kolumbianische Film La vendedora de rosas (Die Rosenverkäuferin) von Victor Gaviria auf. Sein zweiter langer Spielfilm, der bereits in Cannes im Frühjahr 1998 gute Kritiken erhielt, erzählt die Geschichte von Mónica, einem Straßenkind in Medellín, das sich mit dem Verkauf von Rosen über Wasser hält. Der Film beschreibt den grausamen Alltag der Straßenkinder, der bestimmt ist von Intrigen, Gewalt, der Suche nach Drogen und der trotz allem vorhandenen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Sein dokumentarischer Stil, der sich durch eine dynamische Schulterkamera und viele Nah- und Halbnaheinstellungen auszeichnet, verleiht dem Film eine Radikalität, die die Zuschauer die traurige Realität unmittelbar spüren läßt.
Einen der ästhetischen Höhepunkte des diesjährigen Festivals ? da waren sich die meisten Besucher einig ? setzte der kubanische Beitrag La vida es silbar (Leben heißt pfeifen) von Fernando Pérez. Anhand der Schicksale dreier Menschen im zeitgenössischen Havanna erzählt der Film von der Suche nach persönlichem, privatem Glück. Zugleich ist es eine Geschichte über die Konsequenzen persönlicher Entscheidungen ? vor allem darüber, im geliebten Kuba zu bleiben oder das Land zu verlassen: »Die Schnecken sind die perfektesten Wesen. Sie können im Ausland leben, ohne ihr Haus, ihre Heimat verlassen zu müssen.« Dieses Filmzitat trifft die derzeitige Problematik Kubas und gleichermaßen den Nerv der Kinozuschauer, wie ihr zugleich wissendes und bitteres Lachen an dieser Stelle des Films offenbarte. Die meisten unter ihnen haben Freunde oder Bekannte, die schweren Herzens Kuba verlassen haben bzw. mußten und nun voller Sehnsucht an ihre Rückkehr denken. Und wer es sich finanziell leisten könnte, würde lieber heute als morgen weggehen, so schwer es auch fiele.
Zu Recht hat La vida es silbar, die einzige kubanische Filmproduktion des Jahres 1998, den Hauptpreis des Festivals erhalten. Nach Hello Hemingway (1990) war es die zweite Auszeichnung für Fernando Pérez. Sein Film besticht durch die symbolhafte, metaphernreiche Bildersprache und die intelligent ineinander verwobenen Geschichten der Protagonisten. Das sporadisch anklingende Pathos mag man ihm aufgrund der mutigen Betrachtung der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse in Kuba verzeihen. Mit La vida es silbar zeigt sich erneut, daß die Produktionen des ICAIC, des nationalen Filminstituts Kubas, näher am Alltag der Bevölkerung sind als andere staatlich kontrollierte Medien. Ein Anspruch, den sich die kubanischen Filmschaffenden seit Beginn der Revolution setzten und den sie im Unterschied zu den politisch Verantwortlichen im Laufe der Jahre nicht vergessen haben.
Die Grenzen des Filmschaffens in Kuba bekam Rolando Díaz mit seinem Film Si me comprendieras (Wenn Du mich verstehen würdest) zu spüren. Dieser unabhängig vom ICAIC produzierte Dokumentarfilm porträtiert acht junge afro-kubanische Frauen im heutigen Havanna. Er vermittelt Einblicke in ihren Alltag abseits jeglicher offizieller sozialistischer Ideologie. Dabei spart er auch Tabuthemen wie Rassismus oder Emigration nicht aus. Der Film fand jedoch im Festivalkatalog keine Erwähnung, wurde nur einmal im Festivalprogramm gezeigt und eine zweite, für die Woche nach dem Festival angesetzte Vorführung in der Universität von Havanna mußte angeblich aufgrund technischer Probleme ausfallen. Der Verdacht liegt jedoch nahe, daß man diesen Film der kubanischen Öffentlichkeit vorzuenthalten versucht.


Volker Kull lebt in Heidelberg. Er beschäftigt sich mit ethnographischem Dokumentarfilm und mit lateinamerikanischem und schwarzafrikanischem Kino.