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(Artikel * 1999) die Redaktion
Investitionsklima turbulent, Donnerwetter über Asien, weitere Aussichten: unbeständig Turbulenzen des Weltmarktes
in Blätter des iz3w Nr. 235 * Seite 17 - 17
Themen: Weltmarkt * Dok-Nr: 131117
Turbulenzen

Investitionsklima turbulent,
Donnerwetter über Asien, weitere Aussichten: unbeständig

Im Sommer 1997 platzte mit dem Beginn der Währungskrise in Bangkok der Traum vom pazifischen Zeitalter. Das von vielen Experten ? auch innerhalb der Weltbank ? als dauerhaftes »East Asian Miracle« betitelte Entwicklungsmodell zerbrach innerhalb weniger Wochen. »In einem grauen Betonbau am Rande der Hauptstadt Bangkok«, so der SPIEGEL, »hatten sich die Beamten der Bank von Thailand mit ihrem Chef Rerngchai Marakanond verschanzt und verteidigten verzweifelt ihre Währung, den Bath. Tag und Nacht harrten sie hinter ihren Computern aus und rangen mit übermächtigen Spekulanten in den Geldmetropolen der Welt, die Millionen von Bath abstießen wie Müll.«


Solche strukturell antisemitischen ?Analysen?, die das Zerrbild vom raffenden Kapital und seiner Zinsknechtschaft immer wieder reproduzieren, verstellen den Blick auf kapitalistische Strukturkrisen, die nun wahrlich nichts Neues sind, und auf die politischen und ideologischen Triebkräfte von Währungstransaktionen wie Monetarismus und Neoliberalismus. Es agieren keine finsteren Spekulanten, sondern gut ausgebildete Fondsmanager, die für ihre Kunden das Optimale rausholen. Sie können das in immer größerem Umfang tun, da seit Mitte der 70er Jahre die sogenannten Eurogeldmärkte ? frei von jeder Aufsicht und Beschränkung ? rapide gewachsen sind. Die Welthandelsumsätze haben sich seit zwanzig Jahren etwa verdreifacht, die Devisenmarktumsätze aber mehr als verachtfacht.
Bei diesem Geschäft standen für die Anleger die ?emerging markets? der Tigerstaaten, aber auch Schwellenländer wie Brasilien und zeitweise sogar Rußland ganz oben auf der Liste. Es lockten sonnige Aussichten: vergleichsweise hohe Wachstumszahlen, die harte Hand einer autoritären Regierung und das Versprechen einer schnellen Rendite. Die früher vorherrschenden langfristigen Investitionen wurden von den Yuppies mit einem hoffnungslos veralteten klassischen Kapitalismus in Verbindung gebracht. Für sie gab es nur einen crash, und zwar den nach oben. Doch in den Sommern 1997 und 1998 wiederholte sich das Spiel von 1987, als eine Vorgängergeneration an die Schranke fallender Kurse gestoßen war.
Allerdings sind heute die Dimensionen der Währungs- und Börsenschwankungen ungleich größer. Droht in einem Land vermeintliche oder reale Gefahr für die Anleger, wird ein neuer Markt gesucht, und das kostet heute nur noch einige Mausklicksekunden. Plötzlich haben die kurz vorher noch gelobten Regierungen eine schwache Bankenaufsicht oder sind schlichtweg korrupt. Der Dominoeffekt mit all seinen psychologischen Lawinen überrollt dann nicht nur die Kapitalmärkte. Betroffene Regierungen verpulvern ihre Devisenreserven und versuchen, über höhere Zinsen einige der Anleger zu halten. Damit belasten sie in- und ausländische Kreditnehmer, die entweder in Fabriken investieren oder Konsumentenkredite aufnehmen wollen. Und plötzlich heißt es ?rien ne va plus?: Der Präsident muß eine Blut-, Schweiß- und Tränenrede halten und nicht selten einige Monate später abtreten.
Die Verlierer dieser Krisen sind nicht nur die Armen, die schon seit Jahren unter neoliberalen Strukturanpassungsprogrammen zu leiden haben, sondern neuerdings auch Mittelklassen, die in den letzten dreißig Jahren nicht nur in Südostasien entstanden sind. Ähnlich wie 1995 in Mexico werden heute in Indonesien große Teile der Gesellschaft in den finanziellen Ruin getrieben. Die Einkommensschere öffnet sich noch weiter. In Brasilien entläßt das Management die Kernbelegschaften bei Ford/Sao Paulo. Mitte Januar 1999 stehen sie protestierend vor den Werkstoren ihrer Kollegen bei VW und suchen Solidarität. Ihr Zeichen ist das Logo ihrer früheren Firma, die Ford-Pflaume, auf der nun aber »Fame« (Hunger) steht. Derweil verteilt die Metallgewerkschaft Notpakete an die Familien der Arbeiter, die noch vor kurzem die Einkaufszentren bevölkerten. Auch andernorts gibt es soziale Bewegungen, die die Folgen dieser Krisen nicht mehr ertragen wollen. In Chiapas 1994 mit »Ya basta!« oder in Frankreich 1997 mit »Ras le bol« gingen die Warnungen in die eine, in Indonesien 1998 mit der Plünderung der Geschäfte der chinesischen Minderheit in die andere Richtung (vgl. iz3w Nr 228).


Hierzulande beschäftigen sich die Medien kaum mit der zunehmenden Armut, sondern allabendlich ? kurz vor der Wettervorhersage ? mit den zuckenden Kursausschlägen der Börsen. Denn es gibt ja auch Gewinner: Wer im Sommer letzten Jahres seine Papiere rechtzeitig abstieß, konnte die crashs über sich hinwegziehen lassen und zu Beginn diesen Jahres wieder voll einsteigen. Auf dem Frankfurter Parkett rollt wie bei jedem erneuten Überspringen einer Tausender-Marke des DAX-Index eine riesige Torte mit Wunderkerzen durch den Raum.
Immer offensichtlicher wird, daß der globalisierte Kapitalismus in Krisen geraten ist, die transformatorische Bedeutung bekommen haben. Nicht zuletzt die Erosion des neoliberalen Modells und die Renaissance keynesisanischer Krisenbewältigungsstrategien weisen darauf hin. Doch was genau macht die Turbulenzen des Weltmarktes eigentlich aus? Wie unterscheiden sich die Krisen etwa in Asien und Lateinamerika voneinander? Von einer Krise zu reden, das zeigen die Beiträge dieses Themenschwerpunktes, wird der Vielschichtigkeit weltwirtschaftlicher Strukturen jedenfalls nicht gerecht. Und ebensowenig, wie es eindeutige Kausalitäten beim Zustandekommen der Krisen gibt, lassen sich einfache Lösungen finden: Wer verspricht, die Strukturkrisen kapitalistischer Verwertung mit der Einrichtung einer neuen Weltfinanzordnung zu beheben, möchte von der grundlegenden Irrationalität und der destruktiven Energie des Kapitalismus nichts wissen.

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