Volltext

(Artikel * 1999) Schulz, Jörn
Die Kinder entlassen ihre Revolution Der radikale Islamismus verliert an Dynamik der radikale Islamismus verliert an Dynamik
in Blätter des iz3w Nr. 235 * Seite 9 - 11
Themen: Islamismus * Dok-Nr: 131113
Politischer Islam

Die Kinder entlassen ihre Revolution
Der radikale Islamismus verliert an Dynamik

von Jörn Schulz

Als Ayatollah Khomeini 1979 die Führung des revolutionären Iran übernahm, propagierte er die Vereinigung aller Muslime in einem islamistisch regierten Staat. Das neue Regime rief eine Reihe von Organisationen zur Unterstützung islamistischer Bewegungen ins Leben. Heute ist von einer Gemeinschaft der Gläubigen nicht mehr die Rede. Die Dynamik des radikalen politischen Islam hat sich zwischen dem Bandenwesen der Taliban und den Erfordernissen eines modernen Verwaltungsstaates wie im Iran aufgerieben.

Sunnitische Islamisten hatten die iranische Revolution zunächst als strategisches Vorbild betrachtet, bewies sie doch, daß der Sieg über ein hochgerüstetes Militärregime möglich ist. Ein direktes Vorbild konnte sie jedoch nicht sein, weil nur im Iran die Geistlichkeit die notwendige materielle und organisatorische Unabhängigkeit hat, um eine Revolution und einen Staat zu führen. Insofern kam auch eine Übernahme der Staatsideologie Khomeinis, die der Geistlichkeit die Überwachung von Staat und Gesellschaft überträgt, nicht in Frage. Grundsätzlich aber hatten sunnitische und schiitische Islamisten1 das gleiche Interesse: die Macht der prowestlichen Oligarchie zu brechen und aus dem Islam eine Modernisierungs- und Mobilisierungsideologie zu machen.
Trotz einer Vielzahl von Initiativen kam es nicht zur Bildung einer islamistischen Internationale oder auch nur zu koordinierten politischen Aktivitäten. Der Iran unterhält zwar Verbindungen zu sunnitisch-islamistischen Organisationen und dürfte einige von ihnen auch materiell unterstützen. Diese Politik konnte jedoch nicht verhindern, daß sich im sunnitischen Islamismus eine antischiitische Tendenz verbreitete, die bereits zu bewaffneten Konfrontationen geführt hat. In Pakistan liefern sich sunnitische und schiitische Islamisten einen erbitterten Kleinkrieg, und im Herbst vergangenen Jahres stand der Iran kurz vor einem Krieg mit den Taliban.
Die konfessionelle Spaltung ist keine Folge theologischer oder ideologischer Differenzen, sondern des Zerfalls der islamistischen Bewegung in machtpolitische Blöcke. 1980, nach dem irakischen Angriff auf den Iran, hatten sich die meisten sunnitisch-islamistischen Organisationen auf die irakische Seite geschlagen. Bei dieser Entscheidung spielte der saudi-arabische Einfluß eine große Rolle. In ungleich größerem Ausmaß als der Iran finanziert Saudi-Arabien islamistische Gruppen und versucht, sie in eine antiiranische Richtung zu lenken. Der Iran konterte mit dem Versuch, die schiitischen Minderheiten in den Golfmonarchien zu mobilisieren.
Nach dem Ende des iranisch-irakischen Krieges 1988 setzte sich in der iranischen Führung der prokapitalistische Flügel unter Führung von Präsident Rafsanjani und Khamenei, dem Nachfolger Khomeinis, durch. Statt eines islamistischen Einheitsstaates wurde nun eine Föderation islamischer Staaten propagiert, und man bemühte sich mit einigem Erfolg um ein besseres Verhältnis zu den arabischen Staaten. Das Verhältnis zu den Golfmonarchien, vor allem zu Saudi-Arabien, blieb jedoch gespannt. Der Iran kritisierte die Ölpolitik der Golfmonarchien, die eine wirksame OPEC-Strategie zur Erhöhung des Ölpreises torpedierten. Hin und wieder gab es militärische Drohgebärden in Richtung der Golfstaaten, in politischer Hinsicht ist die Idee einer »islamischen Republik« für die herrschenden Monarchen bedrohlich. Besonders Saudi-Arabien bemüht sich daher, eine fundamentalistische Alternative zum islamistischen Republikanismus zu schaffen.
Teil dieser Strategie war die Finanzierung der Taliban-Bewegung. Sie sollte es ermöglichen, eine Pipeline durch Pakistan und Afghanistan zu legen, um bei der Erschließung der Öl- und Erdgasfelder Mittelasiens den Iran zu umgehen und zugleich jeglichen Einflusses auf die afghanische Politik zu berauben. Pakistan und die USA teilten dieses Interesse und schlossen sich der Koalition an.

Stammesgesellschaft mit Homepage
Eine Bewegung läßt sich nicht allein mit finanziellen und geheimdienstlichen Mitteln schaffen, insofern wäre es falsch, die Taliban als Produkt ausländischer Mächte zu sehen. Doch eine neu gegründete Bewegung kann nicht aus eigenen Kräften in weniger als drei Jahren 90% eines Landes erobern, wenn sie nicht in großem Maßstab mit Waffen, Geld und Militärberatern versorgt wird. Bei den Taliban ist dies um so unwahrscheinlicher, als die Bewegung im Milieu der verarmten Landbevölkerung und der Flüchtlinge entstand.
Die Taliban organisierten sich 1994 in Koranschulen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Gelehrt wird ein reaktionärer Fundamentalismus, dessen Wurzeln in der vorkolonialen Zeit liegen. Während der städtische, modernisierungsorientierte Islamismus darauf abzielt, den Rückstand zu den westlichen Industriestaaten aufzuholen, geht es im vorkolonialen Fundamentalismus um die Reform der Stammesgesellschaft, die von äußeren Feinden und innerem Zerfall bedroht ist. Die meisten Führungsmitglieder tragen, wie der Gründer und Befehlshaber der Bewegung, Mohammad Omar, den Titel eines Mullah, was eine abgeschlosse religiöse Ausbildung voraussetzt. Da es im sunnitischen Islam keine allgemein anerkannte geistliche Hierarchie gibt, existiert auch keine ?Qualitätskontrolle?. Die Studien der Taliban-Führer umfaßten nur einen kleinen Ausschnitt aus der islamischen Theologie. Kein Taliban-Mitglied hat einen überregionalen Bekanntheitsgrad als Gelehrter, und bislang hat die Bewegung auch noch keine politisch-theologischen Schriften produziert.
Obwohl die Taliban es heftig bestreiten, handelt es sich um eine paschtunische Bewegung. Die paschtunische Bevölkerungsgruppe, die in Afghanistan die Mehrheit bildet, hatte während des Bürgerkrieges an Einfluß verloren. Ideologie und Politik der Taliban zielen nun darauf ab, die durch den Krieg verursachte Zerrüttung der paschtunischen Gesellschaft und die Spaltung in lokale und Claninteressen zu überwinden. Die Sharia interpretierten die Taliban dann auch auf paschtunische Art. Maßnahmen wie der völlige Ausschluß der Frauen vom öffentlichen Leben und von der Bildung entsprechen den Traditionen der paschtunischen Landbevölkerung. Sowohl der orthodoxe Staatsislam als auch die bedeutenden islamistischen Organisationen vertreten eine deutlich gemäßigtere Position.
Die großen islamistischen Bewegungen werden von den gebildeten städtischen Mittelschichten getragen, die sich der Notwendigkeiten der Modernisierung bewußt sind. Nur selten haben sie die Landbevölkerung mobilisieren können. Mit den Taliban ist zum ersten Mal eine Bewegung an die Macht gekommen, die von der Landbevölkerung (Bauern und Nomaden) getragen wird. Ihr Terror ist die Rache einer durch Krieg und gesellschaftliche Zerrüttung fanatisierten ländlichen Bewegung an der Stadtbevölkerung. Nachdem jahrzehntelang städtische Eliten dem Land ihre Version des Fortschritts aufzuzwingen versuchten, wollen sie nun die Stadtbevölkerung gewaltsam nach ihrem Bilde formen (vgl. iz3w Nr. 229).
Der Anblick von Frauen, die gebildeter sind als sie selbst und womöglich selbständig leben, ist ihnen unerträglich. Symbole der städtischen Kultur wie das Fernsehen wollen sie nicht für ihre Zwecke nutzen, sondern zerstören ? wobei zwei Produkte der westlichen Kultur erlaubt bleiben: zum einen bezeichnenderweise die Marschmusik, und zum anderen haben die Taliban eine eigene Homepage eingerichtet. In krassem Gegensatz zu ihrem extremen Puritanismus steht die »Realpolitik« der Taliban. Ihren Weg zur Macht ebneten sie sich mit Dollars des saudischen Geheimdienstes, die meisten Siege wurden durch die Bestechung feindlicher Kommandanten erkauft. Verträge mit US-Konzernen und das Werben um ausländische Investitionen sind ihnen nicht fremd.
Bei den Taliban mischen sich politische Unreife und Extremismus. Ohne die Mitarbeit der gebildeten Mittelschichten ist der Wiederaufbau unmöglich, doch die Taliban tun ihr Bestes, auch noch die letzten Fachkräfte zu vertreiben. Entwicklungspolitische Vorstellungen, ohnehin nie die starke Seite des Islamismus, fehlen völlig. Die Taliban haben kein politisches Programm und kein Staatsmodell. Ernsthafte Ansätze, einen zentralen Staat aufzubauen, gibt es bislang nicht ? abgesehen von der Tätigkeit der Religionspolizei. Der Verzicht auf den Aufbau einer effektiven Verwaltung kommt den Interessen traditioneller Führer und lokaler Kommandanten entgegen, bedeutet aber auch, daß die Taliban kaum Steuern, sondern nur Handelsabgaben erheben können und die Loyalität der Provinzen immer wieder neu erkaufen oder erzwingen müssen.
Es war jedoch weniger der innenpolitische Terror als der Mangel an außenpolitischen Erfahrungen, der die Taliban in die Krise führte. Offenbar glaubten sie, sich sowohl von Saudi-Arabien und den USA als auch von deren geschworenem Feind Ussama Bin Laden unterstützen lassen zu können. Bin Laden weiter zu beherbergen, bedeutet internationale Isolation, ihn auszuliefern, könnte den Zusammenhalt der Bewegung gefährden. Ebenso brisant ist die Konfrontation mit dem Iran, die die Taliban im Herbst 1998 durch die Ermordung von neun iranischen Diplomaten auslösten. Das iranische Regime scheute das Risiko eines Krieges, verstärkte jedoch die Unterstützung für die oppositionelle Nordallianz, einen Zusammenschluß von Parteien der ethnischen und konfessionellen Minderheiten.

Die gescheiterte Revolution
Khatami hat es geschickt verstanden, den Konflikt mit den Taliban für eine diplomatische Aufwertung des Iran zu nutzen. Der Iran präsentierte sich als verantwortungsvolle Regionalmacht, die sich militärisch zurückhält, wo andere unter vergleichbaren Umständen längst ihre Kriegsmaschine in Bewegung gesetzt hätten. Und im Vergleich mit den Taliban erschien der iranische Islamismus jetzt geradezu gemäßigt. Tatsächlich schneidet das Regime im »realpolitischen« Vergleich mit anderen Diktaturen der Region nicht schlecht ab. Gemessen an den eigenen Ansprüchen ist es jedoch gescheitert.
Seit dem Ende der 80er Jahre verfolgt das Regime einen prokapitalistischen Kurs entsprechend den Rezepten des IWF. Zwar lag das Wirtschaftswachstum in den 90er Jahren mit 3-8% recht hoch, die sozialen Unterschiede sind heute jedoch größer als zur Zeit des Schah, und der Lebensstandard der Bevölkerungsmehrheit sinkt. Die »islamische Wirtschaft« mündete in ein kapitalistisches System, in dem jede soziale Interessenvertretung verboten ist. An der Stellung des Landes in der Weltwirtschaft hat sich nichts geändert. Die Abhängigkeit vom Ölexport besteht fort, und trotz gelegentlicher propagandistischer Schaukämpfe sind die wirtschaftlichen Beziehungen zu den meisten westlichen Staaten gut. Auch die USA sind schon wieder einer der wichtigsten Handelspartner, obwohl wegen des Boykotts alle Geschäfte über Drittstaaten abgewickelt werden müssen.
In politischer Hinsicht hat sich eine Diktatur mit populistischen Elementen etabliert. Khomeinis »Islamische Republik« mischt religiöse, von der Geistlichkeit besetzte und republikanische Institutionen. Diese islamistische Version der Gewaltenteilung hat es ermöglicht, den Machtkampf innerhalb der revolutionären Führung (nach der Beseitigung der nichtislamistischen Kräfte) weitgehend unblutig auszutragen. Nach zehn Jahren hatte der bourgeoise Flügel der »Gemäßigten« die staatskapitalistisch orientierten »Radikalen« aus den Mittelschichten verdrängt.
Mittlerweile hat sich das Regime weiter ausdifferenziert. Die Fraktion um Khatami befürwortet, unterstützt vom weltmarktorientierten Flügel der Bourgeoisie, eine weitere Öffnung zum Westen und eine begrenzte Liberalisierung. Die von Khamenei geführte islamistische Rechte will die iranische Industrie vor überlegener ausländischer Konkurrenz schützen und befürchtet, die Öffnung könne gefährlichen Oppositionskräften Auftrieb geben. Obwohl auch Khatami ein Mann des Regimes ist und den islamistischen Zwangsstaat grundsätzlich bejaht, sind die Reformen mehr als ein propagandistisches Schauspiel. Daß sie möglich wurden, ist auch auf den Druck der Bevölkerung zurückzuführen, die mit Streiks und städtischen Aufständen immer wieder ihre sozialen und politischen Ansprüche anmeldet. Innerhalb des Regime haben sich Interessengruppen herausgebildet, die ihren Machtkampf öffentlich ausfechten. Das wird die Legitimität der religiösen Institutionen, die mit dem Übergang von der charismatischen zur bürokratischen Herrschaft ohnehin geschwächt wurde, weiter mindern. Ist die »Islamische Republik« dabei, an ihrer eigenen Überwindung zu arbeiten?
Langfristig wird der Druck für weitere Liberalisierung ebenso wachsen wie die sozialen Proteste, gerade wenn die kapitalistische Modernisierung gelingt. Noch aber hat das Regime die Lage im Griff. Obwohl eine große Mehrheit für die Lockerung des islamistischen Zwangsstaates stimmte, sobald sich mit Khatamis Kandidatur für die Präsidentschaft 1997 die Möglichkeit dazu ergab, sollte die soziale Basis des Regimes nicht unterschätzt werden. Nicht alle sahen in Khatami nur ein geringeres Übel, vielen gilt er als echter Hoffnungsträger. Der von der islamistischen Rechten dominierte gewaltige Repressions- und Verwaltungsapparat hat ein beträchtliches Eigengewicht, und das Regime hat durch die Kontrolle über Bildungsinstitutionen und Moscheen die Möglichkeit, seine Propaganda bis in den letzten Winkel des Landes zu verbreiten. Die großen Hoffnungen, die einst mit der Revolution verbunden wurden, sind jedoch längst verflogen.

Endstation Kapitalismus
Von einer vergleichbaren Desillusionierung sind die meisten islamistischen Bewegungen betroffen. Ihr Einfluß stagniert oder ist zurückgegangen. Große islamistische Organisationen wie die ägyptische Muslimbruderschaft sind bestrebt, sich in das politische System zu integrieren. Mit der hierfür erforderlichen reformistischen, auf den Nationalstaat orientierten Linie sind viele, insbesondere jüngere Islamisten nicht einverstanden. So entstanden am Rande der großen Bewegungen extremistische Gruppen wie die algerische GIA und die ägyptischen Gama?at. Sie stehen in Verbindung mit dem islamistischen Netzwerk, das in den westlichen Medien mit Ussama Bin Laden identifiziert wird. Im Gegensatz zum revolutionären Islamismus der 70er Jahre, dem die Illusion zugrunde lag, die Staatsmacht im Handstreich erobern zu können, stehen diese Gruppen für einen perspektivlosen Militarismus, der häufig in schlichte Bandenkriminalität mündet.
Die Entwicklung des Islamismus ähnelt in vielem Aufstieg und Krise des arabischen Nationalismus. Beide Bewegungen warfen die soziale Frage auf, grenzten sich scharf vom »westlichen Neokolonialismus« ab und schufen sich damit eine Massenbasis. Die sozialen Versprechungen und die Aussicht auf eine politische Vereinigung der Araber bzw. der Muslime konnten beide jedoch nicht einlösen. Die Vereinigungsbemühungen des arabischen Nationalismus scheiterten an der Konkurrenz der nationalstaatlichen Eliten, die sich die Vereinigung nur als Übernahme anderer Staaten vorstellen konnten. Das Ergebnis war ein zuweilen blutiger Machtkampf und eine tiefe Spaltung der arabischen Welt. Auch der politische Islam erlebt infolge der Spaltung in machtpolitische Blöcke immer mehr eine Entwicklung in Richtung Nationalislamismus. Eine weitere Parallele liegt im wachsenden Gewicht der Bourgeoisie gegenüber den radikalen Fraktionen der Mittelschichten. Sowohl die »islamische Wirtschaft« als auch der »arabische Sozialismus« endeten im Kapitalismus.
Der Islamismus präsentiert sich heute zum einen in Gestalt eines autoritären Verwaltungsstaats und in Form gewalttätiger Banden, die sich jeglicher theologischer, politischer und sozialer Inhalte entledigt haben. Der Islamismus ist nicht unbedingt am Ende, aber Ermüdungserscheinungen sind unverkennbar.

Anmerkung:

1 Die Spaltung der islamischen Gemeinde in Sunniten und Schiiten erfolgte über die Frage der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten Muhammad (Tod im Jahre 632). Die Partei Alis (schi?at Ali, die Schia), des Vetters und Schwiegersohns des Propheten, hatte von Beginn an ihre Ansprüche erhoben. 656 wurde Ali endlich zum Kalifen gewählt. Mu?awiya, das Oberhaupt der Umaiyadenfamilie des ermordeten Vorgängers Alis, Uthman, forderte Ali militärisch heraus und besiegte ihn letztendlich. Die Schia blieb hinfort politisch-religiöse Oppositionspartei: politisch im Widerstand gegen die Umaiyaden, religiös in der Erwartung des gerechten Imams.


Jörn Schulz ist Erzieher und freier Journalist in Hamburg