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(Artikel * 1999) die Redaktion
Fernweh - Forum Tourismus & Kritik Tourismus: ökologisches, ökonomisches und kulturelles Phänomen
in Blätter des iz3w Nr. 235 * Seite 3 - 3
Themen: Tourismus * Dok-Nr: 131109
Editorial

F e r n W e h ? Forum Tourismus & Kritik

»Neue Wege in die Traumzeit ? Die Aborigines sind es leid, von weißen Touristikern vermarktet zu werden«, frohlockt der Titel einer Reisereportage. Die Bildunterschrift verspricht: »Zur Olympiade 2000 in Sydney wollen Australiens Fremdenverkehrsmanager ein korrektes Bild ihres Volkes weitergeben.« Der Einsatz »seriöser
Aboriginal Guides« soll »das Volk vor der Zooperspektive bewahren und ein authentisches Bild über die letzten Überlebenden aus der Urzeit der Menschheit« garantieren. Versprechungen wie diese geben seit Jahren Anlaß zu einer Hinterfragung nicht nur des konventionellen Tourismusgeschäftes. Das Zugpferd der wirtschaftlichen Effizienz beherrscht auch den Markt der alternativen Reiseanbieter, die längst zu einer Kommerzialisierung der »vergessenen Naturparadiese« und der »unwiderstehlichen Exotik« kultureller Ausdrucksformen beitragen.

Das wachsende Angebot der sanftgrünen Reisen in den letzten 10 Jahren ist auch ein Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Tourismusbranche. Ein Blick auf den Boom des internationalen Fernverkehrs, auf die ungebremste Reiselust und die zunehmend schamlose Vermarktung von freundschaftlichen Kontakten mit den Einheimischen verrät jedoch, daß für die Tourismuskritik noch lange kein Ende in Sicht ist. Das iz3w bietet nun dem Trouble in Paradise ? so der Titel des 1997 im iz3w-Verlag erschienenen Buches zum Tourismus in die Dritte Welt ? ein Diskussionsforum: Seit Januar 1999 besteht im iz3w das von der EU finanzierte Projekt FernWeh ? Forum Tourismus & Kritik.
Es geht uns dabei um die Auseinandersetzung mit dem Tourismus als ökonomisches, ökologisches und kulturelles Phänomen. Sie sollte drei Perspektiven integrieren:
Erstens kann die Kritik des Tourismus in die Dritte Welt nicht in den engen Wänden der westlichen Vorstellungen geschmiedet werden. Ohne Austausch mit den Sichtweisen aus den bereisten Ländern wird es weder eine ernstzunehmende Strategie für verträglichen Tourismus noch eine fundierte wissenschaftliche Theorie über den Tourismus geben. Wir verstehen uns als Plattform für VertreterInnen der betreffenden gesellschaftlichen Gruppen und für tourismuskritische NGOs aus den bereisten Ländern. Den bekannten Schwierigkeiten und den unvorhersehbaren Hürden zum Trotz streben wir eine Vernetzung der europäischen Tourismuskritik mit den Sichtweisen und Wünschen der Bereisten an.
Zum zweiten sollte die tourismuskritische Debatte jetzt, da nachhaltiger, integrativer und sanfter Tourismus als Schlagwort in aller Munde ist, nicht bei der Korrektur des konventionellen Reiseangebotes stehenbleiben. Die Vergabe von Gütesiegeln als Instrument der Festschreibung von Öko- und Sozialstandards auf der Mikroebene und die Diskussionen über völkerrechtlich verbindliche Richtlinien für eine zukunftsfähige Entwicklung des Tourismus auf der internationalen Ebene bestimmen zu Recht die tourismuskritische Lobbyarbeit. Doch es wäre ein Fehler, den Blick in die eine Richtung zu beschränken. Mit innovativen Konzepten, angepaßten Technologien und partizipativen Instrumenten alleine lassen sich die negativen Auswirkungen des touristischen Sektors nicht kompensieren.
Daher werden wir uns mit den vielfältigen Motivationen der Reiselust hier vor Ort in der reisenden Gesellschaft beschäftigen. Da rassistische Bilder und Verhaltensweisen in Deutschland und in Europa die Formen des Tourismus wesentlich prägen, wird eine Reflexion exotistischer Sichtweisen auf »fremde Kulturkreise« auch im eigenen Land Teil unserer Arbeit sein. Es geht um das Selbstbild des Touristen und die Notwendigkeit für tourismuspolitische Bildungsarbeit vor der eigenen Haustür.
Drittens will das Forum Tourismus & Kritik durch interdisziplinäre und publizistische Arbeit dazu beitragen, die Lücke zwischen der wissenschaftlichen Theorie des Tourismus und der Praxis der politischen Akteure, die sich über die Formulierung von Leitlinien und Positionspapieren an der Entwicklung einer verantwortungsvollen Tourismusstrategie beteiligen, zu schließen.

Um bei derart hehren Vorstellungen nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, soll die Reflexion über Tourismuskonzepte in der Entwicklungspraxis ein zusätzlicher Arbeitsschwerpunkt des Projektes sein. Nicht zuletzt ist Tourismus nämlich ein zunehmend wichtiger Faktor in der Entwicklungszusammenarbeit, sei es als Möglichkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung, sei es als Strategie des Naturschutzes zum Erhalt fragiler Ökosysteme oder als Rettungsperspektive für indigenes Wissen.
Mir dieser kurzen Beschreibung von FernWeh möchten wir alle Interessierten zur Mitarbeit einladen.

Das FernWeh im iz3w