Volltext

(Artikel * 1999) Stock, Christian; Wegmann, Heiko
Globalisierung komplex - neue Bücher zur Weltwirtschaft Globalisierung
in Blätter des iz3w Nr. 234 * Seite 46 - 46
Themen: Globalisierung * Dok-Nr: 131107
Rezensionen

Globalisierung komplex ? Neue Bücher zur Weltwirtschaft

An der Globalisierung wird meistens bemängelt, daß die Steuerungsfähigkeit des territorial begrenzten Staates gegenüber dem sich transnational vernetzenden Kapital zurückbleibe. Eine solche Kritik setzt den Auswüchsen des freien Marktes ein idealisiertes Bild des demokratischen Staates entgegen. Dabei geraten die »vorpolitischen« ökonomischen Kräfteverhältnisse, die ihn wesentlich beeinflussen, aus dem Blickfeld.
Die bereits 1997 erschienene Dissertation Neoliberale Globalisierung und eurokapitalistische Regulation von Bernd Röttger strebt daher eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der politischen Konstitution des Marktes an. Röttgers materialistische Kritik an der Vorstellung einer Dichotomie von Markt und Staat verleitet ihn jedoch nicht dazu, in schlechter ökonomistischer Tradition das Politische einfach aus den Grundstrukturen des Kapitals abzuleiten. Vielmehr geht es ihm mit der Entwicklung einer Hegemonietheorie darum, »die analytische Integration von klassenpolitischen Handlungsstrategien und politökonomischen Strukturen herzustellen und auf die zentrale gramscianische Fragestellung nach konkreten Durchsetzungsformen des kapitalistischen Vergesellschaftungszusammenhangs zuzuspitzen«.
So fruchtbar Röttgers gesellschaftstheoretischer Beitrag zur Analyse des weltweiten Kapitalismus ist, so problematisch sind einzelne Aussagen. So wird der Zerfall des keynesianischen Klassenkompromisses etwas überzeichnet als »Übergang von der gesellschaftlichen zur kapitalistischen Regulation« beschrieben. Als Beispiel dient Röttger die Aufweichung der Flächentarifverträge zugunsten einzelbetrieblicher Regelungen. Der neue Vergesellschaftungszusammenhang gehe somit von »der Fabrik« aus. Es bleibt unklar, warum sich nach der Anstrengung um komplexe Begriffe am Ende der Blickwinkel wieder derart verengt ? der Neoliberalismus bedeutet schließlich mehr als die Verallgemeinerung spezifischer Formen innerbetrieblicher Arbeitspolitik.
Erstaunlich ist die weitgehende Ausklammerung der Frage, ob die Globalisierung Ideologie oder ökonomische Faktizität ist. Dieser für die weiteren Schlußforderungen grundlegende Punkt wird lapidar mit der Bemerkung abgetan, es gebe gute Gründe für und wider die Globalisierungsthese, Analysen der Dynamisierungsmuster in den 80er Jahren (!) verwiesen aber auf die ökonomische Faktizität. Schwerwiegender als solche Irritationen fällt jedoch ins Gewicht daß es große Mühen bereitet, der in weiten Teilen äußerst schwer verständlichen und verkomplizierten Darstellungsweise zu folgen.
Einer sprachlich ebenfalls schwierigen, aber thematisch ganz anderen Herangehensweise bedient sich Kurt Hübner in seiner Studie über den Globalisierungskomplex. Nach Abwägung verschiedener ökonomischer Theoreme und Analyseinstrumente stellt er fest, daß für die theoretische Erfassung der Globalisierung die mikroökonomische Ebene der Firma mit der makroökonomischen Ebene verbunden werden muß ? etwa indem negative Rückwirkungen einzelbetrieblichen Handelns auf die Gesellschaft analysiert werden. Dies könne im Rahmen einer weltwirtschaftlich modifizierten Theorie der Regulation gelingen, die ihre herkömmliche Fixierung auf den Nationalstaat hinter sich lasse.
Hübner kommt zu dem (nicht weiter überraschenden) Ergebnis, daß mit dem Begriff der Globalisierung vorsichtig umzugehen sei. Er treffe zwar im Kern und insbesondere in speziellen Bereichen zu, viele in der Diskussion verbreiteten Ängste weiteten sich aber zum Mythos bzw. eben zum Komplex aus. Einen relativ hohen Internationalisierungsgrad habe es auch schon um die Jahrhundertwende gegeben, eine neue Qualität bestehe aber in der Integration transnationaler Wertschöpfungsketten. Darüber hinaus bestünden noch erhebliche Potentiale für die weitere Transnationalisierung der Produktion. Als Ergebnis seiner gründlichen empirischen Untersuchung internationaler Direktinvestitionen hält Hübner fest, die globale Vernetzung des produktiven Kapitals habe gegenüber Welthandel und spekulativen Finanztransfers besonders »starke Auswirkungen auf die nationalen Arbeitsmärkte sowie die Arbeitsmarktparteien und auch auf den Typus nationalstaatlicher Politik«.
Leider geht Hübners Vorsicht bei der Abwägung verschiedener Statistiken und Argumente teilweise zu Lasten klarer Positionen und Folgerungen. Zudem wird bei ihm die von Röttger kritisierte Dichotomie von Markt und Staat bemüht. Hübner fordert unbekümmert eine supranationale Regulationsweise ein, die die Globalisierung an die Leine nehmen soll. Denn die Möglichkeiten von Politik und Staatlichkeit seien weitaus größer, als häufig angenommen werde. Da fragt sich, wo Hübners Kritik an der Übergewichtung des Nationalstaates in der Regulationstheorie geblieben ist?
Allen, denen die Bücher von Röttger und Hübner zu schwierig oder zu speziell sind, sei abschließend Hansgeorg Conerts Wälzer Vom Handelskapital zur Globalisierung empfohlen. Sein Anliegen ist weder Theoriebildung noch Empirie, sondern eine historisch orientierte, umfassende Analyse des Kapitalismus und seiner Rechtfertigungsideologien. Conert bedient sich dabei konsequent der Marx?schen Kritik. Auch wenn er gelegentlich etwas traditionalistisch links argumentiert und ? wie er selbst im Vorwort bemerkt ? seine Kapitalismuskritik nicht immer so kategoriell ausfällt, wie dies nötig wäre, so ist seine Tour de Force vom Merkantilismus bis zum Postfordismus doch eine ausgezeichnete Diskussionsgrundlage für alle, die der Oberflächlichkeit der gängigen Globalisierungsthesen von links bis neoliberal zu entkommen trachten. Angesichts seines Materialreichtums und seiner klaren Struktur ist das Buch eine echte Alternative zu den üblichen volkswirtschaftlichen Lehrbüchern.
Heiko Wegmann/ Christian Stock

Bernd Röttger: Neoliberale Globalisierung und eurokapitalistische Regulation. Die politische Konstitution des Marktes, Westfälisches Dampfboot, Münster 1997, 252 S., DM 39,80
Kurt Hübner: Der Globalisierungskomplex. Grenzenlose Ökonomie ? grenzenlose Politik?, edition sigma, Berlin 1998, 378 S., DM 44.-
Hansgeorg Conert: Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie. Westfälisches Dampfboot, Münster 1998, 579 S., DM 68.-