Volltext

(Artikel * 1999) Seabrook, Jeremy
Konsum in der Krabbelgruppe Der Weltmarkt erobert Kinderwelten Paulo Freire: Erziehungskonzepte
in Blätter des iz3w Nr. 234 * Seite 35 - 37
Themen: Erziehungskonzepte * Dok-Nr: 131104
Kindheit

Konsum in der Krabbelgruppe
Der Weltmarkt erobert Kinderwelten

von Jeremy Seabrook


Der Wunsch, Kinder zu schützen, äußert sich emotional aufgeladen und radikal, wenn es um Kinderarbeit oder die Bestrafung von Kindesmißhandlung geht. Die Analyse von Ursachen für die Lage vieler Kinder im Süden und in den Industrieländern bleibt demgegenüber meist leise und unbestimmt. So bleibt die globale Marktwirtschaft, die mehr und mehr auch Kindheiten prägt, außerhalb jeder öffentlichen Kritik.

In jüngster Zeit sind von Gipfeltreffen und Konferenzen überall auf der Welt Erklärungen, Chartas und Vorlagen über die Rechte der Kinder formuliert worden. Eines der eindrucksvollsten dieser Gipfeltreffen, der UN-Gipfel für Kinder 1990, verabschiedete den »First Call for Children«. Dieses Dokument nennt als Gefahrenquellen für Kinder Krieg, Gewalt, rassistische Diskriminierung und ausländische Besatzung, Flucht und Vertreibung, Vernachlässigung, Ausbeutung, Armut, Hunger und die Verschlechterung der Umweltbedingungen. Sogar die Verschuldung und Strukturanpassungen werden genannt.
Das größte Hindernis für die Verwirklichung der Grundrechte von Kindern stellt demnach weniger Rückständigkeit, Ignoranz, ausbeuterische Eltern und Aberglaube dar. Vielmehr ist es die zunehmend integrierte Weltwirtschaft, die zu einer übermäßigen Konzentration von Ressourcen in den privilegierten Teilen der Welt und in anderen Teilen zu einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen führt. Dieses Weltsystem, das als einzige Hoffnung für die Welt und die neue Generation propagiert wird, verstärkt damit selbst die Ungleichheit. Dennoch stellen auch die weltweiten Institutionen, die das Wohl des Kindes als ihr höchstes Ziel deklarieren, die grundlegende Dynamik dieses Systems nicht in Frage, obwohl es dem Erreichen dieses Ziels diametral entgegensteht.

Kinderliebe und Lynchjustiz
Die Marktwirtschaft vertieft jedoch nicht nur die sozialen Widersprüche zwischen den Menschen, sie greift auch in das Bewußtsein eines jeden Menschen. Rund um die Welt werden die Beziehungen des Individuums zu Produkten, Waren, Kunstwerken, Dienstleistungen, Erfahrungen oder Gefühlen über einen Kaufakt, eine monetäre Transaktion, eine Finanzoperation vermittelt. Die Autonomie der Menschen wird unterminiert, ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, etwas zu tun, etwas hervorzubringen, Dinge für sich selbst und füreinander zu schaffen, zerstört. Es entsteht eine wachsende Abhängigkeit vom Geld, mit dem all das zu kaufen ist, was vermeintlich für ein erfülltes und gutes Leben benötigt wird.
Von diesem Prozeß sind zunehmend auch Kinder betroffen. Sie sind zum Neuland im Marktgeschehen geworden, wobei insbesondere in den reichsten Gesellschaften der Erde ihre Kolonisierung bereits weit vorangeschritten ist. Und gerade hier, wo der emotionale, physische und sexuelle Mißbrauch von Kindern ein ernstes Problem darstellt, wird nun die Kinderliebe so wortreich proklamiert. Es scheint etwas faul zu sein in diesen Gesellschaften, die sich zum größten Beschützer der Rechte der Schwachen und zu dem Modell stilisieren, dem der Rest der Welt zu folgen hat. In der Theorie sind ihre Gesetze human, der Rechtsschutz, den sie den Kindern gewähren, ist untadelig, sie betonen ihre Fürsorglichkeit gegenüber der Jugend. Die kollektive Kinderliebe, die sie im öffentlichen und sichtbaren Bereich an den Tag legen, ist durchaus rührend. Der Volkszorn gegen Kindesmißhandler würde jedoch in Lynchjustiz münden, wenn die Verbrecher nicht von der Polizei geschützt würden. Vielleicht ist ein unterdrücktes Schuldgefühl die Wurzel der Wut gegen diejenigen, die absichtlich und bewußt Kindern Schaden zufügen.

Vom Teenager zum Preteen
Die Karriere des Begiffs »Teenager« zeugt von diesem »Alltag der Kindheit« und seinem Wandel. In den 50er Jahren wurde im Westen der »Teenager« kreiert, eine Art soziales Konstrukt, das für die Älteren unverständlich war. Ein Wesen, das Ansprüche und Bedürfnisse artikulierte, die damals extravagant und übertrieben erschienen. Ganze Institute beschäftigten sich damit, dieses neue Phänomen zu erklären, zu verstehen und mit den Jugendlichen zu kommunizieren. Am Ende waren es Werbeleute und Verkäufer, die diesen eigentümlichen anthropologischen Typ am besten erreichen konnten ? sie hatten ihn ja auch geschaffen.
In den 90ern ist der Teenager schon archaisch. In einem Bericht des Guardian heißt es 1996, daß »diese Erscheinungsform von Kindheit zerstört worden (ist)«. Ein Sprecher von Sony erklärt dazu, daß sein Unternehmen außer Computerspielen keine elektronischen Produkte speziell für Teenager herstelle und vermarkte. Teenager artikulieren heute nämlich keine anderen Bedürfnisse mehr als ihre Eltern. Konsequenterweise wird der Teenager mittlerweile durch die »pre-teens« abgelöst. So sind Begriffe wie »Elfengröße« und »Kindergröße« in den USA längst in den modernen Slang eingegangen ? schließlich ist jeder fünfte Amerikaner unter zehn Jahre alt. In den USA verfügen Kinder allein mit ihrem Taschengeld über eine Kaufkraft von geschätzten 7 Milliarden Dollar. Zusätzlich bestimmen sie indirekt über weitere 130 Mrd. Dollar von Erwachsenen, die sich gezwungen sehen, Geld auszugeben, weil ihnen sonst Geschrei, Tränen oder Wutanfälle drohen.
Marketingfachleute erkennen, daß Kinder durch die verstärkte Berufstätigkeit der Eltern immer mehr Einfluß auf die Kaufentscheidungen der ganzen Familie nehmen. Sie können den Autokauf, die Eßgewohnheiten und die Freizeitgestaltung bestimmen. »Das ist ein Bereich, den die Industrie lange übersehen hat und in dem sie nunmehr langfristige Wachstumsmöglichkeit sieht«, sagt Sal Alaimo, Vorsitzender der US-Werbefirma Limeligt Inc. Der Colgate-Palmoliv-Konzern etwa, mit einem Anteil von 24% Marktführer bei Kinderzahnbürsten, versucht seine Position durch die gezielte Ansprache kindlicher Konsumenten auszubauen. Bei der Erforschung der Konsummuster dieser Zielgruppe wird die Kategorie Kind in drei Altersgruppen differenziert ? Kinder bis zu vier Jahren, vier- bis sieben- und acht- bis zwölfjährige. Colgate bewirbt jede Gruppe mit einem anderen, explizit erarbeiteten Konzept, welches das Zähneputzen jeweils »lustvoll« erscheinen lassen soll, so Steven White, Leiter der Zahnbürstenwerbung bei Colgate-Palmoliv. Auch im Kinderfernsehen widmen die Werbestrategen ihre Aufmerksamkeit der Altersgruppe zwischen drei und dreizehn, den Käufern der Zukunft. Hier sollen Markenpatriotismus und Konsummuster früh verankert werden.
Auf diese Weise sind die Ernährung von Kindern, ihr Wachstum und ihre Entwicklung zu einem wichtigen Bereich des allgegenwärtigen Marketings geworden. Von klein auf werden Kinder an eine lebenslange Unterordnung unter marktgeleitete Bedürfnisse gewöhnt. Die Gesellschaft betrachtet die Kinder hauptsächlich als Konsumenten und richtet sie auf eine Kultur des ständigen Wünschens ab. Erziehung wird zu einem Aspekt der Konsumwerbung, und Zuwendung oder Interesse erfahren Kinder immer häufiger aufgrund ihrer potentiellen Kaufkraft.
Dieser konsumorientierte Lebensstil wird an die Eliten des Südens transferiert. In Indien etwa ist ein Viertel der Bevölkerung jünger als vierzehn Jahre und verbraucht ein Fünftel aller Konsumgüter. Die sich gegenwärtig in Indien verbreiternde Konsumkultur und ihre Wirkung auf Kinder erinnert an das Westeuropa der 50er Jahre. Das Fernsehen ist voll von Werbung für Kinderprodukte, die gleichzeitig Normen und Verhaltensmuster für Erwachsene vermitteln. Mütter sichern sich die Dankbarkeit und Liebe ihrer Kinder, indem sie sie mit verpackter Industrienahrung und Cola versorgen. Zudem richtet sich der Kommerz zunehmend auch an die Kinder selbst ? als Manipulateure ihrer Eltern.

Vergoldete Nutzlosigkeit
der Kindheit
Damit werden Kinder weltweit alltäglich Kräften ausgesetzt, die sie mißhandeln. Zudem bedroht der sich in dieser Art darstellende »Machtzuwachs« von Kindern aber auch deren Zukunft. Denn die Ausweitungen der Freiheiten des Konsumenten in einer Welt, aus der alle anderen Wahlmöglichkeiten ausgeschlossen sind, wird früher oder später mit einer Zukunft kollidieren, die bereits verbraucht ist. Und hier schließt sich möglicherweise der Kreis von Kinderliebe und Lynchjustiz: Irgendwie ist es uns nämlich durchaus bewußt, daß die Ressourcenbasis der Welt begrenzt ist und wir mit unserem Lebensstil dabei sind, die Zukunft unserer Kinder zu verzehren. Das Schuldgefühl darüber äußert sich aber nicht in der Ablehnung dieses Lebensstils, sondern wendet sich gegen diejenigen, die Kinder in besonders krasser Weise als Objekt ihrer Begierde mißbrauchen.
Nun hat der Norden in jüngster Zeit seine Aufmerksamkeit auf die Schrecken der Kinderarbeit im Süden gerichtet. Geschätzte 50 Millionen Kinder arbeiten weltweit in Fabriken, stellen Glas, Teppiche oder Spielzeug her, sind im Dienstleistungssektor, in Küchen, Teestuben und Hotels oder in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Kritik bewertet diese Arbeit als inhuman. Sie beraube die Kinder ihrer Kindheit. Diese Kampagnen für die Rechte der Kinder haben ? auch wenn sie motiviert sind von einer rechtschaffenen Entrüstung über den Schaden, der Leib und Seele der Kinder zugefügt wird ? zwei grundlegende Schwächen: Zum einen nehmen sie den wirtschaftlichen Wert der Kinderarbeit für das Familienbudget nicht wahr, der die Differenz zwischen Überleben und einer ausreichenden Versorgung ausmachen kann. Zum zweiten sehen diese Kampagnen nicht, wie wichtig es ist, Kindern eine Aufgabe und ein Ziel zu geben, ein Gefühl, daß sie für das Funktionieren der Gesellschaft unentbehrlich sind. In den Industriestaaten des Nordens hat sich die Rolle der Kinder auf eine dekorative und vergoldete Nutzlosigkeit reduziert: Nichts wird von ihnen gefordert, kein Beitrag ihrer Kräfte und Fähigkeiten ? nur lernen sollen sie, »Leistung« in Examen bringen und eine möglichst gute Ausbildung absolvieren, damit sie mit den kompetitiven Zwängen des 21. Jahrhunderts fertigwerden.
Damit wird den privilegierten Kindern und Jugendlichen die Macht und das Gefühl vorenthalten, selbst etwas zu tun, zu handeln, zu erfinden und zu improvisieren, sowohl für sich selbst als auch für andere. Stattdessen kolonisieren die aufdringlichen Produkte der industriellen Welt die Phantasie. So unterminieren sowohl die Teilnahme an der Konsumwelt des globalen Marktes als auch der erzwungene soziale Ausschluß aus ihr eine selbstbestimmte Bedürfnisbefriedigung und stehen einem würdigen und sicheren Leben für alle entgegen. Die Vorstellung eines solchen Lebens und seiner Machbarkeit wird schon den Kindern ausgetrieben.


Jeremy Seabrook forscht zur Kinderarbeit. Von der Redaktion stark gekürzte und überarbeitete Fassung aus: Race & Class, Nr. 4, 1998. Übersetzung: Chr. Neven-du Mont