Kindheit
Ihr Kinderlein kommet
Kinderorganisationen: Gerne gesehen, ungern gehört
von Manfred Liebel
Vor neun Jahren, am 20. November 1989, beschloß die Generalversammlung der Vereinten Nationen einstimmig die Internationale Kinderrechts-Konvention. In vielen Ländern wurden neue Gesetze verabschiedet, die den Kindern mehr Rechte zubilligen. Vor allem in der Dritten Welt, wo die Diskrepanz zwischen den Versprechungen der Konvention und den täglichen Erfahrungen der Kinder eher größer als geringer geworden ist, beginnen Kinder zu fragen, warum sich so wenig geändert hat.
In Lateinamerika sind es vor allem die arbeitenden Kinder, die sich zu Wort melden. Vom 6. bis 9. August 1997 fand in der peruanischen Hauptstadt Lima ein Kongreß der arbeitenden Kinder Lateinamerikas und der Karibik statt. In der Abschlußerklärung (s. Kasten) führen die Kinder fünf Argumente an, warum eine umfassende Partizipation für sie unverzichtbar ist.
Zunächst konstatieren die Kinder, daß sie nun Rechte haben, diese aber in der Praxis nicht respektiert werden und keine praktischen Konsequenzen mit sich bringen. Die Rechte der Kinder stellen bislang eine Art Geschenk der Erwachsenen an die Kinder dar, und ihre praktische Umsetzung beruht im wesentlichen auf dem Wohlwollen der Erwachsenen. Die mit der Internationalen Konvention erfolgte generelle Anerkennung als »Rechtssubjekte« trägt dazu bei, den Kindern mehr Eigenständigkeit zuzubilligen und eigene Meinungen, Sichtweisen und Interessen der Kinder als legitim erscheinen zu lassen. Aber sie bleibt gleichsam in der Luft hängen, solange die Kinder nicht auch in spezifischer Weise als »ökonomische« und »soziale« Subjekte rechtliche Anerkennung finden.
Als »ökonomische Subjekte« verstehen sich die arbeitenden Kinder, insofern sie mit ihrer Arbeit zum Erhalt ihrer Familien und Gesellschaften unmittelbar beitragen, also keineswegs nur Empfänger von Wohltaten der Erwachsenen sind. Als »soziale Subjekte« verstehen sie sich, da sie sich spätestens mit ihren Zusammenschlüssen in eigenen Organisationen als Protagonisten erwiesen haben, die über die Kompetenzen verfügen, für sich selbst zu sprechen und die Gesellschaft in eigener Verantwortung mitzugestalten. Um die Rechte, die ihnen die Konvention zubilligt, Wirklichkeit werden zu lassen, fordern sie deshalb über diese hinausgehend das explizite »Recht zu arbeiten« (statt wie bisher ihre Arbeit zu verbieten) und eine substantielle Erweiterung ihrer Rechte auf politische Teil- und Einflußnahme.
Zweitens stellen die Kinder fest, daß man ihnen heute zwar eher zuhört, aber bei wichtigen Entscheidungen ihre Ansichten und Vorschläge nicht berücksichtigt. In Lateinamerika gehört es bei nicht-staatlichen und selbst bei staatlichen Organisationen inzwischen zum guten (pädagogischen) Ton, die Partizipation der Kinder zu befürworten. Es gibt kaum noch eine Selbstdarstellung von Kinderhilfsorganisationen und Hilfsprojekten, die sich nicht dazu bekennt, den Kindern eine aktive Rolle bei der Lösung ihrer Probleme zuzubilligen. In den Medien ist es üblich geworden, auch Kinder zu interviewen und ihre Ansichten zu Wort kommen zu lassen. Sogar bei Gesetzesvorhaben, die sich auf Kinder beziehen, kommt es gelegentlich vor, Kinder als »Experten in eigener Sache« zu befragen.
Spiel der Erwachsenen
Doch die Art und Weise, in der dies geschieht, erweckt den Eindruck, daß die Kinder zum Teil eines Spiels gemacht werden, dessen Regeln von den Erwachsenen bestimmt bleiben. In den pädagogischen Projekten bleibt die Mitwirkung der Kinder meist auf nebensächliche Fragen beschränkt, oder sie wird auf eine Weise formalisiert, die es ihnen fast unmöglich macht, die ihnen wirklich wichtigen Fragen zur Sprache zu bringen. In der Öffentlichkeit und der politischen Sphäre kommen Kinder nur an besonderen, ihnen gewidmeten Feiertagen (»Tag des Kindes«) zu Wort, oder ihre Auftritte werden für punktuelle Medienspektakel instrumentalisiert, die in erster Linie den Erwachsenen ermöglichen, sich ein kinderfreundliches Image zu verschaffen.
So hatte die Internationale Arbeits-Organisation (ILO) zur Vorbereitung einer neuen Internationalen Konvention zur Kinderarbeit in Amsterdam (Februar 1997), Oslo (November 1997) und Genf (Juni 1998) drei Konferenzen durchgeführt, zu denen anfangs auch VertreterInnen von Organisationen arbeitender Kinder eingeladen wurden. Vor dem Forum einiger hundert Minister und Experten gab man einer Handvoll Kindern die Gelegenheit, sich eine Stunde lang zu äußern. Da selbst dies den Unmut einiger Regierungen und Gewerkschaftsvertreter aus nördlichen Ländern hervorrief, wurden die Vertreter der Kinderorganisationen auf der 3. Konferenz (Genf) durch eine handverlesene Schar von Kindern ersetzt, die von Erwachsenenorganisationen zur Unterstützung der Ziele der Veranstalter an den Konferenzort mobilisiert worden waren. Deren Partizipation am Konferenzgeschehen beschränkte sich schließlich darauf, daß sie unter dem Blitzlichtgewitter der Medien freundlich am Konferenzort begrüßt, eine kurze Rede halten durften und gleich wieder verabschiedet wurden ? eine Scheinpartizipation.
Zum dritten konstatieren die Kinder in der Erklärung, daß man sie zwar vor Gefahren schützen will, ihnen aber keine Gelegenheit gibt, an Programmen zu ihrem Schutz mitzuwirken. Sie kritisieren damit ein Verständnis von Kinderschutz, das Kinder lediglich als Opfer widriger Verhältnisse oder böswilliger Personen wahrnimmt und sie zu Objekten von Maßnahmen werden läßt, die »zu ihrem Wohl« von gutwilligen Erwachsenen ersonnen und geplant werden. Diese Art Kinderschutz traut Kindern nicht zu, daß sie selbst ihre Situation beurteilen und sich unter Umständen auch selbst wehren können. Der Schutz gerät in Widerspruch zum Postulat der Partizipation, er erfolgt gleichsam auf Kosten der Partizipation. Mit ihrer Kritik negieren die Kinder nicht, daß sie sich oft in Situationen befinden, in denen sie Schutz brauchen, sondern sie vertreten ein anderes Verständnis von Kinderschutz, das gerade durch ihre Partizipation und ihre aktive Rolle Wirkung verspricht. Es kommt dabei nicht darauf an die Kinder, sondern ihre Rechte zu schützen.
In dem von den Kindern kritisierten Verständnis von Kinderschutz manifestiert sich ein Kindheitskonzept, das die »Welt der Kinder« von der Welt der Erwachsenen trennt. In dieser Kinderwelt sollen die Kinder noch frei sein von der Verantwortung und Gelegenheit finden, sich auf die Welt der Erwachsenen vorzubereiten. Den Kindern wird zwar unter Umständen zugebilligt, ihre Welt nach eigenem Gusto zu gestalten, ihnen wird aber verwehrt, sich in die Sphäre der Erwachsenen einzumischen oder Aufgaben zu übernehmen, die »Ernstcharakter« haben. Am deutlichsten wird dies an der Frage der Arbeit. Sie bleibt den Erwachsenen vorbehalten und den Kindern untersagt.
Dieses »moderne« Kindheitskonzept, das mit der bürgerlichen Gesellschaft des Westens entstanden ist, bringt zwar für die Kinder mehr Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten als in Gesellschaften, in denen die Älteren nach Gutdünken über die Kinder verfügen, aber es beschränkt diese auf eine gleichsam vorgesellschaftliche Sphäre und schließt sie faktisch von der Einflußnahme und Mitgestaltung der Gesellschaft aus.
Der vierte wichtige Punkt in der Erklärung betrifft die Selbstorganisation, die von den Kindern als beste Form des Schutzes und Voraussetzung angesehen wird, um in der Gesellschaft eine aktive Rolle zu spielen. Nach diesem Verständnis stellen Schutz und Partizipation keinen Widerspruch dar. Die Kinder verzichten nicht darauf, einen eigenen sozialen Raum und besondere (Schutz-) Rechte für sich zu beanspruchen, begnügen sich aber nicht damit. Ihren relativen Freiraum begreifen sie als Voraussetzung, um ihrem Anspruch auf Partizipation in der Gesellschaft (der Erwachsenen) Nachdruck zu verleihen. Dies ist gemeint, wenn in Lateinamerika von Protagonismus der Kinder (protagonismo infantil) gesprochen wird.
Gegen domestizierte Kindheit
Der Protagonismus der Kinder steht im Gegensatz zur Idee einer domestizierten, gehorsamen und gesellschaftlich ausgeschlossenen Kindheit und favorisiert ein Konzept, das Mädchen und Jungen als soziale Subjekte ansieht, die die Fähigkeit zur Mitgestaltung und Veränderung der Gesellschaft besitzen. Kindheit ist dabei eine sozio-kulturelle Konstruktion und kein biologisches oder anthropologisches Faktum. Ein Kind hat immer eine besondere Kindheit, die geprägt ist von der Epoche, Kultur und Klasse, in der es aufwächst. In jeder Gesellschaft oder Kultur herrscht immer ein bestimmtes Konzept von Kindheit vor, und dieses beeinflußt massiv die Art und Weise, wie Kinder be- oder mißhandelt werden. Der Protagonismus von Kindern als Ausdruck einer neuen Sicht und sozialen Praxis von Kindheit muß in unserer »modernen« Gesellschaft noch um Einfluß kämpfen. Es handelt sich zudem um ein historisch neues Phänomen, das bislang in keiner Gesellschaft anzutreffen war.
In seiner organisierten Form umfaßt der Protagonismus der Kinder drei Dimensionen: gegenseitige Hilfe, selbstbestimmtes gemeinsames Lernen, Einflußnahme auf die Gesellschaft. Als neue Form kollektiver Selbsthilfe ermöglicht die eigene Organisation den Kindern, sich in schwierigen Situationen besser zu behaupten, sich effektiver zu schützen und unter Umständen (eigene) Einrichtungen zu schaffen, die das Leben erleichtern und neue Perspektiven eröffnen. Erst wenn die Kinder sich organisieren und in selbstbestimmter Weise ihre Interessen und Rechte praktizieren und einfordern, besteht die Chance, daß ihre Partizipation sich nicht auf punktuelle und symbolische Inszenierungen beschränkt, sondern zu einer alltäglichen Praxis wird, die Folgen im Leben der Kinder hat.
Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen. Während einer von terre des hommes angeregten internationalen Kampagne »Den Kindern eine Stimme geben« versuchten wir Mitte der 90er Jahre in Nicaragua herauszufinden, was für die Kinder Partizipation bedeutet. Auf mehreren workshops, die wir mit Kindern aus Armutsvierteln veranstalteten, erwies es sich für die meisten Kinder als ungewohnt, über eine solche Frage nachzudenken. Entweder sie wußten mit dem Wort nichts anzufangen, oder sie verstanden darunter beliebige Aktivitäten wie spielen, zu Hause mithelfen, eine Arbeit übernehmen, die Schule besuchen. Für sie bedeutete Partizipation das zu tun, was Erwachsene ihnen erlaubten oder von ihnen verlangten.
An den workshops nahmen auch Kinder teil, die in der Bewegung der arbeitenden Kinder (NATRAS) aktiv waren. Diese hatten interessanterweise ein anderes Verständnis von Partizipation. Für sie war es zwar auch wichtig, spielen zu können und lebensnotwendige Aufgaben zu übernehmen, aber von Partizipation sprachen sie erst dann, wenn sie auch selbst die Initiative ergreifen und selbst über ihr Handeln entscheiden konnten. Sie kritisierten z. B., daß sie bei der Arbeit rumkommandiert oder nicht »wie Menschen« behandelt würden, oder daß in der Schule ihre eigene Meinung nichts gelte. Im Hinblick auf ihren Arbeitsbeitrag zum Lebensunterhalt unterschieden sie deutlich zwischen der »Notwendigkeit«, diesen Beitrag zu erbringen, und dem »Zwang«, eine bestimmte Arbeit gegen ihren eigenen Willen tun zu müssen. Wir bezeichneten dieses Verständnis von Partizipation als »participación protagónica«, da sie auf der Auffassung beruht, daß Kinder nicht weniger Rechte und weniger Kompetenzen als Erwachsene haben, sondern auf ihre Weise eine mindestens ebenso wichtige und aktive Rolle im Leben spielen können.
Im fünften Punkt ihrer Erklärung fordern die Kinder, ihre Organisationen müßten rechtlich und sozial als RepräsentantInnen ihrer Rechte und Interessen anerkannt werden. Diese Forderung ergibt sich aus der Erfahrung, daß den Kindern zwar zugebilligt wird zu »partizipieren«, aber ihren Organisationen die Legitimität und Repräsentativität abgesprochen wird, im Namen der Kinder zu handeln. Entweder man bestreitet, daß Kinder überhaupt in der Lage seien, eigene Organisationen hervorzubringen, oder man unterstellt ihnen, sie seien das Ergebnis von Manipulationen interessierter Erwachsener. RepräsentantInnen der Kinderbewegungen sahen sich auf nationalen und internationalen Veranstaltungen oft dem Vorwurf konfrontiert, sie seien mit 16, 17 Jahren »zu alt«, um für Kinder zu sprechen, oder wenn sie jünger waren wurde ihnen unterstellt, sie könnten keine eigene Meinung haben und das, was sie äußern, sei ihnen von Erwachsenen eingeflüstert worden. Erwachsene hingegen, die als VertreterInnen einer NGO oder einer Regierung beanspruchten, sich für die Rechte und das Wohl der Kinder einzusetzen, hatten von vornherein den Bonus des »Kinderexperten« und mußten sich nicht fragen lassen, ob sie das Vertrauen der Kinder genießen, für die sie sprachen, oder ob sie von diesen beauftragt worden waren.
Um ihre gleichberechtigte Mitwirkung durchzusetzen, bestehen die Kinderorganisationen darauf, z. B. auf Konferenzen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mit mindestens so vielen Kindern wie Ministern vertreten zu sein und die Programmplanung mitbeeinflussen zu können. Des weiteren fordern sie, neben Regierungen, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften in den Gremien der ILO als gleichberechtigte Interessengruppe repräsentiert zu sein. Damit hoffen die Kinder, zumindest den Anspruch verankern zu können, daß ohne ihre Zustimmung keine Entscheidungen mehr über sie getroffen werden.
Manfred Liebel ist Prof. für Soziologie an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt: Internationale Kindheits- und Jugendforschung |