Kindheit
Kinder und Leute
Die kulturelle Konstruktion von Kindheit
von Pia Haudrup-Christensen
Kindheit ist kein natürlich festgelegter Lebensabschnitt. Vielmehr definiert die Gesellschaft, was Kinder ausmacht und sie von Leuten unterscheidet. Womöglich ist sogar das hierzulande fest verankerte Wissen um die Bedeutung der frühkindlichen Prägung und Erziehung für das »erwachsene Leben« eine Erfindung. Die Geschichte des bürgerlichen Konzepts von Kindheit legt jedenfalls diesen Schluß nahe. Die Empörung über die Kinderarbeit würde dann vor allem zeigen, wie der Norden dem Rest der Welt sein Konzept vom Kind als »unfertigem« Wesen überstülpt.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema »Kinder« erfordert eine Kritik der jeweiligen kulturellen Begriffe von Kindheit. Die meisten traditionellen, wissenschaftlichen und populären Darstellungen ignorieren zunächst, daß Kinder keinen oder nur geringen Einfluß auf ihre eigene soziale Repräsentation haben. Sie betrachten Kinder nicht als Subjekte, sondern konzentrieren sich darauf, wie Kinder von anderen »behandelt« werden. Außerdem ist die Darstellung von Kindern in der sozialen und kulturellen Theorie von einem Gegensatz geprägt: Man kann sich das Kind ebensowenig ohne einen Begriff vom Erwachsenen vorstellen, wie es scheinbar unmöglich ist, den Erwachsenen und seine Gesellschaft darzustellen, ohne einen Begriff von Kindheit zu postulieren.
Kern dieses »Andersseins«, d.h. des sozial und kulturell konstituierten Gegensatzes zwischen den Kategorien Kind und Erwachsener, sind stigmatisierende Vorstellungen vom anderen. Dabei »brauchen« die beiden Kategorien einander: Die Etablierung der Norm des »Erwachsenen« als einer unabhängigen, verantwortungsvollen und aktiven Person bedingt ihr Komplement in Form der Vorstellung, daß Kinder abhängig, inkompetent und verletzlich sind. Zurückführen läßt sich diese Wahrnehmung der »Andersartigkeit« auf ein Verständnis von der Sozialisation des Individuums als Kontinuum. Stück für Stück wird demnach die Andersartigkeit vom Kind hin zum Erwachsenen überwunden. In diesem vorherrschenden Konzept werden die Menschen erst zu dem, was sie sind ? durch den Einfluß ihrer Eltern und durch die Erziehung, die über Entwicklung des Einzelnen und sein zukünftiges Leben entscheidet.
Die Geschichte der Kindheit
Welche Vorstellungen existieren nun im Westen von moderner Kindheit? Ein Klassiker der historischen Kindheitsforschung, Philippe Aries1, behauptet, im Mittelalter hätte das Kind keinen spezifischen sozialen Status inne gehabt. Eine Vorstellung von Kindheit existierte nicht. Kinder bildeten einen Teil der Gesellschaft und nahmen an der Arbeit und an anderen sozialen Aktivitäten teil, sobald sie nicht mehr ständige mütterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit benötigten. Das Wort Kind implizierte eine Abstammung, eine Beziehung und Position in der Familie und bezog sich nicht auf eine Hierarchie des Alters. Kinder ab dem Alter von sechs bis sieben Jahren wurden als Erwachsene betrachtet ? ein »kleiner Erwachsener« oder ein fehlerhafter Erwachsener ? mit wichtigen Rechten und Verantwortung.
In der Zeit der Industrialisierung entstand dann die Kindheit im bürgerlichen Verständnis von Intimität, Privatheit der Familie und Bildung. Die Kindheit wurde zunehmend zu einem Zeitraum der »Quarantäne«, wo eine spezielle schützende Fürsorge nötig war. Das Kind lernte und bereitete sich auf das zukünftige Erwachsenenleben vor. Es entwickelte sich, um ein volles und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Aries schließt, daß diese Fürsorge und Kontrolle durch Familie, Kirche, Moralisten und Vormünder die Kinder der Freiheit beraubte, die sie vorher unter Erwachsenen genossen hätten. Die Schaffung der modernen Kindheit führte zur Bildung spezifischer sozialer Welten, wie z.B. der Mutterschaft bzw. der frühkindlichen Bindung an die Mutter sowie die Trennung von Spiel, Schule und Arbeit.
Es sind also zwei Konzepte, die im Westen die Grundlage der kulturellen Sicht auf die Kindheit bilden und sie damit strukturieren. Das erste trennt Kinder von Erwachsenen und definiert die ideale Familie als Kerneinheit der Sozialisation. Als soziale Institution wird sie zu dem Ort, der für die angemessene Entwicklung und Aufrechterhaltung der Gesundheit sowohl der Kinder als auch der Eltern sorgt. Innerhalb der Familie bedeutet dieses Konzept, daß die Erwachsenen die Position von verantwortlichen Versorgern und Beschützern des Kindes einnehmen, während das Kind die Position von jemandem erhält, der »noch nicht Teil der Gesellschaft« ist und Fürsorge, Schutz und Ausbildung empfängt.
Das zweite Leitbild trennt Kinder von Erwachsenen im Produktionsprozeß. Die Vorstellung vom Kind implizierte, daß es formell vor der Arbeit beschützt wird. Das Kind hat also den Status eines »Nichtarbeiters«. Man erlaubt ihm nicht zu arbeiten und spricht ihm stattdessen das »Recht« und die Pflicht zu Bildung und Wissen zu.
Dieses moderne Kindheitskonzept, das durch die Zuschreibung von Abhängigkeit und Fürsorgebedürfnis charakterisiert ist und das Kind als passiven Empfänger konstituiert, steht in deutlichem Kontrast zur Position von Kindern in Gesellschaften, die abhängig sind von deren Zuschuß zum Familieneinkommen. Während die Beiträge von Kindern in Form von Arbeit, Unterstützung der Älteren oder Betreuung der Jüngeren hier betont und geschätzt werden, gelten sie in modernen westlichen Kindheitsvorstellungen als unbedeutend für das gesellschaftliche Leben.
Dies hat nicht zuletzt mit der Vorstellung von der Sozialisation des Inidviduums zu tun. Lange Zeit herrschte in der Soziologie ein Verständnis von Sozialisation vor, das diese ausschließlich als einen gesellschaftlichen (und weniger als individuellen psychologischen) Prozeß begriff, an dessen Ende die Integration der Menschen in eine Gesellschaft stand. Dieses Konzept polarisierte zwischen einer unzivilisierten und asozialen menschlichen Natur auf der einen Seite und einem zivilisierten, sozialen Wesen auf der anderen. Am unziviliserten Pol verortete diese Unterteilung das Kind als ein »natürliches« Wesen, welches durch die Gesellschaft erst sozialisiert werden müsse. Hier wurde das Kind als passiver Empfänger, als leeres Gefäß mit »potentieller Sozialität« wahrgenommen.
Daß später Vorstellungen von Sozialisation als interaktivem Prozeß entwickelt wurden, die das Kind als aktive, soziale Person begreifen, die sich in Beziehungen und Interaktionen mit anderen entwickelt, kümmerte die Kulturwisenschaft zunächst wenig: In erster Linie beschäftigte sie sich bis in die 60er Jahre mit der Frage, wie die soziale und materielle Umgebung und das kulturelle System, in dem das Kind aufwächst, vom Kind verinnerlicht und auf diese Weise kulturelle Werte, Traditionen und die Organisation der Gesellschaft aufrechterhalten werden. Die vorherrschende Vorstellung vom Kind war also die einer Person, die zu einem sozialen Wesen erst modelliert wird. Das Kind wurde als unfertige Existenz bewertet, die ? durch Lernen ? in Richtung eines Ziels, nämlich seinen oder ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, sozialisiert wird.
Mit dieser Perspektive beobachteten auch die Kulturwissenschaften Erwachsene und besonders Mütter, die Kinder versorgten und ausbildeten. Erwachsene wurden über ihre Wahrnehmungen und Vorstellungen befragt und zum Schluß fügte der Forscher eine Interpretation des von ihm selbst bei Kindern beobachteten Verhaltens hinzu. Vor allem die Ethnologin Margret Mead hat durch ihre Felduntersuchungen in Samoa und Neu-Guinea großen Einfluß auf spätere anthropologische Studien über Kinder ausgeübt.2 Sie konzentrierte ihre Forschung auf die Kindererziehung, auf Geschlechterrollen und das Gefühlsleben von jungen Erwachsenen. Sie behauptete, daß in kulturvergleichenden Studien universell gültige Konzepte von Kindheit festgestellt werden könnten, und schloß daraus, daß es biologische Ähnlichkeiten beim Aufwachsen, bei den Mutter-Kind-Beziehungen und hinsichtlich der grundlegenden Bedürfnisse von Kindern gäbe. Ihrer Auffassung nach existiert eine universelle Ähnlichkeit, wie Erwachsene Kinder wahrnehmen: Kinder sind in den Augen der Erwachsenen, mit denen sie leben, hilflos, schutz-, bildungs- und führungsbedürftig (1955). Daß Meads Ergebnisse nicht zuletzt Resultat ihrer bereits »mitgebrachten« eigenen Sichtweise darstellen, zeigt ihre untersuchungsleitende Fragestellung: »Ich beobachtete das Manus-Baby, das Manus-Kind, den Manus-Heranwachsenden, in dem Versuch, die Art und Weise zu verstehen, in der jeder von ihnen zu einem Manus-Erwachsenen wird« (1962).
Dies stellten Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre Kritiker dann auch fest. Sie bemängelten, daß Studien über Kultur und Persönlichkeit ein fast mechanistisches und deterministisches Erklärungsmuster zugrundeliege, welches voraussetzt, daß lebensgeschichtlich frühe Ereignisse zu entsprechenden Folgen in späterer Zeit führten. Tatsächlich könne jedoch kein klarer und konsistenter Zusammenhang zwischen Praktiken der Erziehung von Kleinkindern und der jugendlichen oder erwachsenen Persönlichkeit in einer bestimmten Kultur erkannt werden. Dennoch ist die auf der westlichen Wahrnehmung von Kontinuität beruhende Vorstellung von Kindheit in hohem Maß unhinterfragt geblieben.
Mit Autonomie belohnt
Dominiert wird jedoch die moderne westliche Sichtweise von der Vorstellung, daß sich das Kind zu einer autonomen Person entwickelt. Autonomie hängt hier eng zusammen mit einem Individualismus, der seinerseits historisch auf der Entdeckung und Institutionalisierung des Privaten beruht. Unabhängigkeit, Unversehrtheit und Schutz der Privatsphäre gelten uns als Ergebnis des Verhaltens und der Reaktionen anderer Menschen uns gegenüber. Sie stellen ein Produkt von Rechten und Privilegien dar, die andere garantieren. Solch kulturell bedingtes Verständnis von Unabhängigkeit und Privatheit wird in der tagtäglichen Beziehung von Erwachsenen und Kindern erfahren und verankert. Tatsächlich macht das Kind aus der Perspektive des Erwachsenen (und des Forschers) einen Entwicklungsprozeß durch ? einen Prozeß des Lernens, der Ausbildung und der Reife, der mit der Erlangung der an die autonome Person gekoppelten Rechte »belohnt« wird. Es gibt allerdings keinen Grund zu meinen, daß Kinder ihr Leben in den Termini eines solchen »Lern- und Bildungsprozesses« wahrnehmen. Aus der Perspektive des Kindes handelt es sich um konkret erfahrene Beziehungen, Situationen und Handlungen, denen es eine besondere Bedeutung zuschreibt.
Die (erwachsene) Vorstellung vom Prozeß der kindlichen Entwicklung ist eng verbunden mit der Norm der graduellen Emanzipation und Trennung der Kinder von ihren Eltern. Moderne Psychologen und Psychiater betrachten dies meist als »natürlichen« Schritt auf dem Weg zum autonomen Individuum.
In anderen Gesellschaften kann allerdings eine völlig andere Sichtweise vorherrschen. Die Mitglieder der Gesellschaft der Fulani in Burkina Faso etwa erwarten nicht, daß ein Kind einen Trennungsprozeß durchmacht, der unweigerlich damit endet, daß es zuhause auszieht und eine eigene Familie gründet. Das Kind bleibt in der Gemeinschaft oder in unmittelbarer Nähe und lebt mit seiner eigenen Familie weiterhin dort. Außerdem bestreiten die Fulani, daß ihre Handlungsweise als Eltern irgendeinen Einfluß darauf hätte, wie das Kind als Erwachsener sein wird. Auf der Basis solcher Beobachtungen läßt sich argumentieren, daß die Trennung eine kulturell bedingte Prämisse ist, der sich Eltern in der westlichen Kultur aussetzen.
Vor diesem Hintergrund läßt sich die große Bedeutung, die in modernen Gesellschaften der frühen Kindheit für das spätere erwachsene Leben beigemessen wird, als Möglichkeit für die Eltern interpretieren, ihre Beziehung zum Kind auch nach der Trennung aufrechtzuerhalten. Die Kindheit ist dann der Zeitraum, in dem Eltern nachhaltig, d.h. über die Trennung hinaus, Einfluß auf das Leben ihrer Kinder nehmen können.
Diese Ideologie vom Individuum, vom unabhängigen Selbst und die Erfahrung der Trennung von anderen Menschen prägt auch die Selbstwahrnehmung des Kindes. Ohne daß also eine wesentliche Verbindung zwischen Kindheit und der sozialen Identität des Erwachsenen nachzuweisen wäre, beeinflußt sie die Form, in der wir unseren Erfahrungen Bedeutung beimessen. Die im allgemeinen dem frühkindlichen Sozialisationsprozeß beigemessene Bedeutung prägt unser Verständnis von Kindern und Kindheit und verhindert, daß diese als etwas Eigenständiges wahrgenommen wird ? eben nicht lediglich als »Vorexistenz« oder in Beziehung zu einem zukünftigen Ziel, sondern als ein gegenwärtiger Wert für Kinder, ihr Leben, ihre Werte und ihre Beziehungen.
Kinder sind Co-Autoren
Kindheit kann weder als natürliches noch als universelles Phänomen verstanden werden, sondern ist in jeweils spezifischer Weise sozial und kulturell konstruiert. Das Bild sozialer Unreife ist nur eines von vielen möglichen. Die Vorstellung von Kindheit ist in Dänemark, England oder verschiedenen Gesellschaften Afrikas wohl unterschiedlich aufgebaut. »Kindheiten« unterscheiden sich, denn ihre Definition hängt von Zeit und Raum ab. Sie sind eingebettet in soziale Strukturen wie soziale Klasse, Ethnizität und Geschlecht. Die Variable »Zeit« etwa bestimmt wichtige soziale Kategorien wie die Vorstellung von Generationen (Kind, Jugendlicher und Erwachsener). Trotz der unterschiedlichen kulturellen Konzepte von Zeit oder Geschlecht werden beide meist als quasi »natürliche« Unterscheidungen zwischen Kindern und Erwachsenen dargestellt. So erscheinen Kinder oft, als seien sie »geschlechtslose Wesen«. Immer noch werden Untersuchungsergebnisse vorgestellt, deren Datenerhebung nicht zwischen Jungen und Mädchen unterscheidet. Dabei ist es offenkundig, daß die anscheinend natürlichen Unterscheidungen von Alter und Geschlecht ersetzt oder überlagert werden können von anderen Kategorien wie z.B. Familie, sozialer Status, Geschwister- und Freundschaftsbeziehungen. All dies kann die Perspektive der einheitlichen Kindheit durch ein Verständnis der Konstituierung verschiedener »Kindheiten« ersetzen.
Zudem sollte das Kind als eigenständige, soziale Person auf der Basis seiner eigenen Perspektive betrachtet werden. Kinder sind aktiv in der Konstruktion und Bestimmung ihres sozialen Lebens und müssen auch so wahrgenommen werden. Sie sind aktiv im Leben anderer Leute, die sie umgeben, und in der Gesellschaft. Das Kind als sozial Handelnden wahrzunehmen, bedeutet auch, seine Handlungen als Quelle sozialen Wandels anzuerkennen. Soll also die bestehende Strukturen reproduzierende und diese gleichzeitig transformierende Entwicklung von Kindern in der Gesellschaft berücksichtigt werden, darf die Person nicht nur als »Produkt« verstanden werden , wie es in vielen Studien der Fall ist, die die Gesellschaft und ihre Institutionen entweder als unterdrückerisch oder befreiend für Kinder darstellen, sondern diese müssen vielmehr als Mitautoren der Realität gelten.
Dabei sind Kinder zweifellos von sozialen Strukturen umschlossen, die sie behindern oder fördern. Es sind dies aber komplexe Beziehungen zwischen Person und Gesellschaft, zwischen Kindern und Institutionen und formelle wie informelle Hierarchien. Sie alle wirken auf das Leben von Kindern ein ? und umgekehrt. Daher kann die Lebenswelt der Kinder nicht getrennt von der »erwachsenen«, sondern nur als Zusammenspiel aus den Perspektiven von Erwachsenen und Kindern begriffen werden.
Anmerkungen:
1 Philippe Aries, Centuries of Childhood, A social History of family life, London 1962
2 Margaret Mead, Theoretical setting, in: M. Mead & M. Wolfstein (eds), Childhood in Contemporary Culture, University of Chicago Press 1955; dies.: Male und Female, London 1962
Von der Redaktion stark gekürzter und bearbeiteter Text aus: KEA ? Zeitschrift für Kulturwissenschaft Nr. 6/1994; Übersetzung aus dem Englischen: Chr. Neven-du Mont |