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(Artikel * 1999) die Redaktion
Kindheit(en) Kindheitskonzepte - Kinderarbeit
in Blätter des iz3w Nr. 234 * Seite 21 - 21
Themen: Kindheitskonzepte * Dok-Nr: 131099
Kindheit

Kindheit(en)

Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Wer Spenden empfangen will, muß dafür werben. Wer erfolgreich werben will, braucht eine Message, die sich problemlos im Bild darstellen läßt und den Zugriff auf die Emotionen der Betrachter ermöglicht. Wer es schafft, potentielle Spender zu rühren, hat schon fast gewonnen.

Woran liegt es, daß Spendenwerbung gerade im entwicklungspolitischen Bereich so gerne auf die bildliche Darstellung von Kindern zurückgreift ? selbst wenn die beworbenen Projekte gar nicht auf Kinder zugeschnitten sind? Warum sind Kinder trotz aller jahrzehntelanger Kritik am Paternalismus westlicher karitativer Entwicklungskonzerne noch immer die beliebteste Projektionsfläche für den in Spendenbereitschaft transformierbaren Impuls, »Schwachen« helfen zu wollen? Diese Fragen führen direkt zum Ausgangspunkt unseres Themenblockes, die verschiedenen gesellschaftlichen Konzeptionen von Kindheit(en).
. Die dominanten Kindheitskonzepte westlicher Gesellschaften begreifen Kindsein noch immer als grundlegenden Mangel- und Defizitzustand. Kinder werden wahrgenommen als Schwache, die alleine ? d.h. ohne Erwachsene ? ihr Leben nicht bewältigen können, die lernen müssen, für die Gesellschaft nützlich zu sein, die sich Realitätssinn erst noch erwerben müssen. Diese Sichtweise, die in Kindern nicht vorrangig handelnde Subjekte, sondern die Objekte des Helfenwollens und der Erziehung sieht, wird im Nord-Süd-Kontext noch einmal zugespitzt. Die Kinder in Ländern des Südens werden hierzulande vornehmlich als Arme, Ausgebeutete, Unterdrückte und Mißbrauchte dargestellt, denen mit Erziehungs- und Schulprogrammen geholfen werden muß. Unzweifelhaft sind Kinder in diesen Gesellschaften ? nicht anders als in den westlichen Ländern ? tatsächlich meistens in einer Situation der Unterordnung. Die Verengung des Blickwinkels auf den Opferstatus von Kindern ist jedoch kaum mehr als die Kehrseite der gleichen Medaille: Kinder werden weder von ihren Unterdrückern noch von den Anklägern dieser Unterdrückung als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen.

Am Beispiel der Debatte um Kinderarbeit läßt sich dies aufzeigen. Kinderarbeit in Ländern des Südens wird hierzulande pauschal gleichgesetzt mit Zwangsarbeit, Abhängigkeit und Zerstörung körperlicher Unversehrtheit. Diejenigen, die die Arbeitskraft von Kindern verwerten, gelten als Verbrecher, die hinter Schloß und Riegel gehören. Aktionen und Kampagnen gegen Kinderarbeit genießen höchste Aufmerksamkeit, und die Teppichabteilung des Karstadt-Konzerns hat gute Gründe, warum sie ihre Waren mit dem Hinweis anpreist, sie seien unter Verzicht auf Kinderarbeit geknüpft worden.
Die Realität der Kinderarbeit ist komplexer, als sie hier aufscheint. Beim »Global March Against Child Labour«, der im Sommer diesen Jahres durch zahlreiche Städte auch in Deutschland führte, klang immer wieder von Seiten der Kinder an, daß ihr erstrangiges Ziel nicht das totale Verbot von Kinderarbeit sei, sondern ein menschenwürdiges Leben. Das ist ein entscheidender Unterschied. Nicht umsonst steht dieser Aspekt bei den zahlreichen Kinderrechtsorganisationen in Lateinamerika im Vordergrund. Sie betonen, daß Arbeit je nach Lebensumfeld Kindern nicht selten größere Möglichkeiten der (relativen) Selbstbestimmung eröffnet als die Abhängigkeit von autoritären, zerrütteten Familienstrukturen oder die Einbindung in staatliche Erziehungsprogramme. Auch wenn man die Frage verneint, ob abhängige Lohnarbeit überhaupt zur Emanzipation ? gleich ob von Kindern oder von Erwachsenen ? beitragen kann, muß man nicht ausschließen, daß bestimmte Formen von Kinderarbeit unter Umständen das kleinere Übel sein können.

Der Antipädagogik der 70er Jahre ist die Einsicht zu verdanken, daß die als positiver Gegensatz zur Kinderarbeit aufgebauten pädagogischen Maßnahmen wie z.B. der Schulunterricht keineswegs zur Herausbildung autonomer Persönlichkeiten führen müssen. Schulen sind in den meisten Fällen auch heute noch disziplinarische Zwangsregime, die mittels der Anwesenheitspflicht und der Schuluniformen nicht nur über die Körper, sondern ? viel weitgehender ? auch noch über die Gedankenwelt der Kinder verfügen. Die Suche nach Konzepten, die wie Paulo Freires »Pädagogik der Unterdrückten« trotz aller Widersprüchlichkeiten wenigstens nach den Möglichkeiten maximaler Selbstbestimmung suchen, bleibt daher aktuell, gerade weil die Denunziation antiautoritärer Erziehung zum Allgemeinplatz geworden ist.

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