Flucht und Migration
Survival of the Fittest
Alltag an der Grenze zwischen Mexiko und den USA
von Bettina Kleiber und Friederike Habermann
Es ist Freitag 11 Uhr. Zeit für die allwöchentliche Pressekonferenz unter der Stellwand in Tijuana. Sie zeigt die Todesopfer der ?Operation Gatekeeper? an. Operation Gatekeeper wurde vor vier Jahren vom Zentrum für Konflikte niedriger Intensität (CLIC), einer Behörde des US-Verteidigungsministeriums, entwickelt und soll für die Perfektionierung der technischen Überwachung und die Verstärkung der Grenzzäune zwischen dem US-Bundesstaat Kalifornien und dem mexikanischen Bundesstaat Baja California sorgen. Auf der Stellwand in Tijuana steht diese Woche die Zahl 340. 340 Tote in vier Jahren. 340 tatsächlich gefundene und dem mexikanischen Konsulat in Los Angeles gemeldete Tote auf dem Grenzgebiet zwischen Tijuana und der zwei Stunden entfernten Stadt Mexicali, dazu 26 Vermißte. Wieviele mögen nicht nur nie gefunden, sondern von niemandem gesucht worden sein in dem unwegsamen, bergigen Wüstengebiet, durch das die Grenze verläuft? Auf einem Foto, das erst vor drei Wochen von der Stellwand gemacht wurde, ist noch die Zahl 322 zu lesen. 18 verdurstete, erfrorene oder gar von der Border Patrol erschossene Menschen, die als Undokumentierte versucht haben, die Grenze zu den USA zu passieren, sind seitdem hinzugekommen.
Inzwischen gehören die toten MigrantInnen, zu deren Gedenken die Stellwand mit den abwaschbaren schwarzen Ziffern an einer der belebtesten Kreuzungen der Stadt aufgestellt wurde, zum Alltag in Tijuana. Um das Interesse der Presse für etwas derart Alltägliches wachzuhalten, müssen sich die sozialen Einrichtungen wie das Casa del Migrante (Männer) oder das Casa Madre Assunta (Frauen und Kleinkinder), die sich um die MigrantInnen kümmern, schon etwas einfallen lassen: So entstand die Idee, anläßlich des mexikanischen Totenfestes entlang des Blechzauns 340 Kreuze mit den Namen der hier verstorbenen MigrantInnen aufzureihen. Einige Kreuze tragen lediglich die Aufschrift: »Nicht identifiziert« und eine grobe Altersschätzung ? 30, 25, 20. Doch die meisten weisen Namen auf, das genaue Alter, und die Herkunft der gefundenen Toten: Carmen Cardona Lopez, 23, El Salvador; Epifanio Cardenas Silva, 36, Michoacan; Victor Nicolas Sanchez, 30, Oaxaca, ... An jedem der Kreuze ist eine Kerze befestigt. Mit dem Entzünden der Lichter kommen die Helfer aus dem Casa del Migrante allerdings nicht nach, da der Fahrtwind der vorbeibrausenden Autos sie immer wieder ausbläst. Obwohl eine Schnellstraße, brauchen die AutofahrerInnen lange, bis sie die Kreuze passiert haben. Einer hält seinen Jeep, und hilft dabei, zwei, drei Kerzen wieder anzuzünden: Auch sein Bruder ist beim Grenzübertritt ums Leben gekommen. Allerdings weiter östlich ? ein Kreuz von ihm wird er hier nicht finden können.
Es dauert lange an diesem Morgen bis sämtliche Namen der 340 Toten noch einmal verlesen sind. Als prominenter Köder, um die Presse an diesen symbolischen Friedhof an der Schnellstraße zum Flughafen zu locken, dient der Bischof von Tijuana. Der Kirchenmann mit konservativem Ruf segnet die Kreuze, spricht aber auch ein paar deutliche Worte über die Verantwortung, die sowohl die US-amerikanischen als auch die mexikanischen Behörden für die Toten an der Grenze tragen. »Diese Menschen starben nicht an Wassermangel, nicht aus Hunger und nicht an der Hitze in der Wüste, sondern sie sind die Opfer der Politik, die diese Grenze errichtet.« Gegen diese Politik wendet sich seit Juni diesen Jahres auch eine binationale »Rettungskampagne«. Sie konnte aber nicht verhindern, daß allein in den vier Monaten bis Oktober weitere 78 MigrantInnen bei dem Versuch, die Grenze heimlich zu übertreten, starben. Neben der im Rahmen des NAFTA-Abkommens beschlossenen Operation Gatekeeper sind noch weitere Gesetzesänderungen vereinbart worden. So haben die USA mit dem Illegal Immigration Responsibility Act hohe Strafen für den Grenzübertritt mit gefälschten Papieren, für den wiederholten Versuch, die Grenze ohne Papiere zu überqueren und besonders für das »Schleppen« von Menschen festgelegt ? für die ?polleros? also, ohne deren Hilfe die Gefahr, sich zu verirren, noch größer ist. Obwohl damit die finanziellen, sozialen und menschlichen Kosten und Risiken der Grenzüberschreitung enorm gestiegen sind, hat sich die Zahl der undokumentierten Grenzübertritte nicht verringert. Allerdings sind die MigrantInnen nunmehr gezwungen, weiter östlich am Fuße der Rumorosa ? einer schroffen Berglandschaft, welche die Border Patrol fast nur aus der Luft kontrollieren kann ? ihr Glück zu versuchen. Nach den Statistiken der Border Patrol ist zwar die Zahl der im Raum San Diego aufgegriffenen heimlichen GrenzgängerInnen von Oktober ?97 bis September ?98 um 32.251 gesunken, gleichzeitig jedoch die Zahl der Festnahmen im östlich gelegenen Imperial Valley um 80.493 gestiegen.
Doch gleich wieviele Bodensensoren, Suchscheinwerfer und Zäune die Border Patrol aufstellt ? sie ändern nichts an den für viele MexikanerInnen miserablen Lebensbedingungen. Und die sind es schließlich, die sie ihr Leben riskieren lassen, um auf die andere Seite zu kommen. Während nun auf der einen Seite die Grenzüberschreitung verhindert werden soll, ist auf der anderen jenseits der Grenze in den letzten vier Jahren kein Arbeitgeber von illegalen Migranten rechtlich belangt worden. So macht ein Gedanke die Runde in Tijuana und selbst der Chef der mexikanischen Migrationsbehöde INM spricht ihn inzwischen aus: Nach dem Motto ?Survival of the Fittest? werden billige Arbeitskräfte für den US-Markt »selektiert«.
Bettina Kleiber und Friederike Habermann arbeiten als freie Journalistinnen in Mexiko.
»Es war vor einem Monat. Wir waren zu viert. Die Border Patrol hatte uns entdeckt und uns gedroht, wir sollten stehenbleiben, sonst würden sie uns in die Beine schießen. Wir waren natürlich erschrocken und sind weggelaufen. Ich habe noch einen Kameraden aus dem Schlamm gezogen, in dem er steckengeblieben war. Mit seinen Turnschuhen in den Händen ist er schließlich als letzter von uns gelaufen. Der erste Typ von der Patrouille hat uns nur festnehmen wollen, doch der andere war so wütend, daß er mit dem Jeep angefahren kam, das Licht ausschaltete, zunächst auf den letzten einprügelte, sich dann unter den Wagen bückte und dreimal auf ihn schoß.«
Jisi Mar, 28, Migrant aus Acapulco/Mexiko
im November 1998 |