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Das Ende einer Illusion und die Drogengesellschaft
von DOB und THC
Mit Prohibition und Propaganda wird den Drogen immer wieder der Kampf angesagt. Doch dabei wird nicht nur verkannt, daß Verbote und dümmliche Kampagnen lediglich den Tausch- und Gebrauchswert von Drogen erhöhen. Übersehen wird vor allem, wie sehr der Kapitalismus auf Drogen angewiesen ist ? und keineswegs im Sinne von »Opium des Volkes«. Im Gegenteil: Jede Akkumulation braucht den »Kick«, den nur die Wa(h)re Droge liefern kann.
Es gibt keine drogenfreie Gesellschaft und schon gar keine drogenfreie kapitalistische Gesellschaft. Im Gegenteil: Die Drogen nehmen einen prominenten Ort in der politischen Ökonomie des Kapitalismus ein. Es sind nicht nur die gigantischen Finanzströme, die durch Drogen bewegt werden, und es ist nicht nur der hohe Tauschwert einer Droge, der Kapitalismus und Drogen als kompatibles Paar ausweist. Die Seinsverwandtschaften liegen tiefer. Drogen haben einen spezifischen Gebrauchswert. Rausch und Ekstase versprechen gesteigerte Befriedigung und folgen damit den Konsumformen und den Heilsversprechen der Warengesellschaften. Und wenn man entgegen der marxistischen Sicht davon ausgeht, daß im Kapitalismus der Gebrauchswert nicht vollständig im Tauschwert aufgeht, sondern weiterhin ein Eigenleben führt, dann kann der Wert der Drogen für die Entwicklung des Kapitalismus kaum noch überschätzt werden: Zu den äußerlichen und objektiven Steigerungsformen von Mehrwert und Akkumulation gesellt sich mit den Drogen ein inneres und nicht weniger wirksames Pendant, eine Art von emotionalem Äquivalent des Geldes.
Ein Blick auf die Triebkräfte des Kapitalismus erhellt diese These. Es geht um das Motiv des Tausches, um das versteckte »Gut« in den Gütern, das der Tauschakt einbringen soll. Dabei handelt es sich nicht nur um den ökonomischen Mehrwert, sondern stets auch um die Minimierung des Leidens und, positiv gewendet, um die Maximierung der Lust. Der subjektive Kern des Gebrauchswertes ist also der sich beständig steigernde Schätz- und Gefühlswert, und genau das ist es, was man als die »Drogenwirkung« der Waren und zugleich als emotionale Bedingung der Akkumulation bezeichnen könnte. Doch damit nicht genug. Drogen steigern nicht nur Gefühle, wie es beliebige Waren könnten, sie steigern sie in einem erweiterten und symbolischen Maße. Direkter als alle anderen Formen des Konsums bedienen sie die Sehnsucht nach dem Kick und verdeutlichen umstandslos, was Steigerung der Lust bedeutet. Die Logik der Überbietung, die durch Drogen körperlich erfahrbar wird, erweist sich bei ausreichend fortgeschrittener Entwicklung des Kapitalsystems als ein unverzichtbares strategisches Instrument der Bedarfsweckung. Denn die zu abstrakt gewordenen Akkumulationsprozesse mit ihren fortlaufenden Überbietungsprozeduren bedürfen zu ihrer Akzeptanz und weiteren Fortsetzung einer Rückbindung an die Gefühlswelt des Menschen. Man könnte auch von einer notwendigen Renaissance des Gebrauchswertes sprechen, in dem Sinne, daß Phänomene emotionaler Steigerung zur Vermittlung der äußeren und ökonomischen Beschleunigung unabdingbar sind. Somit stellt das Drogenritual durch seine Verbindung von Sehnsucht und Überbietung eine Ressource dar, die die Ökonomie zu ihrer Reproduktion mehr und mehr ausbeuten wird und muß.
Szenen einer Ehe ? der Kapitalismus und sein Heroin
Es ist schwer zu sagen, welcher pflanzliche Wirkstoff in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft die Ehre gehabt hätte, die erste Substanz zu sein, die die Chemiker in Reinform isolierten. Jedenfalls war es 1803 das Morphium, das das Wirkprinzip des Schlafmohns in kristalliner Form und nicht mehr steigerbarer Konzentration enthielt. Wenig später ging das Morphium seine Verbindung mit der Injektionsspritze ein, einer anderen auf die Spitze getriebenen Bemühung der modernen Medizin. Durch sie trat die Wirkung eines Pharmakons nicht nur schneller, sondern auch wesentlich effektiver ein. Die Gemütlichkeit Opium essender Jahrtausende hatte mit dem Siegeszug des intravenös verabreichten Morphiums im amerikanischen Bürgerkrieg und im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 ihr Ende gefunden. Viele jener Veteranen kehrten mit der »Soldatenkrankheit« zurück ? der Fortschritt hatte sie zu Morphinisten gemacht.
»Daß meine Schmerzen verschwunden waren, wurde in meinen Augen zu einer Kleinigkeit; ... hier war das Geheimnis des Glücks auf einmal entdeckt, über das Philosophen so viele Jahrhunderte diskutiert hatten; das Glück konnte jetzt für einen Penny gekauft und in der Westentasche mitgenommen werden, tragbare Ekstasen konnte man auf Halbliterflaschen abgezogen bekommen, und der Seelenfrieden ließ sich mit der Post versenden«, frohlockte schon 1821 Thomas De Quincey in den »Bekenntnissen eines englischen Opiumessers«. Der Rausch des reinen, intravenös gegebenen Morphiums stellte diese Erfahrung mit Sicherheit in den Schatten. Der dritte und letzte Akt der kapitalistischen Vergesellschaftung des Opiums und der Potenzierung seiner Wirkung war die chemische Synthese jenes Diacetylmorphins, das vor hundert Jahren als stürmisch gepriesener Hustensaft mit dem Handelsnamen Heroin auf den Plan trat. Nach Aspirin wurde es der zweite globale Verkaufsschlager des aufstrebenden Hauses Bayer. Ärzte wie Patienten warben für die Wirkung des Wundermittels, und alle fühlten sich nach dem Arzneikonsum sehr gesund und äußerst zufrieden. Heroin überbot noch den Lustgewinn des Morphiums, denn die herausragende Eigenschaft dieser chemischen Veredelung war die beschleunigte Überwindung der Blut-Hirn-Schranke. Es war, salopp ausgedrückt, der bis dato ultimative Kick.
In den 30er Jahren dieses Jahrhunderts verteilte der medizinisch-industrielle Komplex weltweit bereits mehr als 34 Tonnen Heroin, obwohl das enorme Suchtpotential schon seit längerem feststand. Längst verschwand der Großteil in graue Kanäle, nur noch etwa 10 Tonnen gab es auf Rezept. Erst nach dem Verbot (durch die Genfer Konventionen von 1931) wurde der pharmazeutische Supergau offensichtlich, das Heroin war damit allerdings nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Nach 70 Jahren Schwarzhandel und zum hundertsten Geburtstag stellt sich nicht die Frage ob, sondern nur noch wie Heroin resozialisiert werden kann. Über die kommenden Farben der Kanäle oder vorübergehende rechtliche oder moralische Beifügungen läßt sich nur spekulieren. Radikal formuliert läuten auch die gutgemeinten Bemühungen um Legalisierung und harm reduction eine Entwicklung von Rahmenbedingungen ein, die dem Heroin über kurz oder lang wieder den Status einer, für das System weitgehend gefahrlosen, Spaßdroge ermöglichen könnten. Sicher ist, daß die Süchtigen gegenwärtig nicht aus pharmakologischen Gründen in der Gosse liegen. Die Wissenschaft ist nur schuld an ihrer Sucht, aber erst die Gesellschaft verurteilt sie zum Tode.
Ebenso ist es denkbar, daß neue Generationen von Drogen das Heroin substituieren könnten und es allmählich auf eine dann historische Rolle reduzieren. Was sonst sollten die Pharmagiganten oder die Mafia in Zukunft noch anbieten können außer den Pillen gegen die Leiden, wenn nicht Pillen für mehr Lust und HighPerformance. Der Begiff der illegalen Drogen schrumpft zum Residuum einer moralischen Vorstellungswelt, die, noch wirksam, schon der Vergangenheit angehört. Der Gegensatz von legal und illegal wird sich in einem Spektrum optimierter kleiner Helfer völlig auflösen. Heroin, Kokain, Alkohol und Cannabis, Ecstasy, differenzierte Gefühlsverstärker oder Dämpfer wie Valium und Prozac, smart pills gegen das schlechte Gedächtnis, Hormone gegen Haarausfall und Viagra für die Abgeschlafften. Diese Liste wird sich noch lange verlängern lassen.
Für die Süchtigen ist das eigentliche Problem gelöst, sobald sie den benötigten Stoff bekommen. Für die kapitalistische Gesellschaft besteht das Drogenproblem neben moralischer Hysterie dagegen in einer allgemeinen Herausforderung der Gebrauchswerte der »normalen« Waren. Die künstlichen Paradiese des Konsums, die Einkaufstempel jeder Art, verblassen im Angesicht des ultimativen und umstandslosen Kicks. So wie dieser erst den emotionalen Antrieb für die Akkumulation und damit für die Entwicklung des Kapitalismus darstellt, ist er gleichzeitig eine Bedrohung für die Warengesellschaft, weil er den notwendigen Konsum von Otto Normalverbraucher als farblose und langweilige Angelegenheit entwertet. Die Verbreitung der Sucht droht, solange das chemische Glück dem durch andere Waren vermittelten überlegen bleibt. Drogen erfordern demnach stets die Schaffung und Bereitstellung von zufriedenstellenden Surrogaten ? ausreichend attraktiver »domestizierter« Kicks, die die Dynamik der Sucht in Schach halten und kanalisieren sollen. Diese Ausdifferenzierungen treten der zu rigorosen Wirksamkeit des Heroins entgegen und ermöglichen eine nachhaltigere Entwicklung der Drogenwirtschaft.
Die Beseitigung des Mangels in den Nationalstaaten, das Wecken und Befriedigen von Wünschen durch die Libidoökonomie, die Produktion der Bedürfnisse und der künstlichen Paradiese durch die Systeme der Simulation, so sind die Phasen der ökonomischen Transformationen von Denkern wie Deleuze, Lyotard oder Baudrillard skizziert worden. Antworten auf Verwertungskrisen waren immer auch das Abtasten der Sehnsucht und die darauffolgende Steigerung der Reize. Die Verbreitung der Drogen paßt so nahtlos in diese Entwicklung, daß sich die Frage aufdrängt, ob es sich dabei um eine Folgeerscheinung oder um einen zentralen Antrieb der Umwälzungen handelt. Im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus mußte der Verzicht der Verschwendung weichen, die Sexualität »befreit«, die Askese durch Hedonismus ersetzt und der Nutzen der Ware gegen die Ekstase des Konsums getauscht werden. Das andauernde Diktat des Mehrwerts hat den Lustgewinn in eine emotionale Profitmaximierung transformiert und die Ökonomie in eine Drogenökonomie. Die Überbietung ist ins Zentrum aller Wünsche gerückt. Da können die Drogen in einem allgemeineren Sinne überall nur auf dem Vormarsch sein.
Die Neuigkeiten aus Wissenschaft und Technik sprechen eine deutliche Sprache. Das Zauberwort »Neu«, das lange die Steigerung irgendwelcher Qualitäten markierte, hat dabei allerdings schon ausgedient. Beim Fortschritt des Kapitalismus ist beschleunigte Steigerung gefragt. Auch die Technik muß high werden, um eine ausreichend attraktive Differenz zum Vorhandenen auszudrücken.
HighEnd HighSpeed HighChem HighTech & High Performance
Dem technischen Taumel entsprechende Höhenflüge sind auch aus dem immer mehr gesellschaftlichen Raum einnehmenden Bereich des Sportes zu vermelden. Auch hier geht es immer mehr um Kicks durch Steigerung, darum, immer neue Wege und Möglichkeiten zu erproben, die die Lust auf körpereigene Drogen befriedigen sollen. Nicht selten geht mit den sog. neuen fun-Sportarten ein szenespezifischer Drogengebrauch einher, sind Kiffen und Streetball zwei Komponenten desselben Lifestyles. Im Sport/Drogen-Diskurs geht es aber auch um die Frage nach der Perfektionierung des menschlichen Körpers mit Hilfe leistungssteigernder Substanzen. Längst ist der moralische, soziale oder gar gesundheitliche Wert des Sportes à la Turnvater Jahn zur Sekundärtugend verwelkt. Heute zeugt dieser Glaube an den Sport nur noch von Einfalt. Antonio Samaranch, Präsident des IOC, fordert, nachdem er den Amateursport und die Olympischen Ideale liquidiert hat, ganz unverblümt Doping für alle. Jeder Sportler soll spritzen und schlucken was er kann, sofern dies nicht seiner »Gesundheit« schadet. Samaranch, das Schlitzohr, will die Frage nach legalem und illegalem Doping in die Entscheidungsgewalt der Ärtzte legen.
Diese Medikalisierung des Sportes ist eine vollkommene Parallele zur Medikalisierung des Konsums harter Drogen. Man bekommt, was man braucht, harte Muskelmacher oder Heroin, aber nur auf Rezept. Mit zunehmender Radikalisierung seiner Überbietungs- und Steigerungslogik, der Lust, an Grenzen zu stoßen und diese vielleicht zu durchbrechen, offenbart der kapitalistische Sport vor allem durch das Doping sein Wesen als Drogenritual. Trotzdem verklären die Anti-Drogen-Pädagogen den Sport nach wie vor als die Antithese zum Drogengebrauch und glorifizieren vermeintlich gesunde Körper gegenüber der vermeintlichen physischen Verweigerungshaltung der Drogenkonsumenten. Das Ergebnis sind die plakativen Paradoxien, die uns offen sichtlich mit dem marlborobeklebten, adrenalin- oder todessüchtigen Formel-1-Idioten als Alternative zum Drogengebrauch entgegenrasen. Unfreiwillige Komik und Drogenreklame in einem, denn nicht das treudoofe Verzichtsgesicht auf den »Keine Macht den Drogen«-Plakaten, sondern der schampusspritzende penetrante Siegertyp Michael Schumacher steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. So wenig wie er eignen sich denn auch alle anderen Popstars zur Antidrogenpropaganda. Gerade die Popkultur ? einst integraler Bestandteil der Revolte, längst integraler Bestandteil der Industrie ? operiert mit den Zeichen der Übertretung und Überbietung und steht mit dem von ihr propagierten Lifestyle für alles andere als Abstinenz. Wen interessieren schon die bekennenden und bereuenden Ex-Junkies im Showgeschäft oder ein zur Abwechslung mal nüchterner Harald Juhnke?
Von der archaischen Akkumulation zum Technotribe
Formen der Vorstellung, die den spätkapitalistischen Steigerungsphänomenen entsprechen, lassen sich schon im Rausch vergangener Zeiten finden. Die damaligen Drogenrituale können auch als Arche- oder Prototyp moderner Akkumulationsphantasmen gedeutet werden. Mircea Eliades Untersuchungen zu »Schamanismus und archaische(r) Ekstasetechnik« bieten eine Fülle von Hinweisen auf die zentrale Bedeutung der Ekstase in beinahe ausnahmslos allen Frühformen religiöser Ideen. Das wesentliche strukturelle Element dieser Erfahrungen besteht im »außer sich sein«, im Überschreiten der Körper- oder Ich-Grenzen, im Auffahren in die sieben Himmel und den Abstieg in sieben Unterwelten. Die notwendigen krisenhaften Erschütterungen werden dem Subjekt durch die verschiedensten Trance- und Ekstasehandlungen vermittelt. Die Einnahme psychotroper Pflanzen spielte dabei nicht von ungefähr eine entscheidende Rolle. Die Beeinflussung durch eine im Zentralnervensystem aktive Substanz stellt seit langem die direkteste und effizienteste Technik zur Erschütterung des Alltagsbewußtseins dar. Geändert hat sich in den letzten Jahrtausenden lediglich, daß der Verzehr ausgewählter Planzen um die Einnahme speziell konfektionierter Moleküle erweitert worden ist.
Die Erfahrung der Transzendenz im Rausch setzt eine Grenze voraus, die vom Normalbewußtsein ohne weiteres nicht überschritten werden kann. Aber nicht in der Transzendenz, sondern in der Transzendierbarkeit, in der Möglichkeit der Übersteigung, liegt der Sinn des Geschehens. Die Transzendenz ermöglicht nur das mehr oder weniger statische Konstrukt eines Jenseits, die Transzendierbarkeit dagegen eine immer wieder wiederholbare Überschreitung. Es geht um den Nachweis, daß keine empfundene oder vorgestellte Grenze eine endgültige sein kann. Ein endgültiges Ende wäre gleichbedeutend mit dem Verlust allen Sinns und Wertes, nur eine Maschine könnte unter dieser Bedingung ungerührt weitermachen. Die Menschen drängt es zur Suche nach Transzendenz, um durch das Aufschieben des Endes der Vernichtung des Wertes vorzubeugen. Trance, Rausch und Ekstase ermöglichen die Reproduktion der sinnstiftenden Phantasmen der Akkumulation. Schon die urtümlichen Formen der Transzendenz haben also wenig mit der Rückbindung des Menschen an Gott zu tun, sondern können als Antizipation der Rückbindung des Wertes an die Akkumulation gelesen werden.
Die meisten Phantasmen der Religion sind inzwischen durch die diesseitigen Heilsversprechen des Kapitalismus entzaubert und ersetzt worden. Die statische Transzendenz eines göttlichen Wesens hat ausgedient, doch die Akkumulation geht weiter. Und die eingeübten archaischen Rituale der Überbietbarkeit wirken in den Werten der bürgerlichen Aufklärung und der Moderne fort. Die Drogen haben dabei nur ihre religiöse Bedeutung verloren und dafür eine emotionale gewonnen, denn die diesseitige Transzendenz des Warenparadieses ist permanent durch Sinnausfall bedroht. Nur vordergründig stehen Drogen den bürgerlichen Werten entgegen, in Krisenzeiten ermöglichen sie dem Bewußtsein, neue Werte durch neue Phantasmen zu erschaffen. Der subversiv verstandene Drogengebrauch der Alternativkultur in den Sechzigern ist dafür ein ebenso anschauliches Beispiel wie die als angepaßt verunglimpften Drogenrituale der Technoszene. Im Fieber der Studentenrevolte erschienen die psychedelischen und »bewußtseinserweiternden« Substanzen als Waffe gegen die barbarische Sinnlosigkeit der Reproduktionsmaschinerie. Heute kann man genauer sagen, daß es sich nicht um Angriffs- sondern um Abwehrwaffen gehandelt hat. Letztlich lieferten sie Kompensationsmöglichkeiten für den Sinnverlust der Nachkriegsökonomie, die heute in verschiedenen Sparten der Bewußtseinsindustrie ausgebeutet werden.
Aus dem »fight the system« jener Tage ist das »ignore the system« der Technonomaden geworden, wobei im Feuilleton und innerhalb der linken »Sub«-Kultur darüber gestritten wird, was denn nun der richtige Widerstand im Falschen wäre. Die gegenwärtige Ignoranz mag für die 68er Kiffer unpolitisch sein, auf alle Fälle ist sie illusionsloser als der eingebildete Gegensatz zum ökonomischen Apparat. Genaugenommen waren die Kämpfe der heute Etablierten auch nur Scheingefechte. Unter diesen Bedingungen reimte sich Lustgewinn noch auf Sinn, es war eben die Jugendzeit der Libidoökonomie. Techno spielt dagegen schon mitten im Zeitalter der Simulation. In seinen Drogenritualen dient der Rausch nicht mehr zur Steigerung des Sinns, sondern zur Produktion von Differenz. Techno ist schon rasender Stillstand, denn mit der Simulation besteht der Sinn des Drogengebrauchs nicht mehr im Angriff oder der Verteidigung des Wertes, sondern in der Abwechslung, Zerstreuung und Betäubung. Die Frage nach dem Sinn erfolgreich zu umgehen, stellt das Fortbestehen der Akkumulation um der Akkumulation willen sicher.
Drogenrituale gehören inzwischen zum Kapitalismus genauso wie einst die protestantische Ethik oder die Erfindung der Dampfmaschine. Zu sehr sind Kapital und Droge miteinander verbunden, als daß man Drogen mit widerständigem Potential in Verbindung bringen könnte. Das Gerede von einer drogenfreien Gesellschaft macht ebenso wenig Sinn, denn die Kicks der Börsenmakler und die der DrogenbenutzerInnen gleichen sich ihrem Wesen nach. Alle Drogen sind Waren und umgekehrt. Man sollte endlich die moralischen Bedenken über Bord werfen und Drogen als das betrachten, was sie sind: Durchaus nicht zu beseitigende Zeitgenossen, die den Kapitalismus eher weiterentwickeln helfen als gefährden. Immerhin, für die subversiv gesinnten Insassen des Stahlgefängnisses gilt nach wie vor: Wenn Drogen den Kapitalismus schon nicht abschaffen können, so können sie ihn doch wenigstens etwas erträglicher machen.
Dominik Bloedner und Thomas Cernay vereinen Kultursoziologie und Chemie. Sie sind Mitarbeiter des iz3w. |