Drogen
Mohn-Landschaften
Minderheiten-Politik zwischen Drogenkrieg und Ethno-Tourismus
von Günter Spreitzhofer
Das Goldene Dreieck im Grenzbereich von Thailand, China, Laos und Myanmar gilt weltweit als legendenumranktes Drogendorado. Nicht zu Unrecht, doch der Umgang mit dem Wirtschaftsfaktor Opium ist unterschiedlich ? medienwirksame Vernichtung der Opiumproduktion in Myanmar, subtile Forcierung des Drogenimages in Thailand. Die Drogenpolitik dieser beiden Länder ist verwickelt mit Terror und Trekking, Aufstandsbekämpfung und Ethno-Tourismus.
Drogenpolitik in den Ostausläufern des Himalaya war stets auch Minderheitenpolitik: Das legendäre Goldene Dreieck ist Heimat der sogenannten ?Hilltribes?, ethnischer Gruppierungen vielfach ohne staatliche Zugehörigkeit, die die Hügelländer am Mekong in traditioneller Subsistenzwirtschaft bewohnen. Der Opiumanbau als ihre Haupteinnahmequelle steht im Brennpunkt internationaler Kritik. Der weltweite Druck hat die in ihrer politischen Struktur sehr unterschiedlichen Staaten zumindest vordergründig dazu bewegt, sich mit dem boomenden Drogengeschäft zu befassen. Doch wirkliches Interesse an einer gezielten Kooperation bei der Drogenbekämpfung war lange nicht gegeben, beruhten doch große Teile der jeweiligen Volkswirtschaften zumindest indirekt auf den harten Devisen für roten Mohn. Auch die Anfang 1992 angelaufene länderübergreifende Antidrogenkampagne von Laos, Myanmar und Thailand sah außer vagen Absichtserklärungen keinen konkreten Maßnahmenkatalog vor.
Seit der südostasiatischen Wirtschaftskrise ist alles anders: Die ?Laissez-faire?-Haltung in Drogenfragen weicht vermehrt konkreten Schritten, die die Opiumfrage knallhart lösen sollen ? koste es, was es wolle. Thailand und Myanmar, das frühere Burma, stehen aus unterschiedlichen Gründen im Blickpunkt des Weltinteresses: Das Touristenparadies um Bangkok und die Militärdiktatur von Yangoon gehen unterschiedliche Wege im imageträchtigen Kampf gegen das Opium. Das Drogenimage ist Trumpf-As beider ASEAN-Staaten ? in internationalen Verhandlungen zur Sanktionserleichterung der Junta in Myanmar genauso wie als hintergründige Attraktion der einstigen Touristenhochburg Thailand.
Offiziell werden in Myanmar 135 »Stammesgruppen« anerkannt, die zu sieben »nationalen Rassen« zusammengefaßt wurden: Shan, Mon, Karen (Kayin), Kayah, Chin, Kachin und Rakhine. Ihr Recht auf Staatsbürgerschaft ist verworren wie im gesamten Länderviereck zwischen Thailand, China, Laos und Myanmar, wo die Kolonialmächte seinerzeit willkürlich Grenzen quer durch die Siedlungsgebiete zogen (vgl. iz3w 224). Das subtile Ziel der Militärjunta ist die Marginalisierung aller nicht-birmanischen Ethnien, deren Anteil auf etwa 35% des 50-Millionen-Staates geschätzt wird und die vielfach längst eigene Staaten im Staat gegründet haben. Internationale Beobachter schätzen die Zahl der voneinander unabhängigen Gruppen regimekritischer Aufständischer auf knapp 40. Dazu zählen nationale oder ethnische Befreiungstruppen, Splittergruppen der chinesischen Kuomintang und ?Warlord?-Organisationen, die vorwiegend in den Grenzregionen zu Thailand und China operieren und den Opiumhandel unter Kontrolle haben. Solange die Handelsbeziehungen der Union of Myanmar zumindest mit asiatischen Partnern funktionierten, bestand für die Militärs kein Anlaß zur Veränderung: Bis in höchste Regierungskreise ließ man die Mohnproduktion unbehelligt, wußte offiziell von nichts und schöpfte nebenbei satte Profite durch Zwangsabgaben ab.
Menschenjagd im Goldenen Dreieck
Bis auf die ?Karen National Union? (KNU), die seit der Unabhängigkeit 1947 mit ihren Streitkräften (?Karen National Liberation Army?) gegen die burmesische Zentralregierung kämpft, haben seit 1990 sämtliche militärisch ernstzunehmenden Gruppierungen Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Die KNLA kontrolliert weitgehend den Kayin-Staat, Heimat von etwa 1 Million Karen, die in ethnischen Säuberungsaktionen immer wieder auf thailändisches Staatsgebiet vertrieben werden ? nicht zuletzt zur Sicherung einer geplanten Pipeline vom burmesischen Golf von Martaban nach Thailand. Sowohl eine Allianz von zehn nicht-kommunistischen Rebellengruppen unter Leitung der KNU (Truppenstand 25.000) wie auch der kommunistischen Partei Burmas (Truppenstand 15.000) operieren vielfach aus Flüchtlingslagern auf thailändischem Hoheitsgebiet. Der labile Schein-Frieden innerhalb Myanmars steht durch die prekäre Wirtschaftslage vor dem Zusammenbruch.
Doch der US-Investitionsstop, der seit über einem Jahr in Kraft ist, hat gemeinsam mit der südostasiatischen Wirtschaftskrise die Ökonomie des jüngsten und umstrittensten ASEAN-Mitglieds schwer getroffen. Der einst größte Reisexporteur der Welt kämpft mit Inflationsraten von 50%, die hohen Budgetausgaben für militärische Zwecke haben das Land unter die zehn ärmsten Staaten der Welt eingereiht. So wurde der SLORC, der berüchtigte ?Staatsrat zur Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung? (vgl. iz3w 212), auf Anraten professioneller PR-Berater im November 1997 durch ein neues Gremium ersetzt, um das internationale Ansehen der Junta zu korrigieren. Doch die Einrichtung des ?Staatsrates für Frieden und Entwicklung? (SPDC) war nicht mehr als eine kosmetische Korrektur der politischen Nomenklatura. Wirtschaftskontakte florieren derzeit nur mit Jugoslawien und China, ebenfalls keine Mächte mit blütenreiner Weste in Menschenrechts- und Drogenfragen.
Myanmar produzierte 1997 auf geschätzten 155 000 Hektar etwa 2600 Tonnen Opium, die Grundlage für die Produktion von 200 Tonnen Heroin, was 60% der Weltproduktion entspricht. Die Junta hatte jahrelang den Drogenhandel in den Randgebieten des Landes offen toleriert, quasi als Preis für die Waffenstillstandsabkommen mit aufständischen ethnischen Gruppen. Der Opiumlord Khun Sa, Begründer des Rebellenstaates ?Tai-Land? in der südlichen Shan-Region, wurde so lange nicht an der Ausübung seiner Geschäfte gehindert, wie er im Gegenzug die russischen SAM-7 Raketen seiner 25.000 Mann starken Privatarmee nicht auf regierungskontrolliertes Territorium richtete.
Dezidiertes Regierungsziel ist inzwischen die Ausrottung aller Mohnpflanzen innerhalb von fünf Jahren ? ein bewußter Schritt des Regimes zurück in die internationale Staatengemeinschaft, der trotz der Verdreifachung der Heroinaufgriffe auf 1,4 t jährlich auch intern auf Skepsis stößt; vorauseilender Gehorsam einer in die Enge getriebenen Junta gegenüber den Westmächten, ohne deren Unterstützung das Land langfristig nicht lebensfähig wäre, und deren Sanktionsdrohungen bisher ignoriert werden konnten? Zum einen hat sich die Anbaufläche für Opium innerhalb des letzten Jahrzehnts verdoppelt, zum anderen beruht die Wirtschaft ? direkt oder indirekt ? auf den Einnahmen aus dem Drogengeschäft. Die angestrebte Imagekorrektur der Junta bringt seither vor allem die Zielländer ins politische Dilemma: Den USA, die seit dem Coup 1988 sämtliche Drogenbekämpfungsgelder eingefroren haben, wird wenig übrigbleiben, als ihre Haltung zu ändern ? um den Preis der Verwässerung sämtlicher Sanktionen, denn wohin die Gelder fließen werden, ist unkontrollierbar.
Rehabilitation für ein »Regime von Drogenhändlern«?
Die Bilanz für 1997 liest sich zunächst eindrucksvoll: Rund 5.000 Personen wurden verhaftet, 7,8 t Opium, 1,4 t Heroin, 288 kg Marihuana, 45 kg Morphium und rund 5 Mio Amphetamin-Tabletten beschlagnahmt. »Mit Hilfe der USA könnten wir innerhalb nur eines Jahres 60% der Heroinexporte nach Amerika vernichten«, zeigt sich Hla Min, stellvertretender Direktor des ?Office of Strategic Studies?, siegessicher. US-Außenministerin Albright, die zuvor das gesamte Regime als »Rauschgifthändler« abgekanzelt hatte, zerstreute schließlich die undiplomatischen Bedenken mit der Feststellung, daß lediglich einzelne Angehörige des öffentlichen Dienstes, keinesfalls jedoch die Regierung Myanmars selbst in das Rauschgiftgeschäft verwickelt sei.
Mit Genehmigung des amerikanischen Parlaments wurden schließlich 500 000 US$ für ein Zwei-Jahres-Projekt zur (Mohn-)Anbausubstitution im Norden des Shan-Staates bereitgestellt. Jorgen Kristensen, Sprecher des ?United Nations Drug Control Program? (UNDCP), ist sich der Problematik der Schaffung mohnfreier Zonen durchaus bewußt, ist doch der Mohnanbau Teil der traditionellen Landwirtschaft. Die jährliche Ernte eines Bauern beträgt etwa zwölf Pfund, was einem Erlös von 650 US$ entspricht. Sojabohnen, in der rauschgiftfrei erklärten ?Eastern Shan State Special Region? als Alternative angepriesen, bringen nur ein Zehntel dessen.
Doch Anbausubstitution ist nur ein (mittelfristiger) Aspekt der Kampagne, die Vernichtung der Mohnfelder hingegen das dezidierte Regierungsziel. Der einkalkulierte Nebeneffekt von Razzien in den grünen Bergen ist offenkundig: Unter dem Deckmäntelchen der Opiumbekämpfung lassen sich auch regionale Vernichtungskriege gegen die regierungsfeindlichen Kräfte legitimieren, deren Kriegskasse durch Drogengeld zum Teil gut gefüllt ist. Die 20 000 Mann starke ?United Wa State Army? an der Grenze zu China etwa ist längst im Besitz von Boden-Luft-Raketen sowie modernster Informationstechnologien und den regulären burmesischen Truppen damit technisch weit überlegen. Opium spielt hier keineswegs mehr die Hauptrolle, die Wa sind mittlerweile in Produktion und Handel mit synthetischen Methamphetaminen eingestiegen, der zur Zeit bereits lukrativer als das Heroin-Geschäft läuft.
Trekking and Drugs in Thailand
Die relative politische Stabilität des östlichen Nachbarstaates Thailand erfordert keine vergleichbaren politischen Radikalkuren zur Festigung des Nationalgefüges. Gegenwärtiges Hauptziel ist die Steigerung der Touristenzahlen, um den Devisenabflüssen im Zuge der wirtschaftspolitischen Turbulenzen des vergangenen Jahres gegenzusteuern. Die Werbeoffensive der staatlichen Tourismusorganisation TAT zielt auf Nordthailand und dessen Hauptstadt Chiang Mai, die als »Rose des Nordens« apostrophiert wird. ?Take it easy? ? die Generalwerbelinie der Verheißung von Glück, Schönheit und einfachem Leben findet selbstredend auch für den wirtschaftlich peripheren Rückzugsraum der »Hilltribes« ihren Niederschlag, in dem 23 ethnische Minderheiten als exotische Wilde verkauft werden: aggressiver Ethnotourismus pur als Devisenbringer und Kontrapunkt zum Beach-Tourismus Südthailands.
Die vielgepriesene ?einzigartige Kultur? ist wohl eindeutig zweideutig zu verstehen, solange pittoresk gekleidete Akha-Frauen mit Opiumrohren die bildliche Werbung ethnotouristischer Veranstalter prägen. Opium, die traditionelle Wirtschaftsgrundlage der Hilltribes, wird bestenfalls verschlüsselt dargestellt. In bunten Werbebroschüren lediglich als überkommene Anbauform am Rande erwähnt, ist die florierende Drogenproduktion Nordthailands aus ?Heile Welt?- Broschüren ausgeklammert. Der Mythos ?Goldenes Dreieck? wird nur nostalgisch erfaßt, der Bezug zur Gegenwart bewußt nicht hergestellt. Außer lapidaren Randbemerkungen deutet nichts darauf hin, daß es in Thailand massive Drogenprobleme gibt: »... avoid narcotics, both during travel and at hilltribe villages. There are severe penalties for such usage.« Eine milde Darstellung der Problematik, die Thailand ? auch aufgrund weitgehend fehlender Exekution bestehender Gesetzesmöglichkeiten ? verglichen mit einigen ASEAN-Nachbarstaaten ? zum Drogen-Dorado macht. In Malaysia und Singapur steht auf Drogenkonsum die Todesstrafe, und auch in Indonesien reicht der Strafrahmen für derartige Delikte von einem Jahr Haft bis zur Todesstrafe.
Die mehr oder minder verschleierte Reduktion der Hilltribes auf Drogenkonsum und -anbau ist als gezielte Fortführung der staatlichen Werbelinie interpretierbar: Primitivität, Glück und einfaches Leben werden nachgefragt und müssen daher dargeboten werden, zumindest in der Werbung, wenn schon die Realität nicht mitspielt. Pseudoauthentische Tänze oder Opiumpfeifen rauchende »Dorfälteste« gehören zu den Standarddarstellungen für authentische Fotodokumentationen asiatischer »Primitivität«. Und die Opiumpfeifen gehen bestens in den Souvenirshops von Chiang Mai bis Bangkok. Drogen mögen in den Industrieländern im weitesten Sinn als ?in? und ?alternativ? gelten, in Thailand bedeutet Drogenkonsum dagegen Rückständigkeit, beschränkt auf »Tribes« und agrarische Subsistenzgesellschaften. Die Nachfrage nach Drogen bedeutet für Autochthone gehobener (Bildungs-)Schichten demnach die Imitation von verachtetem Überkommenem. »I hate those travellers«, klagte die junge Lehrerin in Mae Sai, unmittelbar an der burmesischen Grenze. »They show our young boys that drugs are fun and nothing happens. What society do you live in?«
Drogen als gemeinsames Bindeglied konträrer Kulturen? Angesichts der mehr oder weniger offenen Tips und Empfehlungen in privaten Guest Houses, den Sammelstellen alternativreisender Traveller und Ausgangspunkten von Trekkingtouren mit hauseigenen Guides, liegt dieser Schluß nahe. Nach außen hin Hüter von Gesetz und Ordnung, lehnen private Guesthouse-Besitzer Drogenkonsum offiziell vehement ab ? um ihn, umsatzsteigernd, auf den selbst geführten Trekkingtouren durchaus zu tolerieren oder sogar zu fördern. Die thailändische Trekking-Infrastruktur ist mit über 130 Trekking- Agenturen allein in Chiang Mai bestens gerüstet für die etwa 100.000 Besucher pro Jahr. Einer kanadischen Studie zufolge geben 7% der Trekker Drogenkonsum als Primärmotivation für eine Nordthailandreise an. Und diese Gruppe darf in Jahren der Tourismusflaute nicht vergessen werden ? hehre Vorsätze sind rasch vergessen, wenn die Zeiten schlechter werden.
Goldene Zeiten am Mekong?
So werden gerade jetzt, wenn die euphorischen Wachstumsraten vorerst Vergangenheit geworden sind, Drogen zum Politfaktor und Angelpunkt ausländischer Interessen. Beide Staaten versuchen, ungeachtet ihres politischen Systems, eine gezielte Drogenpolitik durchzuführen ? auch wenn Voraussetzungen und Umsetzung deutlich differieren, scheint die ?Laissez-faire?-Position der letzten Jahre einer Aufbruchsstimmung hin zu international geforderter Ächtung von Drogen zu weichen: Drogenpolitik ist Chefsache geworden und wird nicht mehr kampflos den Drogenbaronen des Goldenen Dreiecks überlassen. Die angestrebte Integration in die Weltwirtschaft erfordert klare Zielvorgaben, die durch die ökonomischen Krisen der ASEAN-Mächte wohl beschleunigt wurden.
Burmas Regime versucht mit seiner Anti-Drogen-Kampagne eine Imagekorrektur zur Festigung der eigenen Position. Thailands Kampf um die frühere Marktstellung im umkämpften Ferntourismus läßt auch gut gemeinte Verbote rasch vergessen. Krieg gegen Minderheiten oder Ethnotourismus: Rücksichtnahme auf die »Hilltribes« war ohnedies nie gefragt, und Randgruppen werden rasch zu Sündenböcken oder touristischen Marionetten, je nach politischer Intention. Deshalb, und weil ökonomisch fundierte Programme der agrarischen Umstellung tradioneller Opiumproduktion auf andere Güter fehlen, wird der rote Mohn wohl weiter blühen ? allen Razzien zum Trotz.
Günter Spreitzhofer ist Geograph an der Universität Wien. |