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(Artikel * 1998) Lessmann, Robert
Alle Schlachten gewonnen, den Krieg verloren Der war on drugs geht in die nächste Runde Drogenpolitik
in Blätter des iz3w Nr. 233 * Seite 22 - 25
Themen: Drogenpolitik * Dok-Nr: 131082
Drogen

Alle Schlachten gewonnen, den Krieg verloren
Der ?war on drugs? geht in die nächste Runde

von Robert Lessmann


Eine Sonder-Generalversammlung der Vereinten Nationen steckte im Juni 1998 die drogenpolitische Marschrichtung ins nächste Jahrtausend ab. Mit einer globalen Initiative will man innerhalb von zehn Jahren das Drogenproblem weltweit in den Griff bekommen. Ein »kühnes Vorhaben«, meinen seine Initiatoren, ein »naives Hirngespinst«, die Kritiker.

Der von den UN-Delegierten in New York einstimmig verabschiedete Aktionsplan für eine drogenfreie Welt bis zum Jahr 2008 umfaßt Maßnahmen in den Bereichen internationale Justizkooperation, Kontrolle von Vorläuferchemikalien (die zur Drogengewinnung benutzt werden), ein eigenes Kapitel über amphetaminartige Substanzen (wie z.B. Ecstasy), die Geldwäsche, die Reduzierung der Nachfrage nach illegalen Drogen und der Vernichtung sogenannter »Drogenpflanzen« wie Cannabis, Koka oder Schlafmohn. Es handelt sich dabei um eine Fortschreibung der bisherigen UN-Drogenkonventionen, die weiterhin gültig bleiben.
Die Drogen-Einheitskonvention von 1961 hatte vor allem die fraglichen Substanzen erfaßt und Kontrollmechanismen für deren legalen Verkehr (etwa im Fall von Opiaten für Schmerzmittel) geschaffen sowie strafrechtliche Maßnahmen im Falle von Verstößen festgelegt. Die Wiener Konvention von 1988 ist vor allem vom Kampf gegen den internationalen Drogenhandel geprägt, der mit den Mitteln der Beschlagnahmung, der finanziellen Kontrolle, der gegenseitigen Rechtshilfe und der Auslieferung von Drogenstraftätern geführt werden soll. In der Präambel ist von einer kollektiven Verantwortung aller Staaten für den Kampf gegen den internationalen Drogenhandel die Rede. Geboten sei die Bekämpfung von Angebot und Nachfrage, wobei eine internationale Zusammenarbeit bei entsprechenden Vorhaben angeregt wird. Integrierte ländliche Entwicklungsprogramme und die Notwendigkeit internationaler Unterstützung dafür werden als eine der diesbezüglichen Maßnahmen kurz angesprochen. Die schon 1961 vorgesehene Vernichtung von Drogenpflanzen sei bei Respektierung der Menschenrechte, der Berücksichtigung der Umweltverträglichkeit und der Anerkennung der Legitimität traditioneller Konsumformen zu leisten ? das ist die für die Produzentenländer vielleicht wichtigste Neuerung der Konvention von 1988.

Politikverzicht im Süden
Diese Konvention wurde in einer Atmosphäre drogenpolitischer Hysterie verabschiedet, die von den USA ausging. Drogenproduzierende Länder wurden von Washington mittels der Konditionierung von Hilfeleistungen (certification) und bilateraler Verträge massiv unter Druck gesetzt. Es kam zu schwerwiegenden Eingriffen in die nationale Souveränität dieser Länder: Menschenrechtsverletzungen gegen Kokabauern, Einsatz von Giftsprühflugzeugen in Kolumbien, Eingriffe in die Gesetzgebungskompetenz, Verschleppungen mutmaßlicher Drogenstraftäter ohne rechtliche Handhabe, verdeckte Einsätze von US-Polizei-, Geheimdienst- und Militärpersonal bis hin zur Militarisierung des Kampfes gegen den Drogenhandel (vgl. iz3w 199). Die kokaproduzierenden Andenländer waren Hauptaustragungsort des nordamerikanischen Drogenkriegs, dessen Maßnahmen durchaus im Gegensatz zu verschiedenen Grundsätzen der Wiener Konvention wie Umweltverträglichkeit, Respektierung der Menschenrechte usw. standen.
Doch genauso, wie man in den Anbauländern erst auf massiven internationalen Druck hin erste Maßnahmen gegen Drogenproduktion und -handel ergriffen hatte, ließ man nun die Interventionen der Vereinigten Staaten über sich ergehen. Man machte es sich in der Position drogenpolitischer Subordination bequem und feierte Scheinerfolge auf dem Rücken der Bauern: Dank der konsequenten Anwendung der ausgewogenen Drogenpolitik seiner Regierung, so zum Beispiel der bolivianische Delegationsleiter Canelas bei der UN-Commission on Narcotic Drugs in Wien im Frühling 1996, sei Bolivien vom zweitgrößten zum drittgrößten Kokaproduzenten herabgesunken. Man habe im vergangenen Jahr die Rekordzahl von 5.493 Hektar Koka vernichten können. Zweierlei vergaß Canelas hinzuzufügen: Erzielt wurde dieses Ergebnis in Erfüllung eines US-Ultimatums und um den Preis der zweimaligen Verhängung des Ausnahmezustands und bürgerkriegsartiger Auseinandersetzungen im Anbaugebiet des Chapare. Und: Abzüglich des Rekordergebnisses von 5.493 ha bei der Eradikation (Vernichtung) war die Netto-Anbaufläche von 48.100 ha auf 48.600 ha geklettert. Trotzdem hatte Canelas die Wahrheit gesagt, wenn auch nicht die ganze: Der »Erfolg« Boliviens lag nämlich allein in einem noch größeren Zuwachs der Kokaproduktion in Kolumbien (vgl. Tab.).
Demgegenüber blieben sowohl in Kolumbien und Bolivien als auch in Peru staatlich sanktionierte Geldwaschanlagen teilweise mehr als ein Jahrzehnt lang unangetastet. Sie waren auch nicht Gegenstand vergleichbarer internationaler Pressionen ? obwohl die Wiener Konvention und andere Abkommen dies forderten. Erst zwischen 1994?96 wurden den »finsteren Devisenschaltern« bei den Banken ein Riegel vorgeschoben.

Hochkonjunktur der Schönredner
Zehn Jahre Drogenkrieg in den Anden haben nicht zu einem Rückgang der Drogenproduktion geführt ? im Gegenteil. Es gibt inzwischen kein südamerikanisches Land mehr, das nicht in der einen oder anderen Weise vom Drogengeschäft betroffen wäre. Die »klassische« Produktpalette (Kokain, Marihuana) wurde um Heroin und verschiedene Designer-Drogen erweitert. Trotz stets grösserer Erfolge bei der Kokaeradikation, Beschlagnahmungen, Verhaftungen und der Zerschlagung von »Kartellen« war diese Politik unter dem Strich ein Fiasko.
Diese »Erfolgsbilanz« der Drogenbekämpfung der letzten zehn Jahre spricht eigentlich für sich und könnte unkommentiert bleiben, hätten nicht in und um New York die Schönredner Hochkonjunktur gehabt. So wirbt die UN-Initiative im Bereich »alternative Entwicklung« mit Erfolgsbeispielen: In bestimmten Projektregionen in Peru sei der Koka-Anbau um 95% zurückgegangen. Für die eine oder andere Mikroregion mag dies vielleicht zutreffen. Doch auch ohne solche Schönfärberei ist der landesweite Rückgang um mehr als 25% innerhalb von zwei Jahren durchaus Weltrekord. Worauf ist er zurückzuführen?
Nach der Zerschlagung der großen kolumbianischen Drogenorganisationen in Medellín und Cali findet in Lateinamerika derzeit ein Prozeß der Umorganisation im Drogengeschäft statt. Ohne daß insgesamt das Angebot auf den Weltmärkten geringer geworden wäre, haben insbesondere mexikanische Organisationen auf Kosten Kolumbiens Marktanteile gewonnen (vgl. iz3w 227). In Kolumbien selbst sind Dutzende kleinerer Organisationen in die Fußstapfen der Großen getreten. Vor allem die Cali-Leute hatten sich aus dem größten Anbaugebiet Perus, dem Huallaga-Hochtal, versorgt. Ihre Nachfolger verfügen (noch) nicht über Kontakte und Infrastruktur dorthin und versorgen sich aus qualitativ minderwertiger lokaler Produktion; daher die Verdoppelung der Anbaufläche in den letzten vier Jahren in Kolumbien. Hinzu kommt, daß der Koka-Anbau im peruanischen Alto Huallaga seit Jahren unter einer Pilzkrankheit leidet. Schließlich und endlich: Die Luftüberwachung im Rahmen der Operation Air Bridge hat das Risiko für Drogenflüge in Peru drastisch erhöht. Projekten »alternativer Entwicklung« kann man den Rückgang des Koka-Anbaus in Peru also am allerwenigsten zuschreiben.
Vielleicht handelt es sich bei der 95%-Angabe der UN einfach um gutgemeinte Zweckpropaganda, denn die Kokabauern Perus haben Entwicklungsalternativen heute nötiger denn je. Nachdem sie vom illegalen Markt abgeschnitten waren, kam es in manchen Gebieten zu regelrechten Hungersnöten. Doch statt sich auf das zu konzentrieren, was Entwicklungsprojekte leisten können, nämlich die Abhängigkeit der Bauern von der Kokaproduktion und die negativen Folgen des Kokabooms ? wie soziale Konflikte, Entwaldung und Umweltvergiftung durch Chemikalien ? zu mildern, steht weiterhin die Reduzierung des Drogenangebots im Vordergrund. Ein Kopfsprung in die Omnipotenzfalle: Nach Katastrophenhilfe und Armutsbekämpfung, ländlicher Regionalentwicklung und Industrialisierung, Rettung der Regenwälder und des Weltklimas soll eine »alternative« Entwicklungshilfe nun auch noch das globale Drogenproblem lösen ? und das alles bei sinkenden Budgets!
In der Praxis werden durch Zwangsmaßnahmen nur kurzfristige Pyrrhussiege erzielt, während »alternative Entwicklung« als Trostpflaster fungiert. Es ist auffällig, daß der größte Anbau-Rückgang dort zu beobachten ist, wo die Politik gegenüber den Bauern am wenigsten repressiv ist: in Peru. Dagegen kam es in Kolumbien, wo es um die Besprühung von Kokafeldern mit Pflanzengift bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen gibt, in den letzten vier Jahren zu einer Verdoppelung der Anbaufläche.

Am Schwerpunkt ansetzen
US-Präsident Clinton sagte zur Eröffnung der UN-Sonder-Generalversammlung: »Mit Schuldzuweisungen zwischen Produzenten- und Konsumentenländern haben wir kein einziges Kartell zerschlagen und keinem Süchtigen geholfen.« Im Kampf gegen die Drogen brauche man einen »balanced approach«, d.h. einen ausgewogenen Politikmix aus angebots- und nachfrageorientierten Maßnahmen wie Prävention, Therapie, Strafverfolgung, Bekämpfung der Geldwäsche bis hin zur »alternativen Entwicklung«.
Wie alle seine Vorgänger reklamiert auch der aktuelle Zehnjahresplan der UN für sich einen solchen »balanced approach«. Indes: Es ist wenig sinnvoll, »Ausgewogenheit« daran festzumachen, daß alle verschiedenen Aspekte der Problematik irgendwie angesprochen oder mit vergleichbar viel Geld bedacht werden. Vielmehr muß es zuallererst um Effizienz und Nachhaltigkeit dieser Maßnahmen gehen, und in zweiter Linie um eine ausgewogene Verteilung der Lasten. Eradikationszahlen, Drogenbeschlagnahmungen und Verhaftungen alleine sind jedenfalls keine hinreichenden Erfolgsindikatoren, bedeuten nicht automatisch: weniger Drogenkonsum, weniger Kriminalität usw. Wenn man die Metapher vom »Krieg« schon bemühen will, dann sollte »Ausgewogenheit« ? in Anlehnung an den Kriegsphilosophen Clausewitz ? heißen, am Schwerpunkt des Gegners anzugreifen.
Das Geschäft mit illegalen Drogen auf pflanzlicher Basis läßt sich als Sanduhr darstellen: Zwei bauchig-voluminöse Enden, verbunden durch einen engen Durchlass. Am einen Ende produzieren relativ viele Menschen in relativ großen geographischen Räumen große Mengen an Pflanzenmaterial (was mit den oben geschilderten Problemen verbunden ist). Teilweise extrahieren sie bereits die begehrten Grundstoffe für die Weiterverarbeitung aus dem Pflanzenmaterial. Die große Mehrzahl dieser Menschen wird vom Wunsch angetrieben, für sich und ihre Familien ein Auskommen zu finden. Wirtschaftskrise und Drogen-Boom wirken als entgegengesetzte Gravitationspole, die zu massenhafter Migration in die Anbaugebiete führen. Es handelt sich um eine bäuerliche Klientel; kriminelle Energie spielt auf dieser Ebene eine Nebenrolle. Reich wird hier kaum jemand.
Im Falle von Kokain entfallen auf den Anbau nur etwa 2% der Geschäftskosten des illegalen Unternehmens, das Verluste beim Anbau problemlos kompensieren und sich gegebenenfalls aus anderen Regionen mit Grundstoff versorgen kann. Durchschlagende Erfolge im Drogenkrieg würden auf dieser Ebene bei anhaltender Nachfrage nur die Preise in die Höhe treiben und damit die Produktion neu stimulieren. Repressive Maßnahmen sind im Anbaubereich nicht zielführend, sondern führen eher zu einer Ausbreitung der Probleme. Nötig sind stattdessen Schadensbegrenzung und Hilfe für die betroffenen Menschen und Regionen, die der Lösung ihrer Probleme dienen. Durch repressive Maßnahmen werden dagegen von vornherein diejenigen zum Gegner gemacht, denen angeblich geholfen werden soll. So kann kein Entwicklungsprojekt funktionieren, und so wird die Nachhaltigkeit von Reduktionsmaßnahmen gefährdet. Die Deklaration von New York erkennt das durchaus.

Wer ist Täter, wer Opfer?
Die seltenen success-stories der »alternativen Entwicklung« unterstreichen dies. Mit einem »sanften« Ansatz und langem Atem arbeitete beispielsweise das Thai-German Highland Development Programme von 1981-98 im Grenzgebiet zu Myanmar. Ziele waren: Die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen im Hochland, die Reduzierung des dortigen Drogenmißbrauchs und die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts. Der Anbau von Schlafmohn in der Projektregion ging von 700 auf 30 Hektar zurück.
Ähnlich verhält es sich am anderen Ende der Sanduhr, wo unzählige Straßenhändler bei der Versorgung von Gelegenheitskonsumenten und Süchtigen zwar den Löwenanteil der Gewinne erzielen; diese sind aber relativ breit verteilt. Durch eine pauschale Kriminalisierung von Tätern und Opfern werden Haftanstalten vollgestopft, ohne daß man einer Lösung des Problems dadurch nähergekommen wäre. Im Sinne rationaler Schadensbegrenzung und Hilfe sollte hier sehr genau zwischen Tätern und Opfern unterschieden werden.
An der Verengung der Sanduhr organisieren relativ kleine, hermetisch abgeschottete kriminelle Organisationen Weiterverarbeitung, Transport und Großhandelsverkauf der Drogen. Hohes Risiko und hohe Gewinnspannen führen dazu, daß hier relativ hohe Summen in wenigen Händen konzentriert werden, was ihnen beachtliches Machtpotential verleiht. Mit Korruption und Gewalt bis hin zum Unterhalt eigener, alternativer Gewaltapparate verschaffen Drogenunternehmer ihren Interessen Geltung. Überschneidungen von illegalen und legalen Geschäften machen die Lage unübersichtlich und erschweren die Strafverfolgung. Hier liegen in der Tat große Gefahren für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ? nicht nur in den sogenannten institutionell schwachen Staaten. Auf diese Ebene sollte sich der Gesetzesvollzug konzentrieren. Und zwar weniger auf die Verfolgung einzelner Individuen, als vielmehr auf die Zerschlagung krimineller Strukturen, weniger auf die Beschlagnahme von Substanzen als auf die von Werten: Stichwort Geldwäsche.
Mit der UN-Deklaration von New York hat man einen kleinen Schritt in Richtung auf eine solche effektivitätsorientierte Ausgewogenheit getan ? mehr aber nicht. Weiterhin werden, vor allem auf der Konsumentenebene, Ansätze zur harm-reduction, Entkriminalisierung oder Legalisierung entschieden zurückgewiesen. Mittelfristig wird es aber schwer sein, diesbezügliche Denkverbote aufrecht zu erhalten. Strategien zur Entkriminalisierung brächten auf allen Ebenen eine Reihe von Vorteilen und Risiken. Sicherlich sind sie kein Allheilmittel, vor allem nicht, was die Bekämpfung der organisierten Kriminalität betrifft. Die Geister, die man mit der Prohibition heraufbeschworen hat, wird man mit deren Abschaffung nicht einfach wieder los, wie etwa die Geschichte der US-Mafia nach der Aufhebung der Alkoholprohibition demonstriert.

Clintons Kapriolen
Gerade unter Clinton hatte man im Süden Hoffnungen auf eine rationalere Drogenpolitik gesetzt. Das Personal des Büros für Drogenpolitik (ONDCP) im Weißen Haus wurde drastisch verringert und einschlägige Parlamentsausschüsse aus Kostengründen aufgelöst. Statt jedoch inhaltlich einen neuen Kurs vorzugeben, überließ Clinton das Feld weitgehend der über mehr als ein Jahrzehnt gewachsenen Bürokratie von Drogenkriegern, die um politische Daseinsberechtigung und knappe Budgets rangen.
Unter dem Eindruck republikanischer Mehrheiten in Senat und Kongreß geriet die Drogenpolitik bald zurück ins alte Fahrwasser. Kehrte man in der Anfangsphase zur Abdichtung der Grenzen (boarder interdiction) zurück, wurde ab 1994 wieder verstärkt auf Maßnahmen in den sogenannten Produzentenländern gesetzt; ein Beispiel für das kurze Gedächtnis von Institutionen, denn damit wiederholte sich die Geschichte der 80er Jahre. 1997 wurde das Budget für internationale Programme zur Drogenkontrolle gegenüber dem Vorjahr verdoppelt und lag nun wieder bei 213 Mio. US-Dollar. Wieder liegt der Schwerpunkt auf sogenannter Sicherheitshilfe und auf den Ländern Lateinamerikas.
Im April 1996 wurde der Held des Golfkrieges und damalige Oberbefehlshaber des Southern Command in Panama, General Barry Mc Caffrey, zum obersten Drogenkoordinator im Weißen Haus (ONDCP) ernannt. Eine Personalentscheidung, die vielfach als Reaktion auf republikanische Vorwürfe gedeutet wurde, Clintons Drogenpolitik sei zu lasch. Ein Jahr später kündigte das ONDCP an, innerhalb von 10 Jahren die Kokaproduktion weltweit ausmerzen zu wollen. Kurz darauf legten die Vereinten Nationen einen gleichlautenden Plan vor. Zufall?
Die UN-Sondergeneralversammlung »Drogen« ging letztlich auf eine lateinamerikanische Forderung nach einem Weltdrogengipfel zurück. Ihr Hauptanliegen war ein Ende bzw. eine Internationalisierung der Ausstellung drogenpolitischer Zeugnisse (certification) durch die USA, sowie eine Aufwertung der »alternativen Entwicklung«. Ohnehin mit begrenzten Handlungsspielräumen ausgestattet, ließen sich die Lateinamerikaner das Heft jedoch aus der Hand nehmen. Von der certification war in New York nicht mehr die Rede. Vielmehr wurde bereits auf dem interamerikanischen Gipfel in Santiago im April die OAS beauftragt, über einen multilateralen Evaluierungsmechanismus zu verhandeln. Wie diese Verhandlungen ausgehen werden und ob sich der Kongreß in Washington davon beeindrucken lassen wird, ist unsicher. Auf jeden Fall ist eine solche Lösung inkonsequent, sind doch nicht nur lateinamerikanische Länder von der certification betroffen. Doch nachdem die Sache an die OAS abgeschoben wurde, ist man von möglichen Bündnispartnern in anderen Teilen der Welt abgekoppelt.

Festival vertaner Chancen
Das lateinamerikanische Anliegen einer Aufwertung der »alternativen Entwicklung« wurde im Vorfeld auf Druck der USA dahingehend gewandelt, daß solche Projekte an knallharte Auflagen und meßbare Erfolge bei der Reduzierung von Drogenpflanzen gebunden sein sollen. Das konnte immerhin differenziert und abgemildert werden. Verbote und Strafverfolgung bleiben laut der Erklärung von New York integraler Bestandteil auch der »alternativen Entwicklung«. Letztere sei aber unerläßlich, um die Nachhaltigkeit von Reduktionsmaßnahmen zu sichern. Und: »In Gegenden, wo noch keine tragfähigen Einkommensalternativen geschaffen wurden, kann Zwangseradikation den Erfolg von Programmen der alternativen Entwicklung gefährden.« Offen bleibt, wann solche Einkommensalternativen »tragfähig« sind und wer dies festzustellen hat.
So ist in den letzten Jahren ein Hang zur Kriminalisierung der bäuerlichen Produzenten im politischen Diskurs einiger Anbauländer spürbar. Ein bolivianischer Fünfjahresplan zur Drogenbekämpfung »Por la Dignidad« (für die Würde) stellt beispielsweise Armut und Marginalität der Bevölkerung der Anbauzone des Chapare schlicht in Abrede. Die Bevölkerung dort hätte im Vergleich zum bolivianischen Durchschnitt einen »sehr guten Lebensstandard«. Der Bericht ist sich sicher: Die Mehrheit der Bauern widme sich der Kokainherstellung. Deutlich wird an solchen Beispielen: Die Verantwortlichen in den Andenländern sind auch weiterhin primär daran interessiert, daß für Projekte der »alternativen Entwicklung« Gelder fließen. Ob die betroffenen Menschen vor Ort etwas davon haben, scheint zweitrangig.
In Lateinamerika wird ? UN-Erklärung hin oder her ? weiterhin der repressive US-Ansatz verfolgt. Boliviens Präsident, General Hugo Banzer, will mit seinem Plan »Por la Dignidad« die UN noch überholen und innerhalb von fünf Jahren mit dem Problem der »Überschußkoka« aufgeräumt haben. Während die UN-Deklaration zur alternativen Entwicklung »partizipative Ansätze« auf der Basis von »Abkommen auf Dorfebene« fordert, wird genau dies seit letztem Herbst in Bolivien praktiziert: Dörfer müssen sich darin verpflichten, 30% ihrer Koka sofort und 100% bis zum Ende des Jahres 2000 zu vernichten. Die Unterzeichnung solcher Abkommen ist Voraussetzung, um in den Genuß von Projekten »alternativer Entwicklung« zu kommen. Natürlich ist es absurd zu glauben, daß innerhalb so kurzer Frist tragfähige Einkommensalternativen für die Menschen bereitgestellt werden können. Die Bauern lehnen diese Politik denn auch mehrheitlich ab ? und sie war unter anderem Gegenstand gewalttätiger Auseinandersetzungen, die bis zur Jahresmitte 14 Todesopfer forderten.
Ohnehin darf die Bedeutung der UN-Anti-Drogen-Erklärungen und Konventionen nicht überbewertet werden. Die bisherigen Erfahrungen mit vergleichbaren Vorhaben laden nicht zum Optimismus ein. Das bedeutendste war die »Andenstrategie« des damaligen US-Präsidenten George Bush von 1990, mit deren Hilfe der Import illegaler Drogen in die USA innerhalb von zwei Jahren um 15% und innerhalb von zehn Jahren um 60% vermindert werden sollte. Das erste Ziel wurde verfehlt und vom zweiten ist man so weit entfernt, daß von dem Plan schon seit Jahren nicht mehr die Rede ist.
Während die Andenstrategie nur auf Bolivien, Kolumbien, Peru und die USA abzielte, geht es der UN um die ganze Welt. Aber nicht nur die Lateinamerikaner, auch die Vereinten Nationen insgesamt haben in New York die Chance zu einem drogenpolitischen Neubeginn verpaßt. Das ist schade, denn ihre Ansätze sind nicht die schlechtesten ? nur haben sie ziemlich geringes Gewicht. Nach wie vor ist das Bundesbudget der USA zur Drogenbekämpfung fast 100 mal so hoch wie das der UN. Während die Zuwendungen des Drogenkontrollprogramms der UN zum Beispiel an Peru im Jahr 1995 bei 2,2 Millionen Dollar lagen, betrugen die der USA 15 Millionen.
Die europäische Antidrogenpolitik setzt demgegenüber weniger auf Repression und gar nicht auf das Militär, sondern stärker auf Programme »alternativer Entwicklung« für die Bauern. Vor dem Hintergrund des Übergewichts der USA in diesem Politikbereich hat sie es aber schwer, über die Rolle eines Stoßdämpfers für die sozialen Kosten der vorherrschenden, repressiven Strategie hinaus zu kommen.


Robert Lessmann arbeitet als freier Journalist und Gutachter. Er ist Autor des Buches: »Drogenökonomie und internationale Politik«, Vervuert-Verlag, Frankfurt/M., 1996.


Koka-Anbau von 1998 bis 1997 (brutto, in ha.)

1988 1994 1995 1996 1997

Bolivien 50.400 49.200 54.093 55.612 52.800

Kolumbien 34.230 49.610 59.650 72.800 98.500

Peru 115.530 108.600 115.300 95.659 72.262

Gesamt 200.160 207.410 229.043 224.071 223.562

Quelle: US Department of State: International Narcotics Control Strategy Report, Washington D.C. 1991 bzw. 1998; Addition: R.L.