Drogen
Im Rausch der Verbote
»Ich habe in meinem engeren Bekanntenkreis erlebt, wie Heroin einen jungen, blühenden Menschen zerstört (...) hat. Das hat mich erschüttert, zugleich aber darin bestärkt: Wir dürfen in unserem Kreuzzug gegen die schreckliche Menschheitsgeißel der Drogen nicht aufgeben (...). Kapitulation vor diesem Teufelszeug kommt nicht in Frage. Drogen bedrohen unsere Gesellschaften wie eine Krake, die sich um den Globus legt.« Aus diesen Sätzen des vormaligen Außenministers Kinkel, die er vor dem UN-Drogengipfel im Juni diesen Jahres äußerte, spricht in konzentrierter Form der gesamte Wahnsinn des in Süd wie Nord hegemonialen Drogendiskurses.
Kinkel begeht in diesen wenigen Aussagen gleich mehrere kapitale Fehler (und hat allein dafür seine Demission mehr als reichlich verdient). Sein größter ist, daß er die Substanzen (hier Heroin) verantwortlich macht für Probleme, die eigentlich im gesellschaftlichen Umgang mit Drogen begründet sind. Aus pharmakologischen Studien ist bekannt, daß reines, in richtiger Dosierung mit nichtinfiziertem Besteck injiziertes Heroin zwar eine Sucht?, keineswegs aber eine Todesdroge und in ihren Auswirkungen nicht schädlicher als Alkohol ist. Das vermeintliche »Drogen«elend der Junkies geht darauf zurück, daß ihre Kriminalisierung sie zu sog. Beschaffungskriminalität und Prostitution zwingt, daß die allgemeine gesellschaftliche Stigmatisierung der Heroinabhängigen ihre sozioökonomische und psychische Verelendung geradezu zwangsläufig mit sich bringt und daß auf dem durch die Prohibition geschaffenen illegalen Markt vor allem verunreinigter, nicht kalkulierbar zu dosierender Stoff distribuiert wird.
Wenn ? wie bei Kinkel ? die Ursachen für das »Drogen«elend in an Irrationalität kaum zu übertreffender Ignoranz verkannt werden, wundert es auch nicht, daß die Bekämpfung der Drogen in quasireligiösem Eifer und mit finsteren Feindbildkonstruktionen angegangen wird. Der mittelalterlichen Kreuzzügen ähnliche »war on drugs«, der von Kinkels Ministerkollegen nahezu in aller Welt in gleicher repressiver, gewaltförmiger Weise angegangen wird, ist aber nicht nur grundsätzlich unvernünftig, sondern auch gemäß der eigenen Zielvorgaben (Ausrottung der Drogen) vollkommen gescheitert. Die Prohibitionspolitik hat dafür gesorgt, daß der Drogenhandel erstens zu einem der bedeutendsten Sektoren der Weltökonomie geworden ist (was am hohen, durch die Verbotspolitik geschaffenen Preisniveau mit entsprechenden Gewinnmargen liegt) und zweitens gerade durch die Illegalisierung zu einer deregulierten, globalisierten Branche par excellence geworden ist, die sich staatlicher Einflußnahme weitgehend entzieht.
Aus diesen Gründen ist es auch nur auf den ersten Blick überraschend, daß die Gegner der Prohibitionspolitik nicht nur auf Seiten sozial engagierter Linker zu finden sind, sondern auch bei den Vordenkern der Neoliberalen wie etwa Milton Friedman oder George Soros (der u.a. das auf die Liberalisierung der US-Drogenpolitik hinarbeitende New Yorker Lindesmith Center finanziert). Sie haben zu Recht erkannt, daß als Rauschmittel oder zur Stimulanz verwendbare Substanzen ? genauso wie alle anderen Substanzen ? Waren sind, die auf dem (Welt-) Markt feilgeboten und nachgefragt werden. Sie unterliegen den gleichen Mechanismen des globalen Kapitalismus wie jede andere Ware auch. Die Marktförmigkeit ökonomischer Beziehungen und der Handel mit Drogen lassen sich nicht auseinanderdividieren, wie es die Anhänger der Prohibitionspolitik in ihrer ideologischen Denkform versuchen. Wo Nachfrage ist, ist auch Angebot ? und umgekehrt ?, und der Markt regelt die dazugehörigen ökonomischen Beziehungen. Der Dissens zu den Neoliberalen besteht an diesem Punkt eigentlich nur darin, daß der Markt natürlich mitnichten »gerecht« ist und die wirklichen Bedürfnisse der Menschen nicht mal annähernd befriedigen kann ? weder im Drogenbereich noch bei der Welternährung.
Nicht alle Autoren unseres Themenblocks lehnen den Kampf gegen die »Drogen« so rundweg ab wie Thomas Cernay und Dominik Bloedner, die ihn für grundsätzlich kontraproduktiv halten. Immerhin besteht in allen Beiträgen Einigkeit, daß die repressive Prohibitionspolitik der falsche Weg sei und nur die bestrafe, die es ohnehin schon schwer genug haben, wie die Kleinbauern im Süden. Aber Robert Lessmann sieht durchaus die Notwendigkeit von Substitutionspolitik, die im Rahmen einer aufgeklärten nichtrepressiven Entwicklungspolitik Einkommensalternativen für den Anbau von Drogenrohstoffen schaffen will.
Doch wie Lessmann selbst bemerkt, droht der alternativen Anti-Drogen-Entwicklungspolitik der »Kopfsprung in die Omnipotenzfalle«, weil auch sie etwas bekämpfen will, was sich erstens unter den Bedingungen einer kapitalistischen, an Profit und Markt orientierten Weltökonomie nicht bekämpfen lässt und zweitens auch in einer befreiten Gesellschaft nicht bekämpft werden muß. An individuelle Verträglichkeiten angepasster Drogenkonsum ist kein Problem, das es zu lösen gilt. Das kann jede Biertrinkerin und jeder Rotweinliebhaber, jedes Kaffee- und Kifferkränzchen, jede Kokakauerin und jeder Opiumraucher aus Selbstversuchen bestätigen. Wie beispielsweise
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