Volltext

(Artikel * 1998) Keetman, Jan
Die Heimsuchung des Landes Kulturkampf zwischen Kemalisten und Islamisten Türkei: Kulturkakmpf zwischen Kemalisten und Islamisten
in Blätter des iz3w Nr. 233 * Seite 10 - 11
Themen: Islamisten; Türkei; Kemalisten * Dok-Nr: 131077
75 Jahre Türkei

Die Heimsuchung des Landes
Kulturkampf zwischen Kemalisten und Islamisten

von Jan Keetman


Fast alle BewohnerInnen der Türkei gelten als Muslime, und doch wurde in den letzten zwei Jahren der islamistische Ministerpräsident vom Militär zum Rücktritt gezwungen, seine Partei verboten, er selbst mit einem fünfjährigen Politikverbot belegt. Frauen mit Kopftuch wird die Immatrikulation an der Universität verweigert und sie werden nicht mehr zu Prüfungen zugelassen. Zwischen IslamistInnen und einer sich selbst als laizistisch verstehenden Führungsschicht ist ein Kampf um die kulturelle Vorherrschaft im Gange.

Mit der Gründung der Türkischen Republik durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, 1923 hatte der erst wenige Jahrzehnte zuvor herausgebildete türkische Nationalismus den Sieg über den als rückständig angesehenen Islam als staatstragende Ideologie davongetragen. Allerdings war die Vorstellung, daß die richtigen Bürger dieses Staates Muslime seien, nicht beseitigt, ja vielleicht sogar eher gestärkt worden, denn die nichtmuslimischen Minderheiten wurden durch den Völkermord an den Armeniern und einen »Bevölkerungstausch« mit Griechenland gegenüber den Verhältnissen im Osmanischen Reich stark verringert. Außerdem war der Unabhängigkeitskrieg ein Kampf gegen christliche Invasoren, insbesondere Griechen und Italiener, gewesen. Allerdings wurde der Islam so gut wie völlig aus dem politischen Raum verdrängt. Der Nationalismus und der Kult um die Vaterfigur Atatürk übernahmen diesen Platz. Laizistische Offiziere und Beamte lenkten das Land, sie verordneten eine neue Einheitlichkeit der Kultur. Diese sollte verhindern, daß sich wie im Osmanischen Reich Minderheiten herausbilden und eigene Staaten anstreben. Zugleich sollte dem Einfluß religiöser Gruppen ein Riegel vorgeschoben und einem künftigen Klassenkampf vorgebeugt werden. Diese drei Aspekte beinhaltet der Straftatbestand des »Separatismus« im türkischen Strafgesetzbuch bis heute.1 Proletariat und Unternehmertum waren schwach und konnten auch wegen der autoritären Strukturen des Staates wenig Macht entfalten. Ebenfalls ohne politische Bedeutung war die Landbevölkerung.
Mit den ersten freien Wahlen 1950 wurde formal dieser Masse der Landbevölkerung, die immer noch 82% der Gesamtbevölkerung ausmachte, die Entscheidung über die Zukunft des Landes zu Füßen gelegt. Die politischen und kulturellen Entwicklungen, die noch in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches einsetzten und das Land von seiner Tradition abschnitten, waren an diesen ländlichen Massen weitgehend vorbeigegangen. Ein großer Teil bestand überdies aus Analphabeten. In den kurdischen Provinzen liegt die Analphabetenquote auch heute noch um die 50%.
Die bisher führende »Republikanische Volkspartei« (CHP), die Partei des 1938 verstorbenen Republikgründers Atatürk, wurde abgewählt, und an ihre Stelle trat die »Demokratische Partei« (DP) unter Adnan Menderes. Mit zwei Mitteln wurden von nun an die ländlichen Schichten an die sie vertretenden Parteien, beziehungsweise an deren Führungspersönlichkeiten gebunden: Vertreter der ländlichen Eliten erhielten Parlamentsmandate. Dazu gehörten Stammesführer und Großgrundbesitzer. Unter den letzteren sind insbesondere Angehörige der Familien der Scheichs, das heißt der Meister der von Atatürk verbotenen religiösen Orden zu nennen. Ansehen und Macht dieser ländlichen Eliten ließen sich in Wählerstimmen, diese in Parlamentsmandate und letztere wieder in Ansehen und oft in noch mehr Reichtum umgießen. Das zweite Mittel, mit dem die Landbevölkerung gewonnen werden konnte, war die Aufwertung der Religion als weiteres Identifikationsmerkmal neben dem allseits verbindlichen Nationalismus. So war eine der ersten Maßnahmen der neuen Regierung, den unter Atatürk ins Türkische übersetzten Gebetsruf wieder auf Arabisch singen zu lassen. Das war das erste Mal, daß eine von Atatürks Reformen rückgängig gemacht wurde. An der allgemeinen politischen Ausrichtung des Landes änderte sich aber fast nichts. Sie bestand vor allem in der Westintegration, für welche die Teilnahme am Koreakrieg, der Eintritt in die Nato und der Antrag auf Mitgliedschaft in der »Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft«, eine der Vorgängerinnen der EU, wesentliche Schritte waren.

Militärputsch im Geiste Atatürks
1960 putschte das Militär die Regierung Menderes weg. Menderes selbst wurde hingerichtet. Mit diesem Putsch stellten sich die kemalistischen Offiziere gegen die Politik der ländlichen Eliten und des mit ihnen verbündeten Unternehmertums. Will man diesem Putsch irgendwie ein begriffliches Etikett aufdrücken, so wäre wohl »linksnationalistisch« das geeignetste. Dies veranschaulicht die Tatsache, daß am Morgen des Putsches niemand anderes die Erklärung der Offiziere im Rundfunk verlas als Oberst Alparslan Türkes, der spätere Begründer und jahrzehntelang unbestrittene Führer der ultranationalistischen beziehungsweise faschistischen Strömung in der Türkei. Die soziale Basis dieser Bewegung waren vor allem das städtische Kleinbürgertum und zum Türkentum sich bekennende Flüchtlinge vom Balkan und aus dem Kaukasus. Die von Türkes geführte MHP und ihre Jugend- und Kampfverbände, die sogenannten »Grauen Wölfe«, wurden später die Todfeinde der türkischen Linken. Trotzdem hatten die Linke und die MHP etwas gemeinsam, sie schöpften beide aus der als »Antiimperialismus« verklärten Ideologie des Nationalismus. In den Sechziger und vor allem Siebziger Jahren wuchs die türkische Linke rasch an. Sie war weiterhin ebenso wie das Militär kemalistisch, wurde zugleich aber auch zunehmend marxistisch und antiamerikanisch. Deshalb fand sie keinen Rückhalt mehr beim Militär, in dem das Bündnis mit den USA bereits feste Wurzeln geschlagen hatte. Der dritte Putsch 1980 richtete sich daher mit seiner ganzen Wucht gegen die türkische Linke. Nun war es plötzlich das Militär, welches den Islam als politisches Werkzeug entdeckte und Religion als Pflichtfach an den Schulen einführte, während es selbst bedacht war, sich weiter von allen islamistischen Einflüssen abzuschotten.
Die einst ländliche Bevölkerung wird in den Neunziger Jahren vor allem von drei großen Parteien vertreten. Die »Partei des richtigen Weges« (DYP), die von Süleyman Demirel gegründet worden war und heute von Tansu Çiller geführt wird, die von Turgut Özal gegründete und nun von Mesut Yilmaz geführte »Mutterlandspartei« (ANAP) und schließlich die »Wohlstandspartei« (RP) des Necmettin Erbakan. Bei den Wahlen 1995 errangen diese drei Parteien alle etwa 20%, wobei die RP die Nase etwas vorne hatte. Allerdings hat sich die Sozialstruktur der Landbevölkerung mittlerweile stark verändert. Ein großer Teil ist in die Städte abgewandert, und wegen der weit höheren Geburtenrate in den von Kurden bewohnten Landesteilen ist der Anteil der Kurden unter ihnen stark angestiegen.
Die Kurden haben an der ökonomischen und politischen Entwicklung der Türkei noch weniger teilgenommen als die türkische Landbevölkerung und die Armen in den Städten. Der Staat, der türkischen Nationalismus sät, läuft ständig Gefahr, kurdischen Nationalismus zu ernten. Der Einfluß der ländlichen Eliten auf die kurdischen Massen schwindet und wird mit der in den letzten Jahren zu einem großen Teil militärisch erzwungenen Abwanderung in die Städte noch weiter abnehmen. Den Platz der mit dem Staat zusammenarbeitenden ländlichen Eliten hat weitgehend die PKK einnehmen können, deren Führer Abdullah Öcalan heimlich eine ähnliche emotionale Unterordnung zuteil wird wie einst den Stammeschefs und Scheichs. Vor Experimenten mit einer gemäßigten kurdischen Partei schreckt jedoch der türkische Staat zurück. Legal und gemäßigt auftretenden kurdischen Parteien wie der »Demokratiepartei des Volkes« (HADEP) wird zutiefst mißtraut, und sie werden mit allen Mitteln der Repression politisch kleingehalten. Unter anderem deshalb sind sehr viele kurdische Stimmen sowohl auf dem Lande als auch unter den in den letzten Jahren in die Armenviertel der Großstädte abgewanderten Landflüchtigen an die gemäßigte islamistische »Wohlstandspartei« gegangen und werden sich bald bei deren Nachfolgerin, der »Tugendpartei« (FP), wiederfinden.
Der Gegensatz zwischen den städtischen Eliten von 1950 und den ländlichen Massen hat sich zwar stark verändert, besteht aber noch immer fort. Die Konkurrenzsituation ist durch die Landflucht nicht aufgehoben, sondern verstärkt worden. Der Übergang vom Land in die Stadt bedeutet nämlich nur zum Teil die Auflösung und Assimilation der ländlichen Gruppen. Meist siedeln die in die Stadt Migrierten nach Regionen oder gar Dörfern geordnet wieder am Rand der Metropolen. Die bereits angekommenen Verwandten, Freunde und Nachbarn erleichtern den nachziehenden die ökonomische und emotionale Integration in der Stadt. Oft werden sie dabei als besonders billige und abhängige Arbeitskräfte ausgebeutet. Die Bedeutung, die die gemeinsame Herkunft aus einer Region oder einem Dorf hat, drückt sich auch in der Gründung tausender »Dorfvereine« in den Metropolen aus. Mit dem Islam wird die Identität der Gruppe ideologisch verfestigt.

Ländliche Massen gegen Kemalisten
Die einstige Landbevölkerung bedroht die Herrschaft der kemalistischen Eliten nicht nur mit dem Wahlzettel, sondern auch indem sie heute in deren angestammte Berufe und Ämter vordringt. Die Reaktion ist ein Druck zur kulturellen Assimilation der ehemaligen Landbevölkerung. Dazu gehören Kleidervorschriften an Universitäten und Schulen, die regelmäßige Säuberung des Offizierskorps von des Islamismus verdächtigen Offizieren ebenso wie das Verbot, Kurdisch zu unterrrichten. Der Islam, der innerhalb der eigenen Gruppe hierarchische Strukturen sichert, ist so zum kulturellen Ausdruck der politischen und teilweise ökonomischen Ablösung der städtischen Eliten durch die Nachfahren der Landbevölkerung und der damit verbundenen Konflikte geworden.
75 Jahre nach Gründung der modernen Türkei durch Atatürk steht immer noch die alte Frage »islamischer oder westlicher Staat« auf der Tagesordnung. Eine radikale Konfrontation und Umwälzung wie im Iran ist aktuell jedoch nicht zu erwarten. »Man muß dem Staat gehorchen« waren die ersten Worte Erbakans nach dem Verbot seiner Partei. Diese Bescheidenheit wird jedoch von den staatlichen Eliten nicht honoriert, und dies könnte eines Tages zu einem radikaleren und militanteren Islamismus vor allem in den vorwiegend von KurdInnen bewohnten neuen Armenvierteln der Metropolen führen.

Anmerkung:

1 Definiert in § 312, und in anderen Paragraphen und Gesetzen häufig genannt.

Jan Keetman ist freier Journalist und lebt in Istanbul.