Volltext

(Artikel * 1998) Bortel, Hans-Jürgen
Armutskrankheit Aids Eine Replik auf Christian Fialas Beitrag "Die Statistik-Seuche" (iz3w 231) Aids in Afrika
in Blätter des iz3w Nr. 232 * Seite 15 - 15
Themen: Aids * Dok-Nr: 131063
AIDS in Afrika

Armutskrankheit AIDS
Eine Replik auf Christian Fialas Beitrag »Die Statistik-Seuche« (iz3w 231)

von Hans-Jürgen Bortel

Die »AIDS-Katastrophe« in Afrika sei durch übertriebene Hochrechnungen und zweifelhafte Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO zum wichtigsten »Gesundheitsproblem stilisiert« worden, schrieb Christian Fiala in der letzten Ausgabe der iz3w. Hans-Jürgen Bortel widerspricht dieser These und sieht darin die Gefahr, »AIDS und seine enormen Auswirkungen auf die afrikanischen Gesellschaften herunterzuspielen«.

Der Artikel erweckt den Eindruck, das Ausmaß der AIDS-Pandemie im zentralen und südlichen Afrika werde überschätzt. Dies ist sicher falsch. Ich selbst habe als Arzt insgesamt acht Jahre in Rwanda und Zimbabwe gearbeitet. Jeder, der in den letzten Jahren in Krankenhäusern in Zentralafrika zu tun hatte, weiß, daß das Problem »HIV« allgegenwärtig ist. Ca. 40 bis 50 Prozent der Patienten auf chirurgischen und inneren Abteilungen in zimbabwischen Krankenhäusern sind HIV-positiv. Diese Diagnose taucht jedoch häufig nicht in der Statistik auf, sondern versteckt sich hinter akuten Einweisungsdiagnosen (Tuberkulose, Shigellose, Malaria), da die Patienten ja nicht wegen AIDS aufgenommen werden, sondern wegen dieser akuten Erkrankungen. (...)
Ende der 80er war es häufig so, daß nur im Labor nachgewiesene Fälle klinischer AIDS-Erkrankungen auch in die Statistik Eingang fanden. Diese Praxis und die aus finanziellen und politischen Gründen selten durchgeführten HIV-Tests führten zu einer groben Unterschätzung der tatsächlichen Anzahl der Erkrankungs- und Infektionsfälle. Daher werden sogenannte »Sentinel-Studien« durchgeführt, die die Größe des Problems abschätzen sollen. Dabei wird bei gesunden Personen anonym ein HIV-Test durchgeführt und das Ergebnis hochgerechnet. Eine der frühesten mir bekannten Prävalenzstudien, die auf zufälligen Stichproben aus der Gesamtbevölkerung beruhen, brachte für Ruanda katastrophale Ergebnisse: Danach waren schon 1986/87 ca. 1,7 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert (nicht krank wohlgemerkt!) ? was einer 10 bis 100 mal höheren Infektionsrate als in Europa entsprach ?, wobei die städtische, gebildete Bevölkerung im Alter von 20 bis 40 Jahren am meisten betroffen war (mehr als 20 Prozent Infizierte). Die Ergebnisse solcher Studien veranlaßten die WHO von der »AIDS-Katastrophe« in Afrika zu reden und nicht von »Hochrechnungen auf der Basis von Vermutungen und Spekulationen«.
(...) Die Verbreitung der Infektion auf ein »spezifisch afrikanisches Sexualverhalten« zurückzuführen, beruht nicht auf den verfügbaren Daten, sondern auf Vorurteilen. Es gibt in Afrika begünstigende Faktoren für die geschlechtliche Verbreitung von AIDS, die so in Europa nicht (mehr) existieren:
? Die Anzahl ungenügend behandelter Geschlechtskrankheiten ist sehr hoch, entsprechend sind Schleimhautverletzungen und Wunden im Intimbereich weit verbreitet. Das Übertragungsrisiko durch Geschlechtskontakte erhöht sich rasant.
? In vielen afrikanischen Ländern gibt es eine in diesem Ausmaß in Europa nicht bekannte Armutsprostitution (...). Die Prostituierten waren Ende der 80er Jahre bereits zu einem hohen Prozentsatz mit dem HIV-Virus infiziert (50-90% in Kenia und Ruanda).
? Erschwerend kommt hinzu, daß Kondome bisher in vielen Ländern Afrikas aus verschiedenen ? auch kulturellen ? Gründen nicht akzeptiert waren, was sich erst langsam zu ändern beginnt.
Daneben gibt es natürlich andere Übertragungswege, wie mehrfach verwendete Kanülen bei Injektionen und Impfungen sowie das Problem der Bluttransfusionen. Im Gegensatz zu Fialas Beispiel Uganda existierte in vielen Gegenden Afrikas kein organisiertes Blutspendewesen. Bei Bedarf wurden Spender gesucht, das Blut wurde dann unverzüglich transfundiert. Ein HIV-Test ? wie auch Tests auf Syphillis oder Hepatitis ? war und ist dabei in der Regel nicht möglich. Eine bedeutende Rolle spielt inzwischen die Übertragung des Virus von Müttern auf ihre Kinder, wobei das in Europa praktizierte strikte Stillverbot für HIV-positive Mütter in vielen Gebieten Afrikas wegen der drohenden Mangel- und Unterernährung der Neugeborenen oft nicht anwendbar ist. Im Rahmen der mir bekannten AIDS-Projekte wird auf all diese Übertragungswege ganz energisch hingewiesen und versucht, Abhilfe zu schaffen. Schwerpunkte waren in der Anfangszeit gerade die Installation eines funktionierenden Blutbankwesens mit Testung aller Konserven und die Sicherstellung steriler Kanülen für Impfungen. Schwieriger ist es, das Verhalten der Menschen zu ändern. Daher ist im Bereich des »safer sex« die Aufklärung und Werbung viel intensiver ? sie muß es auch sein!
Es stimmt, daß die meisten Menschen in Afrika nach wie vor an »klassischen« Infektionskrankheiten sterben ? allerdings schwächt AIDS ihr Immunsystem und macht die Betroffenen immer anfälliger für diese Infektionen. (...) Unter dem Vollbild von AIDS stirbt man in Europa, nicht in Afrika. Dort sterben Infizierte bereits lange vorher an sogenannten »opportunistischen Infektionen«, zu denen auch Malaria und Tuberkulose gehören. Es gibt also durchaus nachvollziehbare Ursachen für die unterschiedliche Bedeutung verschiedener Übertragungswege von AIDS in Afrika und in Europa. Bei aller Kritik am Vorgehen internationaler Organisationen sollte nicht übersehen werden, daß das Ausmaß der AIDS-Pandemie die Gesundheits- und Sozialsysteme der meisten afrikanischen Länder vor unlösbare Probleme stellt. Ob die »vertikal« auf AIDS ausgerichteten Programme sinnvoll sind oder ob die Verbesserung einer integrierten, dezentralen Gesundheitsversorgung unter Einschluß der AIDS-Problematik nicht sinnvoller wäre, steht allerdings auf einem anderen Blatt.


Hans-Jürgen Bortel ist Arzt und lebt in Karlsruhe.