Debatte
Knüppel aus dem Sack
Eine Replik auf Thomas Haury, Deutscher Anti-Imperialismus
von Christian Neven-du Mont
Der Antizionismus der DDR entstand durch die Anwendung des antiimperialistischen Schemas auf den Nahostkonflikt. Und aus der Verschmelzung von »Weltimperialismus« und seinem »Stützpunkt Israel« entstanden zwangsläufig antisemitische Stereotypen ? so resümierte Thomas Haury in Nr. 230 die DDR-Nahostpolitik.
Von Thomas Haury ist zu erfahren, daß die DDR-Führung antisemitisch gewesen sei. Diese Erkenntnis könnte man mit einem müden Lächeln quittieren, die DDR ist tot, und die Ruhe ihres Grabes braucht man wegen eines solchen Vorwurfs nicht zu stören. Doch man ahnt es gleich, hier wird der Sack geschlagen und der Esel ist gemeint: die Neue Linke, die soll laut Haury noch viel antisemitischer (gewesen) sein, im Grünen Kalender 1983 soll gar gestanden haben »Kauft nicht bei Juden!«.
Ich könnte nun ins Grübeln geraten: wie neu und wie links sind die Grünen 1983 gewesen? Warum nur gibt Haury für sein zweites Zitat, das die »Beseitigung des künstlichen zionistischen Gebildes« fordert, keine Quelle an? Darf ich mich darüber freuen, daß es ihm nicht gelungen ist, einen neueren und leichter nachprüfbaren Beleg für den Antisemitismus der Linken zu finden?
Doch halt! der Vorwurf ist schwerwiegend. Als Linker darf man heute vieles sein, Briefmarkensammler etwa, sogar Bellizist, aber auf gar keinen Fall Antisemit. Als APO-Opa und damit vermutlich Angehöriger der Antisemitismusverdachtsstufe I möchte auch ich selbstverständlich alles tun, um meinen Persilschein zu bekommen.
Ich müßte dazu wohl Haurys Kleinem Katechismus des Nahen Ostens vorbehaltlos zustimmen und erklären, daß ich mit ihm glaube: »Israel war kein imperialistischer Brückenkopf, im Nahen Osten kämpften zwei nationale Befreiungsbewegungen um Territorium.« Zwar hatte ich immer gedacht, ein Staat könne keine nationale Befreiungsbewegung sein, und was Staaten betrifft, hatte ich es bisher eher mit Gerhard Seyfried gehalten (»ein Depp ist er, der Staat«). Auch frage ich mich, was Befreiung heißt, wenn sie nur auf Kosten der Befreiung anderer, gleichartiger erreicht werden kann, wenn Kolonialismus und Imperialismus keine Rolle spielen. Aber man muß Opfer bringen, wenn man akzeptiert werden will. Vielleicht interpretiere ich Haury auch ganz falsch und er meint eigentlich, der Zionismus sei die nationale Befreiungsbewegung der Juden bzw. derjenigen unter ihnen, die sich in Palästina ansiedeln und dort als Nation konstituieren wollten. Befreiung wäre dann die Befreiung von der Verfolgung, der die Juden in ihren Herkunftsländern ausgesetzt waren, verwirklicht wäre sie mit der Schaffung des Staates Israel. Oder meint er doch, Israel kämpfe weiterhin und bis heute als Befreiungsbewegung gegen die Palästinenser um Territorium? Ist Israel Herrn Haury vielleicht zu klein?
Muß ich, wenn ich kein Antisemit sein will, die Selbstdefinition Israels gutheißen, es sei der Staat der Juden, der Staat der Überlebenden der Shoah? Darf ich darauf hinweisen, daß eine solche Definition ethnische Homogenität und damit ethnische Säuberung voraussetzt? Darf ich mich fragen, was die 20% nichtjüdischen Israelis davon halten? Muß ich, wo ich doch so gern jeden Nationalismus ablehnen würde, beim Zionismus eine Ausnahme machen, weil ich sonst Antizionist wäre und Antizionismus zum Antisemitismus führt und mir außerdem vorgeworfen wird, ich würde die Gründung Israels am liebsten rückgängig machen? Ach, es ist nicht leicht, politisch korrekt zu sein.
Worum es eigentlich geht
Die Ebene der Auseinandersetzung, die Haury gewählt hat, Israel-Kritikern, speziell den Deutschen unter ihnen, mit dem Knüppel des Antisemitismus-Vorwurfs zu drohen, ist nicht hilfreich. In DDR-Statements eine Verschwörungstheorie aufgespürt zu haben, kann bestenfalls die Eitelkeit eines Besserwessis befriedigen.
Worum es eigentlich geht, kann man in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen nachlesen, wenn von Israel die Rede ist. Da gibt es gewöhnlich zwei Lager: die einen wollen, je nach Anlaß, das Vorgehen von Israels Siedlern, Polizei, Militär oder Geheimdienst anprangern und vertreten den Standpunkt, Recht und Moral seien unteilbar. Che Guevaras Forderung, »Seid immer fähig, euch im tiefsten Innern über jedes Unrecht zu empören, das irgend jemandem in irgend einem Teil der Welt angetan wird«, gelte auch für Deutsche und für den Nahen Osten; nichts, auch nicht Auschwitz, rechtfertige es, mit zweierlei Maß zu messen. Für die anderen ist Israel unbezweifelbar und für immer der Staat der Überlebenden der Shoah, sie meinen, alle Deutschen sollten sich, weil sie Deutsche sind, der deutschen Vergangenheit schämen und aus dieser Scham heraus sich mit Kritik an Israel zurückhalten, wenn nicht für immer, so doch noch sehr lange. Sie wollen dem israelischen Staatsapparat gewissermaßen mildernde Umstände zubilligen, wie es die Justiz gelegentlich mit einem Gewalttäter macht, der in der Jugend selbst mißhandelt wurde. Daß es so etwas wie eine nationale Identität gibt, steht für sie außer Frage.
Dies sind in etwa die Konfliktlinien, um die diskutiert werden sollte. Das Problem des sogenannten Nahostkonflikts ist nicht die Gründung Israels vor 50 Jahren und die Frage, ob man sie gut und richtig findet. Das Problem ist die Aussicht, daß die nächsten 50 Jahre nicht reichen werden, um den Konflikt beizulegen. Wir sollten uns fragen, wie wir mit dieser Aussicht umgehen.
Christian Neven-du Mont ist Mitarbeiter der iz3w |