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(Artikel * 1998) Rose, Eva
Kontinuierlicher Blick auf ein schäbiges Milieu Der brasilianische Literat Fernando Bonassi Literatur - Fernando Bonassi
in Blätter des iz3w Nr. 230 * Seite 43 - 43
Themen: Literatur; F. Bonassi * Dok-Nr: 131037
Literatur

Kontinuierlicher Blick auf ein schäbiges Milieu
Der brasilianische Literat Fernando Bonassi

von Eva Rose

Im April wurde zum ersten Mal ein Stück des brasilianischen Schriftstellers und Filmemachers Fernando Bonassi an einer deutschen Bühne aufgeführt. Hans Kresniks Inszenierung von »Subúrbio/Niemandsland« am Hamburger Schauspielhaus provozierte böse Kritik.

Im Prolog von Tata Amarals Spielfilm »Um Céu de Estrelas« (Ein Himmel voller Sterne), einer Adaption von Fernando Bonassis gleichnamigem Roman, sitzt dieser rauchend und gedankenverloren in einem Café, überblendet von düsteren Vorstadtgebäuden, die den Blick auf den Himmel fast versperren, Fabrikszenen, Leuten auf der Straße, Straßenverkehr, einem dreckigen Bach, einer weinenden Frau. Dies ist eine kleine Hommage an den Kollegen, der aus diesem Milieu stammt, das ihn und sein Werk tief geprägt hat: Die Trostlosigkeit der Menschen in einem heruntergekommenen Industrievorort einer brasilianischen Großstadt.
Bonassi ist in der Zona Leste von São Paulo aufgewachsen, dem damals ärmsten Stadtteil. Die italienischen Großeltern waren in den 20er Jahren nach Brasilien eingewandert und haben die Industrialisierung Brasiliens miterlebt. Der Enkel erfuhr das Ende dieses Traums in den siebziger Jahren, als sich Arbeitslosigkeit und Elend in seiner Umgebung ausbreiteten. Bonassi fing mit 14 Jahren an zu arbeiten. Mit Unterstützung des Vaters gelang es ihm, die Schule abzuschließen, und er erreichte ? für jemand aus der Arbeiterklasse eine unerhörte Ausnahme ? die Aufnahme an der Filmhochschule der Universität von São Paulo. Ohne seinen Schreibdrang ? »Ich glaube, wenn ich nicht schreiben könnte, würde ich den ganzen Tag onanieren oder jemanden umbringen.« ? hätte er das sicher nicht geschafft.
Inzwischen liegen auf portugiesisch fünf Romane, ein Kinderbuch, zwei Erzählbände und vier Kurzfilme vor. Zudem arbeitete er an diversen Drehbüchern und Bühnenstücken mit. Bislang wurde keines dieser Werke auf deutsch veröffentlicht. Die Herausgabe des Kinderbuches und des Romans »Um Céu de Estrelas« in einem deutschen Verlag sind jedoch für dieses Jahr geplant. Außerdem schreibt Bonassi regelmäßig für »Folha de São Paulo«, die größte brasilianische Tageszeitung, Kolumnen mit dem Titel »Da Rua« (»Geschichten von der Straße«). Viele dieser Miniaturen haben Gewalt und Kriminalität zum Thema und reflektieren die Fernsehreportagen und -serien über diese Gewalt, die den Zuschauern täglich serviert werden. Teilweise erscheinen die Figuren der Erzählungen wie karikierte Krimi-Helden in einem Comic. Allerdings ist Bonassi weit davon entfernt, ironisch oder sarkastisch zu werden. Seine Figuren sind abgrundtief traurige, tragische Gestalten, die in einer Hölle leben, aus der es keinen Ausweg gibt.
Dies gilt auch für den Roman und das Bühnenstück »Subúrbio«. Ein altes Ehepaar lebt in einem miserablen Arbeitervorort einer Industriestadt. Zwischen den beiden gibt es keine Liebe, nur Verachtung. Der namenlose Alte ist Alkoholiker, sein Dasein erschöpft sich in Beobachtungen der trostlosen Umgebung und des menschlichen Elends. Bis ein kleines Mädchen auftaucht und sein Leben verändert. Aber seine Erwartungen und Hoffnungen schlagen um in rasende sexuelle Begierde. Die Geschichte endet in einer Katastrophe: Der Alte tötet und vergewaltigt das Mädchen, die Umgebung fällt über den Alten her.
»Tragische Figuren«, so Bonassi in einer Erläuterung zu dem Stück, »gehen unausweichlich in ihr Verderben, unabhängig davon, ob sie sich der Gefährlichkeit ihres Weges bewußt sind oder nicht. In der Vergangenheit lautete das Schlüsselwort, das für den Seelenfrieden von Theaterautoren und Literaturwissenschaftlern sorgte, ?schicksalhafte Bestimmung?, als eine Art von Synonym für Gottes Willen. Heute gilt das nicht mehr. Die moderne Tragödie kann nicht mehr auf Gott zurückgreifen, um das Unerklärliche ?erträglicher? zu machen. Die Personen, die ich in ?Subúrbio? gestaltet habe, sind ?tragische Figuren?. Doch im Gegensatz zu früher sind sie vor allem dadurch charakterisiert, daß ihnen vom Schicksal nichts bestimmt ist.« (Zitiert aus dem Begleitheft zur Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus.)
Auf die Inszenierung von »Subúrbio« am Hamburger Schauspielhaus reagierte die Kritik zum Teil äußerst polemisch. Kresnik inszeniere ein »routiniertes Rondo der Widerwärtigkeiten« (Die Zeit, 17.4.98): Ratten, die am Schwanz im Kochkessel versenkt werden, ein künstlicher Darmausgang, mit dem der Alte sich und die Zuschauer bespritzt, ein Hahn, dem einer den Kopf abreißt und sich in den Mund steckt und dergleichen mehr. Auch Bonassi selbst kommt nicht gut weg: »Man merkt, daß der Autor eigentlich Filme macht und keine Person mit Worten zu gestalten vermag.« (FAZ, 7.4.98).
Bonassi selbst ist mit der Inszenierung nicht sonderlich zufrieden. Es ist für ihn jedoch eine Erfahrung, die er gut hinter sich lassen kann. Denn er besteht auf seinem düsteren Realismus und darauf, daß seine Geschichten in Katastrophen enden. Eines seiner literarischen Vorbilder ist Thomas Bernhard. Dessen Werke hätten ihn zutiefst deprimiert und deshalb habe er gewußt, daß das gute Literatur sei. »Ich schreibe nicht, um zu unterhalten. Ich schreibe, um die Leser in Brasilien zu stören.« Er sieht die gesellschaftliche Situation in Brasilien als so brutal und die politische als so festgefahren, daß er nicht anders schreiben kann.
Böse endet auch der Film »Um Céu de Estrelas«, in dem es wahrhaftig keinen Sternenhimmel gibt. Eines ist dabei allerdings interessant: Der Schluß des Films ist gegenüber der Romanvorlage so abgeändert, daß die weibliche Hauptfigur am Ende eine Täterin ist, die sich befreit hat ? ein tragisches, aber nicht auswegloses Ende. Bonassi findet den Schluß des Films so gut, daß er überlegt, seinen Roman dementsprechend zu ändern.


Der Schriftsteller und Filmemacher Fernando Bonassi, Jahrgang 1932, stammt aus der Arbeiterklasse São Paulos. Als Regisseur von Kurzfilmen, Drehbuchautor von Kurz-, Spiel- und Fernsehfilmen und Autor von Romanen, Erzählungen und Theaterstücken erhielt er in Brasilien verschiedene literarische und cineastische Auszeichnungen. Zur Zeit lebt und arbeitet Bonassi als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin. Wer Kontakt mit ihm aufnehmen will, kann sich direkt an seine derzeitige Berliner Adresse wenden: Storckwinkel 12, 10711 Berlin.
Der Film »Um Céu de Estrelas« (OmeU) sowie der Kurzfilm »O Amor Maternal« (OmeU) von Fernando Bonassi sind über die Deutsch-Brasilianische Kulturgesellschaft Tübingen, T/F. 07071-760425 zu beziehen.


Eva Rose ist Mitarbeiterin im »Informations- und Kulturbüro Solidarische Welt« VAMOS e.V. Münster.