Gewerkschaften
Das Ende der Unsichtbarkeit
Eine Frauengewerkschaft in Südafrika
von Birgit Morgenrath
In der südafrikanischen Hafenstadt Durban ist etwas Seltenes entstanden: eine Gewerkschaft ohne Männer, die Straßenhändlerinnen vertreten will. Und trotz zahlreicher Schwierigkeiten wird ihr allmählich immer größere gesellschaftliche Anerkennung zuteil.
Hunderte Sammeltaxis, Züge und Busse transportieren täglich einen Strom von Schwarzen in die Stadt hinein und in die Townships hinaus. Im »Warwick Triangle«, dem Supermarkt der Armen am Rande des Stadtzentrums sitzt Zodwa Khumalo, um ihre kleingehackten Rinden, Knollen und Wurzeln anzubieten. Die 55-jährige spielt an diesem Platz eine besondere Rolle. Sie kümmert sich um ihre Kolleginnen, und die suchen ihren Rat. Viele Frauen arbeiten nicht nur auf den Bürgersteigen, sondern sie leben auch dort. Tag und Nacht.
Zodwas Zuhause ist ein Wohncontainer im Township Kha Makhutha, ohne Strom- und Wasseranschluß. Das Klagen ist jedoch Zodwas Sache nicht. Fünf Frauen warten auf sie. Auf einem Tisch haben sie Selbstgenähtes ausgebreitet. »Die Frauen haben keinen Platz, um ihre Ware zu verkaufen. Sie müssen von Haus zu Haus gehen. Wir kämpfen jetzt dafür, daß ein Marktplatz angelegt wird.« »Wir«, das sind die Frauen der »Self Employed Women?s Union«, SEWU. Wenn diese fünf Näherinnen noch weitere fünf Frauen finden, können Sie eine Ortsgruppe bilden.
Zodwa Khumalo ist seit 1983 Mitglied der SEWU, einer Gewerkschaft, die »survivalists« organisiert ? Frauen also, die als Straßenhändlerinnen, Näherinnen, Friseusen, Telefonistinnen und Imbißverkäuferinnen ums tägliche Überleben kämpfen. Viele sind mit ihrem Schicksal unzufrieden aber mißtrauisch gegenüber Hilfsangeboten. Nur die Hartnäckigkeit der SEWU-Werberin nötigte Zodwa schließlich Respekt ab. »Ich bin mit meiner Nachbarin ins SEWU-Büro gegangen. Die haben uns die Satzung gezeigt und alles erklärt, und dann bin ich beigetreten. Ich war die erste Verkäuferin hier aus der Russellstreet und habe die anderen Mitglieder geworben.«
Mittlerweile sind es 300 Frauen, die Zodwa Khumalo davon überzeugt hat, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, und daß eine Gewerkschaft ohne Männer viele Vorteile hat. »Die reden so viel«, meint sie, »sie schneiden den Frauen das Wort ab. Wenn nur Frauen zusammen sind, dann tauschen wir uns aus.«
Empowerment für survivalists
Die SEWU-Frauen setzten sich nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen wie überdachte Marktstände ein: »Empowerment« ist das Hauptziel. Die Gewerkschaft bietet den Frauen Aus- und Fortbildung an ? etwa wie man mit Stadträten verhandelt. Die Mitglieder können sich auch handwerklich ausbilden lassen, überwiegend in Fertigkeiten, die nicht frauentypisch sind. Damit Frauen aus dem informellen Sektor solche Angebote überhaupt wahrnehmen können, müssen die Kurse in den einheimischen Sprachen abgehalten werden; sie müssen als Teilzeitbeschäftigung angeboten werden, weil keine ihren Arbeitsplatz mehr als zwei Tage verwaist lassen kann; sie müssen eine Kinderbetreuung bieten; schließlich müssen die Frauen mit Geduld und Respekt behandelt werden. SEWU beachtet diese eigentlich selbstverständlichen, aber häufig vernachlässigten Voraussetzungen für eine fruchtbare Interessenvertretung der Survivalists.
Dennoch ist es keine leichte Sache, die Survivalists zu organisieren. Viele Frauen unterliegen dem ?normalen? patriarchalen Druck, finden sich mit ihrer Unsichtbarkeit ab und verharren im Privaten. Obwohl sie wirtschaftlich tätig werden und den Lebensunterhalt ganzer Familien verdienen. Darüberhinaus sind die bestehenden Zusammenschlüsse der Straßenhändler von Männern dominiert. Mit der Folge, daß die wesentlichen Probleme der Frauen gar nicht behandelt werden und einen sehr niedrigen Status haben.
Kommen und gehen
SEWU ist zwar auf Expansionskurs: Seit der Gründung Ende 1994 sind rund 1500 Frauen beigetreten, und inzwischen arbeiten zwölf Festangestellte in drei regionalen und einem nationalen Büro der Gewerkschaft. Dennoch wurden wichtige Ziele nicht erreicht. Vor allem, daß SEWU noch nicht finanziell unabhängig und auf Gelder internationaler Geber angewiesen ist ? meist Gewerkschaften aus Holland und Skandinavien. Ein wichtiger Grund für die zu geringen Einnahmen ist die hohe Fluktuation der Mitglieder. Überlebenskämpferinnen fällt es nun mal schwer, ihre Beiträge regelmäßig zu bezahlen. Auch die Gründung einer SEWU-eigenen Kreditgenossenschaft ist bislang an den fehlenden Einzahlungen gescheitert. Viele Frauen führen überhaupt kein Konto, womit sie etwa Daueraufträge einrichten könnten. Häufig werden die kleinen Sparerinnen von den Banken nicht akzeptiert. Hier muß die Gewerkschaft verhandeln. So wie es die indische Schwestergewerkschaft SEWA vorexerziert hat, die nun schon beim Eintritt des neuen Mitgliedes die Angabe der Kontonummer verlangen kann.
»Wenn wir daran scheitern, Frauen zu einem Schlüsselfaktor der Wirtschaft zu machen, wird unsere gesamte Wirtschaftspolitik scheitern«, sagte Südafrikas Wirtschaftsminister Alec Erwin im November letzten Jahres. Nur dadurch sei Gleichheit in einer ehemals höchst gespaltenen Gesellschaft zu erlangen. SEWU kann bestätigen, daß die südafrikanische Regierung es ernst meint. Zumindest auf dem Papier. »Der informelle Sektor hat inzwischen ein höheres öffentliches Profil erreicht«, sagt Pat Horn, Gründerin der SEWU (siehe iz3w 212). Nach nun vier Jahren werde die Frauengewerkschaft jetzt als Modell und als Vertreterin der Survivalists sowohl von der Regierung, als auch in den Medien anerkannt.
Birgit Morgenrath arbeitet im Rheinischen JournalistInnenbüro in Köln. |