Gewerkschaften
Kleinkredite für Khannawallis
Frauenselbstorganisation jenseits traditioneller Gewerkschaften
von Birgit Schößwender und Christian Stock
Die Gewerkschaften vieler Dritte-Welt-Länder kümmern sich aufgrund äußerer Zwänge oder mangelnder Einsicht kaum um die spezifischen Probleme von Arbeiterinnen. Insbesondere die Frauen aus dem informellen Sektor sind daher auf Selbstorganisation angewiesen. Die vielerorts entstandenen basisdemokratischen Gruppen kämpfen nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen.
Frauen tragen in nahezu allen Dritte-Welt-Ländern ganz erheblich zur Wirtschaftsleistung bei. Das Einkommen im informellen Sektor ? der staatlich nicht registrierten und anerkannten Schattenwirtschaft ? wird nach übereinstimmenden Schätzungen in Südamerika, der Karibik und Westafrika zu 70 bis 90 Prozent von Frauen erwirtschaftet. Auch im formellen, offiziellen Sektor ist der Frauenanteil oftmals überproportional. In den Exportfabriken Lateinamerikas ? den sogenannten maquilas, in denen Textilien, Autoradios oder elektronische Bauteile für den Weltmarkt produziert werden ? reicht er von 60% (Dominikanische Republik) bis 90% (Nicaragua).1 Doch in den traditionellen Gewerkschaften und sonstigen Arbeitnehmerorganisationen sind Frauen nicht nur in den Führungsgremien, sondern auch bei der Mitgliedschaft weit unterrepräsentiert, wie übereinstimmend aus den einzelnen Ländern berichtet wird (vgl. auch die folgenden Beiträge).
Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen haben Gewerkschaften aufgrund staatlicher Restriktionen oder mangelnden Engagements oftmals keinen Zugang zu Wirtschaftsbereichen, in denen Frauen vorrangig tätig sind. Dies gilt nicht nur für den informellen Sektor, der aufgrund seiner hohen Fluktuation und der großen Rechtsunsicherheit ohnehin schwer organisierbar ist, sondern auch für die maquilas. Diese sind nicht selten in Freien Produktionszonen angesiedelt, in denen selbst rudimentäre gewerkschaftliche Rechte wie Vereinigungsfreiheit außer Kraft gesetzt sind.
Zum anderen sehen sich Frauen von Gewerkschaften nicht angemessen vertreten. Viele Gewerkschaften in Dritte-Welt-Ländern sind ausgesprochen staatsfixiert, haben vor allem die »große« Politik im Auge und argumentieren dementsprechend standortorientiert. Die spezifischen Probleme und Ausbeutungsverhältnisse von Frauen wie sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz oder die Doppel- und Dreifachrollen als Arbeitende, Hausfrauen und Mütter werden in den männerdominierten Gewerkschaften kaum wahrgenommen. Zudem grenzen die üblichen gewerkschaftlichen Organisationsformen Frauen oftmals aus, weil diese z.B. während der abendlichen Treffen die Familie versorgen müssen.
Vor diesem Hintergrund entstanden in jenen Ländern, die Frauen wenigstens ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Autonomie zugestehen, gewerkschaftsähnliche Selbstorganisationen der Arbeiterinnen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie sich nicht nur auf rein arbeitsweltliche Fragen oder auf Lohnkämpfe beschränken, sondern auch das gesamte Lebensumfeld der Frauen wie Familie und Haushalt einbeziehen. So werden die Mitglieder nicht nur bei arbeitsrechtlichen, sondern auch bei gesundheitlichen Problemen beraten. Auch über allgemeine Frauenrechte ? etwa im Falle eines sexuellen Mißbrauchs ? wird aufgeklärt.
Ein wichtiges Vorbild für Frauenorganisationen weltweit ist die Self-Employed Women?s Association (SEWA) im indischen Ahmedabad. In Indien reicht die Organisierung von Frauen bis in die 20er Jahre dieses Jahrhunderts zurück, als sie innerhalb der nationalistischen Befreiungsbewegung eine wichtige Rolle einnahmen. Die Frauenorganisationen, die sich im Umfeld der Befreiungsbewegung entwickelt hatten, waren allerdings sehr stark von oberen Kasten dominiert und hatten den Charakter von rein karitativen Wohltätigkeitsvereinen. Nach der Unabhängigkeit wurden die Frauen zudem rasch in den häuslichen Bereich zurückgedrängt.
Seit den 70ern sind aufgrund der Unzufriedenheit mit dieser Situation völlig neue basisdemokratische Frauenorganisationen entstanden, die eine Selbstorganisation der Ärmsten anstreben.2 Die 1972 gegründete SEWA ist die älteste dieser Organisationen. Ursprünglich gehörte SEWA zur Frauensektion der von Gandhi gegründeten Textile Labour Association (TLA), die sich jedoch eher zugunsten von Ausbildungsprogrammen für entlassene Arbeiterinnen engagierte als für deren Rechte.
Die Entstehung von SEWA löste eine weitreichende Debatte über Gewerkschaften und Arbeitsrechte für Frauen im informellen Sektor aus. Als 1981 Kastenunruhen im Bundesstaat Gujarat ausbrachen und Arbeiterinnen und Händlerinnen der untersten Kasten nicht mehr wagten, ihre Arbeit fortzusetzen, verfolgte die TLA eine Linie der »Nichteinmischung«, mit der sie sich de facto auf die Seite der oberen Kasten stellte. Die SEWA wurde aus der TLA und der National Labour Organisation ausgeschlossen.
Trotz der feindlichen Einstellung der TLA und ihrer Boykott-Versuche gründete die SEWA eine eigene Bank, die auf die Bedürfnisse der Frauen aus dem informellen Sektor zugeschnitten war. Damit wirkte sie am Wandel des ganzen Bankenwesens Indiens mit, das nun zunehmend die Armen als neue Klientel wahrnahm. Einige Monate später erreichte die SEWA den Gewerkschaftsstatus für Arbeiterinnen im informellen Sektor. Ihre Mitgliedskarte wurde durch die Polizei anerkannt, was für die Straßenhändlerinnen, die häufig von Polizisten vertrieben worden waren, eine große Erleichterung darstellte. Auch für Heimarbeiterinnen setzte SEWA einen rechtlichen Schutz durch. Ein Höhepunkt der Arbeit wurde erreicht, als die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) im Jahr 1995 auf Betreiben der SEWA eine Konvention über Heimarbeit annahm und somit die vormals unsichtbare Heimarbeit auch auf internationalem Parkett thematisiert wurde.
Unbürokratische Kredite...
Ein zweites Beispiel der neuen Generation indischer Frauenorganisationen ist die Annapurna Mahila Mandal (AMM). Sie konzentriert sich im Gegensatz zur SEWA auf eine bestimmte Gruppe der Frauen im informellen Sektor: die Khannawallis. Dies sind Frauen, die die meist männlichen Arbeitsmigranten in den großen Städten mit billigen Mahlzeiten versorgen. So basiert z.B. die Textilindustrie Bombays mit ihren vielen zugewanderten Arbeitskräften ganz wesentlich auf der Zuarbeit durch die Khannawallis. Aufgrund dieser engen Verbindung waren die Frauen stark von Arbeitskämpfen betroffen, während derer die Arbeiter kein Geld mehr für die Mahlzeiten hatten. In diesen Krisenzeiten konnten sich die Khannawallis eigentlich nur durch die Kleinkredite über Wasser halten, die von privaten Geldverleihern zu betrugsähnlichen Bedingungen gewährt wurden. In den Genuß der niedrigeren Zinssätze, die staatliche Banken anderen Armutsgruppen zugestanden, kamen die Frauen nur selten, da die Banken sie nicht als geschäftsfähig ansahen und ihre Tätigkeit nicht als Kleinhandel anerkannt war. Um günstige Kredite zu erhalten, war die Bildung größerer Gruppen notwendig ? ein Schritt, der zunächst nur mit Hilfe der Strukturen der Kommunistischen Partei erreicht werden konnte. Diese Gruppenbildung war der Beginn der autonomen Selbstorganisation, die schließlich 1983 zur Gründung der AMM führte.
Inzwischen sind in Bombay beinahe alle Khannawallis in der AMM organisiert, die ihre Strukturen weiterhin auf der Graswurzelebene aufbaut. Die Bedürfnisse der Mitglieder in den Auseinandersetzungen um Wucherzinsen, Diskriminierung oder Gewalt stehen dabei im Vordergrund. Die Umstrukturierungsprozesse der Textilindustrie machen es zudem notwendig, daß die Khannawallis sich auf neue Betätigungsfelder umorientieren. Die AMM besitzt mittlerweile drei Gebäude, in denen berufliche Weiterbildungsprogramme für die Frauen und ihre Töchter angeboten werden. Wie die SEWA hat die AMM vor einigen Jahren eine eigene Bank gegründet, die bei der Vergabe von Krediten erheblich unbürokratischer als normale Banken vorgeht. Ihre mittlerweile gesicherte finanzielle Lage ermöglicht es, daß nun auch Nicht-Khannawallis Kredite erhalten.
...für freie Unternehmerinnen?
Die Erfolge dieses Typus unabhängiger Frauenorganisationen wurden auch in den westlichen Entwicklungshilfeministerien und in den internationalen Organisationen bemerkt. Ende der 80er Jahre startete beispielsweise die IAO mit Unterstützung der dänischen Regierung mehrere Projekte, um Heimarbeiterinnen in verschiedenen Ländern Asiens nach dem ausdrücklichen Vorbild der SEWA zu organisieren.3 Die Lage der Heimarbeiterinnen ist nicht nur in diesen Ländern besonders prekär: Sie arbeiten voneinander isoliert zu Hause, was eine Organisierung erschwert. Sozialleistungen oder arbeitsrechtliche Absicherung existieren so gut wie gar nicht. Hinzu kommt, daß viele Heimarbeiterinnen keine formale Bildung haben und des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind. Zu ihrer Unterstützung wurden zunächst in Thailand, später auch auf den Philippinen und in Indonesien Forschungsprojekte und Kampagnen initiiert. Sie arbeiteten den entstehenden Ablegern der SEWA wie z.B. PATAMBA (Philippinen) oder YPP (Indonesien) zu.
Die IAO-Pilotprojekte verdeutlichen die Gefahren, die es mit sich bringt, wenn Frauenorganisation nicht ausschließlich selbstinitiiert, sondern von außen angestoßen wird. So werden von der IAO, die ihre Projekte immer mit den jeweiligen nationalen Regierungen, Arbeitgeberorganisationen und Gewerkschaften abstimmen muß, nicht nur Verbesserungen der Arbeitsbedingungen angestrebt, sondern ausdrücklich auch Produktivitäts- und Beschäftigungsförderung. Es wird argumentiert, daß höhere Löhne den Beschäftigungseffekt der Heimarbeit, die für die Gruppe der Armen unverzichtbar sei, nicht beeinträchtigen dürfen. Diese doppelte Zielvorgabe bringt zwangsläufig den Verzicht auf eine grundsätzliche Umgestaltung der Arbeitsbedingungen für Heimarbeiterinnen mit sich. Die Verbesserungen bleiben bescheidener Natur und die politische und wirtschaftliche Dimension der gesellschaftlichen Bedingungen für Heimarbeit wird zugunsten der Beschränkung auf pragmatische Forderungen an einzelne Unternehmen ausgeblendet.
Ein weiterer problematischer Aspekt ? der nicht nur für die IAO-Projekte zutrifft ? ist die ausdrücklich angestrebte Förderung von selbständigem Unternehmerinnentum durch viele Frauenorganisationen. Ähnlich wie bei den Existenzgründerzentren in der BRD stehen Aktivitäten wie Kreditvermittlung und Beratung in Marketing- und Managementfragen im Vordergrund, wenngleich sie auf die Situation von benachteiligten Frauen aus dem informellen Sektor zugeschnitten sind. Dies erklärt, warum die Frauenselbstorganisation von vielen Regierungen ? etwa in Indien oder Südafrika ? durchaus wohlwollend gesehen wird und sie mit neoliberaler Ideologie vereinbar ist: Statt die staatliche Wirtschaftspolitik oder die gesamte Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen, wird den Frauen die Verantwortung für die Schaffung besserer Lebensumstände selbst in die Hände gelegt. Ihr Verhandlungsgeschick und Geschäftssinn entscheidet von nun an über ihren Erfolg.
Doch solche eher theoretischen Bedenken interessieren die sich organisierenden Frauen wenig. Ihnen geht es um die konkrete Verbesserung ihrer Bedingungen und um die Bildung einer gemeinsamen Identität. In vielen Fällen wurden von ihnen allein aufgrund der Tatsache, daß sie ihr Schicksal nicht mehr wehrlos ertragen, gesellschaftliche Veränderungsprozesse angestoßen. So gelang es der AMM, nicht nur die allgemeine Unterdrückung einer Kasten- und Klassengesellschaft anzuprangern, sondern auch über frauenspezifische Probleme wie die diskriminierenden Mitgift-, Abtreibungs- und Mißbrauchspraktiken eine breite Debatte in der indischen Öffentlichkeit zu initiieren.
Anmerkungen:
1 vgl. Infoblatt des Ökumenischen Büros München, Nr. 32, Juli 1997, S. 21
2 vgl. Dina Abbott, Who else will support us? How poor women organise the unorganisable in India, in: Community Development Journal, Vol. 32, No.3, 1997, S. 199-209
3 vgl. Die Welt der Arbeit, Zeitschrift der IAO, Nr. 12, 1995, S. 12-14
Birgit Schößwender ist Mitarbeiterin des Süd-Nord-Ladens in Freiburg. Christian Stock arbeitet beim iz3w. |