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(Artikel * 1998) Tschenett, Kristina
Verzicht auf Kinderarbeit? Sozialklauseln gegen Kinderarbeit
in Blätter des iz3w Nr. 230 * Seite 27 - 27
Themen: Kinderarbeit * Dok-Nr: 131029
Verzicht auf Kinderarbeit?

Können Sozialklauseln die Situation von Kindern in Entwicklungsländern verbessern, oder dienen sie den Industrieländern lediglich als Mittel im Kampf gegen Billigkonkurrenz? Die Fronten in diesem Streit verlaufen quer durch die entwicklungspolitischen Lager. Die einen behaupten, Kinderarbeit sei eine Folge der Armut. Eine wettbewerbsfähige Exportindustrie würde Devisen erwirtschaften und langfristig dazu führen, daß Löhne und soziale Standards automatisch steigen. Dazu müsse jedoch die Kinderarbeit vorläufig toleriert werden. Eine Sozialklausel sei vor diesem Hintergrund ein Handelshemmnis. Die anderen argumentieren, Kinderarbeit sei auch Ursache der Armut, weil den Kindern durch den Zwang zu arbeiten die Chance auf Bildung und Ausbildung genommen werde. Der Teufelskreis von Armut und Kinderarbeit könne aber nur durch Bildung von Humankapital erreicht werden, und dazu sei ein Verbot der Kinderarbeit nötig.
In seinem Buch Mit Sozialkauseln gegen Kinderarbeit? stellt Daniel Haas den Stand der Debatte dar und untersucht die Argumente am Beispiel der indischen Teppichindustrie. Im theoretischen Teil werden dabei die Schwierigkeiten der Untersuchung schnell deutlich: Wo hört die Mithilfe in der Familie auf, und wo fängt Kinderarbeit an? Trotz der Fülle von Studien steht kaum verläßliches Datenmaterial darüber zur Verfügung, wo in den tausenden von verstreut liegenden Knüpfbetrieben wieviele Kinder in welchem Alter unter welchen Bedingungen arbeiten. Die meisten Studien verwenden daher Schätzwerte. Trotzdem kann Haas die These widerlegen, daß eine Stärkung der Exportwirtschaft automatisch bessere Sozialstandards mit sich bringe. Er kommt vielmehr zu dem Ergebnis, daß die Kinderarbeit der indischen Teppichindustrie auf dem Weltmarkt kaum Wettbewerbsvorteile bringt. Daß die indische Regierung und nichtstaatliche Organisationen wie Gewerkschaften eine Sozialklausel zum Schutz der Kinder trotzdem ablehnen, läßt sich zum Teil mit Nationalstolz erklären; außerdem werden den Befürwortern von Sozialklauseln protektionistische Interessen unterstellt.
Als Alternative zu einer Sozialklausel stellt Haas deshalb die Einführung eines Warenzeichens (z.B.«Rugmark« oder »Kaleen«) für Teppiche vor, die ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. Kritiker dieser Variante bemängeln jedoch, daß eine Überwachung der Produktion nicht ausreichend gewährleistet werden kann. Es sind lediglich Stichproben möglich. Trotzdem plädiert Haas dafür, praktikable Warenzeichensysteme zu entwickeln und durch sozialpolitische Maßnahmen zu flankieren, denn seine Analysen der Teppichindustrie bestätigen die Vermutung, daß die Armut ohne einen Verzicht auf die Kinderarbeit langfristig nicht zu beseitigen ist.
Haas fällt indes kein eindeutiges Urteil über Sozialklauseln. So mußte beispielsweise der Iran in der Teppichbranche erhebliche Absatzeinbußen auf dem Weltmarkt hinnehmen, nachdem ein Verbot der Kinderarbeit durchgesetzt wurde, allerdings parallel zu einer allgemeinen Lohnsteigerung. Hier hätte eine internationale Sozialklausel eventuell verhindern können, daß einem einzelnen Land Wettbewerbsnachteile durch Verzicht auf Kinderarbeit entstehen. Der Autor ist jedoch der Meinung, daß sich diese Schlußfolgerung nicht unbedingt auf die indische Teppichproduktion übertragen lasse. So kommt er zu dem Schluß, daß sich die Frage, ob soziale Mindeststandards einen Verlust für die nationale Wettbewerbsfähigkeit bedeuten, wenn sie international durchgesetzt werden, nicht allgemeingültig beantworten läßt. Eindeutig ist aber Haas? Urteil, daß Teppichkäufer mit dem Erwerb eines von Kindern hergestellten Teppichs deren Ausbeutung, nicht aber die Entwicklung eines Landes unterstützen.
Die Arbeit zeigt anschaulich die Vielschichtigkeit des Problems hinter den Fassaden der wirtschaftsideologisch geprägten Argumente für oder gegen Sozialklauseln. Haas läßt sich durch die dramatische Lage der Kinder und ihrer Arbeitsbedingungen nicht zur vorschnellen Befürwortung einer Sozialklausel hinreißen, sondern bleibt aufgrund seiner Untersuchungsergebnisse skeptisch.
Kristina Tschenett

Daniel Haas: Mit Sozialklauseln gegen Kinderarbeit? Das Beispiel der indischen Teppichproduktion, LIT Verlag 1998, 152 S., 39,80 DM