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(Artikel * 1998) Wannöffel, Manfred; Lüthje, Boy
Rassismus in US-Gewerkschaften und die Folgen der Standortkonkurrenz in Lateinamerika Rassismus in US-Gewerkschaften
in Blätter des iz3w Nr. 230 * Seite 26 - 26
Themen: Gewerkschaften; Rassismus; US * Dok-Nr: 131028
Gewerkschaften

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Rassismus in US-Gewerkschaften und die Folgen der Standortkonkurrenz in Lateinamerika

Sind Gewerkschaften geeignete Organisationen für den Kampf gegen Rassismus? Sind sie als soziale Bewegung wiederzubeleben, die jenseits des Korporatismus und der Standortlogik agiert? Von solchen Hoffnungen geprägt sind trotz aller Kritik an Politik und Geschichte der US-Gewerkschaften viele der Beiträge des facettenreichen Bandes Zwischen Rassismus und Solidarität. Diskriminierung, Einwanderung und Gewerkschaften in den USA.
In ihrer Einleitung betonen die Herausgeber, daß das Lohnarbeitsverhältnis nicht nur ein Tauschverhältnis am Arbeitsmarkt, sondern auch ein Herrschaftsverhältnis ist: »Zur Verhinderung einer einheitlichen Frontstellung der Beschäftigten gegen die Unternehmensleitung versuchen die Unternehmen, einzelne Gruppen von Beschäftigten gegeneinander auszuspielen.« In vielen Unternehmen sei jedoch die rassistische Aufspaltung des innerbetrieblichen Arbeitsmarktes weniger Folge einer bewußten Strategie, als vielmehr die Anpassung an »jeweils vorherrschende gesellschaftliche Gepflogenheiten«, sprich den alltäglichen Rassismus. Zu dem könne »die Schwierigkeit, das Arbeitskräfteangebot knapp zu halten, (...) als strukturelle Ursache erklären, warum Gewerkschaften, trotz anderslautender Bekenntnisse, Ausgrenzung praktizieren.« Dies ging bereits zur Entstehungszeit der Gewerkschaften zu Lasten stigmatisierter Gruppen und Minderheiten.
Die ersten beiden Beiträge greifen bei der Darstellung des rassistischen Charakters der (weißen) Gewerkschaften bis ins 19. Jahrhundert zurück. Deren Ideologie der ?Whiteness? beinhaltete nicht nur, daß Farbige keine Mitglieder dieser führenden Gewerkschaften werden durften. Sie wurden darüber hinaus aktiv durch Streiks, Vereinbarungen mit Unternehmensführungen usw. vom Arbeitsmarkt gedrängt. Dabei waren offenbar die um die Jahrhundertwende zu den mächtigsten zählenden Eisenbahnergewerkschaften auch die rassistischsten.
Während einige Beiträge gegenüber dem institutionalisierten Rassismus der organisierten Arbeiterschaft durchgehend kritisch bleiben, suchen andere AutorInnen nach positiven Ausnahmen und Ansätzen übergreifender Solidarität. Dazu zählt die Widerlegung von Vorurteilen, die ImmigrantInnen aus Asien und Lateinamerika jeweils als homogene Gruppen begreifen und behaupten, diese seien gewerkschaftlich nicht organisierbar. Beispiele sollen das Gegenteil belegen: ImmigrantInnengruppen werden sogar als »Schlüssel für die Wiederbelebung der bereits tot geglaubten Arbeiterkultur betrachtet«. Für die Organisierung der einzelnen Gruppen sei es jedoch notwendig, nicht nur die implizit und explizit ausschließenden Praktiken innerhalb der Gewerkschaften aufzugeben, sondern auch an deren spezifische Lebenssituation und deren eigene Organisationen (z.B. das Latino Workers Center in NY) anzuknüpfen.
Einem »Bündnis von Unten«, das nicht entlang der ?color line? gespalten ist, stehen indes auch Haltungen auf Seiten der vom Rassismus Betroffenen im Wege. So werden die beiden Hauptvarianten ethnischer Identitätspolitik auf Seiten der ?afroamerikanischen Gemeinschaft?, nämlich der Integrationismus und der schwarze Nationalismus kritisiert. Beiden sei gemeinsam, daß ihnen »eine wie auch immer definierte Rasse« als wichtigste Strukturgröße der Gesellschaft gilt. Dies führe zu einer Politik der symbolischen Repräsentation durch Mitglieder der »privilegierten, elitären Sektoren der schwarzen Mittelklasse« und zur Abgrenzung gegenüber anderen unterdrückten Gruppen.
Sollte es in Zukunft dennoch gelingen, Schritte zu einer gewerkschaftlichen Organisierung jenseits von ethnisch definierten Gruppen zu unternehmen, wäre damit aber ein grundsätzliches Dilemma von Gewerkschaften nicht gelöst, das die meisten Beiträge des insgesamt vielschichtigen und interessanten Aufsatzbandes berühren. Es ist dies die Rolle, die Gewerkschaften bei gesellschaftlichen Veränderungen spielen sollen. In der Einleitung der Herausgeber heißt es dazu: »Multikulturelle Solidarität (kann sich) vor allem dann entfalten, wenn sie auch auf eine Veränderung kapitalistischer Produktions- und Herrschaftsverhältnisse abzielt. Insofern sind Betrieb und Gewerkschaft zentrale Orte, an denen Rassismus, ethnische Unterdrükkung und Nationalismus nicht nur in Worten, sondern auch praktisch bekämpft werden können ? und müssen«. Was aber, wenn die Anerkennung der Gewerkschaften durch Staat und Kapital seit dem New Deal der 30er Jahre gerade darauf zurückgeht, daß sie den Kapitalismus nicht mehr in Frage stellen?
Diese grundsätzliche Frage stellt sich auch für die Zukunft von Gewerkschaften in Lateinamerika. In dem Sammelband Bruch der Arbeitsbeziehungen in Amerika, befassen sich zehn länderspezifische Artikel mit den Ausprägungen dessen, was vom Herausgeber Manfred Wannöffel als »gemeinsames supranationales Phänomen« bezeichnet wird ? nämlich die »nationale Anpassung an die externen Bedingungen des Weltmarkts«. Die Beiträge, fast alle von Mitarbeitern der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung aus den einzelnen Ländern verfaßt, gehen davon aus, daß die international unter dem Konkurrenzdruck geführte Standortpolitik in den 90er Jahren zu Lasten der Arbeitnehmerschaft geht und tendenziell gleiche Arbeitsbedingungen in ganz Amerika schafft.
So gelte für ganz Lateinamerika, daß sich der Umbruch der Arbeitsbeziehungen im Prozeß der Transformation vom Modell der Importsubstitution zum Modell der exportorientierten Modernisierung vollziehe. Das Ziel der neoliberalen Umgestaltung sei die Steuerung wirtschaftlicher Prozesse allein über den Markt. Und das bedeute ? so eine Grundthese des Bandes ? für die in Lateinamerika traditionell sehr staatsfixierten Gewerkschaften, daß sie mit den Privatisierungen und dem Verlust staatlicher Souveränität gegenüber dem Weltmarkt ihren Hauptadressaten von Forderungen, den Staat, verloren haben. Gleichzeitig seien sie weder für den betrieblichen Kampf gewappnet, noch in der Lage zu einer über den nationalen Rahmen hinausgehenden Zusammenarbeit. Gerade diese wird aber von den meisten Autoren gefordert.
Zwar sollte von den einzelnen Aufsätzen nicht unbedingt eine umfassende Analyse der Globalisierungsmerkmale ? wie etwa dem an mancher Stelle allzu allgemein konstatierten Bedeutungsverlust des Nationalstaates ? erwartet werden. Dennoch gibt der Band Anstöße nicht nur zur Analyse von globalen sozialen Entwicklungen, sondern auch zur Frage nach den Möglichkeiten, sich diesen zu widersetzen. Bei letzteren geht es jedoch weniger um eine grundlegende Ablehnung, als vielmehr um die Teilnahme »an der politischen Debatte über die Perspektiven gewerkschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten der ökonomischen Globalisierung« ? so heißt es im Vorwort des DGB-Vorsitzenden Dieter Schulte. HW

Boy Lüthje, Christoph Scherrer (Hrsg.): Zwischen Rassismus und Solidarität. Diskriminierung, Einwanderung und Gewerkschaften in den USA. Verlag Westfälisches Dampfboot 1997, 309 S., DM 42,-
Manfred Wannöffel (Hrsg.): Bruch der Arbeitsbeziehungen in Amerika, Verlag Westfälisches Dampfboot, 1996, 243 S., DM 44,-