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(Artikel * 1998) Später, Jörg
Der, wo den Fehlpaß spielt Brot für die Welt ist für Fußball und "Fair-LIfe" Fußball für globales Zusammenleben
in Blätter des iz3w Nr. 230 * Seite 5 - 5
Themen: Fußball; globales Zusammenleben * Dok-Nr: 131017
Der, wo den Fehlpaß spielt
´Brot für die Welt´ ist für Fußball und »Fair-Life«

von Jörg Später

Man sollte meinen, es sei immer dasselbe: zweiundzwanzig Spieler in kurzen Hosen, 90 Minuten und der Ball ist rund. Weit gefehlt ? beim Fußball sollen anscheinend nicht nur Tore erzielt und der Gegner besiegt, sondern gleichzeitig Grenzen überwunden und das globale Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen erlernt werden. In jedem Beckenbauer steckt eben auch ein Brückenbauer. So will es jedenfalls »Brot für die Welt«, das mit einer Aktionszeitschrift zur Fußball-WM ?98 Werbung nicht nur für sich, sondern auch für ein Fair-Life machen möchte. »Steilpaß für Fair-Life« heißt das vom Diakonischen Werk der EKD herausgegebene Blatt, das für Dritte-Welt-Bewegte u.a. Artikel über Kinderarbeit bei der Herstellung von Fußbällen und über Arbeitsbedingungen in der Sportartikelindustrie, sowie für Fußball-Fans neben einem WM-Spielplan, inclusive der Geburtstage der deutschen Kicker, ein Foto von Winni Schäfer mit kurzen Haaren enthält.
Wenn Sie in der Halbzeitpause eines WM-Spiels einmal nicht Zigaretten, Bier und Chips an der nächsten Tanke holen, und stattdessen die buntbebilderte Zeitung aufschlagen sollten, können Sie außerdem von »Brot für die Welt« einiges über sozial engagierte Kicker lernen. So zum Beispiel, daß Schalke 04 in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei einen sogenannten Mitternachts-Kick organisiert ? gewaltbereite Jugendliche spielen ein Hallenturnier bis in die frühen Morgenstunden. Dort werden die Racker dann lernen, daß man tagsüber besser schläft, anstatt einkaufende Omas zu überfallen. Oder Sie werden lesen, daß Leverkusens Trainer Christoph Daum ausländische Spieler extra zu sich nach Hause einlädt. Spätestens dann werden diese verstehen, daß sie anders sind als ihre normalen Mitspieler.
Die Liaison zwischen Helfen und Kicken findet ihr Herzstück in der Geschichte vom Jugendspieler aus Nepal, der auszog, um wie Klinsi zu werden. Erzählt wird sie vom Fußball-Entwicklungshelfer Holger Obermann, den Älteren noch aus der ARD-Sportschau bekannt. Obermann also entdeckt in Nepal den jungen Rajiv inmitten einer Traube Jungen, die ungeachtet des Monsunregens mit natürlicher, echter Freude einem runden Etwas nachjagen, das ? wir ahnen es ? aus Stoffresten zusammengeflickt ist. Obermann erkennt sofort: Der bewegt sich ja wie Klinsi. Er fördert ihn trotzdem, und Rajiv kommt in Nepals Jugend-Nationalmannschaft. Die darf dann irgendwann nach Klinsiland fahren, um sich mit den Jugendmannschaften von Fürth, Vestenbergsgreuth und Wehen zu messen. Und natürlich, um sich gut zu benehmen und auf Völkerfreundschaft zu machen: »Die jungen Nepalesen wurden überall mit Wohlwollen empfangen. Nicht zuletzt, weil sie so bescheiden auftraten. Keine großen Worte. Die ihnen überreichten Geschenke der Vereinsvertreter oder Stadtväter packten sie stolz in ihre Sporttaschen, gestiftet von der Dreistreifen-Firma.« Rajiv hat Glück: Ein Amateurverein verpflichtet ihn auf der Stelle und verschafft ihm einen Ausbildungsplatz beim Sponsor, einer Firma für Wasserfilter. Weil er 17 Tore schießt, schickt ihn seine Firma für ein paar Wochen zum Urlaub in die Heimat: »Was konnte er da alles erzählen! Noch ein Jahr läuft sein Vertrag. Dann geht er nach Nepal zurück (wie es sich gehört) und wird seine 14köpfige Familie versorgen. Seine Firma hat ihm (weil sie ihn so gern hat) eine kleine Niederlassung für den Vertrieb ihrer Wasserfilter versprochen.« Man sieht: Wenn sich alle ein bißchen Mühe geben und nett zueinander sind, dann gibt es hüben Tore und drüben sauberes Wasser.
Übrigens. Rajiv hat Klinsi einmal getroffen, und der hat ihm die Hand geschüttelt. Klinsi ist überhaupt ein guter Mensch und der Säulenheilige für die Fair-Life-Fans von »Brot für die Welt«. Mal kritisiert er die Medien, die nur aufs Geld und nicht auf den Menschen schauen; mal übernimmt er die Schirmherrschaft für einen Versöhnungs-Kick im KZ Auschwitz, mal sammelt er Geld für Straßenkinder. Klinsi übernimmt Verantwortung, er ist ein Fußballer, der wo über den Tellerrand schaut. Und wir Fußball-Freunde sollen nun ? so will es »Brot für die Welt« ? seinen »Steilpaß für Fair-Life« aufnehmen. Als wäre irgendein Klinsmann-Paß jemals angekommen.


Jörg Später ist Mitarbeiter im iz3w.