Volltext

(Artikel * 1998) Müller, Jochen
Nachholende Entwicklung Die scheinheilige Empörung über die Atomeuphorie in Indien und Pakistan Atomeuphorie in Indien und Pakistan
in Blätter des iz3w Nr. 230 * Seite 4 - 4
Themen: Indien; Pakistan; Atomeuphorie * Dok-Nr: 131016
Kommentare und Kabale


Kontroversen, Kommentare und Kabale
Mit dieser Ausgabe eröffnen wir zwei neue Rubriken, die von nun an das Heft eröffnen sollen. ?Kommentare und Kabale? heißt die eine. Hier werden aus dem Nord-Süd-Bereich weltbewegende Fragen, Ereignisse der vergangenen Wochen, Kampagnen oder Nebensächlichkeiten in Kommentaren, Satiren und Polemiken aufgegriffen, die auch einmal böse ausfallen können. In der folgenden Rubrik ?Kontroversen? werden wir Positionen und Standpunkte zu aktuellen Auseinandersetzungen wie etwa denen um die Lokale Agenda 21 oder das MAI präsentieren, die sich jedoch nicht immer im üblichen ´pro und contra´-Schema bewegen müssen. Zu beiden Rubriken sind uns im übrigen von LeserInnen zugesandte Beiträge sehr willkommen.
die redaktion



Nachholende Entwicklung
Die scheinheilige Empörung über die Atomeuphorie in Indien und Pakistan

von Jochen Müller

So einhellig die Empörung der alten Atomstaaten über die beiden Newcomer nach den indischen und pakistanischen Atomwaffenversuchen in den vergangenen Wochen ausfiel, so groß war ? glaubt man den mediengerechten Inszenierungen in beiden Staaten ? die Begeisterung dortselbst. Die Entrüstung in den Industriestaaten über die Atomeuphorie zeugt aber vor allem von der Ignoranz der Macht. Denn die Bombe ist in Indien, in Pakistan und nicht nur dort ein Symbol für das Streben, es dem Norden endlich gleich zu tun.
Der Jubel über den Eintritt in den Atomwaffenclub, für den zwei der ärmsten Länder der Welt Milliarden investierten, läßt sich als anti-kolonialer Affekt charakterisieren, hinter dem ein ständig genährtes Gefühl von Unterlegen- und Unterworfenheit steht. Insbesondere das ewige Schwellenland Indien wartet seit seiner Unabhängigkeit auf die Initialzündung zum Anschluß an Fortschritt, Entwicklung und Technik ? an die westliche Zivilisation und die in ihr eingeschriebene Macht. Zuletzt war die aufstrebende Computerindustrie Symbol dieses heißen Bemühens. Daß jetzt die Waffentechnologie solche Bedeutung erlangt, ist kein Zufall ? das Verhältnis von Macht und Ohnmacht ward seit dem Kolonialismus immer zuerst in der Überlegenheit der Waffengewalt verspürt.
Mit der Bombe sieht das nationalistische Indien ? an seiner Spitze die BJP, die gleich einen Tempel am Testort errichten will ? sich nun im Besitz der so lang entbehrten Macht und Souveränität. Das bekam zunächst Pakistan zu spüren. Prompt kannte man auch in dem zerrissenen Nachbarland fortan keine Parteien mehr ? im Namen der Nation forderten alle Seiten den Gegenschlag; und bereits einige Tage später wurde Indien und der Welt mit kollektiv stolz geschwellter Brust der Nachweis der pakistanischen Bombenpotenz erbracht.
Der sich in der Begeisterung ausdrückende Nationalismus und ein Fortschrittsglaube, der sich v.a. in Naturbeherrschung und Technikfixiertheit manifestiert, sind aber keine südasiatischen Erfindungen. Vielmehr stellen sie diejenigen Herrschaftsideologien und -instrumente dar, mittels derer sich eben die alten Industrie- und Atomstaaten, in denen jetzt der Kopf geschüttelt wird, einmal der Welt bemächtigten. Dieser Staaten Entwicklung nicht nachholen, geschweige denn die Machtverhältnisse umdrehen zu können, ist seitdem das Kreuz des Südens. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund kann dort jeder Versuch, sich des tief verwurzelten Gefühls von Minderwertigkeit zu entledigen und der Macht mit ihren eigenen Mitteln entgegenzutreten, mit Zustimmung rechnen.
Das Ringen um eigene Stärke ist zum Beispel auch ein wesentliches Motiv für die Attraktivität der mit dem Feindbild des Westens operierenden Ideologie des Islamismus im Mittleren Osten und Nordafrika. Dieser setzt auf eine vermeintliche Authentizität des Eigenen, die angeblich seit dem Kolonialismus verloren wurde und einem schmachvollen Gefühl der Schwäche gegenüber dem Westen Platz gemacht habe. Der Rückgriff auf vergangene Größe und Identität soll zu alter Stärke zurückführen. Das Ziel des Machtgewinns an sich wird dabei nicht infrage gestellt ? allenfalls der Weg dorthin. Auch die Begeisterung für Saddam Hussein bei Teilen der Bevölkerung in den arabischen Staaten während des Golfkrieges war vor allem anderen in dessen Stärke und seinem »Mut« begründet, sich gegen den mächtigen Teil der Welt zu stellen. Und an diese Weltöffentlichkeit ? und nur vordergründig an den benachbarten Erzfeind ? waren schließlich auch Pakistans Bombenzündungen adressiert: Zwar ist die pakistanische Rakete Al-Ghauri, benannt nach den Ghuriden, einem Bergvolk im heutigen Grenzgebiet zwischen Iran, Afghanistan und Pakistan, das im Jahr 1193 Delhi eroberte. Daneben wird aber proklamiert, daß es endlich an der Zeit war, daß die Welt nach der »christlichen«, der »jüdischen« und der »hinduistischen Bombe« nun auch eine »islamische Bombe« kennenlerne.
Mit dem Hinweis auf Geschichte und Gegenwart des Machtverhältnisses zwischen Nord und Süd, das materiell und psychologisch hinter dem Jubel über die nachholende Entwicklung steht, soll nicht der Nationalismus in Indien oder Pakistan, nicht der Islamismus und nicht die dümmliche und phallische Anhimmelung der Atomwaffentechnik verteidigt werden. Es soll auch nicht in paternalistischer Manier jedem Bewohner ehemals kolonisierter Staaten ein bis heute währender Minderwertigkeitskomplex unterstellt werden (obwohl die Erfahrung des Nord-Süd-Verhältnisses bis tief in persönliche Beziehungen hineinreichen kann). Betrachtet man jedoch die Ereignisse in Indien und Pakistan einmal im Lichte der Nord-Süd-Geschichte, so tritt die Scheinheiligkeit der im Norden demonstrierten Verständnislosigkeit zutage. Die auf die Tagespolitik (Atomwaffensperrvertrag, Kriegsgefahr in der Region, Entrüstung über die Atomeuphorie) konzentrierte öffentliche Aufmerksamkeit ignoriert die darüber hinausgehende komplexe Verstrickung des Nordens in das Geschehen vollständig und beschwert sich eigentlich doch nur darüber, daß andernorts die Menschen in den gleichen Kategorien denken und dort auch nicht schlauer geworden sind als hierzulande.


Jochen Müller ist Mitarbeiter im iz3w.



Der, wo den Fehlpaß spielt
´Brot für die Welt´ ist für Fußball und »Fair-Life«

von Jörg Später

Man sollte meinen, es sei immer dasselbe: zweiundzwanzig Spieler in kurzen Hosen, 90 Minuten und der Ball ist rund. Weit gefehlt ? beim Fußball sollen anscheinend nicht nur Tore erzielt und der Gegner besiegt, sondern gleichzeitig Grenzen überwunden und das globale Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen erlernt werden. In jedem Beckenbauer steckt eben auch ein Brückenbauer. So will es jedenfalls »Brot für die Welt«, das mit einer Aktionszeitschrift zur Fußball-WM ?98 Werbung nicht nur für sich, sondern auch für ein Fair-Life machen möchte. »Steilpaß für Fair-Life« heißt das vom Diakonischen Werk der EKD herausgegebene Blatt, das für Dritte-Welt-Bewegte u.a. Artikel über Kinderarbeit bei der Herstellung von Fußbällen und über Arbeitsbedingungen in der Sportartikelindustrie, sowie für Fußball-Fans neben einem WM-Spielplan, inclusive der Geburtstage der deutschen Kicker, ein Foto von Winni Schäfer mit kurzen Haaren enthält.
Wenn Sie in der Halbzeitpause eines WM-Spiels einmal nicht Zigaretten, Bier und Chips an der nächsten Tanke holen, und stattdessen die buntbebilderte Zeitung aufschlagen sollten, können Sie außerdem von »Brot für die Welt« einiges über sozial engagierte Kicker lernen. So zum Beispiel, daß Schalke 04 in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei einen sogenannten Mitternachts-Kick organisiert ? gewaltbereite Jugendliche spielen ein Hallenturnier bis in die frühen Morgenstunden. Dort werden die Racker dann lernen, daß man tagsüber besser schläft, anstatt einkaufende Omas zu überfallen. Oder Sie werden lesen, daß Leverkusens Trainer Christoph Daum ausländische Spieler extra zu sich nach Hause einlädt. Spätestens dann werden diese verstehen, daß sie anders sind als ihre normalen Mitspieler.
Die Liaison zwischen Helfen und Kicken findet ihr Herzstück in der Geschichte vom Jugendspieler aus Nepal, der auszog, um wie Klinsi zu werden. Erzählt wird sie vom Fußball-Entwicklungshelfer Holger Obermann, den Älteren noch aus der ARD-Sportschau bekannt. Obermann also entdeckt in Nepal den jungen Rajiv inmitten einer Traube Jungen, die ungeachtet des Monsunregens mit natürlicher, echter Freude einem runden Etwas nachjagen, das ? wir ahnen es ? aus Stoffresten zusammengeflickt ist. Obermann erkennt sofort: Der bewegt sich ja wie Klinsi. Er fördert ihn trotzdem, und Rajiv kommt in Nepals Jugend-Nationalmannschaft. Die darf dann irgendwann nach Klinsiland fahren, um sich mit den Jugendmannschaften von Fürth, Vestenbergsgreuth und Wehen zu messen. Und natürlich, um sich gut zu benehmen und auf Völkerfreundschaft zu machen: »Die jungen Nepalesen wurden überall mit Wohlwollen empfangen. Nicht zuletzt, weil sie so bescheiden auftraten. Keine großen Worte. Die ihnen überreichten Geschenke der Vereinsvertreter oder Stadtväter packten sie stolz in ihre Sporttaschen, gestiftet von der Dreistreifen-Firma.« Rajiv hat Glück: Ein Amateurverein verpflichtet ihn auf der Stelle und verschafft ihm einen Ausbildungsplatz beim Sponsor, einer Firma für Wasserfilter. Weil er 17 Tore schießt, schickt ihn seine Firma für ein paar Wochen zum Urlaub in die Heimat: »Was konnte er da alles erzählen! Noch ein Jahr läuft sein Vertrag. Dann geht er nach Nepal zurück (wie es sich gehört) und wird seine 14köpfige Familie versorgen. Seine Firma hat ihm (weil sie ihn so gern hat) eine kleine Niederlassung für den Vertrieb ihrer Wasserfilter versprochen.« Man sieht: Wenn sich alle ein bißchen Mühe geben und nett zueinander sind, dann gibt es hüben Tore und drüben sauberes Wasser.
Übrigens. Rajiv hat Klinsi einmal getroffen, und der hat ihm die Hand geschüttelt. Klinsi ist überhaupt ein guter Mensch und der Säulenheilige für die Fair-Life-Fans von »Brot für die Welt«. Mal kritisiert er die Medien, die nur aufs Geld und nicht auf den Menschen schauen; mal übernimmt er die Schirmherrschaft für einen Versöhnungs-Kick im KZ Auschwitz, mal sammelt er Geld für Straßenkinder. Klinsi übernimmt Verantwortung, er ist ein Fußballer, der wo über den Tellerrand schaut. Und wir Fußball-Freunde sollen nun ? so will es »Brot für die Welt« ? seinen »Steilpaß für Fair-Life« aufnehmen. Als wäre irgendein Klinsmann-Paß jemals angekommen.


Jörg Später ist Mitarbeiter im iz3w.