Kampfkulturen
Terror des Limes
Jean-Christophe Rufin über die Ideologie der UNO und die Abschottung des Nordens.
von Christoph Burgmer
Der Sieg des Kapitalismus wird unterschiedlich gefeiert. Freute sich Francis Fukuyama noch über das »Ende der Geschichte« ? so der Titel des 1992 in deutscher Übersetzung erschienenen Buches ? prophezeite Samuel Huntington bereits kurze Zeit später in der Zeitschrift »Foreign Affairs« den »Clash of Civilizations«. Das bereits damals viel beachtete neue Paradigma internationaler Politik, demzufolge der machtpolitische Konflikt der Nationalstaaten (19. Jh.) und der Ideologien (20. Jh.) im 21. Jahrhundert vom »Kampf der Kulturen« abgelöst werde, avancierte spätestens 1996 mit der Veröffentlichung des Buches von Huntington: »Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert« zum Diskussionsgegenstand ersten Ranges.
Dem universalistischen Bild von der einen, multikulturellen Welt setzt Huntington einen radikalen Kulturrelativismus entgegen. Entlang der Grenzen, an denen die in erster Linie religiös bestimmten, unterschiedlichen Kulturen aufeinandertreffen, sieht er ein weltumspannendes Konfliktpotential entstehen. Das nicht zuletzt der strategischen Neuorientierung amerikanischer Politik dienende Szenario unterteilt die Welt in acht Kulturen (Zivilisationen): den katholisch/protestantischen Westen; das christlich-orthodoxe Ost- und Südosteuropa; die islamische Welt; die sinische (konfuzianische); die japanische; die hinduistische; die lateinamerikanische und die afrikanische. Nach Huntington wird sich kein dem westlichen, bürgerlich-aufklärerischen Weltbild entsprechendes universalistisches Wertesystem herausbilden. Er sieht den Westen bedroht von anderen, insbesondere dem islamischen Kulturkreis. (Zu den Thesen Huntingtons siehe iz3w 212 und zuletzt Peripherie Nr. 68.)
Im folgenden Gespräch beurteilt Jean-Christophe Rufin (siehe Kasten) die weltpolitischen Veränderungen nach 1989, insbesondere die Rolle der UNO, im Hinblick auf die Thesen Huntingtons.
Christoph Burgmer: Monsieur Rufin, Sie haben sich als Mediziner, Politikwissenschaftler und Romancier von verschiedenen Seiten aus immer wieder kritisch mit der Beziehung zwischen dem Westen und den Ländern des Südens auseinandergesetzt. Als Mediziner haben Sie jahrelang in Ländern Südostasiens, Lateinamerikas und Afrikas gearbeitet, und zwar vor und nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Fall der Berliner Mauer. Wie hat sich die politische, ökonomische und gesellschaftliche Realität dort verändert?
Jean-Christophe Rufin: Wenn ich in den Ländern des Südens unterwegs bin, erstaunt mich die Veränderung, die in den vergangenen sechs, sieben Jahren eingetreten ist. Bei allen Unterschieden zwischen den Ländern ging es in der Zeit des Kalten Krieges immer um politische Ziele, kein Gebiet wurde sich selbst überlassen. Wenn die Amerikaner Einfluß in einer Region hatten, versuchten die Sowjets, ihn ihnen streitig zu machen. Es gab also so etwas wie einen Wettstreit, der auch bis in die rückständigsten und abgelegensten Gebiete reichte. Die große Veränderung in den letzten sechs, sieben Jahren besteht darin, daß Regionen entstanden sind, die niemanden mehr interessieren. Zwar existieren immer noch Gebiete, die vom Westen beeinflußt bzw. kontrolliert werden, die ich aber nur als Handelsniederlassungen bezeichnen würde, weil man hier Geschäfte macht. Im Gegensatz dazu stehen jene Regionen, die völlig bedeutungslos geworden sind. Es vollzieht sich also eine weltweite Ausdifferenzierung. Das kann sogar innerhalb eines einzigen Landes der Fall sein wie zum Beispiel in Angola. Heute gibt es einen für den Westen nutzbaren Teil Angolas, die Küstenregion, in der Erdöl gefördert wird, während das restliche Angola bedeutungslos geworden ist und man sich aus ihm zurückgezogen hat. Das wirklich Neue sind diese blinden Flecken im System der internationalen Beziehungen, die im Süden entstanden sind.
Sie haben sehr lange für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet. Wie hat sich die Arbeit und Zielsetzung von internationalen Hilfsorganisationen in diesem Zeitraum an die neue Situation angepaßt?
Auch die humanitären Hilfsorganisationen erlebten in den vergangenen sechs, sieben Jahren nach dem Ende des Ost-West Konfliktes, wie sich ihre Rolle grundlegend verändert hat. In den siebziger und achtziger Jahren bildeten die Hilfsorganisationen bei Konflikten weltweit eine Vorhut. Das galt auch für äußerst unterentwickelte Regionen wie zum Beispiel Afghanistan oder Mosambik. Die Hilfeleistungen für Flüchtlinge, ihre Aktionen in Kriegsgebieten führten diese Organisation oft in sehr entlegene Regionen der Welt. Dennoch waren diese Regionen nicht bedeutungslos, weder im Bewußtsein der Menschen im Westen, die sich deren historische Bedeutung vor Augen führten, noch für die Medien, die dem, was im Dschungel von Kambodscha, in Afghanistan oder Salvador passierte, internationale Bedeutung zubilligten. Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Die humanitären Hilfsorganisationen kümmern sich um Regionen, die niemanden mehr interessieren. Nur in einigen abgelegenen Regionen, wie zum Beispiel in Zaire, führt man noch aufsehenerregende Rettungsaktionen durch, weil dort eine Macht wie Frankreich Interessen ökonomischer oder hegemonialer Art hat. Wer kümmert sich dagegen noch darum, was in Afghanistan, dem Kaukasus oder Mosambik passiert? Niemand! Das heißt, die humanitären Hilfsorganisationen erfahren die gleiche Entwertung in der öffentlichen Wahrnehmung wie die Länder selbst.
Welche Funktion haben die UNO und ihre Unterorganisationen wie das Internationale Flüchtlingshilfswerk UNHCR in dieser neuen Situation, und wie arbeiten die verschiedenen Organisationen, die NGOs mit der UNO dann zusammen?
Zwischen 1989 und 1994/95 wurde die UNO sehr stark aufgewertet, also zwischen dem Einsatz für die Unabhängigkeit Namibias und dem Ende der humanitären Hilfe für Bosnien beziehungsweise dem Blauhelmeinsatz in Ruanda. In diesen fünf Jahren stand sie im Rampenlicht und hat, so schien es, die Verantwortung für die Welt übernommen, als könne sie plötzlich ein Instrument der Versöhnung zwischen Ost und West sein. Das war eine Phase voller Illusionen und Utopien. Heute, zwei, drei Jahre später, zieht man Bilanz. Die Zahl der internationalen Einsätze ist gesunken, weil sie teuer sind und zu einer finanziellen Krise der Vereinten Nationen geführt haben. Die Dominanz der UNO und ihrer Unterorganisationen wie des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks, in der internationalen Politik ist inzwischen fragwürdig. Denn heute ist die UNO genauso gespalten wie die Welt selbst, in der manche Gebiete der Mühe wert sind, andere aber nicht. So kam der Einsatz im Golfkrieg nur zustande, weil diese Region wegen des Öls eine Bedeutung hat. Haiti zählt für die USA dagegen aufgrund der geographischen Nähe und der damit verbundenen Gefahr illegaler Einwanderung. Weil an diesen Regionen noch Interesse besteht, hat die UNO immer noch die Möglichkeit zur Intervention. Aber in den vielen anderen Fällen, in entlegeneren Ländern und in ganzen Kontinenten, kann die UNO nicht mehr eingreifen. Das sind diese blinden Flecken des Systems internationaler Beziehungen, von denen ich schon gesprochen habe. Es zeigt sich, daß die UNO nur ein Reflex der geostrategischen Interessen der Mächte ist, die sie finanzieren. Und keine dieser Mächte ist daran interessiert, Einsätze in weit entfernte Regionen zu bezahlen, die keinerlei geostrategische Bedeutung haben.
Man muß in der ideologischen Neuorientierung des Westens von zwei Extremen sprechen. Einerseits von der Ideologie vom »Ende der Geschichte«, Anfang 1989 von Fukuyama verkündet, und heute, neun Jahre später, von der Ideologie des »Kriegs der Zivilisationen«, des »Kampfes der Kulturen«, dessen Hauptprotagonist Samuel Huntington ist. Wie hat sich denn der postsowjetische Westen die Welt ideologisch neu eingerichtet?
Ich denke man muß klarstellen, daß die beiden Ideologien, auf die Sie anspielen, von Amerikanern für Amerikaner produziert wurden. Das heißt, daß es sich um Symbole handelt, um ideologische Verpackungen, hinter denen sich die grundlegenden Ziele der amerikanischen Diplomatie in einer bestimmten Phase verbergen. Die Fukuyamaphase, die ab Anfang der neunziger Jahre bestimmend war, korrespondiert mit der ersten Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer. Sie beansprucht alleinige Geltung für die ganze Welt: Das Ende der Geschichte ist das Ende des historischen Antagonismus, es bleibt nur eine Welt und eine Geschichte. Alles entwickelt sich widerspruchsfrei, sowohl die liberale Ökonomie als auch die internationale Politik unter der Führung der UNO. Dazu kam, daß die Ansichten von Fukuyama im Zusammenhang mit dem Wahlkampf Clintons standen, einem Wahlkampf, der auf Illusionen beruhte. So wurde die Auffassung vertreten, daß das Ausland keine besondere Rolle mehr spiele, daß eigene Interessen nicht mehr durch Interventionen zu sichern seien, daß es keine internationalen Kampfschauplätze mehr geben werde. Mit Huntington dagegen kehrte man zur Auseinandersetzung, zur Drohung, zur Bedrohung durch die Option des Krieges zurück. Die USA fanden bedeutende Gründe zur Adaption der Vorstellung Huntingtons von einem »Krieg der Zivilisationen«. Diese These bildete die Grundlage zur Rechtfertigung interventionistischer Politik. Dem entspricht auch die tatsächliche Entwicklung der Clinton-Regierung, die ja keine Außenpolitik mehr betreiben wollte, dies aber dann mehr als andere tat. Dies alles ist Ausdruck einer Desorientierung. Der Westen hatte schließlich zunächst gesiegt und sich in der Vorstellung gefallen, daß die hochentwickelten Länder ohne Feindbild leben können. Nach und nach hat man jedoch ein großes Bedürfnis nach einem solchen Feindbild festgestellt. Ich glaube, daß man Huntington nur so verstehen kann, denn er hat seinen Zivilisationsbegriff niemals genauer bestimmt, weder in Bezug auf die räumliche Ausdehnung noch auf die innere Entwicklungsdynamik. Das bleibt alles sehr vage. Ich glaube, es ist einfach eine Behauptung, daß es noch Bedrohung gibt und daß wir uns ihrer bewußt werden müssen. Es gibt keine andere Begründung.
Gibt es zwischen diesen im Westen sehr öffentlichkeitswirksam eingesetzten Ideologien und der Entwicklung der UNO in den letzten acht, neun Jahren einen Zusammenhang?
In der Ideologie Fukuyamas ist die UNO universalistisch, das heißt, daß sie im Namen der Humanität interveniert, im Namen eines universellen Prinzips, das das Einzige ist, weil es am Ende der Geschichte kein anderes gültiges mehr geben kann. Das paßte sehr gut zur universalistisch-humanitären Utopie, die die UNO zwischen 1989 und ?95 bestimmte. Seit drei, vier Jahren hat man die Vorstellung einer Bedrohung wieder reaktiviert, die Idee von Kämpfen, offensiven Kriegen, das heißt eben Kriege zwischen den Zivilisationen. Dadurch ist die Vorstellung wiederbelebt worden, daß der Norden eine eigenständige Zivilisation unter anderen sei. Die UNO hält deshalb nicht mehr an der Fiktion einer Einheit fest. An deren Stelle ist eine Aufsplitterung getreten, was sehr gut mit ihrer Funktion als Instrument einer bestimmten Weltregion zusammenpaßt. Natürlich gibt es keine strikte Parallelität, aber es existiert trotzdem ein Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung der UNO und den beiden Ideologien. Sicher ist allerdings, daß sich die universalistische Fiktion überlebt hat, sei es die Fukuyamas oder die der UNO als Interessengemeinschaft.
Sie vertreten die These, daß der alte Ost-West-Konflikt durch einen Nord-Süd-Konflikt ersetzt wurde. Wie kann man die Unterschiede charakterisieren?
Die Vorstellung Fukuyamas von der Einen Welt oder die Huntingtons von den verschiedenen Zivilisationstypen, zwischen denen keine Brücken bestehen, die aufeinanderprallen wie Monaden, sind gleichermaßen ungeeignet, die Wirklichkeit zu beschreiben. Denn man kann sehr wohl unterschiedliche Formen des Umgangs unterscheiden. Was den gesamtamerikanischen Einigungsprozeß betrifft, gibt es große Unterschiede der Integration lateinamerikanischer und karibischer Gebiete zu der Integration Kanadas. Es geht hier nicht wirklich um Zivilisationen, denn ich glaube, es gibt keine großen Unterschiede zwischen diesen Ländern, außer dem, daß der Norden entwickelt ist und eine demographische und ökonomische Einheit darstellt, und der Süden ausgeschlossen bleibt. Das wird ganz deutlich an der Migrationspolitik. Die Einwanderungsmöglichkeiten in die USA sind sehr begrenzt, wenn man aus den Ländern des Südens kommt. In Frankreich ist das viel weniger eingeschränkt. Viele Menschen aus den Ländern Osteuropas, wie Polen oder Ungarn, brauchen kein Visum. Es gibt also einen Unterschied in der Behandlung der »Anderen«, der weder in der Theorie Fukuyamas noch in der Huntingtons auftaucht. Dennoch existiert so etwas wie der Norden, in dem Sinne, daß es Länder gibt, die sich demographisch und wirtschaftlich einander annähern. Das gilt für Japan, Nordamerika und Europa, auch für Osteuropa. Hier hat man den Übergang zur Marktwirtschaft vollzogen, und man hat die parlamentarische Demokratie adaptiert. Im Norden gibt es also eine Tendenz zur Vereinheitlichung. Die Wahrnehmung eines »Südens« und eines »Nordens« ist insbesondere in den Ländern des Südens sehr stark. Ich war während des Falls der Berliner Mauer in Brasilien. Zu dieser Zeit dachte man in den Schwellenländern, daß man mit dem Ende des Kalten Krieges in das Lager der sogenannten »Ersten Welt« eintreten könne. Als dann tatsächlich die Sowjetunion zusammenbrach, hat man sehr schnell feststellen müssen, daß dies eine Illusion war.
In ihrem Buch »Das Reich und die neuen Barbaren« haben Sie diesen Gegensatz mit dem Römischen Imperium und der Errichtung des Limes gegen die Barbaren verglichen. Was haben denn die Barbaren der Römer in der Vorstellung des Westens mit den Menschen des Südens gemeinsam?
Natürlich ist das nur ein Vergleich, den man nicht wörtlich nehmen sollte. Ich will damit andeuten, daß dieser Nord-Süd-Antagonismus sich nicht zwischen zwei gleichartigen Blöcken abspielt, wie dies während des Ost-West-Gegensatzes lange Zeit der Fall war. Zwar kann man den Norden noch als Block betrachten, weil er die innere wirtschaftliche und politische Einheitlichkeit besitzt, der Süden aber wird von einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Bedingungen gekennzeichnet. Was die Länder des Südens verbindet, ist ganz einfach die Tatsache, daß sie nicht zum Norden gehören. Das erinnert natürlich an die großen Imperien der Antike. Das römische oder das chinesische Imperium hatten ihre eigene Identität und der Rest der Welt, das waren einfach die Anderen. Das ist übrigens die Definition von Barbaren oder Metöken, daß sie nicht zur Polis oder zum Imperium gehören. Dieser Gegensatz läßt sich in der momentanen internationalen Konstellation wiederfinden. Die Menschen agieren nach diesem Muster, auch die Politik agiert danach. Es gibt Länder, für die man bereit ist, Anstrengungen, auch finanzieller Art, zu unternehmen, und es gibt die Länder jenseits der Grenze, jenseits eines Limes, denen gegenüber man sich zuerst wachsam verhält. Es gibt keine Kriegssituation, auch keinen kalten Krieg, es gibt keinen Stacheldrahtzaun, und dennoch gibt es die Vorstellung einer Bedrohung, die Angst auslöst. Denn man spürt den Druck, der von diesen Ländern ausgeht. Das entspricht den Verhältnissen während des Römischen Reiches. Auch damals hatten die Römer Angst vor einer äußeren Bedrohung.
Welche ideologische Funktion nach innen hat denn solch eine Konstruktion, eine simple oder vereinfachte Wahrnehmung des Südens, für den Westen selbst?
Die Verteidigungshaltung des Nordens gegenüber dem Süden wird an der Rolle der Länder deutlich, die im Grenzbereich zwischen den beiden Hemisphären liegen. Europa beispielsweise reicht heute bis Südspanien, bis Süditalien, weil beide Regionen zur Europäischen Union gehören. Wenn man aber die Straße von Gibraltar oder das Mittelmeer überquert, befindet man sich in einer Konfliktzone, einer Gefahrenzone. Ich vergleiche das mit dem römischen Limes, der die Außengrenze des römischen Imperiums bildete. So war die aufwendige US-Intervention in Haiti weniger durch den Willen zur Wiederherstellung der Demokratie motiviert. Vor allem sollte der Flüchtlingsstrom von Haiti nach Florida unterbrochen werden. Es geht bei diesen Interventionen also vor allem darum, den instabilen Zustand der Länder im Grenzbereich zu beenden. Das hat in Haiti zu einer Militärintervention geführt, kann aber anderswo auch mit anderen Mitteln erreicht werden. Am Beispiel Marokko wird das deutlich. Marokko liegt auch an der Grenze beider Hemisphären. Was in Marokko geschieht, ist somit vor allem für die Länder des Nordens von Bedeutung. Die marokkanische Regierung wird unterstützt, unabhängig von der Einhaltung der Menschenrechte, ja, nicht einmal wegen des möglichen Absatzmarktes ist Marokko interessant. Was den Norden in Marokko interessiert, ist ein stabiles Regime, ohne das Risiko des Zusammenbruchs staatlicher Ordnung. In bezug auf Algerien war die Entscheidung für eine der beiden Seiten im algerischen Bürgerkrieg für die französische Politik keineswegs durch die Frage der Menschenrechte bestimmt, sondern durch die Überlegung, daß das bestehende Regime besser in der Lage sei, die Bevölkerung des Landes in Schach zu halten, einen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung zu verhindern und damit eineinhalb Millionen potentielle Flüchtlinge von Frankreich fernzuhalten. Es gibt also eine Tendenz in den Ländern des Nordens, in der Grenzzone des Limes autoritäre Regime an der Macht zu halten. Stabilität ist das vorherrschende Ziel, weit wichtiger als die Demokratisierung. Und wenn es nicht gelingt, die Stabilität dieser Regime aufrechtzuerhalten, dann greift man ein.
Christoph Burgmer führte das Gespräch und übersetzte es aus dem Französischen. Im Mai erscheint das von ihm herausgegebene Buch »Der Islam« im Suhrkamp Verlag.
Jean-Christophe Rufin ist Arzt und Politologe. Er arbeitete u.a. als Vizepräsident der Organisation »Ärzte ohne Grenzen« (1991-93), Berater des Staats- und Verteidigungsminister François Léotard (1993-95) und Geschäftsführer des französischen Roten Kreuzes.
Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Beziehung zwischen dem Westen und den Ländern des Südens. 1997 erhielt er für seinen Roman »Lábyssin« den »Bourse Goncourt du premier roman«.
Letzte Veröffentlichungen:
Das Reich und die neuen Barbaren.
Volk und Welt Verlag, Berlin 1991
La dictature libérale, 1994
L?aventure humanitaire, 1994
L?Abyssin, Edition Gallimard, 1997 |