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(Artikel * 1998) Hohner, Thomas
Hauptsache, die Leistung stimmt Anmerkung zum "Verschwinden" des Rassismus im deutschen Fußball "Verschwinden" des Rassismus im deutschen Fußball
in Blätter des iz3w Nr. 229 * Seite 33 - 33
Themen: Rassismus; deutscher Fußball * Dok-Nr: 131011
Sport

Hauptsache, die Leistung stimmt
Anmerkungen zum »Verschwinden« des Rassismus im deutschen Fußball

von Thomas Hohner

Rostock und Hoyerswerda waren im Gedächtnis noch präsent, als Julio Cesar, soeben von Borussia Dortmund verpflichteter Fußballprofi, vom Türsteher einer Diskothek abgewiesen wurde. Der Grund: seine schwarze Hautfarbe. So wurde zum Skandal, was damals wie heute gängige Praxis in vielen Diskos und Clubs ist: rassistische Diskriminierung. Dabei ist in Deutschland die Sportprominenz jeder Hautfarbe oder Herkunft willkommen. Kaum ein Verein der ersten Fußballbundesliga hat keinen Spieler schwarzer Hautfarbe in seinen Reihen. Das Affengebrüll, das noch die ersten afrikanischen Profis wie Souleyman Sané, Anthony Baffoe und Anthony Yeboah bei vielen Auswärtsspielen verfolgte, ist so gut wie verstummt. Der Fußball, vor ein paar Jahren noch verschrien als Hort chauvinistischer und rassistischer Gesinnung, beliebtes Agitationsfeld von Neonazis und Hooligans, scheint sich gebessert zu haben. Jedem Club sein schwarzer Spieler, und dazu noch ein bißchen nett gemeinter Aktionismus des DFB ? »Friedlich miteinander ? Mein Freund ist Ausländer« ? und der Rassismus ist weg!
Natürlich ist zu begrüßen, wenn die schlimmsten Auswüchse des kollektiven Rassismus aus den Stadien verschwinden, doch die Gründe dafür sind keineswegs in allgemeinen Lernprozessen begründet, denn an der dumpfen Rhetorik des Stadionnachbarn hat sich genauso wenig geändert wie an der Unverdrossenheit, mit der Fans Deutschlandfahnen zu Spielen deutscher Nationalteams schleppen. Beim SC Freiburg, in dessen Reihen mittlerweile Spieler aus acht Nationen unter Vertrag stehen, singt ein Teil der Zuschauer nach wie vor mit Inbrunst die »Badische Hymne«.
Bestimmen Nationalismus und Lokalpatriotismus also unverändert die Stadien, so kann man noch individuelle rassistische Äußerungen, aber keine kollektiven Sprechgesänge mehr hören. Die Versuche des DFB und einzelner Vereine, die Zuschauer von rassistischen Chören abzuhalten, erscheinen mir nicht ursächlich für diese Entwicklung. Vielmehr hat die starke Zunahme von ausländischen Profis in der Folge des »EU-Urteils« diese Veränderung bewirkt. Die bisherige Praxis von maximal drei ausländischen Spielern pro Mannschaft wurde als Verstoß gegen die Freizügigkeitsregelung innerhalb der EU gewertet. Daraufhin wurde in den meisten Sportarten die Ausländerklausel ganz aufgehoben.
Im Mannschaftssport funktioniert die Identifikation über den Verein. Dieser ist im Bewußtsein der Fans aber nicht reduziert auf Mitglieder, Funktionäre, Trainer und Mannschaft, sondern zentraler Bestandteil sind auch Stadt oder Region, Stadion und vorallem er selbst ? der Fan. Trainer, Spieler und die Funktionäre (letztere weniger) wechseln häufig, doch der Fan bleibt. Oft kann nur ein Ortswechsel die Beziehung eines Anhängers zu seinem Verein verändern. Die Vereinstreue hat anscheinend mehr Gültigkeit im Sinne von »bis daß der Tod euch scheidet« als die meisten Ehen. Das Fan-Bewußtsein macht die Spieler der eigenen Mannschaft gleich. Fans und Spieler eint solange das gemeinsame Ziel »Erfolg«, solange nicht einzelne Spieler oder die ganze Mannschaft in den Verdacht geraten, die Leistung zu verweigern.
Der Fan stellt den harten Kern der Anhängerschaft, die auf ein ständig wachsendes Sportpublikum trifft, das relativ frei von solch engen Bindungen ist. Dieser eher erlebnisorientierte Zuschauer findet sich dort ein, wo höchster Unterhaltungswert geboten scheint: Bei den Topbegegnungen der Fußballbundesliga, des Eishockeys und Basketballs, bei Formel 1-Rennen, bei Tennisturnieren und bei anderen sportlichen Großveranstaltungen, die allein durch ihre Medienpräsenz den Stadionbesuch zu einem ex- klusiven Ereignis werden lassen. Dort sind dann vor allem die VIP-Lounges und Haupttribünen Ort der Selbstdarstellung und narzißtischer Nabelschau. Bei diesen ausverkauften Spektakeln ist der exotische oder auch der extrovertierte Athlet ein wichtiger Teil der Inszenierung. Fußball ohne die Balakovs, Emersons und Elbers erscheint genauso unvorstellbar, wie die deutsche Eishockeyliga ohne osteuropäische Stars und Basketball ohne schwarze Amerikaner.
In der Regel werden die fremden Sportler allgemein als »Bereicherung« angesehen. Bedenkliche Mienen machen Sport-Journalist und -Funktionär nur dort, wo Profis anderer Staatsangehörigkeiten so überrepräsentiert sind, daß das nationale Interesse gefährdet scheint, sprich, deutsche Sportler in den ersten Mannschaften kaum noch zum Zuge kommen (wie es Bundestrainer Berti Vogts unlängst zum Besten gab). Da es sicher kein zurück zu den alten Ausländerregelungen im Sport mehr geben wird und die Vereine allemal größeres Interesse an Erfolgen als am Einsatz deutscher Spieler haben, werden Spitzenathleten immer häufiger durch »Eindeutschung« nationalmannschaftstauglich gemacht. Dies steht zwar in eklatantem Widerspruch zur gängigen Einbürgerungspraxis, scheint aber weder dem national gesinnten Zuschauer noch den deutschen Behörden Probleme zu bereiten. Der eingekaufte Erfolg ist halt immer noch besser als kein Erfolg.
Verwundern darf es einen nicht, daß dies in einer Gesellschaft, die sich in ihrer großen Mehrheit über die Existenz eines »Ausländerproblems« einig zeigt, so einfach funktioniert. Sportler unterschiedlichster Herkunft bereichern den deutschen Sport mittlerweile genauso selbstverständlich, wie Pizza, Kebab und Frühlingsrolle den deutschen Speisezettel. Bereichern darf er uns ja, der ausländische Mitbürger, nur wollen darf er nichts. Gerade die Ideologen des Multikulturalismus verweisen immer auf die Leistung des Fremden, und nirgends findet die bürgerliche Leistungsgesellschaft mehr zu sich selbst als im Sport. Wendell Alexis und Galina Astafei, Krassimir Balakov und Darius Michalczewsky sind absolute Spitze in ihren Disziplinen; daß sie fremder Herkunft sind und trotzdem ganz weit oben stehen ? kein Problem. Die Leistungsideologie ist die Legitimationsformel, die Einkommensunterschiede, Privilegien und Einflußmöglichkeiten rechtfertigt.
Der Zuschauer wacht über die Einhaltung des Leistungsprinzips, sein Beifall, seine Pfiffe sind stets Benotungen. Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Sportlern innerhalb der eigenen Mannschaft macht er nicht. Er gleicht darin Unternehmern und Managern, denen es prinzipiell auch egal ist, wer bei ihnen arbeitet ? Hauptsache, die Leistung stimmt.


Thomas Hohner ist gelegentlich Autor und regelmäßig Stadionbesucher.