Volltext

(Artikel * 1998) Diederichsen, Diedrich
Der kontrollierte Übermensch Diedrich Diederichsen über Politik und Ästhetisierung des Körpers Politik und Ästhetisierung des Körpers
in Blätter des iz3w Nr. 229 * Seite 30 - 32
Themen: Politik; Körper * Dok-Nr: 131010
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; AWH Hagen; biz Bremen; EWNT Jena

Sport


Der kontrollierte ?bermensch
Diedrich Diederichsen ?ber Politik und ?sthetisierung des K?rpers

iz3w: Herr Diederichsen, warum laufen Schwarze schneller?
Diedrich Diederichsen: Die Ostafrikaner dominieren die Langstrecken ? so wie die Finnen oft im Speerwerfen gewinnen. Hat das etwa was mit finnischen Genen zu tun? Und jetzt haben die Deutschen im alpinen Skirennen oder im Biathlon alles abger?umt: Wenn man den Bundesgrenzschutz kennt, kann man sich das gut erkl?ren. Der Blick auf die Hautfarbe t?uscht ?ber entscheidende Unterschiede hinweg. Man mu? im Auge behalten, da? die ?schwarze? Dominanz bei den Kurzstrecken eine von U.S.-Amerikanern und anderen sozusagen diasporischen Schwarzen ? Jamaikaner und Kanadier ? ist. Nordamerika ist, was den Sport betrifft, ein relativ einheitlicher Kulturraum. Ich kann mich nicht erinnern, da? irgendein schwarzer oder wei?er U.S.-Amerikaner in den Langstrecken w?hrend der letzten Jahrzehnte irgend etwas gerissen hat und umgekehrt, da? ein Ostafrikaner die Kurzstrecken gewann.

F?r Waldemar Hartmann sind dies alles Schwarze, gegen die unser Schwabe Dieter Baumann...
Ein klarer Fall von K?chenrassismus, den sich der Sportreporter so ausdenkt, wenn er bei einer Olympiade den ganzen Tag reden mu?. Da? die ?Neger? andere Muskeln in den Beinen haben, ist f?r ihn nach wie vor ganz evident, denn die sind ja alle schneller. Le Pen hat seinen Rassismus irgendwann einmal damit begr?ndet, da? es doch offensichtlich sei, da? die Schwarzen in der Leichtatlethik alle besser sind. Daraus k?nnte man dann ableiten, da? sie anders sind.

Der Rassismus glaubt eben an die Biologie als das sozial Konstituierende.
Das Schwimmen ist ein gutes Gegenbeispiel, denn da werden ja angeblich dieselben Muskeln verlangt. Wer gut schwimmt und wer nicht, ist eine kulturelle und soziale Frage, eine Frage der Ausbildung. Mir f?llt kein Sport ein, der nicht in gro?em Ma?e an bestimmte klassenm??ige, regionale und kulturelle Bedingungen gebunden ist. Es gibt ein paar Sportarten, die einen recht hohen Grad an Universalit?t erreichen. So der Fu?ball. Aber selbst Fu?ball ist fast ein reiner M?nnersport. Ich glaube nicht, da? es die absolut universale Sportart gibt, in der sich Menschen aus aller Welt ? M?nner und Frauen ? in gleicher Weise bet?tigen.
Die Faszination ?schneller Schwarzer? hat nicht nur Sportreporter ereilt, die ?sthetisierung schwarzer K?rperwelten ist generell gerade in. Hat es der Sport m?glich gemacht?
Da? seit einer bestimmten Zeit schwarze Sportler das Bild abgeben f?r Sportler schlechthin, da? schwarze K?rper f?r eine bestimmte Form von Grazie stehen, das ist ein von den Erfolgen schwarzer Sportler nahezu unabh?ngiges Ph?nomen. Etwas Neues und etwas Altes kommen hier zusammen: Der schwarze K?rper wird modisch und gleichzeitig weiter mit dem Animalischen identifiziert. Der alte Rassismus lebt auf, ist aber gebunden an eine andere Art von Darstellung und Bildern. Hier handelt es sich beinahe schon um eine faschistische ?bermenschprojektion, um Raubkatzen, um Aliens. Es gibt in diesem Zusammenhang drei verschiedene Aspekte zu beachten: den alten rassistischen Diskurs, die ?Schwarze-als-Boxer-Zuschreibung?, die auch weiterhin existiert. Es gibt diese relativ neuen Erfolge der Schwarzen in der Leichtathletik (Carl Lewis) und im Basketball mit der HipHop-Kultur als Anh?ngsel. Und es gibt diese Bilderstrategie der schwarzen ?bermenschen.

Das h?rt sich nach Leni Riefenstahl-?sthetik an.
Ganz recht. Wir haben zwei Momente in den Werken Leni Riefenstahls. Das ist zum einen der Film ?ber die Olympiade und den Reichsparteitag, zum anderen gibt es ihr Nuba-Buch. Diese Verbindung legt nahe, im Zusammenhang mit der ?sthetisierung schwarzer K?rperwelten den Begriff des Faschismus aus dem Arsenal zu ziehen. Die Nuba werden von Leni Riefenstahl als ?bermenschen inszeniert ? ich glaube, sie verwendet sogar selbst dieses Wort. Die sind einfach irre gro?, selbst wenn sie sie mal nicht von unten photographieren w?rde. Die Sportler in den Olympiafilmen sind auch immer irre gro? und ?bermenschlich, und sie sind ideal aufgrund ihrer K?rper. Das ist ja die faschistische Dimension daran, da? der ideale K?rper der ideale Mensch ist ? der st?rkste, gr??te K?rper ist der sch?nste und damit auch der beste.

Ist das auch die Logik des Sports?
Nein. Da gewinnt nicht immer der Sch?nste, und welcher Kugelsto?er ist schon sch?n? Da? die Sch?nsten die Besten sind, diese Aussage wird im faschistischen Diskurs erst hergestellt. Und indem diese Aussage an eine behauptete schwarze Essenz gebunden wird, wirkt dies auf den ersten Blick so, als h?tte diese Inszenierung etwas Emanzipatives. Zumal das Gerede ?ber ?Schwarze an sich? im rassistischen Diskurs traditionell eine diskriminierende, abwertende Intention hatte. Von emanzipativ kann nat?rlich keine Rede sein. Erstens verlassen die Klischees vom starken, sch?nen, schwarzen Sportler die physische Ebene nicht, auf der der alte Rassismus erfolgreiche Vorarbeit geleistet hat. Zum anderen handelt es sich wie bei der rassistischen Diskriminierung um eine Zuschreibung von nichtmenschlichen Eigenschaften und von Essenzen.

Nicht nur mit den rassistischen Diskursen wird K?rperpolitik betrieben. Wir beobachten heutzutage Ph?nomene wie Extremsport und Funsportarten, in denen der Mensch, meist alleine, sich seine Grenzerfahrungen sucht. Auch wird der menschliche K?rper in viel st?rkerem Ma?e ?sthetisiert. Was hat sich an der menschlichen Eigenwahrnehmung ge?ndert und was sind die Gr?nde daf?r?
Alles, was man in den letzten Jahren beobachten konnte, hat seine Vorgeschichte in der Welt von priviligierten oder religi?sen Ordnungen, in denen bestimmte Leute k?rperlich nicht arbeiten mu?ten. Der ganze Komplex der Askese, des Flagellantentums, der ganzen religi?sen Extremsportarten, wenn man so will, geh?rt genau da hinein. Da geht es darum, da? man sich die Luft entzieht oder da? man sich im Zuge von Grenzerfahrungen unn?tigen Schmerz zuf?gt. Dadurch sollen bestimmte Hormone ausgesch?ttet werden, die zu bestimmten Gef?hlen f?hren. Das gleiche gilt f?r sexuelle Experimente. Es sind also keine anthropologischen Br?che, die hier zu Grunde liegen. Mit einer Ausnahme: Ein kulturgeschichtlicher Schnitt erfolgt sicherlich in der Frage nach einer narzi?tischen Dimension dieser neuen Ph?nomene. Durch die Expansion von Bilderkulturen, die es erm?glichen, den eigenen K?rper ganz anders anzuschauen und anschauen zu lassen, hat die narzi?tische Dimension einen irrsinnigen Auftrieb bekommen. Den Boom von Extremsportarten haben daher zwei Faktoren ausgel?st: die Vergesellschaftung der privilegierten K?rperbesch?ftigungsm?glichkeiten und die visuelle Dimension, die sich gegenseitig verst?rken.

Auch der Zuschauersport hat sich rasant entwickelt. Welche Funktion haben die Sportveranstaltungen im Fernsehen f?r die Zuschauer? Welche Bed?rfnisse werden hier befriedigt?
Mit der eigenen K?rpererfahrung hat dies nur am Rande etwas zu tun. Es gibt bestimmte Fringe-Sportarten, die in ihrer Extremit?t und Verspieltheit etwas mit diesen neuen Entwicklungen zu tun haben und die einen hohen Schauwert haben. Aber ansonsten haben die Sportveranstaltungen, an denen das Fernsehen und ein Massenpublikum interessiert sind, einen anderen Charakter. Sie ben?tigen extrem geregelte Abl?ufe ? denn es macht keinen Spa?, sich irgend etwas anzuschauen, bei dem es keine Regeln und Pausen gibt. Man m?chte ja am Sportereignis teilnehmen, indem man f?r die eine und gegen die andere Mannschaft ist und dadurch Spannung erlebt ? also eine Wette abschlie?t. Alle fu?ball?hnlichen Sportarten weisen enorm viel Zahlenwerk und Statistiken auf, die man zur Orientierung ben?tigt. Es wird kalkuliert, gez?hlt, gefachsimpelt. Jeder Mann im Fu?ballstadion hat eine Tabelle im Kopf. Die Tendenz zum Individualisierten und Regellosen, zum gesteigerten K?rpergef?hl, die man in der aktiven Sportwelt beobachten kann, hat mit dieser Welt wenig zu schaffen.

Man k?nnte sagen: Der geregelte Sport ist von Disziplin gepr?gt, der individualisierte Extremsport von Kontrolle (?ber den eigenen K?rper). Befinden wir uns im ?bergang von der Disziplin- in die Kontrollgesellschaft (siehe Kasten)?
Das m?chte ich nicht f?r alle kulturellen Praktiken pauschalisieren. Die These von der Kontrollgesellschaft besagt ja, es ginge nicht mehr darum, den K?rper in der Produktion auszubeuten oder seine Produktivit?t aufzugreifen, sondern darum, diese in einer Weise so zu kontrollieren, da? die Subjekte, die zu den K?rpern geh?ren, keinen ?rger machen. Das hat eine fatale Logik: Egal was die Leute treiben, egal wie sehr sie sich von zwanghaften, disziplinierenden und auch aggressiven, unterdr?ckerischen und unerw?nschten Verhaltensweisen befreien, alles ist immer nur eine Funktion der Kontrolle. Das ist eine verengende und totalisierende Sichtweise.

Aber l??t nicht der ?Sport? einen solchen Eindruck entstehen, weil Disziplin und Kontrolle evident k?rperlich sind, und der K?rper und K?rperpolitiken dann beim Sport im Mittelpunkt stehen?
Gut, auf der Ebene der K?rper kann man mit einer solchen These vielleicht operieren. Dann w?rde ich folgendes konstruieren: In den Disziplinargesellschaften waren die K?rper f?r die Produktivit?t zust?ndig. Deshalb ist es logisch, da? das Leben au?erhalb der Arbeit dazu genutzt wird, diese K?rper wieder zu regenerieren. Das Verh?ltnis der Individuen zu ihren K?rpern durchbricht diese Art von K?rpererfahrung nicht, sie bleibt also sozusagen im gleichen Register. Die sozialen, inhaltlichen und psychologischen Dimensionen des Sportes haben in etwa die gleiche Farbe wie die gesamte Welt der Arbeit und die Sph?re der Produktivit?t: eine bestimmte Art von Kollegialit?t und sozialem Verhalten. Ebenso gibt es einzuhaltende Grenzen, die durch deutliches Regelwerk und das Drumherum wie Vereine festgelegt sind. Fabrik und Verein geh?ren also zusammen.
In der heutigen Welt der Kontrollgesellschaften dagegen ist der K?rper freigelassen aus dieser Welt: Denn die Leute machen mit ihm all das, was fr?her die Privilegien derjenigen waren, die in der Disziplinargesellschaft nicht ihrem Regime unterworfen waren: asketische oder ekstatische Erfahrungen mit dem K?rper, alle Arten von Grenz?berschreitungen ? sowohl im Verh?ltnis zum eigenen wie auch zu anderen K?rpern, wie in der Sexualit?t. Die These von der Kontrollgesellschaft sagt nun, da? diese Leute nicht mehr f?r die k?rperliche Arbeit fitgemacht werden, sondern f?r die kreative. Viele Menschen arbeiten heute nicht k?rperlich und tragen zum Reichtum bei; viele arbeiten ?berhaupt nicht und werden es auch nicht mehr, sie sind weder mit ihrem K?rper noch sonstwie produktiv, und sie sind diejenigen, die kontrolliert werden m?ssen.

Die Leute m?ssen also f?r die Zustimmung zum Ganzen fitgemacht werden?
Ich finde diese These wie gesagt zu fugenlos und komplett und w?rde eher sagen, es gibt einen h?heren Prozentsatz von Leuten, die nicht k?rperlich arbeiten, die aber f?r ihre Arbeit bestimmte mentale Ressourcen brauchen ? eine bestimmte Disposition zu Kreativit?t, Originalit?t, Beherrschung von Kontingenzen und ?berraschendem. Dort ist sowas gefragt, und zwar nicht im Zusammenhang mit einem unkontrollierten K?nstlerlebenslauf, sondern wiederum im Rahmen eines bestimmten Produktionsprozesses. Dann aber w?re die Disziplingesellschaft nicht ?berwunden, denn die extreme und individualisierte Bet?tigung w?re das ?quivalent zur arbeitenden Gesellschaft.

Wo gibt es im Leistungssport kontrollgesellschaftliche Ph?nomene?
Der Doping-Diskurs, der die perfekte Kontrolle des K?rpers fordert, ist ein solches Ph?nomen. Typisch ist, da? weniger Mannschaftssportarten als der Individualsport betroffen sind. Dieser Diskurs verbreitet Terror gegen das Individuum, in der Art, wie auf verletzende Weise genau ?ber den K?rper geredet wird. Beim Fall Katrin Krabbe gab es z.B. Graphiken von ihrem K?rper, die demonstrierten, wie sie mit welchen Tricks bei der Pinkelprobe betrogen hat. Es wurde rekonstruiert und gezeigt, da? nicht der Urin, der in ihrem K?rper war, ins Fl?schchen flo?, sondern ein anderer, den sie irgendwo an ihrem K?rper in einem kleinen Fl?schchen untergebracht hatte. Der Blick auf den K?rper scheint keine Grenzem mehr zu kennen.
Aber auch im ?Kampf gegen Doping? existieren weiterhin disziplingesellschaftliche Aspekte. Ich meine das authentizistische Lob des gesunden, nat?rlichen K?rpers, der gegen die Doping-NutzerInnen hervorgebracht wird. Dieses hat gar nicht so viel mit dem Sport an sich zu tun. Es ist ja nicht so, da? im Sport besonders gesunde K?rper Erfolg h?tten. Warum sollen diese Leistungssportler, die ohnehin unentwegt ihren K?rper manipulieren, nicht auch noch Dopingmittel nehmen? Man k?nnte h?chstens die einzelnen Sportler wegen der Sp?tfolgen bedauern. Im Grunde ist es wie mit den anderen Drogen auch: Es w?re viel besser, wenn alles legal w?re. Aber diese Ideologie von der Authentizit?t m?chte unterscheiden zwischen dem, was der K?rper durch Selbst?berwindung leistet, und dem, was durch unverdientes Einf?gen irgendwelcher Substanzen hervorgebracht wird.

Herr Diederichsen, wir danken Ihnen f?r dieses Gespr?ch.


Diedrich Diederichsen schreibt seit fast zwanzig Jahren ?ber Pop- und Gegenkulturen. Er lebt in K?ln und lehrt an der Merz Akademie in Stuttgart sowie am Art Center in Pasadena/USA. Mit ihm sprachen Dominik Bloedner und Sigrid Weber.



Von der Disziplin zur Kontrolle des K?rpers

K?rperliche Regulierung und Z?chtigung waren f?r die von Foucault beschriebenen disziplinierenden Milieus vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunders kennzeichnend: Die Familie, die Schule, der Verein, die Fabrik, das Milit?r oder, bei Versagen, die Psychiatrie und das Gef?ngnis. Die Neuen Sozialen Bewegungen der sechziger Jahre setzten dieser Disziplin den lustvollen und mitunter auch zerst?rerischen Gebrauch des eigenen K?rpers entgegen. Der Diskurs der ?Bewu?tseinserweiterung?, wonach die Drogenerfahrung dazu beitrug, den K?rper und den Geist gesunden zu lassen, bildete den Grundstein f?r die gegenw?rtigen Ph?nomene der Biokost, der postmodernen Individualreligi?sit?t und eben auch der Extremsportarten. Den damaligen Drogen- und jetzigen Sporterfahrungen ist gemeinsam, da? sie individuelle Grenzerfahrungen sind ? den Jugendkulturen der neunziger Jahre geht es nun eher um die narzi?tische Pflege des K?rpers als um dessen Zerst?rung.
In der Kontrollgesellschaft ist die disziplinierende Funktion des Sports zugunsten der Verwirklichung des Selbst in den Hintergrund getreten, der durchtrainierte K?rper hat also den schlaffen Kifferk?rper ersetzt. So entwickeln sich neue Typen der Sanktionierung, die nicht mehr durch Internierung funktionieren, sondern durch unabl?ssige Kontrolle. Der direkten k?rperlichen Disziplinierung in der Fabrik und im Gef?ngnis folgte die l?ckenlose, elektronische ?berwachung der Individuen im Unternehmen und im offenen Strafvollzug. Die scheinbar neue Selbstbestimmung des K?rpers im Sport ist demzufolge eingebettet in die Kontrollmechanismen einer Gesellschaft, in der Arbeit und Erholung nicht mehr strikt getrennt sind, sondern in der die Arbeit wie Freizeit aussieht und umgekehrt.