Volltext

(Artikel * 1998) Junghanns, Wolf-Dietrich
Maske der Einheit Boxen und Herrschaftstechnik Boxen und Herrschaftstechnik
in Blätter des iz3w Nr. 229 * Seite 28 - 30
Themen: Boxen * Dok-Nr: 131009
Sport

Maske der Einheit
Boxen und Herrschaftstechnik

von Wolf-Dietrich Junghanns


Der Ost-West-Einigungsprozeß war Henry Maskes eigentlicher Sparring-Partner. Nicht zufällig überschneidet sich die Ära des Boxer-Kults um Maske mit den »harten Zeiten« deutscher Vereinigung. Exemplarisch wird die inszenierte politische Bedeutung des Faustkampfes und seines koketten Spiels mit kontrollierter Gewalt für die sich zuspitzenden Verteilungskämpfe in der Übergangszeit zur Berliner Republik aufgezeigt.

Die deutsche Boxbegeisterung hat seit dem Rücktritt Henry Maskes merklich nachgelassen. Anderen bundesdeutschen Anwärtern auf eine der vielen Weltmeisterschaften fehlt es an der »deutschen Herkunft« oder am geeigneten Fernsehsender, um ähnliche Popularität zu erlangen. Es heißt nun öfter: Der Boxboom war bloß ein Maske-Boom. Dafür spricht vieles, dennoch bleibt wohl zu beachten, daß es sich nicht um den Aufschwung irgendeiner beliebigen Sportart handelte. Die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Maske-Ära stellt sich gerade, weil Maskes sportliche Bedeutung infolge der Niederlage im letzten Kampf seiner Karriere schnell relativiert wurde ? es sei dahingestellt, ob zu Recht oder zu Unrecht ?, und auch seine politische Rolle kaum noch gefragt zu sein scheint, zumal mit dem »ersten deutschen Sieger der Tour de France«, Jan Ullrich, auch eine neue »gesamtdeutsche Integrationsfigur« gefunden wurde. Die Feststellung, daß Maske der Mann einer vergangenen Epoche war, drängt sich jedoch nicht allein deshalb auf, weil er nicht mehr boxt und die Sportgeschichte vorangeschritten ist. Vielmehr hat sich gleichzeitig auch die Gesellschaft im Ganzen verändert. Vorüber ist der einleitende Übergang der deutschen Vereinigung, nach dem der Regel- und Institutionentransfer in den bzw. im Osten weitgehend abgeschlossen sind. Die Ostdeutschen sind in der Bundesrepublik angekommen und haben nun primär mit deren überlieferten, nun gesteigerten und für sie neuen Problemen zu tun: Mangel an Erwerbsarbeit, Steuergesetzgebung, Gesundheits- und Sozialversicherungsreform u.a.
In seiner medialen Präsentation war Henry Maske eine der prominentesten Figuren dieses im Vergleich zu den anderen postsozialistischen Gesellschaften finanziell gut abgefederten Übergangs, den er ? als Boxer! ? integrierend beförderte. Inhaltlich ist an seiner Symbolrolle zunächst folgendes hervorzuheben: Er zog verschiedene Gruppen von Ostdeutschen an ? neu Etablierte offenbar ebenso wie neue Außenseiter ? und symbolisierte besonders den Willen zur Selbstbehauptung von Ostdeutschen gegenüber »dem Westen« und zugleich deren Westintegration, indem er zu einem Modellfall für den Übergang zur Marktwirtschaft und die davon erhofften sozialen Fahrstuhleffekte erhoben wurde. Er stand, wie schon Schmeling, vor allem für traditionelle deutsche Arbeitstugenden und war zugleich, viel mehr als dieser, ein Protagonist der Konsum- und Erlebnisgesellschaft, die ganz im Gegensatz zur gebotenen Askese des Sportlers steht. Sofern seine öffentliche Person zum Träger von Geschlechterrollendefinitionen wurde, figurierte er zum einen als Sexidol, zum anderen als ein allen Versuchungen widerstehender Schwiegersohn, Ehemann und Vater, der seine Familie mit einem gefährlichen Beruf versorgt. Vor dem Hintergrund der hohen Erwerbslosigkeit ostdeutscher Frauen, der wirtschaftlich erschwerten Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf, der Klagen über die »ungebrochene Erwerbsneigung« ostdeutscher Frauen, des von der Regierung propagierten traditionellen weiblichen Rollenbildes und nicht zuletzt mit der moralisch-ethischen Demontage des DDR-Frauensportes bedeutete die Inszenierung »deutscher Boxboom« eine maskuline Bestimmung und Repräsentation der Einheit, d.h. der neuen Bundesrepublik, die aus östlicher Sicht eine Re-Maskulinisierung darstellt.

Heldenproduktion im Ring
Maske symbolisierte nicht nur die deutsche Vereinigung und Einheit, sondern ebenso Methoden gesellschaftlicher Konfliktbewältigung, die vielzitierte »Zunahme von Gewalt«, reale und propagierte Privatisierungen oder die Reformen des Sozialstaates. Maskes Ära markierte den Beginn forcierten gesellschaftlichen Wandels. Der symbolische Maske hat, auf eine relativ behutsame, aber dennoch merkliche Weise die Deutschen in Ost und West auf den Weg in eine andere Republik gebracht.
Der Fernsehsender RTL vermarktete Maske gezielt als »deutschen Helden«, was von den Printmedien aufgenommen und mitverbreitet wurde. Dabei wurde Maske nach und nach zum »gesamtdeutschen Sportidol« und »Einheitsbotschafter« stilisiert. Am auffälligsten wohl durch die landesweite Plakataktion des »Wir für Deutschland e.V.« und der »Aktion Gemeinsinn, Bonn«, die mit eine der größten Aktionen für die deutsche Vereinigung bildete. Diese Rolle wurde auf politischer Ebene durch Treffen mit Repräsentanten des Bundes und der Länder auch offiziell anerkannt. Vor dem Hintergrund der Debatten um ein Einwanderungsgesetz und das »Ausländerproblem« handelte es sich bei der Kontroverse darum, wer der »bessere Deutsche« sei ? der 1988 aus Polen in die Bundesrepublik gekommene Michalczewski oder Maske, auch um eine Abgrenzung »des Deutschen« nach außen, vor allem gegen Osteuropa (woher die meisten der in der Bundesrepublik unter Vertrag stehenden »nicht-deutschen« Berufsboxer kommen). Insofern gehören sie zu den Debatten um angemessene »nationale« Selbstdarstellung der Bundesrepublik im Sport. Zu politischen Befürchtungen vor Identifikationsverlusten durch einen »zu hohen Ausländeranteil« kommen dabei kommerziell motivierte Klagen über die Vermarktungsnachteile nicht-deutscher Namen wie z.B. Michalczewskis. In den als Tugendwettstreit inszenierten Duellen Maskes mit Rocchigiani (in der Bundesrepublik geborener »Sohn eines sardischen Eisenbiegers«, so die gängige Journalistenformel ? eine Herkunft, mit der gewöhnlich kein »Einwanderungsdruck« assoziiert wird) drehte sich die Inszenierung gesellschaftlicher Distinktionen dagegen vorrangig um die Abgrenzung nach innen, um eine Definition des »gesellschaftsfähigen« Deutschen. Mit der Parteinahme für den ostdeutschen Aufsteiger und »Gentleman« Maske gegen den »Bad Boy« Rocchigiani erfolgte eine Abgrenzung nach unten, verbunden mit einer Orientierung nach oben, zur politischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen »Spitze« der dann als »Nation« bezeichneten Gesellschaft. Dem dienten u.a. boxerische Expertise mißachtende Stilklischees wie »Techniker« vs. »Schläger«.
Während die direkte Instrumentalisierung Maskes eher selten blieb, war die mediale Vermarktung z.T. betont politisch. Die politische Nutzung Schmelings durch die Nationalsozialisten wird heute selbstverständlich als verwerflich betrachtet. Dagegen gilt Maskes Einsatz und der Einsatz Maskes für die deutsche Vereinigung in der politisch korrekten öffentlichen Meinung als schon durch den »guten Zweck« gerechtfertigt und daher nicht als »Instrumentalisierung« im Sinne eines »Mißbrauchs«. Der Vorgang selbst ? die politische Funktionalisierung eines Sportlers im Rahmen einer Körperinszenierung ? wird dabei in den Medien, außer von dezidierten Maske-Kritikern, meist nicht in Zweifel gezogen. Die Produktion von Sportlern als Vorbildern ist mehr denn je kommerzielles und politisches Programm. Die Maske-Promotion bot das Beispiel einer heldenzentrierten Sozialintegration mit der je nach Anlaß mehr oder weniger deutlichen Funktion, ein neues nationales Selbstbewußtsein zu erzeugen.

Knock out für Hängematten
Eine gesteigerte Popularität des Berufsboxens gilt in Westeuropa und Nordamerika gemeinhin als Zeichen sogenannter harter Zeiten, in denen es keine oder wenig(er) wirtschaftliche und soziale Sicherheit gibt. In solchen Zeiten komme es darauf an, »den Gürtel enger zu schnallen«, den Gebrauch der »Ellenbogen« zu erlernen usw. Der Boxboom schien insofern ganz zur Verabschiedung der sprichwörtlich gewordenen »kollektiven Hängematte« und dem Übergang zu einem kämpferischen Zeitgeist zu passen, mit dem unter Bedingungen allgemein verknappter Erwerbsarbeit den speziellen Wirtschaftproblemen in Ostdeutschland und allgemein der überwiegend einseitig als Gefahr gedeuteten wirtschaftlichen »Globalisierung« begegnet werden soll. Unter Verweis auf gesellschaftliche Verdrängungswettbewerbe sind Faustkampf und Boxen im 19. und 20. Jh. wiederholt in sozialdarwinistische, rassenideologische u.ä. Diskurse eingebunden worden. Boxen bedeutet dann neben Askese (Entbehrungen, Opferbereitschaft) und Disziplin besonders: (mehr) Wettkampf und Konkurrenz mit »totaler Entscheidung«, d.h. es symbolisiert Konfrontation sowie einen entsprechend kombattanten Individualismus.
Die Betonung des Technisch-Taktischen in Maskes Boxstil schien gerade deshalb kompatibel mit der Kultur der Bundesrepublik, weil für diese eben die direkte, rücksichtslose Form der Konfliktbewältigung nicht typisch ist, zumindest nicht in dem Maße wie für die klassischen Boxländer Großbritannien und USA; der Wettbewerb ist in der Bonner Republik strukturell und institutionell bewußt begrenzt worden (»Bonn ist nicht Weimar«). Es stellt sich die Frage, ob die Umstände sowie die Art und Weise der jüngsten Popularisierung des Boxens nicht Verschiebungen von Kooperations- und Konsensmodellen für Konfliktlösungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hin zu Konfrontationsmodellen ebenso ausdrücken wie, und sei es nur auf rhetorischer Ebene, miterzeugen. Eine offensivere bis aggressive Interessenvertretung scheint zu einer mehr und mehr geforderten und von vielen auch akzeptierten Verhaltensweise zu werden.
Die Ausbildung einer Konflikt- und Streitkultur gilt unter Politikwissenschaftlern schon seit längerem als ein Defizit bzw. ein Entwicklungserfordernis der Bundesrepublik. Während diese Einschätzung bisher hauptsächlich mit der Warnung vor autoritären Konfliktlösungen verbunden war, begründet sie heute oft den Wunsch nach höherer gesellschaftlicher Dynamik, etwa im Sinne der Maxime »Der Streit ist der Vater des Fortschritts«. Problematisch für die demokratische Verfassung wird eine Betonung von Konflikt- und Konfrontationsmodellen allerdings dort, wo sie, insbesondere bei Fehlen entsprechender sozialer Dynamik, in Verteilungskämpfen letztlich auf irreversible Selektion und Ausgrenzung von Schwächeren und Unterlegenen zielt und Möglichkeiten politischer Partizipation einschränkt. »Es reicht«, so lautet dann die Rechtfertigung, »eben nicht für alle«.

Faustpfand
Trotz einer in der Regel kollektiven Trainingspraxis und der korporativen Organisation des Boxgeschäfts gilt das Berufsboxen als ausgesprochener Individualistensport. Während Fans wie der Dichter Wolf Wondratschek im Boxer immer mehr den einsamen Outlaw sahen, die grundsätzlich marginalisierte Existenz, die sich dem Establishment verweigert und es ? auf fatale Weise letztlich immer erfolglos ? bekämpft (z.B. Rocchigiani als ein ewig Betrogener), bedauerte der Historiker und Journalist Joachim Fest Mitte der achtziger Jahre den damaligen Niedergang des bundesdeutschen Berufsboxens aus anderen Gründen. Fests Boxer ist ein Star in der Risikogesellschaft, eher eine Führungs- und Führer-Persönlichkeit. Boxen sei einst, wie Fest unter Verweis auf die »legendären« Zwanziger formulierte, mehr als ein Sport gewesen. »Es war die dramatisch verdichtete und in Regeln übersetzte Parabel vom Lebenskampf. Das Publikum erlebte am Ring nichts anderes als ein Abbild seines eigenen Daseins: der Härte und der Risiken, denen jeder ausgesetzt war.« Dieses Symbol habe seine Suggestionskraft fast gänzlich eingebüßt, weil im Sozialstaat kaum einer das eigene Dasein noch als Kampf und Abenteuer erlebe. Der Einzelkämpfer zähle in einer auf das Egalitäre gerichteten Gesellschaft nichts mehr. Boris Becker galt damals als Zeichen der Hoffnung, daß der Sinn für die Aura und den Glanz des Stars bald wieder aufkommen möge. Ein derartiger Einzelkämpfer ist nun genau das Individuum, das in den letzten Jahren in vielen Stellungnahmen zur Zeit herbeigewünscht wurde. Den einzelnen solle wieder Verantwortung für ihre Existenz zukommen, was vornehmlich durch Verringerung und Privatisierung der Sozialvor- und -fürsorgen zu ermöglichen sei. Dem sich abzeichnenden neuen Leitbild des Menschen »als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsfürsorge« entspricht der Boxer par excellence, ist er doch der elementare, der scheinbar geborene Unternehmer, welcher sein ureigenes, nur selbst akkumulierbares Körperkapital in ein hochriskantes Geschäft investiert.
Antietatistische Forderungen nach mehr und flexibler handhabbaren Möglichkeiten zu privater Lebensgestaltung entsprechen zweifellos den Bedürfnissen großer Bevölkerungsgruppen. Gewöhnlich bleibt dabei jedoch unerwähnt, daß die sozialen Netzwerke geschwunden sind, in denen die einzelnen allein mehr Risiko und Verantwortung für ihr Leben übernehmen könnten, und die strukturellen Voraussetzungen, dies durch eigene Arbeit zu tun, sich allein durch Privatisierung nicht einstellen. Eine partiell gegenläufige Tendenz zu dem vom Boxen verkörperten Prinzip Konfrontation kann man im Prinzip der Entdramatisierung erblicken, das in affirmativen Kommentaren zum Boxboom Anwendung fand. Die Würdigungen von Maskes technisch-taktischem Vermögen, seinem »sauberen Boxstil« ? »der Wissenschaftler«, »der Künstler im Ring« ? konnten die Popularität des Boxens und des Boxers auch deshalb befördern, weil »schönes Boxen« viel schwerer zu verurteilen ist, denn es erweckt den Eindruck, es sei ungefährlich, zumindest ungefährlicher als grobes, kunstloses (das Gegenteil ist der Fall). Zieht man Vergleiche zu anderen gesellschaftlichen Bereichen, so fällt die Ähnlichkeit mit Versachlichungspraktiken auf, bei denen z.B. »chirurgische Eingriffe« mit »intelligenten Waffen« in Kriegen oder »Gesundungsmaßnahmen« im Sozialwesen gerechtfertigt werden. »Saubere Lösungen« entlasten das Gewissen, sie versprechen Ordnung und Sicherheit. Der Verweis auf »Sachzwänge« sowie die Juridifizierung und Bürokratisierung gesellschaftlicher Probleme prägte bekanntlich auch den Vereinigungsprozeß (»Stunde der Exekutive«) und nachfolgende Reformen.
Die Inszenierungen der Maske-Kämpfe parallelisierten und ornamentierten diejenige Tendenz in der politischen Kultur, bei der die einseitige Begründung politischer Entscheidungen aus technischen Imperativen, aus »Sachzwängen«, und deren bürokratische Exekution ergänzt wird durch ein politisches Theater, das wirkliche Politik ersetzt (z.B. die Inszenierung der Castor-Transporte oder die jährlichen rituellen Kollisionen zwischen Polizei und Autonomen zum 1. Mai). Hier handelt es sich nicht allein um Politik mit Symbolen, sondern auch um symbolische Politik.

gekürzter Vorabdruck aus: Monika Thiele, Thomas Alkemeyer, Volker Caysa (Hg.): Körperinszenierungen, Tagung der dvs-Sektion Sportphilosophie, 13.-15. November 1997 in Bremen. Sankt Augustin 1998


Wolf Dietrich Junghanns ist Philosoph und lebt in Berlin.