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(Artikel * 1998) Nauright, John
Bafana, Bafana Spitzensport soll die Identifikation mit dem neuen Südafrika fördern Nationenbildung durch Spitzensport in Südafrika
in Blätter des iz3w Nr. 229 * Seite 25 - 27
Themen: Südafrika; Nationenbildung; Spitzensport * Dok-Nr: 131008
Sport

Bafana, Bafana
Spitzensport soll die Identifikation mit dem neuen Südafrika fördern

Our young democracy witnessed the ability of sport to act as a
catalyst to bring people together, share excitement and build a nation.

Steve Tshwete, südafrikanischer Sportminister, zum Erfolg Südafrikas bei der Rugby-WM


von John Nauright


Sport spielt im Südafrika nach der Apartheid eine besondere Rolle für die Bemühungen um Identifikation der weißen und schwarzen Bevölkerung mit dem neuen Staat. Unvergessen ist etwa Nelson Mandelas symbolträchtiger Auftritt im Regenbogentrikot der Fußballnationalmannschaft anläßlich des Endspiels um die Afrika-Meisterschaft.

Mit dem Ende des Apartheidssystems ergaben sich für Südafrika zwei Möglichkeiten der Sportförderung: Die erste bestand in der Förderung des Breitensports, d.h. insbesondere der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, vor allem in den historisch vorwiegend »weißen« Sportarten wie Cricket, Rugby und den olympischen Disziplinen. Die zweite Möglichkeit wurde vor allem von vielen älteren Sportmanagern und Sponsoren von Elitesportarten vertreten: Südafrika sollte sich sofort in den internationalen Wettbewerb in allen Sportarten stürzen, sobald die Sanktionen aufgehoben würden. Diese Variante setzte sich schließlich durch ? nicht zuletzt, aufgrund der kommerziellen Verlockungen und des nationalen Prestiges, das der internationale Sport verspricht. So kehrte Südafrika nach dem langen Ausschluß von kulturellen Großereignissen schnell in die Arenen des internationalen Sports zurück.
Der internationale Sportboykott, der von seinen südafrikanischen Befürwortern, unter dem Motto »kein normaler Sport in einer abnormalen Gesellschaft« vertreten wurde, zerfiel schon Anfang des Jahres 1992 mit Präsident de Klerks Ankündigung, die meisten Apartheid-Gesetze zurückzunehmen. Südafrika wurde in der Folge zur Cricket-Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland zugelassen und kehrte in die olympische Bewegung sowie in das internationale Rugby zurück. An der der Basis hatte sich jedoch ? obwohl bereits 1991 im Cricket als erster Sportart formale Einheit von Schwarz und Weiß geschaffen worden war ? noch wenig verändert. Dennoch zählte Sport von Beginn an zu den Schlüsselstellen für den Bau der neuen südafrikanischen Gesellschaft. Er soll Teil aller Entwicklungskonzepte sein und ? im Sinne einer alten liberalen Ideologie ? in Programmen für städtische Jugendliche Jugendkriminalität vorbeugen und soziale Kontrolle ausüben. Die Bildung einer neuen, vereinten Nation im Sportbereich sollte nun aber ausgerechnet durch Cricket und Rugby demonstriert und verwirklicht werden ? den Sportarten also, die am meisten die Spaltung des Landes symbolisierten. Nirgends ist die Nachhaltigkeit der Teilung in der Vergangenheit sichtbarer, und nirgends sind die Aussichten des Vereinigungsprozesses deutlicher abzusehen.

Nostalgie in Ellis Park
Zwei Großereignisse im Cricket und Rugby waren für das südafrikanische Nation-building durch Sport entscheidend: die Cricket-Weltmeisterschaft 1992 und die Rugby-Weltmeisterschaft, die 1995 in Südafrika stattfand. Beide Disziplinen waren während der Apartheid fest in weißen Herrschaftskreisen verwurzelt. Anfang 1992, also kurz vor Beginn der Cricket-WM, setzte Staatspräsident de Klerk ein Referendum unter den weißen Wählern an, die über die Fortführung der begonnenen Verhandlungen zur Abschaffung der Apartheid entscheiden sollten. Dabei nutzte die NP (National Party) geschickt die überraschende Halbfinalteilnahme der Cricketmannschaft für ihre Kampagne für die Fortführung des Verhandlungsprozesses. Eine Zweidrittelmehrheit sprach sich für die Verhandlungen aus. Es ist nicht unbegründet, anzunehmen, daß der Erfolg der Cricket-Mannschaft die weiße Bevölkerung »auf den Geschmack« der Teilnahme am internationalen Sportgeschehen gebracht hatte ? und die ließ sich in Zukunft eben nur durch die Aufhebung der Apartheid gewährleisten. Eine ähnliche Wirkung dürfte die zur gleichen Zeit angekündigte Veranstaltung von Freundschaftsspielen Südafrikas gegen die All Blacks (das legendäre neuseeländische Rugbyteam, so bezeichnet nach ihren schwarzen Trikots) und die Weltmeister Australian Wallabies erzielt haben.
Trotz des unter den Weißen bekundeten Willens, ein neues politisches System auszuhandeln, zeigte dann das Rugby-Freundschaftsspiel zwischen Südafrika und den All Blacks 1992 das Weiterbestehen von rassistischen und nationalistischen Wertvorstellungen der weißen Südafrikaner. Das Spiel fand nur wenige Wochen nach dem Massaker vom 17. Juni in Boipatong statt. Hier waren schwarze Demonstranten in einem Township zusammengeschossen worden. Der ANC hatte zunächst den geplanten ?short rugby tours? in der Hoffnung zugestimmt, Vertrauen unter der weißen Bevölkerung und moralische Unterstützung zu gewinnen. Nach Boipatong wollte er zunächst seine Zustimmung zurückziehen. Unter der Bedingung aber, daß die auswärtigen Mannschaften Boipatong besuchen und eine Schweigeminute vor den Spielen eingehalten würde sowie der Forderung, daß weder die weiße südafrikanische Fahne gehißt noch die weiße Nationalhymne bei den Freundschaftsspielen in Johannesburg und Kapstadt gespielt werden sollte, gab der ANC doch noch seinen Segen. Allerdings brach der Präsident des Rugby-Verbandes, Louis Luyt, ein Mann, der seine Stellung aus Zeiten der Apartheid hinübergerettet hat, die Abmachung schon beim ersten Spiel in Johannesburg. Er ließ die Nationalhymne spielen, als die meisten Fans die Fahne schwangen und die Nationalhymne sangen, während sie ungeduldig auf das Spiel warteten. Jahre der Frustration wurden hier in einer Feier der weißen Kultur und mit der Freude über die Rückkehr ins internationale Rugby kompensiert. Eigenen Bekundungen nach dem Spiel zufolge waren es die weißen Rugbyfans satt, »auf schwarze Politiker hören zu müssen« ? sie, die es doch gewohnt waren, Gegner ihres Systems schlicht festzunehmen oder umzubringen. Sie sträubten sich ? teilweise sogar wider besseres Wissen ? gegen die konkrete Erfahrung, daß ihre Dominanz schwand. Trotz der Unterstützung des internationalen Rugby durch den ANC waren viele weiß verärgert über das, was sie als Einmischung der Politik in »ihren« Rugby betrachteten.
Ellis Park ist zudem der geeignete Ort für eine rassistische Machtdemonstration. Zum einen ist das größte Rugby-Stadion der Welt selbst eine Ikone, die die Macht der weißen südafrikanischen Kultur und Wirtschaft, sowie südafrikanischer Planung und Ingenieurskunst symbolisiert. Zum anderen überrascht es nicht, daß ein sportliches Ereignis zum Ort der offenen Demonstration weißer Feindseligkeit geriet. Mit seinem Charakter des »wir gegen sie« schafft der Sport einen Raum, der der mehr oder weniger offenen Äußerung von rassistischen Haltungen förderlich ist. Solche kamen auch im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung um die Rugby-Tour zum Ausdruck: Als der ANC trotz des Vertragsbruchs weiteren Spielen zustimmte, wurde diese Entscheidung von weißer Seite als »verantwortliche, erwachsene« Entscheidung der Schwarzen betrachtet. Daraus spricht die Kontinuität eines Verhältnisses zu den Schwarzen und besonders zum ANC, das geprägt ist von der paternalistischen »civilizing mission«. Sie dient der Selbstvergewisserung des weißen Südafrika. Die Ereignisse in Ellis Park sind ein Beispiel dafür, wie dominante Kulturen sich rekonstituieren und ihre kulturellen Ansichten und Werte mit Nachdruck behaupten, wenn sie dabei sind, die konkrete Macht zu verlieren, auf der ihre Hegemonie basierte. Im alten Südafrika bestimmten überwiegend weiße, männliche Autoritäten darüber, was zur nationalen Kultur gehörte und was nicht. Nun befürchten viele Weiße eine schwarze Dominanz.

Auslöschung der Geschichte
Sport, und insbesondere das Rugby, gehört zu den symbolischen Feldern, auf denen das weiße Südafrika um die Kontinuität seiner kulturellen Hegemonie ringt. Für weiße Südafrikaner hat nichts den Erfolg ihrer kollektiven Vergangenheit so sehr symbolisiert wie das Springbok-Emblem, das weiße Nationalmannschaften trugen und das stark mit der Rugby-Nationalmannschaft verbunden wurde. So kommt dem Rugby für viele Weiße im »neuen Südafrika« eine wichtige Rolle zu: Mit seiner geradezu historischen Bedeutung kann es als Bastion weißen kulturellen Widerstands fungieren, während neue Strukturen entstehen.
Das wurde während der Rugbyweltmeisterschaft (RWM) 1995 deutlich. Die RWM wird mit ihren enormen Fernsehzuschauerzahlen als viertgrößtes internationales Sportereignis eingestuft. Außerdem wurde sie 1995 als Vorstufe für die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2004 in Südafrika betrachtet (Hier hat inzwischen Athen den Zuschlag erhalten). Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Bedeutung internationaler Sportereignisse für die nationale Wirtschaft maßen die Regierung und Präsident Mandela der erfolgreichen Ausrichtung der RWM enormen Wert bei. Hier konnte das Land seine Fähigkeiten und Möglichkeiten unter Beweis stellen.
Mandela traf sich im Vorfeld der RWM mit führenden Rugby-Vertretern und Spielern. Er versprach volle Unterstützung für die Nationalmannschaft und verband das mit dem Zugeständnis, daß das Springbokteam die letzte fast ausschließlich weiße Rugbymannschaft sein sollte, die das Land in einer Weltmeisterschaft vertreten werde. Mandelas Unterstützung ermöglichte es, die RWM in allen Bereichen der südafrikanischen Gesellschaft zu vermarkten und die (weißen) Springboks mit dem Slogan »Eine Mannschaft, ein Land« in das Turnier zu schicken. Der Präsident ging soweit, bei einer Jugendveranstaltung zum Gedenken der Studentenproteste in Soweto eine Springbok-Mütze zu tragen. Am Ende seiner Rede sagte er: »Seht Ihr diese Mütze, die ich trage? Diese Mütze ehrt unsere Jungs (bafana), die morgen nachmittag gegen Frankreich spielen.« Mandela nahm damit den Schlachtruf (»Bafana, bafana«) auf, mit dem die Fans auch im Fußball ihre ? in dem Fall gemischte ? Nationalmannschaft anfeuern.
Zur Überraschung vieler Beobachter schienen die Rugby-Fans 1995 die Symbolik des neuen Südafrika, insbesondere die neue Regenbogenfahne anzunehmen. Der ANC trug dazu bei, indem er die weiße als eine der beiden offiziellen Hymnen beibehielt und der Rugby-Nationalmannschaft erlaubte, weiterhin den Springbok als Emblem zu tragen. Mandelas Unterstützung für die Springboks erweckte bei vielen Weißen Gefühle nationaler Zugehörigkeit, die durch den Sieg im RWM-Finale noch Auftrieb erhielten.
Neben der Fahne und der alten Hymne diente Shosholoza, ein Lied in Zulu, zur Repräsentation der Springboks bei der RWM. Das Lied, das Bergarbeiter aus Zimbabwe auf ihrem Weg in die Goldminen Südafrikas sangen, wurde als Sporthymne zu einem zentralen kulturellen Element der Präsentation des neuen und geeinten Südafrika. Diese Rainbow Nation wurde bei der Eröffnungsfeier der RWM in einer Art vorgeführt, die weißen Rugbyfans kaum mißfallen konnte. Denn letztlich bestand der Erfolg der eigens geschaffenen Zeremonie in der Auslöschung der Geschichte. Der südafrikanische Schriftsteller und Universitäts-Professor J.M. Coetzee schrieb in seiner detaillierten Kritik der RWM: Die Zeremonien »präsentierten eine ent-historisierte Sicht des touristischen Südafrika: zufriedenes Stammesvolk und glückliche Bergarbeiter wie im alten Südafrika, aber irgendwie gereinigt und geheiligt durch den Regenbogen.« Ähnlich wie in Disney World alle potentiell beschämenden Momente amerikanischer Geschichte unterdrückt werden, so übte die RWM-Eröffnungsfeier Verrat an der Geschichte von Kampf, Widerstand, kapitalistischer Herrschaft, Rassismus, Segregation, Sexismus und Apartheid, indem sie der Welt ein »glückliches« und vereintes »neues« Südafrika präsentierte. Coetzee beklagte außerdem, daß in den RWM-Feiern Südafrika aus der Perspektive eines Fremden konstruiert wurde, in Bildern, die mehr an amerikanische Werbung erinnerten als an südafrikanische Realitäten. Südafrika wurde dargestellt als ein »exotisches Reiseziel für Sporttourismus ? als das sicherlich etwas andere, aber doch nur in einer pikanten und leicht verdaulichen Weise«.
In dieser Weise dient die westliche postkoloniale Darstellung exotisierter »Anderer« dazu, die auch im Sport verkörperten hegemonialen Werte zu legitimieren. Und gerade in Momenten des Voranschreitens und der Veränderung werden diejenigen, die ihre vermeintliche Exotik zu verlieren beginnen, re-exotisiert, um Weiße und »die anderen« an ihre historische, gleichwie zeitlose Realität zu erinnern. So präsentierte die Bilderwelt der RWM ihrem internationalen Publikum ein Afrika, das das alte Apartheid-Konzept von getrennten Nationen und Kulturen innerhalb Südafrikas bestätigte. Weiße, die in diesem System erzogen wurden, verstehen solche Metaphorik und Aufmachung leicht. So konnten sich weiße Rugbyfans mit ihrer Nation, wie sie im Stadion und im Fernsehen dargestellt wurde, identifizieren, während das Spektakel die Realitäten Südafrikas, wie sie von der Mehrheit der Bevölkerung erfahren werden, ignorierte.

Im Sport vereint?
Während viele Globalisierungs-Theoretiker vom Bedeutungsverfall des Nationalstaats sprechen, scheint im Bereich des Sports das Gegenteil der Fall zu sein. Der internationale Sport und seine Großereignisse zählen sicherlich zu den bedeutendsten kulturellen Handlungen bei der Konstruktion und Rekonstruktion nationaler und lokaler Identitäten im globalen Zeitalter. Dementsprechend bemühte sich die Republik Südafrika schnell um die prestigeträchtige Ausrichtung großer Sportereignisse wie der Olympischen Spiele oder verschiedener Weltmeisterschaften. Südafrika bewirbt sich z.B. um die Fußball-WM 2006 und präsentiert sich als einziges Land des afrikanischen Kontinents mit der für solche Veranstaltungen nötigen Infrastruktur.
Südafrikanische Regierende, Medien und Sportmanager haben zudem sehr schnell die nahezu universellen Sport-Diskurse aufgenommen. Sie tragen den Mythos des fair play, den Ruhm internationaler Siege und den Gedanken, Sport könne die Nation zusammenbringen, weiter. Im Rahmen solcher Diskurse dienen in der Regel auch Bilder aus der Vergangenheit zur Konstruktion kollektiver Identität. In Südafrika ist das aufgrund der Geschichte der Apartheid jedoch schwierig. Hier müssen neue Bilder der Nation geschaffen werden, die zu beiden passen: zu den Weißen, die so viele Machtpositionen in der Wirtschaft und den Medien innehaben und zur afrikanischen Mehrheit, die während der Zeit der Apartheid so viele Opfer brachte.
Zudem ist die Fokussierung der Nationenbildung auf den internationalen Sport insofern gefährlich, als immense Summen für große Sportveranstaltungen investiert wurden und damit nicht zur Beschaffung von Wohnraum, zur gesundheitlichen Versorgung oder im Erziehungswesen zur Verfügung stehen. Die RWM vertuschte diese Probleme des neuen Südafrika. Regierung und Medien taten sich zusammen, um die Nation nach innen und außen »vereinigt« zu präsentieren.
Tatsächlich hat sich jedoch bis heute auch im Sport nicht viel verändert. Weiterhin stehen Weiße an der Spitze der alten, weiß dominierten Sportarten wie Rugby und Cricket. Weiße Cricketspieler sind zwar Stars sowohl in den reichen Vororten als auch in den Townships ? dort jedoch bleibt der Fußball die vorherrschende Sportart. Entgegen der oft leidenschaftlichen Rhetorik trennen das Erbe der Apartheid, die Ungleichzeitigkeit kapitalistischer Entwicklung und die massiven Unterschiede zwischen Reichen und Armen weiterhin das Land. Die imaginierte nationale Gemeinschaft bedeutet für Schwarze und Weiße Verschiedenes. Und selbst wenn der Auftritt Südafrikas bei der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 1998 eine ähnlich elektrisierende Wirkung haben sollte wie die Rugby-WM 1995, bleibt die Frage, was damit gewonnen wäre.

Der Text wurde entnommen aus: Sport, Cultures and Identities in South Africa, Leicester University Press, London/Washington 1997, von der Redaktion gekürzt und frei bearbeitet; Übers. Anne-Françoise Weber



Was zum Teufel ist Cricket?

Cricket gehört zu den Sportarten, die wie der Fußball aus England über die Welt bzw. das Commonwealth gekommen sind. Im Unterschied zum Fußball hat sich Cricket nämlich nur in den ehemaligen englischen Kolonialgebieten durchsetzen können. Dort allerdings blieb es ? mehr oder weniger freiwillig ? in der Regel auch nach Abzug der Engländer und der Unabhängigkeit Nationalsportart. In Indien etwa kann die Cricket-Berichterstattung die Sportseiten der Tageszeitungen ganz alleine füllen. Im Rest der Welt fragt man sich derweil, was denn langweiliger sein könnte als Cricket? Die Antwort: Beim Cricket zuzusehen. Tatsächlich dauern Cricketländerspiele mehrere Tage, es passiert minutenlang wenig bis gar nichts, und der Engländer liebt es, während er seinen Helden bei ihrem merkwürdigen Tun zuschaut, auf den Rängen in aller Ruhe seinen Tee zu nehmen. Die Langeweile wird nur dann durchbrochen, wenn England, was nicht gar so selten der Fall ist, gegen eine seiner Ex-Kolonien verliert. Selbst bei Eurosport, dem Sportkanal, dem keine Form der Fortbewegung zu absurd, kein Wettstreit zu öde und kein Rekord zu blöde ist ? selbst dort ist Cricket nie zu sehen.
In Wirklichkeit verhält es sich beim Cricket aber wohl wie bei allen Sportarten ? und den meisten Dingen im Leben überhaupt: Es langweilt sich, wer nichts versteht. Und damit das auch so bleibt, wir also nicht demnächst beim Sonnenbad auf grüner Wiese von kleinen harten Bällen getroffen, von ganz in Weiß gewandeten Sportsmen auf ihrer Jagd nach eben jenen überrannt oder von wüsten Schlägern, bei deren meist ergebnislosen Versuchen, mit ihren Holzprügeln die kleinen Bälle möglichst weit in die Pampa zu dreschen, erschlagen werden ? damit also das Cricket da bleibt, wo es hingehört, soll auch hier der Mantel des Schweigens über diese absonderliche Sportart gedeckt werden. Nur so viel: Cricket hat, obwohl es ähnlich spießig ist, mit Crocket nichts zu tun und ist ein bißchen so wie Baseball. jm