Sport
Das Leiden der Leiber
»Paßt mir auf den Nigerianer Akpoborie auf, das ist ein super Spieler. Die Schwarzen sind alle besser als wir. Und wenn ihr nicht aufpaßt, Leute, spielen die alle, und ihr sitzt alle auf der Bank. Dann sind die Arbeitsplätze weg.«
Otto Rehhagel vor dem Heimspiel des von ihm trainierten FC Bayern gegen Hansa Rostock, in dem Akpoborie zum 1:0 Sieg der Gäste traf. Noch am selben Abend wurde Rehhagel entlassen.
.»Sport ist Mord« ist die meist aus dem Schulsportunterricht bekannte Parole der Anti-Sportler, die unter dem ihnen auferlegten Zwang zur körperlichen Leistung litten. Heute kann sich mit diesem Spruch niemand mehr herausreden, und selbst die Kifferfraktion unter der postmodernen Sportjugend geht mittlerweile Snowboarden, Freeclimben, Mountainbiken oder Windsurfen.
Sport und Sportlichkeit sind angesagt. Vorbei sind auch die Zeiten, als kritische Geister noch gegen Sportereignisse als Instrumente nationalistischer Politik und Vehikel nationalistischer Emotionen protestierten. Während etwa 1974 zur Fußball-WM im Stadion noch Spruchbänder mit der Parole ?Chile si, junta no? in die Kameras gehalten wurden, votierte vor ein paar Wochen kaum jemand ernsthaft gegen die Austragung des Freundschaftsspiels Deutschland-Nigeria. Und wenn Boris Becker sich für den Schwartau-Konzern Nutella auf die Stulle schmiert oder die brasilianischen Ballvirtuosen in Nike-Schuhen durch Flughäfen tänzeln, tut das der Begeisterung für den vermeintlich renitenten Tennismulti oder den angeblich anderen Fußball ? tatsächlich spielt Brasilien heute europäischer als die Europäer ? keinen Abbruch. Im Gegenteil.
Was steht hinter dem Sportboom? Zunächst geht es ? v.a. in den Gesellschaften des Nordens ? um ein sinnliches Erleben von Leibhaftigkeit in einer Zeit, in der der Körper immer mehr von Technik und Maschine ersetzt wird. Insbesondere mit den oben genannten neuen Sportarten wird die Freude am Erleben von Körper und Natur verbunden. Voraussetzung von Freiheit und Spaß, von Easy Livin? ist Fitneß. Fit for Fun. Dazu muß der Körper modelliert, vorzeigbar sein. Und hier endet das Lied der Freiheit für die meisten, bevor es angefangen hat.
Anders jedoch als etwa in den 30er Jahren, wo ein ähnlicher Körperkult betrieben wurde, stehen die neuen Disziplinen nicht mehr im Dienst des Kollektivs, sondern für den Erfolg des einzelnen. Das Individuum steht in den neuen Einzelsportarten im Mittelpunkt einer autistischen Selbsterfahrung, die meist (Ich und der Berg...) mit Natur verbunden wird. Die wird auf der Hochleistungsflucht vor der Zivilisation unsicher gemacht ? Reh und Wandersmann fliehen in panischem Schrecken, wenn in schrillen Farben der Biker aus dem Unterholz bricht.
Dessen Markenspezialausrüstung ? man versuche einmal im Sportladen einen »normalen« Sportschuh zu bekommen ? will erworben werden. Und damit ist ein zweiter Faktor des Sportbooms genannt: Mit Sport, der in Form seiner medialen Inszenierung die Massen vor den Bildschirmen vereint und fasziniert, lassen sich weltweit Märkte erobern und Milliarden verdienen. Zum einen impliziert die Kommerzialisierung aber den Ausschluß der meisten Menschen dieser Welt: In dem Moment, wo sich in den klassischen Sportarten der Süden zu Wort meldet und Erfolge feiert, werden neue Disziplinen kreiert, die garantiert nur denen zugänglich sind, die es sich leisten können. (Aus verschiedenen Gründen wird es jedenfalls noch etwas dauern, bis kenianische Snowboarder, Freeclimber oder Windsurfer in der Weltelite auftauchen.) Damit wird auch im Sport die alte Ordnung wiederhergestellt. Zum anderen bedeutet die Kommerzialisierung, daß der Sport immer mehr seiner Verwertung untergeordnet wird. Wenn etwa Fußballvereine zu Konzernen werden, die unter Erfolgsdruck und Profitzwang im Süden und im Osten auf die Jagd nach sogenannten jungen Talenten gehen, die mit den nationalen Kickern um die Arbeitsplätze konkurrieren; oder wenn solche Konzerne mit der Darstellung von sprach- und gesichtslosen Körpern schwarzer Sportler als Sinnbild natürlicher Kraft und Schnelligkeit für ihre Waren werben, bietet der Sport ein Spiegelbild des richtigen Lebens.
Neben dem globalen Athleten als (Werbe)träger von Geschäftsinteressen steht jedoch weiterhin der Athlet als Repräsentant der Nation. Im Nationalismus besteht ein mehr denn je virulentes Motiv der Sportbegeisterung. Das mittlerweile politisch, ökonomisch und kulturell infrage gestellte nationale Kollektiv, so scheint es, feiert im Sport fröhliche Urständ. Daß diese nicht fröhlich sein muß, zeigten die Feiern nach dem Gewinn der Fußball-WM kurz nach der Wiedervereinigung. Nationalismus im Sport ist aber kein deutsches Phänomen, das sich in Jan Ullrich und dem »TeamDeutscheTelekom«, Henry Maske oder Milka-Franzi erschöpfen würde. Brasilianische Erfolgsfeiern mögen sympathischer, südafrikanische Bemühungen um nationale Integration mittels Rugby, Fußball und Cricket verständlicher anmuten, weniger nationalistisch sind sie deswegen nicht.
In unserem Themenblock greifen wir mit dem Nationalismus in Zeiten der Globalisierung und dem Körperwahn, der sich im normierenden Leit- und Leidbild der Sportivität niederschlägt, zwei wesentliche Momente der allgemeinen Begeisterung für sportliche Betätigung heraus. Beide Faktoren sprechen der Rede von Sport und Spiel insofern hohn, als eine der schönsten Zeitverschwendungen der Welt immer weniger als solche gilt, sondern selbst mehr und mehr in den Zusammenhang von Ausbeutung und Disziplinierung des Individuums gerät. Etwas blauäugig möchten wir dem mit Boxfreund Bert Brecht entgegenhalten: »Ich bin gegen alle Bemühungen, den Sport zu einem Kulturgut zu machen, schon darum, weil ich weiß, was diese Gesellschaft mit Kulturgütern alles treibt, und der Sport dazu wirklich zu schade ist. Ich bin für den Sport, weil und solange er riskant (ungesund), unkultiviert (also nicht gesellschaftsfähig) und Selbstzweck ist.« |