Volltext

(Artikel * 1998) Dittrich, Christoph
Stadt der zwei Geschwindigkeiten Glanz und Elend der indischen Software-Metropole Bangalore Indien: Glanz und Elend der Software-Metropole Bangalore
in Blätter des iz3w Nr. 229 * Seite 15 - 17
Themen: Bangalore; Indien * Dok-Nr: 131004
Indien

Stadt der zwei Geschwindigkeiten
Glanz und Elend der indischen Software-Metropole Bangalore

von Christoph Dittrich


Den Boom des südindischen Bangalore zu einem weltweit bedeutenden Zentrum der Software-Entwicklung führen Freihandelsverfechter gerne an, wenn sie die Chancen der Globalisierung für die Peripherie demonstrieren wollen. Die Möglichkeiten Bangalores basierten zum Teil jedoch auf spezifischen historischen Voraussetzungen. Zudem wird hinter den glitzernden Kulissen immer deutlicher, wie sich räumliche und soziale Polarisierungen noch verschärfen.

Zu Beginn der 90er Jahre wurde in Indien eine grundlegende Umorientierung der Wirtschaftspolitik eingeleitet: weg von einer weitgehend staatlich regulierten mixed economy, hin zu einem neoliberalen Kurs der Weltmarktintegration. In diesem Rahmen erwies sich der Boom der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien als »Zugpferd« eines an den makro-ökonomischen Daten ablesbaren Aufschwungs des Landes.1 Bangalore wurde zum Silicon Plateau of India.
Die in 1000m Höhe auf dem Deccan-Plateau gelegene Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka war schon im 17. Jahrhundert ein überregionaler Marktort. Unter britischer Herrschaft wurde sie Anfang des 19. Jahrhunderts zur größten Militärgarnison Südindiens ausgebaut. Aus dieser Zeit stammt das die Kernstadt heute noch prägende Nebeneinander von kolonialen und indigenen Raumeinheiten. Im britischen Cantonment entstanden großzügige Villenviertel, viktorianische Prachtbauten, Einkaufsstraßen, renommierte Bildungseinrichtungen, Parkanlagen und Alleen. Hier befinden sich heute die Regierungs- bzw. Verwaltungsgebäude und das moderne Geschäftsviertel mit Einkaufszentren, Ladenpassagen, Schnellrestaurants, Pubs und Nachtlokalen. Internationale Hotelketten sowie zahlreiche transnationale Unternehmen und Banken haben sich ebenfalls dort niedergelassen. Die vielgeschossigen Gebäudekomplexe und die weitläufigen Grünanlagen stehen in hartem Kontrast zum engen Gassengewirr der dichtbevölkerten, von Lärm und Abgasen geplagten Altstadtviertel. Hier befinden sich die großen Stadtmärkte, viele kleine Einzelhandelsgeschäfte, einfache Hotels und Betriebe des informellen Sektors.

Der High-Tech-Boom
Ende des 19. Jahrhunderts gab der mittlerweile wieder regierende Fürst von Mysore unter der Parole »Industrialisierung oder Untergang« u.a. mit dem frühen Ausbau der Stromversorgung und der staatlich forcierten Industrialisierung entscheidende Impulse für den wirtschaftlichen Aufschwung. Neue Arbeitsplätze in Textil-, Eisen- und Stahlfabriken sowie elektrotechnischen Betrieben hatten eine starke Zuwanderung aus allen Landesteilen zur Folge, und bis zur Unabhängigkeit Indiens 1947 vervierfachte sich die Bevölkerungszahl der Stadt auf rund 900.000. Nach der Unabhängigkeit war Premierminister Nehru bestrebt, Bangalore zu Indiens Stadt der Zukunft zu machen (vgl. iz3w Nr. 228). In den folgenden Jahrzehnten wurden Forschungsinstitute eingerichtet und staatliche Hochtechnologieunternehmen aus den Bereichen Maschinen- und Werkzeugbau, Luft- und Raumfahrttechnik, Elektronik und Telekommunikation ließen sich außerhalb der Kernstadt nieder. Mit den dazugehörenden Werkssiedlungen entstanden neue Stadtteile. Bereits Anfang der 80er Jahre wurden mehr als 10.000 Betriebe mit über 250.000 Beschäftigten gezählt.
Die schrittweise Liberalisierung der Wirtschaftspolitik leitete Mitte der 80er Jahre den High-Tech-Boom ein: 1985 eröffnete der US-Konzern Texas Instruments eine Niederlassung, die sich ausschließlich auf den Export von Computersoftware konzentrierte. Ende 1997 hatten sich über 300 »Software-Schmieden« niedergelassen. Diese beschäftigen mittlerweile mehr als 20.000 hochqualifizierte Mitarbeiter/innen. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um Angehörige hoher Kasten. Die größten Unternehmen sind die mehr als 100 Niederlassungen bzw. Joint Ventures transnationaler Konzerne, darunter fast alle Giganten der Computerbranche, z.B. Microsoft, IBM, Hewlett Packard, Motorola, sowie die indischen Marktführer Tata Unisys, Wipro und Infosys. Auch einige deutsche Großunternehmen, z.B. Bosch, Daimler-Benz, Deutsche Software, Siemens oder SAP, unterhalten Niederlassungen. Inzwischen hat sich zudem eine beträchtliche Zahl kleinerer Betriebe etabliert. Diese haben sich auf die arbeitsintensive Datenerfassung und die Herstellung von Nischenprodukten für den Binnenmarkt spezialisiert.
Innerhalb weniger Jahre hat sich die Stadt zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten auf dem Gebiet der Entwicklung, Modifizierung und Wartung von Computerprogrammen über große Entfernungen hinweg entwickelt. Die Computerbranche Bangalores wuchs im vergangenen Jahrzehnt jährlich um fast 50%, die Umsätze haben sich in diesem Zeitraum mehr als verzehnfacht und lagen im Wirtschaftsjahr 1996/97 bei rund 450 Mio. US$, was ein Drittel der indischen Gesamtumsätze in der Informationstechnologie ausmacht. Mehr als 90% der Umsätze werden durch den Export unternehmensorientierter Dienstleistungen vor allem in die USA und nach Westeuropa erzielt. Die Exportabhängigkeit verdeutlicht die dominierende Rolle ausländischer Großkonzerne, die mit einer auf ihre Interessen zugeschnittenen Industriepolitik und dem Abbau bürokratischer Investitionshemmnisse angelockt wurden. Diesem Ziel dient auch die Errichtung des ersten Technologiezentrums Indiens für exportorientierte Computerbetriebe vor den Toren der Stadt. Den dort ansässigen 145 Betrieben wird eine funktionierende Infrastruktur kostenlos zur Verfügung gestellt, Softwarehersteller zahlen zehn Jahre keine Steuern, der Gewinntransfer ist garantiert. Im Juni diesen Jahres wird zudem der erste Bauabschnitt eines weiteren multifunktionalen Dienstleistungszentrums fertiggestellt. In dieser vielgeschossigen »Hi-Tech-Enklave« sollen bis zum Jahr 2003 weitere 16.000 hochqualifizierte Dauerarbeitsplätze entstehen.2
All dies ging mit einem enormen Bevölkerungs- und Flächenwachstum einher. Die wegen ihrer einstmals angenehmen Atmosphäre als Garden City bezeichnete Stadt hat sich zu einer der am schnellsten wachsenden Metropolen Asiens entwickelt. Anfang der 60er Jahre überschritt die Einwohnerzahl die Millionengrenze. Gegenwärtig leben rund 5,2 Mio. Menschen im Großraum Bangalore. Das Stadtgebiet erstreckt sich heute schon über eine Fläche von rund 25 mal 25 Kilometern.
Daß Bangalore zur Electronics Capital of India werden konnte, ist Resultat einer Kombination globaler, nationaler und lokaler Faktoren: Durch die zunehmende Globalisierung der Märkte für Waren, Kapital und Dienstleistungen mit Hilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnologien sind die transnationalen Konzerne in die Lage versetzt worden, ihre Aktivitäten weltweit und schnell zu koordinieren. Inzwischen gehören Worldwide Sourcing und Outsourcing zu den gängigen Strategien, um im Konkurrenzkampf Kosten zu senken und Gewinne steigern zu können. Außerdem fielen nach Jahrzehnten des Protektionismus auch in Indien die Handelsschranken, was ausländische Direktinvestitionen und die Rückführung von Gewinnen erleichterte. Zudem verfügt Indien über die weltweit größte englischsprachige Bevölkerung mit über drei Mio. Hochschulabsolventen. Dabei fallen für einen indischen Programmierer zwölfmal niedrigere Lohnkosten an als z.B. für seinen deutschen Kollegen. Auf der lokalen Ebene schließlich kann die Ansiedlung der ersten Computerbetriebe auf den Standortvorteil von Bangalore als traditionelles Zentrum der indischen Hochtechnologie, auf die im Vergleich zu Bombay und Delhi niedrigen Immobilienpreise und Lebenshaltungskosten sowie auf den liberalen Lebensstil einer anglo-indischen Stadtelite zurückgeführt werden.

Schmiere für die Paläste...
Der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur konnte jedoch nicht mit dem Industrialisierungsschub, dem Stadtwachstum und der zunehmenden Verkehrsdichte Schritt halten. Bei jährlich zehnprozentiger Zunahme des Straßenverkehrs leidet die Stadtbevölkerung unter der nach Delhi zweithöchsten Luftverschmutzung Indiens. Ein dramatisch gestiegener Energie- und Wasserverbrauch hat oft stundenlange Strom- und Wasserausfälle in den ärmeren Wohnvierteln zur Folge, die Abfall- und Abwasserentsorgung bleiben weitgehend ungelöste Probleme. Neue Tiefbrunnen, die v.a. der Versorgung luxuriöser Wohnanlagen dienen, haben dazu geführt, daß sich der Grundwasserspiegel schon um mehr als 20 Meter abgesenkt hat.
Als sich die Stadt Anfang der 90er Jahre zu einem interessanten Ort für Kapitalanleger und Spekulanten entwickelte, waren ein Bauboom im Bereich anspruchsvoller Appartement-Komplexe sowie eine explosionsartige Erhöhung der Immobilienpreise die Folge. Allein 1995 stiegen die Grundstücks- und Mietpreise im Zentrum um bis zu 50%, in einigen noch unerschlossenen Stadtrandlagen, die für Gewerbegebiete und moderne Wohnanlagen vorgesehen sind, um bis zu 400%. 1997 zählte Bangalore zu den dreißig teuersten Städten der Welt. Im Zuge dieser Entwicklungen wurden viele Marginalsiedlungen, die sich auf gewinnträchtigem Land befanden, zerstört, die Bewohner in die unerschlossene Peripherie vertrieben. Auch viele Angehörige der unteren Mittelschichten können sich die teuren Mieten nicht mehr leisten. Sie werden aus ihren innenstadtnahen Wohnquartieren in die mittlerweile mehr als 500 Marginalsiedlungen, die sich oft weit abseits der Arbeitsmärkte befinden, verdrängt. Dagegen werden die Kerngebiete der Metropole und einige neue Stadtteilzentren durch architektonisch aufwendige Verwaltungs- und Wohnbauten sowie durch multifunktionale Dienstleistungszentren aufgewertet und von einer global orientierten, durch westliche Konsummuster und Lebensstile geprägten Mittel- und Oberschicht genutzt.
Konsequenz dieses Strukturwandels ist eine Verstärkung sozialräumlicher Disparitäten. Während in der Kernstadt die bipolare kolonialzeitliche Stadtstruktur erhalten blieb, sind die neuen Außenbezirke gekennzeichnet durch eine extrem kleinräumige Fragmentierung in Wachstums- und Wohlstandsinseln, die in das globale Netz sozio-ökonomischer Verflechtungen integriert sind, und in Gebiete ohne Anschluß, für deren Bewohner die Sicherung der Existenz im Vordergrund steht. Diese räumliche Fragmentierung ist steingewordener Ausdruck der gesellschaftlichen Polarisierung, die durch eine sich weiter öffnende Schere zwischen den Einkommen der ökonomisch gesicherten und der ungesicherten Bevölkerungsgruppen noch verschärft wird. Während die Gehälter im Computersektor jedes Jahr um rund 30% steigen ? Berufsanfänger verdienen 10.500 Rs. (530 DM) im Monat, im Bereich des mittleren Managements liegt der Monatsverdienst bei rund 45.000 Rs. (2.250 DM) -, stagnieren die Löhne im ungesicherten informellen Sektor. Ein Bauhilfsarbeiter kommt im Monat gerade mal auf 1.200-1.500 Rs. (60-75 DM), zu wenig, um die einfachsten Grundbedürfnisse einer Familie zu sichern. Zu den Globalisierungsverlierern zählen aber auch Teile der unteren Mittelschicht, die im Zuge der Deregulierungs- und Privatisierungswelle in den staatlichen Industriebetrieben von Massenentlassungen und damit vom Verlust einer gesicherten Einkommensbasis und sozialer Vergünstigungen betroffen sind.
Dazu kommen die steigenden Lebenshaltungskosten. In den vergangenen drei Jahren erhöhten sich die Preise für Grundnahrungsmittel, Wohnraum und öffentlichen Transport um mehr als das Doppelte. Gängige Handlungsstrategien gegen eine weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen sind die Erschließung zusätzlicher informeller Einkommensquellen meist durch weibliche Familienmitglieder und Kinder als Hausangestellte, Heimarbeiter/innen, im Kleinhandel und in der Prostitution, eine Reduzierung der Ausgaben vor allem in den Bereichen Bildung und medizinische Versorgung sowie die zusätzliche Kreditaufnahme bei informellen Geldverleihern. In der Mehrzahl der marginalisierten Haushalte übersteigen die Schulden das Monatseinkommen bereits um ein Vielfaches. Die Verschärfung ökonomischer Ungleichheiten geht mit einem Verlust an Rechtssicherheit für unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen und mit einer wuchernden Korruption einher. Selbst für einfache Dienstleistungen, wie z.B. die Zugangsberechtigung zu einer höheren Schule, müssen inzwischen Schmiergelder bis zu 20.000 Rs. gezahlt werden. Ärmeren Bevölkerungsgruppen bleibt der Zugang zu formeller Bildung damit meist verwehrt.
Auch die vielgerühmte städtische Mittelschicht profitiert nur zum Teil vom »neuen« Bangalore. Der Wunsch nach Statussymbolen, westlichen Konsum- und Wohnstandards sowie die Notwendigkeit einer an die veränderten Erfordernisse angepassten Ausbildung der Kinder in teuren Privatschulen hat viele Familien in eine Verschuldungsfalle getrieben, der sie kaum entrinnen können. Im Wettbewerb um den Zugang zu renommierten Bildungseinrichtungen, d.h. im Gerangel um Punkte, Quoten und Sonderregelungen, und zu Arbeitsplätzen im modernen Dienstleistungssektor hat sich eine gnadenlose Ellenbogenmentalität herausgebildet, an der auch viele Angehörige höherer Kasten scheitern.
Als Folge dieser Entwicklung kann eine politische Radikalisierung vor allem der enttäuschten Mittelschichten festgestellt werden. Der Sieg der rechtsnationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP, s. Kasten) und ihrer Verbündeten bei den Wahlen zum Bundesparlament im Februar auch in Bangalore spiegelt den gesellschaftlichen Strukturwandel mit seinen Verwerfungen auf der politischen Ebene wider. Die unerfüllten Erwartungen von Teilen der Mittelschicht und die zunehmende Polarisierung erhöhen das städtische Konfliktpotential. Ausdruck hierfür sind die steigende Zahl an Gewaltverbrechen, häufige Streiks und Landbesetzungen, meist gewaltsam ausgetragene Auseinandersetzungen mit kommunalistischem Hintergrund sowie Konflikte zwischen Anhängern und Gegnern der Globalisierung, wie etwa im Zusammenhang mit den Wahlen zur Miß World im Herbst 1996, als eine Bewegung von Kommunisten bis zur BJP hunderttausende gegen die in Bangalore stattfindende Mißwahl auf die Straße brachten.

...und TVs in den Hütten
Der Mythos Bangalore als Erfolgsmodell einer vernetzten Welt hat seinen Glanz verloren. 1997 hat die schlechte Infrastruktur, eine schwerfällige und korrupte Bürokratie, das für indische Verhältnisse inzwischen hohe Preis- und Lohnkostenniveau sowie das hinter den Erwartungen zurückgebliebene Binnenmarktwachstum sogar für rückläufige Investitionen ausländischer Konzerne gesorgt. Einige Betriebe sind schon auf Standorte ausgewichen, die ähnliche Bedingungen bieten, wie sie Bangalore noch vor wenigen Jahren anzubieten hatte. Die Wachstumseuphorie ist gebremst, Spekulanten haben sich anderen Feldern zugewandt, und der überhitzte Immobilienmarkt hat sich abgekühlt. Vor allem hat die partielle Integration der Metropole in die global agierende Ökonomie weder zu einer Verbesserung der Verteilungsgerechtigkeit geführt, noch den sozialen Aufstieg unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen ermöglicht.
Vielmehr hat sich die Metropole zu einer »Stadt der zwei Geschwindigkeiten« entwickelt. Auf der einen Seite lebt und arbeitet in den Zonen der Herrschaft und in den Enklaven des Luxus eine schmale politisch-ökonomische Stadtelite in einer engen Interessenskoalition mit den Zielen der transnational agierenden Hi-Tech-Unternehmen. Sie orientiert sich an westlichen Konsummustern, Lebensstilen und Verhaltensweisen und kommuniziert weltweit über Internet und E-mail. Das Interesse an einer Lösung der Problemlagen in der eigenen Stadt haben die meisten Globalisierungsgewinner längst verloren. Auf der anderen Seite lebt der überwiegende Teil der Stadtbevölkerung auch weiterhin ökonomisch und sozial marginalisiert. Krisenmanagement und die Sicherung der Grundbedürfnisse stehen hier im Vordergrund. Abwechslung bieten lediglich die 28 Kanäle des Satellitenfernsehens, das inzwischen auch in vielen Hütten der Marginalbevölkerung empfangen werden kann.

Anmerkungen:

1 Eine auf über 200 Millionen Menschen angewachsene Mittelschicht kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß immer noch mehr als ein Drittel der rund 940 Millionen Inder unterhalb der Armutsgrenze lebt. Die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen tritt besonders deutlich in den 29 rasant wachsenden Millionenstädten zutage (zur Wirtschaftsgeschichte Indiens nach der Unabhängigkeit s. iz3w Nr.223/224).

2 Der Hi-Tech-Boom der vergangenen Jahre ist auch auf verschärfte Visa-Bedingungen US-amerikanischer Behörden zurückzuführen: Bis vor kurzem waren nahezu die Hälfte aller indischen Computerspezialisten in die USA abgeworben worden. Dann wurde die Software-Entwicklung nach Bangalore verlegt, und die indischen Mitarbeiter klinken sich per Datenautobahn in die amerikanischen Computersysteme ein. Ein Vorteil dieser Off-Shore Produktion ist es, daß der Zeitunterschied von 13 Stunden zwischen den USA und Indien genutzt werden kann. Die Produktentwicklung wird dadurch wesentlich verkürzt.


Christoph Dittrich ist wissenschaftlicher Assisstent am Institut für Kulturgeographie der Uni Freiburg. Im Rahmen eines DFG-Projektes zum Thema Metropolenbildung und gesellschaftliche Polarisierung arbeitete er mehrere Monate in Bangalore.



Der Wirtschaftskurs der BJP
Seit Ende März bilden 18 Parteien und eine Vielzahl Unabhängiger unter Führung der Bharatiya Janata Party (BJP) die Regierungskoalition. Diese reicht von der extrem hindu-nationalistischen Shiv Sena über Vertreter regionaler Interessen bis zur sozialistischen Samata-Party. Der Zwang zu Kompromissen in der Koalition wird einen radikalen politischen Kurswechsel nicht erlauben. Das gilt auch für die Wirtschaftspolitik der BJP, die ohnehin zwischen hindunationalistisch-kulturalistischer Agitation und klientelorientierter Öffnung laviert. In der Vergangenheit hat sie sich etwa an Kampagnen gegen die Wahl der Miß World in Indien oder gegen ausländische Fast-Food-Ketten beteiligt, gleichzeitig jedoch indische Unternehmer unterstützt, die im Ausland tätig sind. Das alte Ziel der Selbstversorgung (»Swadeshi«) wird zwar weiterhin propagiert, aber wie viele andere BJP-Positionen nicht verfolgt (zur nationalistisch-rassistischen Ideologie der BJP s. iz3w Nr. 215).
Er rufe ausländischen Investoren ein »big welcome« zu, erklärte Finanzminister Sinha in einem Interview, fügte jedoch hinzu: »aber nur in einigen Bereichen.« So befürworte die Koalition eine Öffnung des staatlichen Finanzsektors für indische Privatunternehmen, aber »noch nicht« für ausländische Firmen. Investitionen aus dem Ausland könnten z.B. in den Versorgungsbereichen oder in der Hochtechnologie durchaus eine »wichtige Rolle spielen«, in bestimmten anderen Sektoren würden sie jedoch nicht benötigt.
aus: WOZ/Steffen Beitz/Red.