Kommentar
»Scheiß Millionäre«
Fußballfans und Globalisierungsgegner sorgen sich um Gerechtigkeit
von Jochen Müller
Sonnabend, 14.3.1998, ca. 17.00 Uhr. Zur gleichen Zeit, als der grüne Europaabgeordnete Wolfgang Kreissl-Dörfler im DGB-Haus München zum Schlußwort des Kongresses »Schicksal Globalisierung?« ansetzt, bekunden nur wenige hundert Meter entfernt im Olympiastadion tausende von Fußballfans beim Bundesligaspiel Bayern München ? Vfl Bochum (Endstand 0:0) ihren Unmut: »Scheiß Millionäre« rufen sie ihren Helden zu. Zwei auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Ereignisse ? dennoch lassen sie sich nicht nur räumlich und zeitlich auf einen Nenner bringen:
Szene 1 ? im Fußballstadion. Hier wütet auf der einen Seite Volkes Stimme über die hochbezahlten, aber vermeintlich faulen Balltreter ihres Lieblingsclubs (»Wir wollen Euch kämpfen sehen«, »In jedem Betrieb würden die gefeuert«, »Die kriegen doch alles gerichtet, Schuhe geputzt, das Auto gewaschen...). Auf der anderen Seite beschimpft die Konzernleitung ihre Angestellten im gleichen Jargon (Beckenbauer: »Wenn ihr nicht Fußballspieler wärt, würdet ihr unter den Isarbrücken pennen...«). Aus den vermeintlichen Antagonisten sprechen die gleichen Kategorien und Wertmaßstäbe: Es geht um Leistung und ihre Entlohnung. Wer nichts leistet, heißt es da, hat auch nichts verdient. Wer dagegen viel leistet ? die Nützlichkeit des Produkts spielt dabei keine Rolle ? hat sein Geld redlich erwirtschaftet. Mag der damit ausgedrückte, quasi religiöse Glaube an das Geld im allgemeinen sowie an den Preis bzw. den Lohn und sein Verhältnis zur Leistung im besonderen, mag also der ungebrochene Glaube an die Vernunft im Kapitalismus rund um den Fuballplatz nicht allzu überraschend sein, so verwundert er doch an anderer Stelle.
Szene 2 ? der Kongreß. Hier ging es nicht um Fußballspieler, die ihr Geld nicht verdienen, sondern gegen die »Transnationalen Konzerne, die internationalen Spekulanten, Geldbesitzer und Finanzmärkte«, gegen die »Reichen, die immer schneller immer reicher werden« (Zitate aus dem Ankündigungstext zum Kongreß). Hier fand das Bild von den Draculas, den blutsaugenden Parasiten, die ans Licht gezerrt werden müssen, damit sie zu Staub zerfallen, großen Anklang; und am Ende meinte jemand, man hätte doch jetzt genug über irgendwelche anonymen Mächte gesprochen und wollte »jetzt mal Namen hören, damit man weiß, gegen wen man ziehen soll«. Spätestens an dieser Stelle läßt die sich abzeichnende Personifizierung des abstrakten, anonymen Bösen selber Böses ahnen. Zwar wird sich Volkes durch solche Redens- und Denkarten beflügelte Stimme am Ende nicht gegen Juden und schon gar nicht gegen »die Reichen« erheben, sondern eher gegen »Arbeitsmigranten, Hängemattenfreunde, Schmugglerbanden, Illegale...«. Dennoch bleibt da eigentlich nur zu hoffen, daß sich die Opposition gegen die Globalisierung wirklich darin erschöpfen möge, dieselbe »solidarisch, ökologisch und demokratisch zu gestalten« (ebd).
Um nicht mißverstanden zu werden: Viel erhellendes wird und wurde auf diesem und ähnlichen Kongressen über den Charakter der neoliberalen Globalisierung beigesteuert. Wenn es jedoch darum geht, was zu verändern wäre, klingen die Parolen, die den Bogen von der Mitgestaltung über Tauschringe bis zum aufgewärmten Klassenkampf spannen, im besten Falle hohl. Und sie kommen nicht über das hinaus, was im Fußballstadion schon auf eine simple Formel gebracht ist: Scheiß Millionäre.
Daß Fußballfans wie Globalisierungskritiker über diese Parole letztlich nicht hinauskommen, ist wohl auf ihren ausgeprägten Glauben an das Prinzip der Gerechtigkeit von Marktwirtschaft zurückzuführen. Diese Gerechtigkeit, deren angebliche Verletzung den Zorn heraufbeschwört, ließe sich ? so muß man die jeweiligen Forderungen wohl verstehen ? durch Arbeit und Leistung auf dem grünen Rasen resp. gesellschaftliche Umverteilung von oben nach unten wiederherstellen. Dem liegt die Ideologie zugrunde, daß der Markt »gerecht« sein, und der auf ihm gezahlte Preis für eine Arbeitskraft, sei es die Entlohnung eines Kickers, Friseurs oder eines Autoaschenbecheringenieurs der erbrachten Leistung irgendwie objektiv entsprechen könnte. Und das Kapital soll bitte schön produktiv sein, damit für das ? je nach Standpunkt national oder global definierte ? Gemeinwohl, etwas durchsickern möge. Im sportlichen wie gesellschaftlichen Krisenfall soll also der Marktwirtschaft lediglich unter die Arme gegriffen werden, um die etwas aus dem Gleichgewicht geratene Ordnung wieder ins Lot zu bringen.
Der Ruf ergeht somit an die Vereinsleitung wie den Staat. Die aber tun nur, was sie tun müssen ? und geben den Druck weiter, unter den der Erfolgszwang sie im internationalen Konkurrenzkampf stets setzt: Legitimiert durch den Zorn der Fans verstieg sich die Bayernführung dazu, das Privatleben ihrer Angestellten zu überwachen ? alles im Dienste des Ganzen, des Konzerns versteht sich. Und im Namen des abstrakten Ganzen, der deutschen Bevölkerung, versucht auch die Politik dafür zu sorgen, daß der Standort Deutschland global wettbewerbsfähig bleibt ? durch Senkung von Unternehmenssteuern, Kürzung von »Lohnnebenkosten«, Illegalisierung von Migranten...
Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, daß die Nationalstaaten als Konkurrenten die Globalisierung mitbetreiben (müssen), disputieren die Globalisierungsgegner aber allein darüber, ob anstelle der Staaten nicht eher die internationale Zivilgesellschaft ein wenig mehr Verteilungsgerechtigkeit durchsetzen könne. Dabei ist die durchaus legitime Hoffnung, die sich mit Demokratie, Parlamenten und zivilgesellschaftlicher Intervention verbindet, immer nur eine auf Regulierung des Bestehenden, auf Interessenausgleich und auf Wiederherstellung von irgendwie angemessen erscheinenden Preis-Leistungs-Verhältnissen.
Wer diese Form von marktförmiger Preis-Leistungs-Gerechtigkeit weder im Fußball noch im richtigen Leben will, muß schon aufs Ganze sehen. Diese Kritik ist wahrlich nichts Neues ? aber daß sich historisch betrachtet alle Versuche, aufs Ganze zu gehen, als Variationen des Alten erwiesen haben, beweist erst ihre Notwendigkeit und rechtfertigt nicht, daß an sie bei all den Kongressen momentan niemand mehr erinnert werden mag. Prioritär ist im Kapitalismus nun einmal nicht die Versorgung aller Menschen entsprechend ihrer Bedürfnisse, was angesichts der ungeheuren Produktivität weltweit ein Leichtes wäre, sondern die Selbsterhaltung des Systems durch Profiterwirtschaftung. So schafft unter (derzeit global verschärften) Konkurrenzbedingungen dieses System gerade die krassen Ungleichheiten, die mittlerweile auch in unseren Breitengraden spürbar werden ? Millionäre eben und Menschen, die verhungern müssen. Reformen, Umverteilung oder Klassenkämpfe können diese Verhältnisse zeitweise erträglicher gestalten ? ein 0:0, das realpolitisch nicht zu verachten wäre ? abschaffen können und wollen sie sie nicht. Dazu müßte ein ganz anderes Spiel gespielt werden ? aber das nächste Spiel ist, wie die Fans rund um den Globus und viele Globalisierungsgegner schon lange wissen, immer das schwerste.
Jochen Müller ist Mitarbeiter im iz3w. |