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(Artikel * 1998) die Redaktion
Osterlämmer und Christkindchen Neoliberalismus und El Nino
in Blätter des iz3w Nr. 229 * Seite 3 - 3
Themen: Neoliberalismus El Nino * Dok-Nr: 130998
Editorial

Osterlämmer und Christkindchen

Naturgesetze zeichnen sich dadurch aus, daß sie gegeben, unumstößlich und unveränderbar sind. Gottgegeben würden fromme Menschen sagen. Zwei Naturereignisse, die jenseits menschlichen Tuns und Handelns Geschicke bestimmen ? so suggerieren es jedenfalls die Diskurse um sie ? sind El Niño und der Neoliberalismus: El Niño, die nach dem Christkind benannte Meeresströmung, die um die Weihnachtszeit das Weltenklima zu verändern beliebt; und der Neoliberalismus, vor dem die Welt niederkniet, um ihm zu huldigen oder ihn zu fürchten wie einen zornigen Gott, der für alle Unbill der Welt verantwortlich zeichnet.

El Niño kommt wie das Christkind alle Jahre wieder. Nicht immer ist jedoch die Erwärmung der Meeresströmung so hoch, daß sie das Klima auf den Kopf stellt, die Trockenzeit länger als üblich dauert und selbst in den feuchten Tropen kein Regen mehr fällt. In den letzten Wintern ? im Süden sind es die Sommer ? fordert das Christkind aber immer größere Opfer. In Mexiko, Peru, selbst im Amazonasgebiet Brasiliens trocknen die Gewässer aus, beginnen die Wälder zu brennen und verdorren die Ernten. In Wüstengebieten jedoch treten die Flüsse über die Ufer, selbst in Äthiopien, jahrelang Inbegriff von Wassermangel, schwimmen die Ernten in den Fluten davon. Was vor einigen Jahren auf der UN-Umweltkonferenz von Rio noch als Folge der durch Abgase von Industrie und Verkehr initiierten Klimaveränderung gedeutet wurde, hat nun einen sehr viel kürzeren Namen: El Niño. Wie das Christkind ist es auf die Welt gesandt, um uns Probleme zu bereiten, wie diesem fehlt ihm der menschliche Erzeuger. Nicht der Josef war?s, sondern der Allmächtige im Himmel. Von dort fällt nunmal der Regen, scheint die Sonne und weht der Wind.

Von hoch oben her ? allerdings aus den Chefetagen der Konzerne und Banken ? ist auch der Neoliberalismus über die Menschheit gekommen, jene Strategie, die die Märkte für Kapital und Waren von allen menschlichen Eingriffen befreien will. Zwar von Menschenhand initiiert, ließe sich sein Motto gleichwohl oder gerade »Zurück zur Natur« nennen. Denn der Markt ? so steht es im Katechismus der Marktapologeten ? befinde sich durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage aus sich selbst heraus in einem Zustand des Gleichgewichts wie die Natur, solange der Mensch nicht störend Hand anlege. Dessen Einrichtungen ? die Staaten ? sollten nur gewährleisten, daß das Marktgeschehen reibungslos ablaufe ? der Staat sozusagen als Nationalpark. Dann werde auch ein Zweites erreicht: Prosperität und Wohlstand. Denn der Markt sorge für Effizienz, die letztlich allen zugute komme. So wie die Natur mit ihrem Kreislauf vom Fressen und Gefressenwerden immer wieder die Reproduktion und Weiterentwicklung des Ganzen ermöglicht. Oder wie das Jüngste Gericht, wenn der Allmächtige den Daumen hebt oder senkt.

Die Hölle auf Erden sehen demgegenüber bereits diejenigen voraus, die den Neoliberalismus als den Feind der Menschheit geißeln. Der Anti-Neoliberalismus ist zur Zeit die gemeinsame Plattform aller Bewegungen, Parteien und Netzwerke, die sich irgendwie als links verstehen. Auch in diesem Diskurs wird der Neoliberalismus häufig verabsolutiert ? allerdings im Schlechten: Er wird dämonisiert wie früher der Militärisch-Industrielle-Komplex und für alle Mißstände und Siechtümer auf dem Globus verantwortlich gemacht. Freiheit, Gleichheit, Solidarität ? alle menschlichen Errungenschaften würden vor der Logik des entfesselten Marktes geschlachtet wie Osterlämmer. Gegen ihn wird, von der EZLN bis zu den GRÜNEN und manchesmal auch im iz3w, die Politik beschworen, der Staat müsse das Ungeheuer bändigen, die Katastrophe abwenden. Doch Politik und Ökonomie, Staat und Markt sind nicht einfach einander entgegenzusetzen, sie sind Teile eines Ganzen. Wenn etwa der Egoismus einzelner Kapitalisten die Reproduktion der Arbeit gefährdet, dann greift der Staat mit Reformen ein, um das Fortbestehen der Ordnung zu garantieren. Die Kritik des Neoliberalismus und seiner Folgen ignoriert allzuoft, daß dieser schlicht eine Spielart des Kapitalismus ist.


Während dann die Marktapologeten die Natürlichkeit des Marktgeschehens bejubeln und eine goldene Zukunft prophezeien, starren die Kritiker wie gebannt auf die Schlange des Neoliberalismus. Zwar verfallen sie nicht in gottergebenen Fatalismus ? schließlich gilt ihnen der Neoliberalismus noch als menschengemacht ?, indem dieser jedoch über die Maßen erhöht wird, essentialisieren seine Feinde ihn.

die redaktion