Rezensionen
Demokratische Einsamkeit
Bücher zur Diskussion um Medien und Demokratie
Die multimediale Welt der Zukunft läßt alte Hoffnungen auf ein gleichberechtigtes Miteinander aufgeklärter BürgerInnen wiederaufleben. Die kommunikativen Medien Internet und e-Mail, zusehends vernetzt mit den Tele-Medien, bieten, so die demokratischen Hoffnungen, Platz für Austausch und Diskussion. In den USA ist die Frage nach der Elektronischen Demokratie ein bereits vieldebattiertes Thema.
Martin Hagen zeichnet in seinem gleichnamigen Band diese Diskussionen nach, die darum kreisen, »ob und wie die neuen Kommunikationstechniken genutzt werden können, um das politische System so zu reformieren bzw. zu verbessern, daß Stellung und Macht des demokratischen Souveräns, des demos, gegenüber anderen Staatsorganen, besonders Exekutive und Legislative, gestärkt werden können.« Streng strukturiert führt der Autor zunächst das politische System der USA, dann die mediale Wirklichkeit aus und schließlich beide zusammen. Und siehe da ? sie ergänzen sich. »Computernetzwerke lassen sich wenigstens theoretisch zur Steigerung der politischen Beteiligung auf seiten der Bevölkerung und damit zur Stärkung des demokratischen politischen Systems einsetzen.« Die Konzepte faßt Hagen in drei Gruppen zusammen. Die Teledemocracy-Befürworter setzen auf die Weiterentwicklung des interaktiven Fernsehens als Medium einer direkten Demokratie. Ähnliche Ziele werden mit der Cyberdemocracy angestrebt. Der Computer als Nabel der Netzwelt soll als Kommunikationsmedium die Bürgerbeteiligung am politischen Entscheidungsprozeß fördern. Das Konzept der Electronic Democratization dagegen sieht lediglich »eine Verbesserung repräsentativdemokratischer Elemente zur Bekämpfung von Apathie und mangelnder politischer Beteiligung« vor. Leider hört hier die Analyse auf. Die Frage, was technisch möglich ist, wird umfassend beantwortet. Offen bleibt, wie eine solche technische Entwicklung die »Apathie« beseitigen soll.
Die Virtuelle Demokratie sei, glaubt dagegen Léo Scheer, bereits Ausdruck eines Desinteresses an der Politik. »Die Informationsgesellschaft kann auf das Politische, wie wir es kennen, verzichten, es interessiert sie nur noch am Rande. Sie kann mit der Inszenierung des Staates nichts mehr anfangen, zumal diese sie langweilt.« Ursache sei die »räumlich-zeitliche Implosion«, denn »in der Augenblicklichkeit sind die Dinge bereits geschehen, bevor irgendeine Macht die Zeit gehabt hätte, sich ihrer zu bemächtigen«. Die virtuelle Welt verschmilzt in diesem Bild mit der realen. Scheer beschreibt Las Vegas als Modell der Mediengesellschaft. Dort ist die Konkurrenz »so groß und der angebotene Service (...) derart identisch, daß es gar keinen anderen Weg gibt, als alles kostenlos zu machen, das Zimmer, das Essen und letztlich alles, was nicht zum Spiel gehört, damit das Geld dort hinkommt, wo man wirklich mit ihm umzugehen versteht: ins Netz der Maschinen.« Die Rückkehr der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens ins Single-Heim, mittels Teleworking, Telebanking und Telekommunikation leichtgemacht, trägt bei zur Auflösung von Schicksalsgemeinschaften, den Grundlagen für Staat und Nation. »Folglich zählt die Politik heuzutage zu jenen veralteten Bereichen, über die der Fernsehzuschauer einfach ?hinwegzappt?.«
So wie die Amsterdamer »agentur bilwet«. In ihrem neuen Werkchen elektronische einsamkeit zappen die Autoren durch die Medienwelt. Teils zynisch, teils gelangweilt, teils wütend ? jedoch durchgehend desillusioniert kommentieren sie die neue Erlebnis- und Informationswelt. »Bilwets Bewegungslehre aus den achtziger Jahren enthielt noch eine Analyse. (...) Nun, da der kurze Sommer der Medien hinter uns liegt und die post-mediale Welt auf sich warten läßt, sind Analyse und Spekulation überflüssig, denn es stehen keine Ereignisse und keine Möglichkeitsräume zur Verfügung. Im nackten Angesicht der Guten Absicht kann man nur noch kotzen.« Die Bilwets sehen nicht nur das Ende alter Politik- und Demokratiemuster, sondern nehmen nun bereits Abschied vom Medienzeitalter. »Die Eltern bleiben zu Hause, an den Bildschirm gekettet, um niemals davon los zu kommen. Hier finden sie Gleichgesinnte und tauschen ihre Ratlosigkeit aus.« Die Mediengeneration dagegen zieht es raus. »Wenn man Computer schon im Alter von vier Jahren ergründet hat, kann das Netz nie mehr die Domäne der Rebellion bilden. (...) Die primäre Sozialisation zum unmöglichen Jugendlichen (...) verwandelt die Medien in eine bedeutungslose Instanz, von der weder Macht noch Inspiration ausgeht.«
Für die Gegenwart empfehlen die beiden Bilwets Geert Lovink und Pit Schultz in der netzkritik ein aktives Eingreifen in die Netzwelten, denn es »geht um eine bestimmte Umgangsweise mit dem Netz, keine Theorie, sondern eine Theoriepraxis«. Sie versuchen Beispiele zu geben »für Ansätze, das Medienmonopol auf allen Stufen zu brechen«. Der Sammelband liefert interessante Beispiele der »Subpropaganda« und »Gegenöffentlichkeit«, zeigt aber auch die Grenzen des Internet. Mehr noch: Katja Diefenbach sieht im »Mythos Kommunikationsguerilla« eine technikdeterministische Position. »Auch Hacker und Cyberpunks, die man eigentlich für die natürlichen Feinde des neuen Sicherheitsdiskurses halten könnte, nehmen an der Fetischisierung des Datenverkehrs teil«.
Gegenöffentlichkeit herzustellen ist in vielen Ländern des Südens ein weitaus schwierigeres Unterfangen. Zum Beispiel Internet stellt die Ansätze und Schwierigkeiten der Einführung des neuen Mediums anhand mehrerer Kurzbeiträge vor. Die Hoffnung, das Medium möge zur Demokratisierung und zum Widerstand in China, dem Iran oder Kambodscha beitragen, zieht sich durch den Band. Die Kritik richtet sich daher vornehmlich gegen den erschwerten Zugang zum Netz für viele User des Südens. »Nur 12 der 54 afrikanischen Nationen sind ans Netz angeschlossen.« Während der Ausschluß vom medialen Weltgeschehen ganze Gesellschaften betrifft, wird anderswo bereits die elektronische Einsamkeit prophezeit. Die Frage nach der demokratischen Bedeutung der Medien muß unbeantwortet bleiben.
Jan Bongers
Martin Hagen: Elektronische Demokratie. Computernetzwerke und politische Theorie in den USA. LIT Verlag Münster 1997, 136 Seiten, 39,80 DM.
Jutta Lietsch: Zum Beispiel Internet. Süd-Nord-Reihe im Lamuv Verlag Göttingen 1994, 94 Seiten, 12 DM.
nettime (hg): Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte. Edition ID-Archiv, Berlin 1997, 221 Seiten, 28 DM.
Léo Scheer: Die virtuelle Demokratie. Rotbuch Rationen Hamburg 1997, 135 Seiten, 29,80 DM.
Agentur bilwet (Hg): elektronische einsamkeit. Supposé Köln 1997, 111 Seiten, 24,80 DM |