Cultural Studies
Von Schiffen und Musik
Paul Gilroy und die Kultur des Black Atlantic
von Dominik Bloedner
Die Forderung nach kultureller Repräsentation ist schon lange ein wesentlicher Bestandteil der politischen Strategie von marginalisierten Bevölkerungsteilen. Das gilt auch für die sozialen Kämpfe von ´Schwarzen´. Im Zuge des postkolonialen Diskurses wurde emanzipatorische Politik jedoch immer stärker auf einen Ästhetizismus reduziert: Die Existenz einer expressiven Kultur der ´schwarzen´ Diaspora in Form von Tanz, Musik, Erzählungen etc. wird gegenwärtig oft mit politischem Widerstand gleichgesetzt. Auch für Paul Gilroy, einen der wichtigsten britischen postkolonialen Theoretiker, trifft diese Tendenz zu.
In Zeiten, in denen oft vom Zusammenbruch des Nationalstaats als einer politischen, ökonomischen und kulturellen Einheit gesprochen wird, ist die Gleichsetzung von Nation mit Kultur mehr denn je fragwürdig geworden ? insbesondere angesichts der Geschichte und der spezifischen Situation ?schwarzer? Bevölkerungsgruppen in den ehemaligen Kolonialstaaten. Vielmehr sind mittlerweile Konzepte wie Hybridität, Diaspora, Synkretismus und das Exil zu wichtigen kulturanalytischen Werkzeugen geworden ? wenn auch leider viel zu oft zu Lasten sozioökonomischer Analysen. Folgen wir dem in Deutschland bisher weitgehend unbekannten britischen Soziologen und postkolonialen Theoretiker Paul Gilroy (s. Kasten S. 38), so gibt es eine Kultur, die nicht spezifisch für ?Schwarze? in Afrika, Amerika, Großbritannien oder der Karibik ist, sondern überall geteilt wird ? die Kultur des Black Atlantic. Ihre Inhalte und Ausdrucksformen überschreiten ethnische und nationalstaatliche Grenzen und bringen beständig etwas Neues hervor. Autoren wie Gilroy geht es neben der Entwicklung einer eigenen Kulturtheorie aber stets auch um die Frage einer adäquaten Repräsentation dessen, was der imperialistische, rassistische Diskurs des Westens seit jeher zu verdrängen suchte: die Erfahrungen und die politische Subjektivität der aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligten Menschen, vom Beginn europäischer Expansion bis hin zur postkolonialen Jetztzeit.
Postkolonialismus, hybride Kulturen und politischer Widerstand
Im englischsprachigen akademischen Umfeld widmet sich nun schon seit einigen Jahren die überaus heterogene Forschungsdisziplin der postcolonial studies verstärkt diesen neuen Aspekten (vgl. hierzu auch den Artikel von Sabine Grimm in iz3w 223 und 224). Das Präfix »post« meint hierbei zweierlei: Einerseits wird eine Zeitabschnittsfrage verhandelt, da die kulturellen und materiellen Lebensumstände der Menschen und Länder des Südens nach der formalen Dekolonisierung untersucht werden. Andererseits aber, und das ist hier viel wichtiger, ist das »post« auch ein Qualitätsmerkmal, denn es steht für das modifizierte Fortleben dieses Machtverhältnisses. Stuart Hall spricht in diesem Zusammenhang von der »Rekonfiguration des gesamten Feldes, in das der koloniale Diskurs einmündet«. Das heißt, daß Phänomene der Postmoderne wie Massenmigration, globale Zirkulation von Waren, Dienstleistungen, Zeichen und Informationen vor dem Hintergrund kolonialer Machtbeziehungen und im Hinblick auf politisch widerständiges Denken und Handeln soziologisch und kulturtheoretisch untersucht werden. Homi K. Bhabha, wohl einer der bekanntesten Protagonisten der postcolonial studies, argumentiert ähnlich: »Wenn der Jargon unserer Zeit ? Postmoderne, Postkolonialität, Postfeminismus ? überhaupt irgendeine Bedeutung hat, dann liegt diese nicht im populären Gebrauch des ?Post? als Ausdruck einer Abfolge«. Diese Begriffe verweisen für ihn nachdrücklich auf ein »Darüber hinaus«, denn sie ermöglichen eine Neufassung von bisher angenommenen Gewißheiten und eröffnen damit zugleich neue Räume für politische Interventionen.
Der hier verwendete Kulturbegriff überschreitet bewußt das sowohl in den eher wohlwollenden Multikulturalismusdebatten als auch in den rechten, kulturalistischen Diskursen vorherrschende homogenisierende Verständnis von Kultur, Ethnie und Nation. Den postkolonialen Theoretikern geht es darum, das ?Unreine?, das ?Hybride? ? das, was die Zwischenräume des auf Einheitlichkeiten aufbauenden modernen Diskurses bewohnt und sich damit eindeutigen Klassifizierungen entzieht ? in den Vordergrund zu rücken und daraus diskursive Widerstandsformen abzuleiten: »Kultur wird ... zu einer unangenehmen, verstörenden Praxis des Überlebens«. Kultur kann also nicht aus einem einzigen kulturellen Kontext heraus gedacht werden, denn aufgrund der kulturellen Entwurzelung, des Gefühls der Heimatlosigkeit und der Erfahrung von Migration, Vertreibung und Exil ist jede Kultur immer eine über-setzte Kultur, die ? trotz lokaler Spezifitäten ? die Grenzen nationalstaatlichen Denkens sprengt und immer in Bewegung ist. Spätestens seitdem durch die Migration der Bewohner der ehemaligen Kolonien in die Metropolen das Periphere, das Ausgeschlossene und das Verdrängte in der Mitte der ?eigenen? Denkstrukturen des Westens aufgetaucht war, machte die Innen/Außen-Differenz zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren keinen Sinn mehr. Das Globale kehrte im Lokalen wieder und all das, was früher eindeutig zu bestimmen war, hatte im postkolonialen Diskurs an Aussagekraft und damit an politischer Relevanz verloren: Ehemals verbindende und verbindliche Kategorien wie ?race?, class und gender machten Platz für hybridisierte Formen postkolonialer Identität, die durch ständige und als subversiv verstandene Grenzüberschreitungen zu charakterisieren sind. Stuart Hall spricht in diesem Zusammenhang vom »Ende der unschuldigen Vorstellung von einem essentiellen schwarzen Subjekt«, einer Fragmentierung ehemals homogen gedachter Identitäten.
Zugegebenermaßen ist es eine intelligente, spannende und politisch auch überaus notwendige Sache, das Denken in Essentialismen zu dekonstruieren. Aus dem daraus abgeleiteten Zustand hybridisierter, beständig Grenzen überschreitender Identitäten ein Modell politischen Widerstands per se zu formulieren, ist jedoch etwas anderes. So muß sich die postkoloniale Kritik seit ihren Anfängen mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie sei apolitisch, da ihre (meist akademischen) Kämpfe über den diskursiven Bereich des Symbolischen und den der kulturellen Repräsentation nicht hinausgingen. Politik sei mehr als ein Kampf ums Zeichen, auch wenn diese Kämpfe aus politischen Auseinandersetzungen nicht wegzudenken sind. Auch Paul Gilroys einflußreiche Bücher müssen sich diesem Vorwurf stellen, nicht zuletzt, weil man von dem 1987 erschienenen There Ain?t No Black in the Union Jack bis zum 1993 erschienenen The Black Atlantic eine deutliche Akzentverschiebung von einem aktiven, antirassistischen Interventionismus hin zu einem postmodernen, an einem metaphysischen Kulturbegriff orientierten Essentialismus beobachten kann.
»There Ain?t No Black in the Union Jack«
Die 80er Jahre bedeuteten für die europäischen und US-amerikanischen black communities eine tiefgehende Transformation der sozioökonomischen Lebensumstände sowie der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Diese spezifische Situation der britischen ?schwarzen? Bevölkerung bildete den Hintergrund für Paul Gilroys 1987 erschienenes Buch.
Die riots zu Beginn dieser Dekade im Londoner Stadtteil Brixton und anderswo waren mehr als nur ?Rassenunruhen?, denn sie verwiesen nachdrücklich auf den ökonomischen Niedergang der einstigen Weltmacht und auf die von der konservativen Thatcher-Regierung initiierten Umverteilungsprozesse. ?Schwarze? delinquente Jugendliche und ihre popkulturellen Ausdrucksformen wurden zum Feindbild schlechthin für die auf einen Sündenbock angewiesene und um Selbstvergewisserung bemühte New Right. Der rassistische Diskurs verschob sich zu dieser Zeit von eher biologistischen zu kulturalistischen Begründungsmustern.
Parallel dazu war eine »De-marginalisierung« ?schwarzer? Kultur zu beobachten: Ausdrucksformen und styles verließen ihr subkulturelles Nischendasein und wurden zu einem festen und profitablen Bestandteil des mainstreams der Kulturindustrie, ungeachtet der fortlaufenden materiellen und sozialen Marginalisierungen dieser Bevölkerungsgruppe. Damit einher ging eine »Dezentrierung« der bis dahin allgemein akzeptierten Vorstellung des ?einheitlichen schwarzen Subjekts?. Eine, wenn auch zahlenmäßig kleine, black professional middle-class entwickelte sich und grenzte sich zusehends von der Masse derer ab, die den Sprung auf diesen Zug nicht schafften oder schaffen wollten. Weiterhin wurden die patriarchalen Geschlechterrollen innerhalb der black community zunehmend hinterfragt: Homosexualität und die Emanzipation der Frauen wurden nicht zuletzt wegen des gleichzeitigen Angriffs der Postmoderne auf essentialistische Subjektkonzeptionen diskutiert.
Dies alles waren die Rahmenbedingungen für Gilroys There Ain?t No Black. Gilroy thematisierte den latenten Ethnozentrismus von Cultural Studies und verschonte dabei in seiner Kritik nicht einmal Raymond Williams, den ?Gründungsvater? dieses Projektes (vgl. hierzu auch iz3w 225). Er beklagte die Unsichtbarkeit des Themas ?race? und warf der New Left berechtigterweise vor, sie betrachte Kultur nur von einer national-populären Perspektive aus und übernehme damit die althergebrachte, hegemoniale Gleichsetzung von Britishness und ?weiß?. Die Geschichte des Empire war aber alles andere als eine rein ?weiße? Angelegenheit, und Kultur konnte demzufolge nie ohne Imperialismus gedacht werden. Gilroy ging nun daran, eine adäquate Repräsentation des Leids, aber auch der geschichtlichen Handlungsfähigkeit der ?Schwarzen? einzuklagen, denn zu viele von ihnen hatten ? sei es als politische Radikale, Intellektuelle oder Reisende ? Geschichte gemacht, als daß man dies noch länger totschweigen konnte. Diese neue Sicht auf die Diskurse und die Bestrebungen der westlichen Moderne könnte laut Gilroy dazu beitragen, dem rassistischen Diskurs im Großbritannien der 80er Jahre, in dem die schwarze Bevölkerung entweder als Opfer oder als Problem wahrgenommen wurde, etwas entgegenzusetzen. Die von W.E.B. DuBois Anfang dieses Jahrhunderts provokant gestellte Frage »How does it feel to be a problem?«, die sich darauf bezog, als ?schwarzer? Mensch sich selbst immer mit den Augen der ?anderen? zu sehen und (negativ) zu beurteilen, sollte also durch diese Interventionen an Relevanz verlieren. Auch wollte Gilroy dadurch auf die komplexe Lebenssituation der marginalisierten Bevölkerung verweisen, die sich nach wie vor am besten mit dem ebenfalls von DuBois geprägten Begriff des »double consciousness« umschreiben ließ. In Großbritannien wie auch anderswo war es unvereinbar, sowohl britisch/europäisch/US-amerikanisch als auch ?schwarz? zu sein ? man war stattdessen keins von beiden; diese »twoness« führte laut Gilroy seit jeher zu einem Mißtrauen gegenüber Vorstellungen von Reinheit, Linearität und klaren Grenzziehungen.
Die historische und gegenwärtige Erfahrung der ?Schwarzen? stand der hegemonialen Gleichsetzung von Kultur und Nation ohnehin entgegen. Anhand der diasporischen Kultur des ?schwarzen? Großbritanniens zeigte Gilroy auf, daß Kultur sich nie an ethnisch klar gezogenen Grenzlinien entwickeln kann. Das bedeutete gleichzeitig auch eine neue Perspektive für die gesamte britische Kultur. England ist nur ein kleiner Teil der gesamten »black diaspora«, was besonders durch die Tatsache ins Auge sticht, daß die lebhafte und innovative Musikszene Londons in den 80er Jahren ihr ?Rohmaterial? aus dem karibischen Reggae, dem US-amerikanischen Rhythm?n?Blues und Soul sowie ?traditionellen? afrikanischen Quellen bezog. Aus diesen Elementen wurden wiederum beständig neue styles kreiert, erinnert sei hier nur an jungle und drum?n?bass. Musik war laut Gilroy seit jeher die grenzüberschreitende Form der Metakommunikation der Sklaven und ihrer Nachkommen. Mangels eines Zugangs zu Bildung ging der politische Befreiungskampf der ?Schwarzen? schon immer mit einer expressiven Kultur einher ? mit Tanz, Musik und oralen Formen wie dem story telling und der im HipHop so wichtigen signifying practice. Diese Kultur entzog sich aufgrund ihrer Spiritualität dem westlichen Denken und war als moralischer Gegenentwurf zur Sklaverei fundamental anti-kapitalistisch. Musik war das Medium einer unausgesprochenen Solidarität innerhalb der »black diaspora« und schuf angesichts gemeinsamen Leids ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA der sechziger Jahre und den technischen Möglichkeiten einer weltweiten Verbreitung durch das Medium Langspielplatte wurde diese »black expressive culture« endgültig zur Stimme einer globalen sozialen Bewegung. Gilroy kam es darauf an zu zeigen, daß diese Kultur sowohl trans-national verbindend als auch lokal spezifisch und politisch wirksam ist, und er sah zu diesem Zeitpunkt die Bereiche ?Kultur? und ?Politik? noch als die Einheit an, die sie ohne Zweifel sind: So wies er z.B. nach, wie die US-amerikanische Rapmusik unter den Bedingungen in den ?Ghettos? der dortigen Großstädte entstand, in England übernommen und verändert wurde und in den riots der frühen 80er Jahre zum Medium einer breiten sozialen Bewegung wurde, die mehr als nur ?schwarze? Jugendliche umfaßte.
»The Black Atlantic«
In seinem 1993 erschienenen und vielbeachteten Buch vertiefte Gilroy die schon 1987 angelegte Konzeption einer Kultur des »schwarzen Atlantik« und setzte sich darüberhinaus mit dem ambivalenten Bezug der ?schwarzen? Geschichte zur (westlichen) Moderne auseinander.
Diente ihm 1987 die Musik noch als Metapher für den diasporischen, hybriden und dynamischen Charakter von Kultur, so rückte 1993 das Schiff ins Zentrum seiner Argumentation: »Das Bild des Schiffes ? als ein lebendiges, mikro-kulturelles und mikro-politisches System in ständiger Bewegung (...) lenkt die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Versuche einer erlösenden Rückkehr in die afrikanische Heimat, auf die Zirkulation von Ideen und politischen Aktivisten genauso wie auf die Bewegung von politischen und kulturellen Artefakten: Traktate, Bücher, Langspielplatten und Gesänge«. Sklaven, Seeleute (Ende des 18. Jahrhunderts bestand die britische Navy zu einem Viertel aus Menschen afrikanischer Herkunft) sowie reisende Intellektuelle oder Radikale wie DuBois, C.L.R. James und Frederick Douglass » bewegten sich hin und her zwischen Nationen und überschritten Grenzen in modernen Maschinen, die selbst Mikrosysteme linguistischer und politischer Hybridität waren«. Das Schiff verband die Welt des »Black Atlantic« und war vielleicht das wichtigste pan-afrikanische Kommunikationsmedium vor dem Auftreten der Langspielplatte. Den Schiffsreisenden wiederum war durch die Erfahrung des Exils ? ob diese freiwillig oder erzwungen, vorübergehend oder permanent war ? der Wunsch gemeinsam, sich den Zwängen von Ethnizität, Nationalismus oder auch ?Rasse? zu entziehen.
Die Sklaven und ihre Nachfahren waren in diesem Sinne, folgen wir Paul Gilroy weiter, wahrhaft moderne Menschen. Die jahrhundertelange Erfahrung von Unterdrückung und Vertreibung durch die Sklaverei führte zu einem Gefühl von Auflösung, Verlust und Sehnsucht nach Stabilität ? einer Gefühlsstruktur also, die für viele Menschen seit dem frühen 19.Jahrhundert konstitutiv ist. Weiterhin standen die politischen Kämpfe der (Ex-) Sklaven auch stets für die Erfüllung der Verheißungen der Moderne: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle. Auf der anderen Seite jedoch stellte sich der »Black Atlantic« seit jeher als eine »Gegenkultur zur Moderne« dar. Durch die Erfahrung der Sklaverei wie auch die der Judenvernichtung (in seinem letzten Kapitel zieht Gilroy Analogien zwischen den beiden Schicksalen, ohne jedoch deren Einzigartigkeit zu nivellieren) war man mit der dunklen Seite bürgerlicher Aufklärung nur allzu gut vertraut, und diese Erfahrungen verlangten nach einer grundlegenden Revision dieser Moderne. Die ?schwarze? Kultur war als Gegenreaktion auf dieses Leid fundamental anti-kapitalistisch und anti-modern: Anti-kapitalistisch in dem Sinne, daß Werte wie ?Rationalität?, ?Arbeit? und ?Produktivität? zugunsten einer Wertschätzung des ?Unproduktiven? und des ?Genusses? in den Hintergrund traten. Anti-modern war diese Kultur laut Gilroy deshalb, weil sie sich nie mit der modernen Erfindung des Nationalstaats decken konnte und weil in ihr die charakteristischen modernen Trennungen von Politik und Ästhetik/Kultur oder von performer und audience nicht existierten. Diese Kultur transzendierte die Moderne, indem sie eine »imaginäre anti-moderne Vergangenheit und eine postmoderne, noch nicht existente Zukunft« artikulierte. Aus diesem Anti-Modernismus und aus der hybriden, diasporischen Geschichte der ?schwarzen? Bevölkerung leitete Gilroy nun einen ?wesenhaften? subversiven Charakter der Kultur des »Black Atlantic« ab. Damit vollzog er eine implizite Gleichsetzung von »black artistic expression« mit »black social movement« und entfernte sich zunehmend von dem Anliegen, das ihm 1987 noch wichtig erschien: der Thematisierung des dialektischen Verhältnisses von Ästhetik und Subversion.
Die Metaphysik des Leids
und der postmoderne Kulturalismus
Die Postmoderne und der postkoloniale Diskurs als eine ihrer Folgeerscheinungen traten an, die totalisierenden, eurozentristischen ?Erzählungen? der westlichen Moderne zu dekonstruieren; diese leugneten die Pluralität der Geschichten und die Differenzen innerhalb einer jeden ?Erzählung? und stabilisierten dadurch ein Machtverhältnis. Die postkolonialenTheoretiker mußten sich jedoch alsbald mit dem gleichen Vorwurf auseinandersetzen, sie würden totalisierende und ausschließende Annahmen vertreten und eine ontologische Kondition konstruieren, wonach allen ?Schwarzen? die Erfahrung und das Bedürfnis nach transzendierender Hybridität zu eigen sei.
Indem Gilroy von einer absoluten und kategorischen Differenz spricht, die die Sklaven und ihre Nachkommen vom ?Westen? unterscheidet, redet er einem ästhetischen Essentialismus das Wort. Das Konzept der diasporischen Kultur des »Black Atlantic« impliziert nämlich ein » ... ein-für-alle-mal gültiges Merkmal, das im Gegensatz zu den real vorfindbaren und unterschiedlichen Bedingungen dieser Welt steht , in die ästhetische Erfahrungen in das Alltagsleben der Diaspora integriert sind« (Mercer). Die Komplexität und Heterogenität der ?schwarzen? Geschichte und Gegenwart lassen sich aber nicht vereinheitlichen, und Gilroy tappt nun selber in die Falle des Essentialismus. Obwohl die von ihm postulierte Kultur sich den Zwängen nationalstaatlicher Kategorien entzieht und dynamisch im Charakter ist, baut sie doch auch auf einer binären Struktur auf. Sie ist anti-modern, romantizistisch-spirituell, sowie durch Spontanität, Dialogizität und die kollektive Art und Weise der Produktion/Konsumption gekennzeichnet. Und das unterscheidet sie von der hegemonialen Kultur des ?Westens?. Dem ?Westen?, seiner Rationalität und politischen Kultur spricht Gilroy weiterhin auch jede Wandlungsfähigkeit ab, ganz im Gegensatz zu den Möglichkeiten einer black aesthetic expression, die über den als »bürgerlich« bezeichneten traditionellen Formen politischer Auseinandersetzung steht. Und hier widerspricht Gilroy seiner eigenen Argumentation, denn er setzt die von ihm kritisierte moderne Trennung von Politik und Ästhetik fort, auch wenn er der Kultur des »Black Atlantic« eine politische Funktion per se zuschreibt.
Gilroys transzendentale Kategorie der blackness speist sich vor allem aus dem jahrhundertelangen Leid, und er sieht im »Black Atlantic« von 1993 nur noch das Fatale, das Nihilistische und nicht mehr die emanzipatorischen Aspekte und politischen Praktiken dieser Erfahrung, wie z.B. Sabotageakte von Sklaven oder die Erfolge der Civil Rights-Bewegung in den U.S.A.. Allein dieser allgegenwärtigen »condition of being in pain« schreibt er Wandlungsfähigkeit zu, denn nur durch sie könne man sich den Fallstricken der Moderne entziehen. Damit redet Gilroy jedoch einem idealistischen Kulturbegriff das Wort: Er propagiert einen nietzscheanischen Ästhetizismus und trennt die Sklaverei, jetzt nur noch verstanden als ontologisch negativ besetzte ?Wesenheit?, von ihrem geschichtlichen und ökonomischen Kontext ab.
Gilroys Black Atlantic ist auch ein Buch für seine Zeit ? eine Zeit, in der sich die politischen Widerstandskonzepte und sicher geglaubten Gewißheiten verändert und in der sich die akademischen Diskurse von linker Politik zunehmend losgelöst haben. Politische Subjekte sind nicht mehr Kollektive wie die Klasse oder die durch den Druck von Marginalisierungen geeinten Gruppen. Identitäten werden immer weniger strukturell, sondern fast ausschließlich diskursiv begründet, und das Ziel realer Grenzüberschreitungen ist der Allgegenwart fiktiver Grenzüberschreitungen gewichen. Fragestellungen wie (politische und ökonomische) Gleichheit und Emanzipation sind dem Interesse an einem kulturellen Ästhetizismus, an Differenz und Grenzüberschreitung sowie an der Fragmentiertheit des Individuums gewichen.
Die Interventionen des postkolonialen Diskurses sind jedoch gleichzeitig mehr als nur eine postmoderne Spielerei, denn nicht zuletzt durch sie wurde der kulturalistische Rassismus auf beiden Seiten der colour line zum Thema, wurde der Alltagswirklichkeit der Unrepräsentierten ein Forum eröffnet und das repressive Identitätskonzept (wie das der heterosexuellen black masculinity oder der ausschließenden Vorstellung von Britishness) einer differenzierten Kritik unterzogen. Das Intervenieren in hegemoniale Diskurse ist ohne Zweifel eine wichtige und politische Angelegenheit. Nur machen es sich viele Postkoloniale durch die Gleichsetzung von Hybridität mit Widerstand leider viel zu oft viel zu einfach.
Die Photos wurden dem Buch von Kobena Mercer entnommen, mit freundlicher Genehmigung des Routledge Verlags.
Literatur
Bhabha, Homi K.: Postkoloniale Kritik ? Vom Überleben der Kultur, in: Das Argument, Nummer 215, S. 348
Bronfen/Marius/Steffen (Hg.): Hybride Kulturen. Beiträge zur angloamerikanischen Multikulturalismusdebatte, Stauffenberg Verlag, Tübingen 1997
Chrisman, Laura: Journeying to Death: Gilroy?s Black Atlantic, in: Race and Class ? A Journal for Black and Third World Liberation, London, Vol. 39, Oct.-Dec., No.2, S. 51-64
Gilroy, Paul: Das Ende des Antirassismus, in: Diedrich Diederichsen (Hg.): YO! Hermeneutics ? Schwarze Kulturkritik: Pop. Medien. Feminismus, Edition ID-Archiv, Berlin/Amsterdam, 1993
Gilroy, Paul: There Ain?t No Black in the Union Jack. The Cultural Politics of Race and Nation; Hutchinson, London 1987
Gilroy, Paul: The Black Atlantic. Modernity and Double Conciousness, Verso, London und New York 1993
Mercer, Kobena: Welcome to the Jungle ? New Positions in Black Cultural Studies, Routledge, London und New York, 1994
Dominik Bloedner ist Mitarbeiter des
iz3w
Paul Gilroy
lehrt Soziologie am renommierten Londoner Goldsmith College. Neben Stuart Hall und Kobena Mercer ist er einer der prominentesten Vertreter postkolonialer Kritik in Großbritannien. Im Gegensatz zur US-amerikanischen holy trinity ? Edward Said, Homi K. Bhabha und Gayatri C. Spivak ? hat er keinen rein literaturwissenschaftlichen Hintergrund vorzuweisen, sondern kommt aus der britischen Tradition der cultural studies. Seine beiden Hauptwerke ? das 1987 erschienene »There Ain?t No Black in the Union Jack« und das 1993 erschienene »The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness« ? fanden große Beachtung und zählen seither zu den Schlüsseltexten postkolonialer Theorie.
Diese Theorie versteht sich seit ihren Anfängen als Kritik an den konkret erfahrbaren rassistischen Zuschreibungen des hegemonialen Diskurses. Davon ausgehend, daß Sprache mehr ist als nur ein Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, soll die Dekonstruktion der herrschenden Codes dazu beitragen, die Situation der Marginalisierten zu verbessern. Das Einklagen von kultureller Repräsentation ist stets ein zentrales Moment in diesen Kämpfen gewesen und löste unter anderem die US-amerikanischen Debatten um political correctness aus. Was zu Anfang viele produktive Irritationen verursachte und einiges emanzipatorisches Potential in sich barg, löste sich allmählich jedoch vom unmittelbaren politischen Kontext: Die postkoloniale Theorie verliert sich mehr und mehr in rein akademischen Auseinandersetzungen, und auch das damit einhergehende Verständnis von ?Kultur? wird immer häufiger vom materiellen Kontext abgetrennt. Mit dem Beitrag setzen wir unsere Reihe zu 'Cultural Studies' fort (s. iz3w 223-227). |