Medienwelten
Medien als Körpererweiterungen
Ein Gespräch mit der Medientheorie-Gruppe "SouthSide" Herbert Marshall McLuhan, der "provokante, schnelle und immer umstrittene Denker mit der Aura des Prophetischen erlebt in den Neunzigern eine Renaissance - als ob es erst des Jahrzehnts von MTV und Internet bedurft hätte, um die ganze Brisanz und Tragweite seiner Einsichten zu erweisen", schreiben die Herausgeber des kürzlich erschienenen McLuhan-Readers1. Martin Baltes, Fritz Bähler, Rainer Hältschl und Jürgen Reu§ übersetzen und interpretieren den Begründer der Medientheorie, dessen Werke bei ihrer Erstveräffentlichung in den 50er und 60er Jahren hächst umstritten waren und nur zum Teil ins Deutsche übersetzt worden sind. Die iz3w sprach mit ihnen über die neue Aktualität von Marshall McLuhan und über aktuelle Entwicklungen der Medienlandschaft. iz3w: "Leapfrogging", das ?berspringen von Entwicklungsstufen, prophezeien US-amerikanische "Entwicklungsexperten" Ländern des Südens. Der "Bocksprung" mitten ins Informationszeitalter soll dabei mit Hilfe der Neuen Medien, vor allem des Internet, gelingen. Ist ein solcher Einstieg in ein neues Medium für Gesellschaften des Südens mäglich, indem Vorstufen der medialen und technischen Entwicklung schlichtweg übersprungen werden? Jürgen Reu§: Bei der Einführung eines neuen Mediums findet nur eine Gewichtsverschiebung statt. Man kann kein Medium einfach exportieren in eine Welt, in der das Zwischenmedium fehlt. Denn jedes neue Medium ist ja geprägt von einem alten. Das neue Medium selbst wird mit dem Inhalt des alten Mediums transportiert. Rainer Hältschl: Man mu§ sich an dieser Stelle auch der Bedeutung der Schrift bewu§t sein. Als die Europäer um 1500 n. Chr. nach Amerika gekommen sind und die dortigen Kulturen zerstärt haben, haben sich die Indianer, die eine sehr hoch entwickelte Kultur hatten und auch mit Waffen umgehen konnten, nicht adäquat gewehrt. Eine Antwort auf das Warum ist, da§ die Alphabetschrift gegenüber der indianischen Bilder- und Hieroglyphenschrift Vorteile gebracht hat. Erstens bedarf es dieser Alphabetschrift, und durch sie eines linearen Denkens, um so etwas wie kontinuierliche Raumvorstellung, Strategie und Kriegstaktik zu entwickeln, und damit dann überhaupt die richtigen Waffen planmä§ig herzustellen. Au§erdem ermäglicht diese Schrift, Distanz zu gewinnen, in Ruhe zu analysieren und dann erst eine Strategie zu entwickeln. Eine These von McLuhan ist daher auch, da§ Kulturen mit Alphabetschrift sehr expansiv und kriegerisch seien, während er die oralen Kulturen implosiv nennt. Verzicht auf Schrift bedeutet daher auch Verzicht auf Macht. iz3w: Die Leapfrogging-Idee, Afrika online zu produzieren, ist ja auch sicher nicht ganz selbstlos. Es geht darum, neue Märkte zu erschlie§en. Dennoch: Nach McLuhan zerstärt die serielle Schrift-Kultur die orale Kultur und die elektrisch-orale Kultur wiederum die serielle des Buchdrucks. Die Anpassungsschwierigkeiten und das Entstehen neuer Identitäten mü§ten demnach in denjenigen Kulturen besonders gro§ sein, in denen ein ständiger Wandel der Medien stattfand, also in Europa. Rainer Hältschl: Die Industriestaaten haben diese Entwicklung der Kulturabläsung schon hinter sich. Mit der Errichtung der ersten Telegrafenleitung 1844 wurden die elektronischen Medien eingeführt. Wir haben eine Statistik von Kriegen zusammengestellt: In den 140 Jahren seither gab es die grä§te Häufigkeit von Kriegen. Das hat mit der Einführung der vielen neuen Medien zu tun, weil diese die Identität extrem verändern. iz3w: McLuhans These, da§ neue Medien Identitäten verändern, ist nachvollziehbar. Aber warum führt das zu Gewalt? Rainer Hältschl: Das Medium dringt in den Kärper ein, erweitert einen bestimmten Sinn und verändert dadurch das Zusammenspiel der Sinne. Gewalt ist eine Suche, wie mit den neuen medialen Gegebenheiten umzugehen ist. Gerade bei Medien wie dem Buchdruck, die sehr "hei§" sind. Dessen Buchstaben sind immer gleich, scharf umrissen und wiederholbar. Wir glauben nur das, was wir sehen, was immer gleich und immer wiederholbar ist. Das ist die Vorstellung von Wissenschaft und Wahrheit, die sich am Buchdruck orientiert. Elektronische Medien bringen die physischen Kärper der Benutzer zum Verschwinden, verstricken diese in ein Netz von Ausweitungen ihrer eigenen Nervensysteme und verringern den Bereich privater Identität. iz3w: Was bedeutet hei§ und kalt bei Medien? Rainer Hältschl: Hei§ bedeutet, da§ keine freien Stellen bleiben, alles ist vorgezeichnet. Etwas provokant sagt McLuhan, da§ das Fernsehen ein kaltes Medium sei. Es seien so viele Lücken in dem Bild, die man mit der Phantasie ausfüllen mu§. iz3w: Ist der Computer dann ein hei§es oder ein kaltes Medium? Jürgen Reu§: Vielleicht kann man das noch gar nicht sagen. Das Medium ist noch derartig präsent, da§ die heiß-kalt-Einteilung sehr schwer wird. Rainer Hältschl: Ein kleines Beispiel: Ich sitze vor einem Computerbildschirm, der in vier Fenster unterteilt ist. In einem schreibe ich Aufsätze, im zweiten laufen die neuesten Musikvideos, im dritten bin ich über Bild- und Tonleitung in einem virtuellen Chatroom, im vierten spiele ich mit Joystick Spiele im Internet. Ich wechsle also zwischen visuellen, oralen und taktilen Medien hin und her. Der Computer nimmt alle alten - heiße und kalte - Medien in sich auf. iz3w: Diese Einteilung der Medien in heiße und kalte und der bisweilen technische Determinismus widerspricht McLuhans sonstiger Vorgehensweise. Seine Wissenschaftskritik basiert doch auf einem Rationalitätsbegriff, der nicht nur eine Wahrheit kennt, sondern mehrere. Rainer Hältschl: McLuhan definiert Ratio nach ihrer ursprünglichen Bedeutung: Sie ist ein Wechselspiel der Sinne. Bei ihm ist jeder Sinn mit einem gewissen Medium verknüpft. Er geht tatsächlich weg von der einen Wahrheit hin zu verschiedenen Wahrheiten mit unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen. Er spricht von einem "schwebenden Urteil", bei dem man auch Widersprüche zuläßt. Fritz Bähler: Es geht ihm darum, mit Sonden in Verhältnisse hereinzufahren und Ideen anzutesten. Er entwickelt einen Gedanken, führt ihn in ein diskursives Feld ein und wartet einfach mal ab, was passiert. Jürgen Reuß: Man kann das auch als Mosaik auffassen, das in Schwingung gerät. Es ist in Bewegung und setzt sich ständig neu zusammen. In diesem Moment wird Nachdenken über Medien weniger eine Wissenschaft als vielmehr eine Kunstform, es wird kreativ. iz3w: Dieses Nachdenken über Medien durch praktisches Eingreifen mittels Sonden ist eine Methode der neuesten Medientheorie. Die Amsterdamer agentur bilwet zum Beispiel nennt diese Methode Theoriepraxis. Es geht darum, aus dem Hantieren mit Medien einen kritischen Bezug zu ihnen zu entwickeln. Jürgen Reuß: In diesem Zusammenhang benutzt McLuhan gerne ein Bild von Edgar Allan Poe, in dem ein Seemann in einen Strom stürzt, quasi in einen riesigen Medienstrudel. Er rettet sich dadurch, daß er beobachtet, wie die Gegenstände sich darin bewegen, und in diesem Wirrwarr ein gewisses Muster erkennt. iz3w: Ist es nicht gefährlich, sich in einen solchen Strudel zu stürzen, nur um auszuprobieren? Jürgen Reuß: Man stürzt ja nicht hinein, man ist einfach drin - ob man will oder nicht. Es ist wichtig, genau zu sehen und zu beobachten, was passiert. Die Form der Bildung, die Einführungen in neue Medien und Schulungen mit fertigen Gebrauchsanweisungen sollten mißtrauisch und stutzig machen. Rainer Hältschl: Eine Variante der Bildung wäre eine Ausbalancierung. Menschen, die permanent lesen, müssen elektronisch aufgelockert werden, während Leute, die oral orientiert sind, wieder Distanz gewinnen müssen, indem sie lesen. Jürgen Reuß: An diesem Punkt ist der Blick auf die Kunst sehr wichtig. Künstler experimentieren permanent. Sie haben ihre Sonden in den Medien. In Experimenten mit Videoinstallationen zum Beispiel wird getestet, was machbar ist mit dem Medium Fernsehen, jenseits des ursprünglichen Gebrauchs. iz3w: McLuhans Medienbegriff impliziert sehr viel mehr als Zeitung, Radio und Fernsehen. Was sind Medien? Jürgen Reuß: Jede Erweiterung des Kärpers ist ein Medium. Das geht dann von der Kleidung bis zum Auto. Der Medienbegriff ist also sehr breit gefächert. Fritz Bähler: Die elektronischen Medien sind in McLuhans Begrifflichkeit Erweiterungen des Zentralnervensystems. Diese elektronischen Drähte, das sind die magischen Kanäle, die im Zeitalter des Global Village im eigentlichen Sinne das Nervensystem des Menschen bilden. Das soll bei McLuhan keine bloße Metaphorik sein. Der Kärper ist tatsächlich über seine Sinne und mithilfe der elektronischen Medien mit der ganzen Welt verbunden. Vielleicht kann man in Analogie zum globalen Dorf von einer Situation der Globalisierung des menschlichen Kärpers sprechen. In Weiterführung des McLuhanschen Ansatzes bräuchten wir dringend eine Art medienäkologischer Forschung, die sich mit den politischen Folgen dieser weltweiten 'Phantasieäkonomie' für die individuelle und kulturelle Konzeption von Identität und Subjektivität beschäftigt. iz3w: Das funktioniert aber nur vor dem Hintergrund kommunikativer Medien. Das traditionelle Sender-Empfänger-Schema der Medientheorie kann diese vielschichtigen Medienbetrachtungen nicht fassen. Rainer Hältschl: McLuhan hat dazu eine eigene Kommunikationstheorie entwickelt. Er sagt, es ergebe sich bei der Medienkommunikation ein resonierendes Intervall, eine Zwischenfläche, in der Wahrnehmungen und Informationen zwischen den Teilnehmenden hin und her wandern. Die Beziehungen verlaufen vielschichtiger, als es das lineare und sequentielle Sender-Empfänger-Modell ausdrücken kann. iz3w: Diese Annahme kommunikativer Medien mit Mäglichkeiten für alle Beteiligten geht von einer gewissen Medienfreiheit aus, die in vielen Staaten nicht existiert. Und auch in der globalen Medienlandschaft bleibt nicht alles unzensiert. Der Golfkrieg hat das ganz deutlich gezeigt. Rainer Hältschl: Der Golfkrieg hat 1991 einen Konflikt zwischen den Journalisten und der Politik heraufbeschworen. Die Journalisten waren genervt, daß sie plätzlich die Produktion von 'Wahrheit' nicht mehr im Griff hatten. Die Politik machte mit den Journalisten, was sonst die Journalisten mit den Zuschauern machen. Jürgen Reuß: Es gab eine Glaubwürdigkeitskrise der Medien durch den Golfkrieg, als immer wieder derselbe älverschmierte Vogel gezeigt wurde und Computersimulationen die einzigen Bilder vom Krieg wurden. Man merkte ganz deutlich, daß man ausgeschlossen wurde. Vielleicht funktioniert Kriegshetze einfach nicht mit dem Medium Fernsehen. iz3w: Die Gefahr eines Golfkriegs war Anfang 1998 zeitweise genauso groß wie 1991. Trotzdem ist nie die Stimmung von damals aufgekommen, weder die Kriegshetze auf der einen, noch die Proteste auf der anderen Seite. Warum? Jürgen Reuß: Es fehlt einfach das Erregungspotential. Es ist interessant zu beobachten, wie groß so ein Potential sein muß, bevor es sich entlädt. Im Moment scheint es nicht gegeben zu sein. Fritz Bähler: Natürlich war die Situation nach der deutschen Wiedervereinigung anders als heute. Trotzdem habe ich mich gewundert, warum heute so wenig passiert. Als Jelzin gesagt hat, die amerikanische Drohgebärde provoziere die Gefahr eines dritten Weltkriegs, hat man das nur mit einer Kurzmeldung gebracht. iz3w: Wenn heute eine solche Stimmung nicht mehr herstellbar ist - liegt das an einer Umstrukturierung der Medienlandschaft? Es gibt gerade in den USA viele, die mit der Vielfalt der Medien auch eine Demokratisierung kommen sehen. Dagegen spricht, daß der Zugang zu den Medien für viele versperrt ist. Martin Baltes: Zumindest wird der Zugang einfacher. Nehmen wir das Internet. Es ist leicht aufstellbar, es ist weltweit abrufbar und es gibt viel weniger Zensurmäglichkeiten als zum Beispiel bei Printmedien. Prinzipiell haben auch subversive Gruppen die Mäglichkeit, mit Sympathisanten in Verbindung zu treten. Das war bislang nicht mäglich.
Anmerkung:
1 M. Baltes, F. Bähler, R. Hältschl, J. Reuß: Der McLuhan-Reader. Bollmann Verlag
Mannheim, 1997, 240 Seiten, 24,80 DM.
Das Interview führten Thomas Cernay, Stephan Günther, Silke Moschitz und Winfried Rust. |