Volltext

(Artikel * 1998) Hafez, Kai
Gestörte Globalisierung Gegentrends auf dem Weg zu einer internationalen Medienkultur Gegentrends - internationale Medienkultur
in Blätter des iz3w Nr. 228 * Seite 20 - 21
Themen: Medien * Dok-Nr: 130990
Medienwelten

Gestörte Globalisierung
Gegentrends auf dem Weg zu einer internationalen Medienkultur

von Kai Hafez


Massenmedien gelten als Vorreiter der Globalisierung. Die Informationsströme überschreiten nationale Grenzen geradezu unkontrollierbar und frei. Das könnte kulturspezifische Weltbilder in Richtung einer globalen Werteordnung verschieben. Tatsächlich bleibt jedoch die internationale Kommunikation häufig hinter der technischen Globalisierung zurück und erzeugt oder verstärkt inhaltlichen und kulturellen Partikularismus.

Sportereignisse wie die Olympischen Spiele, gleichzeitig in die meisten Länder der Erde übertragen, befähigen die Massenmedien, die Welt über nationale, kulturelle oder religiöse Grenzen hinweg vor den gleichen Bildern zu vereinen. Politische Zäsuren ? wie der Fall der Berliner Mauer oder die Unterzeichnung des Osloer Friedensabkommens zwischen Israelis und Palästinensern ? waren Medienereignisse ersten Ranges, in denen sich Visionen des »globalen Dorfes« zu erfüllen schienen. Wer wollte nach E-mail, Internet und Satellitenfernsehen bezweifeln, daß Anthony Giddens, einer der Vordenker der Globalisierung, recht hatte, als er davon sprach, daß Globalisierung nicht nur ein ökonomischer Prozeß sei? Globalisierung findet sicher nicht zuletzt durch Veränderungen in der globalen Informationsordnung statt.1
Gleichwohl ist der Zusammenhang zwischen Medien und Globalisierung weitaus komplexer. Es sind regionale, nationale und lokale Medienmärkte, die in Asien und Afrika derzeit rapide wachsen.2 Mehr noch: Massenmedien, egal ob Presse, Rundfunk oder Fernsehen, berichten zwar häufig über andere Teile der Welt, die Maßstäbe der inhaltlichen Gestaltung sind jedoch allzu oft durch nationale Perspektiven, Stereotype, kurz: durch partikulare statt durch globale Perspektiven geprägt. Es gibt nicht die Olympiade, sondern auf den Bildschirmen und in den Zeitungen der Welt werden kleine »nationale Olympiaden« konstruiert, auf denen vor allem die heimischen Sportler im Mittelpunkt stehen. Gleichermaßen gilt die Berichterstattung von CNN während des Golfkriegs von 1991 als Beleg dafür, daß selbst transnational sendende »neue Medien« sich in Krisenzeiten auf ihre Heimatbasis ? hier die USA ? besinnen und entsprechend einseitig berichten. Von einem »globalen Dorf« und der Vermittlung gemeinsamer Weltbilder und Lebensperspektiven ist gerade die politische Auslandsberichterstattung meist noch sehr weit entfernt.

Eine »tektonische Verschiebung«
Statt Massenmedien einfach für Kräfte der Globalisierung zu halten, haben Miriam Meckel und Markus Kriener die Globalisierung der Medien als einen Prozeß auf vier Ebenen beschrieben. Die Ebene der Technologie und Infrastruktur ? die Entwicklung des Satellitenfunks, der Digitalisierung, Multimedialisierung und Netzwerkintegration ? hat die wesentlichste Voraussetzung für die Internationalisierung der Kommunikation geschaffen. Auf der zweiten, der institutionellen Ebene treiben ökonomische Konzentrationsprozesse die Globalisierung des Medienmarktes voran. Auf der Produktionsebene existieren wenige trans- und multinationale Programmangebote (wie CNN oder ARTE) neben den traditionellen nationalen oder lokalen Medien. Die vierte und letzte Ebene ? die der Medieninhalte ? ist durch den geringsten Internationalisierungsgrad geprägt und repräsentiert überwiegend partikulare Sichtweisen.3
Fiktionale Medienprodukte wie Hollywood-Filme ließen sich bisher weltweit verkaufen und haben zur globalen Durchsetzung von westlicher Unterhaltung, Konsumprodukten und Life-Style-Kultur beigetragen. Dagegen belegt seit den sechziger Jahren Studie um Studie, daß nicht-fiktionale Gattungen wie die Auslandsberichterstattung in hohem Maß partikularisierenden Bedingungen unterliegen, die als Gegentrend zur Globalisierung betrachtet werden müssen. Nachrichtenwerttheoretiker wie Winfried Schulz haben beschrieben, wie Medien ? statt die politische Realität als solche wiederzugeben ? auf Faktoren wie »kulturelle Nähe«, »Überraschung« oder »Konflikt« reagieren. Diese Faktoren bestimmen darüber, ob ein Ereignis als Nachricht empfunden und wie es gestaltet wird.4 Eine für 29 Länder parallel durchgeführte Studie im Auftrag der UNESCO hat gezeigt, daß vor allem die Entwicklungsländer in den Medien Nordamerikas und Europas häufig aus einer Perspektive betrachtet werden, in der Konflikte, Kriege und Katastrophen überrepräsentiert sind. So wird weiterhin das Bild einer chaotischen außereuropäischen Welt vermittelt.5 Eine andere internationale Studie hat zutage gefördert, daß mitunter ein und dasselbe Ereignis, aufbereitet auf der Basis derselben Informationsquellen, in nationalen Mediensystemen völlig gegensätzlich dargestellt wird. Diese »Domestizierung« der Auslandsnachrichten ist selbst im Vergleich zwischen sehr ähnlichen Gesellschaftssystemen, wie dem der USA und Großbritanniens, zu beobachten. Internationale Berichterstattung ähnelt aus der Sicht der Autoren weit eher dem »Turm zu Babel« als einer »globalen Redaktion«.6 Der Prozeß der Globalisierung der Massenmedien gleicht einer tektonischen Verschiebung, bei der sich Erdschichten in verschiedene Richtungen bewegen. Die partikularen Inhalte der Berichterstattung bleiben dabei nicht nur hinter der fortschreitenden technischen und institutionellen Globalisierung zurück, die Tektonik der internationalen Kommunikation entwickelt sogar eine gegenläufige Bewegung. Wer angesichts dieser Unordnung pauschal von einer Globalisierung der Medien spricht, wird leicht zum »Techno-Idealisten«.7
Die Ursachen für die partikularen Inhaltstendenzen der Medien sind vielfältig. Von entscheidender Bedeutung ist, daß die Auslandsberichterstattung nicht in das internationale System integriert ist ? aus dem einfachen Grund, weil es dieses internationale System erst in den Ansätzen der Vereinten Nationen gibt. Journalisten und Medieninstitutionen berichten zwar über die Welt, sind jedoch in den wenigsten Fällen auf das Feedback aus den Ursprungsländern der Nachrichten angewiesen. Statt dessen sind sie mit ihrer heimischen Klientel ? den Konsumenten ebenso wie politischen und anderen Eliten ? durch vielfältige Beziehungen verbunden. Involviert sind auch die individuellen Nationen- und Völkerbilder der Journalisten, ihre Haltungen und Positionen zum Gegenstand sowie ihre Rollenvorstellungen ? etwa als objektive Vermittler oder Mitgestalter der Außenpolitik. Zusätzlich verschlechtern sich soziale Bedingungen, wodurch partikularistische Konsumgewohnheiten im nationalen Rahmen erstarken. In den USA steht steigender Produktionskapazität für Auslandsnachrichten nachlassende Nachfrage gegenüber. Erfolgreiche Programme wie Murdochs STAR TV in Asien sind bloße Konglomerate nationaler und regionaler Kanäle, gemacht, um den speziellen kulturellen Bedürfnissen zu begegnen. Die verstärkte Rückkehr zu nationalen und kulturellen Identitäten8 erscheint auch in Europa als Gegentrend zur bedrohlichen (Arbeitsplätze vernichtenden) Globalisierung und macht sich in den Medien durch Aktualisierung der Gegensätze zwischen dem Westen und der islamischen Welt (s. Kasten) bemerkbar. In letzter Instanz können sich die Medien nicht vollständig globalisieren, weil sie die kulturellen und nationalstaatlichen Bedingungen ihrer Arbeit reproduzieren.

Globale »Erdbeben«
Wie wirkt sich die »tektonische Verschiebung« der Globalisierung im Bereich der Massenmedien auf die Weltgesellschaft aus? Potentiell sind die folgenden vier grundlegenden Wirkungen der Medien denkbar. Zum einen können nationale Sichtweisen, in den Medien widergespiegelt, den Nationalstaat stabilisieren. Die Auflösung des Nationalstaates bleibt eine Utopie, solange eine globale »Medieninhaltskultur« fehlt. Zum zweiten kann eine Zunahme internationaler Kommunikation nicht nur den Frieden fördern, sondern auch politische und ökonomische Konflikte zwischen Staaten forcieren. Die eingeschränkte Objektivität der Krisenberichterstattung (siehe CNN im Golfkrieg) ist in einer Welt globaler Kontakte und Reibungsflächen gefährlicher als je zuvor. Des weiteren können Medien Kulturkonflikte verstärken, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts erneut zum wichtigsten ideologischen Moment in den internationalen Beziehungen zu werden drohen. Samuel Huntingtons »Kampf der Zivilisationen« ? der Kulturenkampf zwischen Islam, Konfuzianismus und dem Westen, der das 21. Jahrhundert prägen soll ? kann erst durch die massenhafte (mediale) Verbreitung kulturalistischer Abgrenzungsvorstellungen Realität werden. Zum vierten läßt sich durch Berichterstattung die Spannung zwischen Bevölkerungsmehrheiten und religiösen, ethnischen oder kulturellen Minderheiten verstärken. Auslands- und Weltbilder der Medien können gerade in Zeiten verstärkter Migration das Bild der öffentlichen Meinung von Minoritäten prägen.
Insgesamt entsteht der Eindruck, als könne die »tektonische Verschiebung« der Medienglobalisierung »globale Erdbeben« hervorrufen. Technische, institutionelle, Produktions- und Inhaltsaspekte der Medien entwickeln sich derart, daß immer mehr und mit immer größerer Reichweite, aber nicht unbedingt immer sinnvoller und verständiger kommuniziert wird. Die Globalisierungseuphorie mit dem Hinweis auf die Medieninhaltsforschung zu bremsen, bedeutet nicht, die Globalisierung der Medien gänzlich zu bestreiten. Dennoch ist mit dem ehemaligen Geschäftsführer der großen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP), Claude Moisy, zu befürchten, daß inadäquate internationale Medienberichterstattung gerade unter Krisen- und Zeitdruck gefährliche politische Entscheidungen fördert.9 Es wäre eine Illusion zu glauben, daß im Zeitalter der Massendemokratie Medien keine propagandistischen Wirkungen mehr entfalten und daß Mediendiskurse jederzeit pluralistisch sind. Durch eine Zunahme an Kommunikation können Probleme nicht nur beseitigt, sondern vor allem auch neu geschaffen werden.

Anmerkungen:

1 A.Giddens, The Constitution of Society, Cambridge 1984; ders., The Nation-State and Violence, Cambridge 1985.

2 M.Ferguson, The Mythology about Globalization, in: European Journal of Communication 7/1992, S. 69-93.

3 M.Kriener/M.Meckel, Internationale Kommunikation. Begriffe, Probleme, Referenzen, in: dies. (Hrsg.), Internationale Kommunikation. Eine Einführung, Opladen 1996, S. 15 f.

4 W.Schulz, Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse aktueller Berichterstattung, Freiburg/München 1990 (2. Aufl.).

5 A.Sreberny-Mohammadi/K.Nordenstreng/R.Stevenson/F.Ugboajah (Hrsg.), Foreign News in the Media. International Reporting in 29 Countries, Paris 1985, S. 52.

6 M.Gurevitch/M.R.Levy/I.Roeh, The Global Newsroom. Covergences and Diversities in the Globalization of Television News, in: Dahlgren/Sparks (Hrsg.), Communication and Citizenship. Journalism and the Public Sphere, London/New York 1993, S. 195-216.

7 Th.Schuster, Staat und Medien. Über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit, Frankfurt 1995, S. 39.

8 D.Morley/K.Robins, Spaces of Identity. Global Media, Electronic Landscapes, and Cultural Boundaries, London et al. 1995, S. 21 ff.

9 C.Moisy, Myths about the Global Information Village, in: Foreign Policy 107/1997, S. 78-87.


Kai Hafez ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg und Dozent im Bereich politische Kommunikation des Instituts für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg.



Salman Rushdie im Kulturkonflikt

Ayatollah Khomeini hat es gar nicht so gemeint, als Kulturkonflikt. Die Revolutionseuphorie hatte nach dem iranisch-irakischen Golfkrieg nachgelassen, und die Fatwa mit der populistischen Todesdrohung sollte zur Mobilisierung der Bevölkerung und Verteidigung der Dominanz über moderate Kräfte im Iran dienen. Bei näherer Betrachtung war der Fall Rushdie nur ein »schwaches Politikum«. Eigentlich fehlte der realpolitische Konflikt und nur wenige Wochen nach der fatwa renormalisierte der Westen die Beziehungen zum Iran. Um so deutlicher ließ sich der kulturpolitische Konflikt durch die Medien zeichnen ? der Gegensatz zwischen dem westlichen Universalitätsanspruch der Menschenrechte und dem in der islamischen Welt nach wie vor starken Behauptungsanspruch religiöser Positionen. Nach Khomeinis Mordauf- ruf reagierte die deutsche Presse vordergründig mit einer Betonung der Grund- und Menschenrechte. Schnell war man aber auch beim »nie wieder dort, wo wir schon einmal waren« (Hamburger Abendblatt). Einer »finsteren Realität« und »Ideologie des Absoluten« blickte die Süddeutsche tapfer ins Auge. Die ZEIT stand gar dem »millionenfach wirkliche(n) Typus« des mordbereiten Muslims gegenüber. Aus der »ungeheuren geistigen Kluft (...) zwischen Christentum und Islam« (FAZ) wurde eine Mittelalterhypothese geschmiedet. Unterschiedliche Positionen im islamischen Lager verblaßten bis zur Unkenntlichkeit. Ein Sammelband mit Beiträgen von mehr als hundert namhaften arabischen Intellektuellen, die sich für Rushdie einsetzte, wurde in der deutschen Presse kaum wahrgenommen. Nur die WELT war zufrieden über den Beweis gegen die multikulturelle Gesellschaft: »Nun sehen all jene, die soviel Fleiß, Ehrgeiz und Idealismus aufgeboten hatten, einer multikulturellen Gesellschaft gegen alle Warnungen und Erfahrungen den Weg zu bahnen, ihr Leitbild zerfallen.«