Volltext

(Artikel * 1998) Günther, Stephan; Cernay, Thomas
Von Einbahnstraßen auf Autobahnen Neue Medien, Macht und Globalisierung Neue Medienwelten Macht und Demokratie
in Blätter des iz3w Nr. 228 * Seite 17 - 19
Themen: Medien Macht und Demokratie * Dok-Nr: 130989
Medienwelten

Von Einbahnstraßen auf Autobahnen
Neue Medien, Macht und Globalisierung

von Stephan Günther und Thomas Cernay


Was ist neu an den neuen Medien? Steht uns ein qualitativer Sprung in den Machtverhältnissen oder in der Wahrnehmung bevor? Die Folgen der neuen Medien werden äußerst kontrovers diskutiert. Wovon sich die einen ungeahnte Perspektiven für die Zukunft von Demokratie und Wissen erhoffen, darin wittern die anderen den endgültigen Kulturverfall. Jenseits der Inhalte stellt die technische und ökonomische Bedeutung der Medien einen Machtfaktor und einen wesentlichen Antrieb der Globalisierung dar.

Das Machtspiel um die neuen Medien ist alles andere als neu. Am Anfang war das Wort, heißt es in der bekannten Geschichte. Von Bedeutung für das Weitere war, daß das Wort zu Schrift wurde. Mit dem neuen Medium verdrängte die eine (frohe) Botschaft die vielen, die an den Lagerfeuern weitererzählt wurden. Wie mit Waffengewalt wurde dem patchwork der oralen Traditionen der Garaus gemacht. Das neue Medium zerstörte nicht das alte, bestimmte aber das, was man sprach. Die weiträumige Durchsetzungskraft heiliger Bücher kann durch ihren Inhalt allein kaum erklärt werden, sie ist eher ein Indiz für die Verstärkungsfunktion des Mediums. Die Schrift ermöglichte den Auftakt einer Serie kollektiver Realitätsinjektionen, die von anderen Medien weitergeführt und vertieft wurde. Der Umstand, daß viele ? am besten alle ? das gleiche wissen oder glauben, führt zu der Macht, die Berge versetzt.
Es ist kein Wunder, daß der Medienpapst Leo Kirch katholisch ist, doch im Unterschied zum Original besitzt er die Rechte nicht nur an der biblischen, sondern an einer Vielzahl weiterer Geschichten. Für ihn ist es nicht nötig, daß nur eine erzählt wird, sondern daß alle sie sehen können. Neu an elektronischen Medien ist also der Pluralismus der Inhalte und Programme. Aber wenn die Herschaft den Pluralismus braucht, dann muß seine Bedeutung als Indiz der Freiheit neu bestimmt werden. Der Pluralismus der Massenmedien gleicht dem der Warenwelt und wird mehr vom Konsumzwang als von der informationellen Selbstbestimmung gelenkt.
Bisher sind die Massenmedien Einbahnstraßen und Distributionsapparate gewesen, die die Homogenisierung des Herrschaftsraumes zunächst mit gleichschaltenden Diskursen wie dem der Religion und des Nationalismus betrieben. Schon das anfängliche Medium des Nationalismus, der Buchdruck, erforderte eine Vervielfältigung der Inhalte. Die Identifikation mit der Nation setzte komplexere Inhaltsstrukturen voraus als die mit der Religion, und mit dem Buchdruck ließ sich die Realität in ausreichend hoher Dosierung verabreichen. Daß der breitere Zugang zum Wissen das Individuum aufgeklärt und befreit hat, ist, wie wir heute wissen, eine einseitige Sichtweise des modernen Rationalismus. Die Verabreichung des Wissens führt nicht zwangsläufig in die Freiheit des Subjekts, sie führt vor allem in die Disziplin. Im Rahmen der gegenwärtigen Technofaszination ist die Wertung von Information und Wissen in einen vorkritischen Zustand zurückgefallen und läßt uns mehr oder weniger blind in die Falle einer verfeinerten Kontrollgesellschaft laufen.
In Afrika und Lateinamerika sind neben den dafür klassischen Printmedien vor allem das Radio und das Fernsehen zur Herstellung nationaler Identität genutzt worden. Allerdings sind die elektronischen Medien bereits transnational, die Kategorie der Grenze ist ihnen wesensfremd. Auch wenn Sprach- und Kulturbarrieren im Medium reproduziert werden, und die nationale nicht bruchlos in einer komplexeren kulturellen Identifikation aufgeht, löst die Erweiterung des thematischen Spektrums eine Vergrößerung vom Nationalstaat zum Kulturraum aus, in dem überall der gleiche Einheits-Pluralismus herrscht. Diese Homogenisierung des Raumes durch die Medien läßt sich unschwer als wesentliche Triebkraft der Globalisierung deuten. Die Rede vom Verschwinden des geographischen Raumes durch die lichtgeschwinden Kommunikationstechniken beschreibt das Phänomen jedoch nicht exakt, offensichtlich bleibt der Raum, wo er ist, aber die Struktur, die ihn durchsetzt, wird immer einheitlicher. Der transnationale Charakter des Funkmediums ist allerdings nur in technischer und ökonomischer Hinsicht uneingeschränkt wirksam. Auf der Inhaltsebene verläuft die Gleichschaltung mit ihrer eigenen Geschwindigkeit und zeigt eine Grenze der Manipulationsmacht der Medien an. Wachstum verzeichnen vor allem lokale, regionale und nationale Medien, nicht aber globale wie Ted Turners Nachrichtenkanal CNN. Die Globalisierung der Inhalte oder des Bewußtseins ist stärker an bereits vorhandene Identitäten gebunden, als es die technische Betrachtungsebene von Reichweite und Übertragung verrät.
Die mediale Inwertsetzung der Räume ist unschwer als Teil der globalen Transformation unter neoliberaler Kontrolle zu erkennen. Das kann aber nicht heißen, daß die Linke nach den verlorenen Schlachten um Radio und Fernsehen auf die Präsenz im Netz verzichtet. Es bleibt gültig, daß Medien ? und insbesondere neue ? immer auch eine Herausforderung bestehender Verhältnisse sind. Gutenbergs Druckmaschine hat eine subversive Kultur der Pamphlete und Flugblätter begründet, die bis heute nicht beendet ist. Bücher und Zeitungen werden immer noch verbrannt, verboten und zensiert. Schriftstellerinnen und Verfasser werden nach wie vor bedroht, in Haft genommen, gefoltert und ermordet. Heute gewinnt der Kampf um das Internet aus mehreren Gründen an Attraktivität. Das Netz erzeugt vor allem eine neue Qualität, die Bidirektionalität. Das dezentrale Prinzip erwuchs aus militärischem Interesse, im Kriegsfall sollte der Kommunikationsfluß trotz teilweiser Zerstörung der Datenleitungen gesichert werden. Wesentliche Entwicklungen des heute als frei, demokratisch und antiautoritär gefeierten Netzes verdanken sich damit der militärischen Strategie. Die Weiterentwicklung geschah dann durch Computerfreaks; die Programme für Netzkonferenzen wurden von Studenten entwickelt, die das auf gegenseitige Kommunikation angelegte Medium für ihre Zwecke umformten. Das Aufkommen von Bedienungsprogrammen, die auch von Laien genutzt werden konnten, ermöglichte erstmals in der Geschichte der Massenmedien die technische Struktur einer medialen Befreiung im Brechtschen Sinn. Das Internet erlaubt die massenhafte Existenz nicht nur der Zuschauer, sondern auch der Sender. Es scheint, als ließe es sich nicht nur als Distributionsmedium gebrauchen und als sei der Wandel zum Kommunikationsapparat in vollem Gange.
NetzaktivistInnen wehren sich gegen staatliche Einflußnahme, Kontrolle und Zensur. Gleichzeitig und implizit verkünden sie auch die Botschaft einer vermeintlichen Freiheit des Netzes, die es zu schützen gilt. Der US-Amerikaner John Perry Barlow sendet gar die »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace« ins Netz. Die Verfechter der These, das Internet sei wegen seiner schier unendlichen Möglichkeiten der Kommunikation und Information per se demokratisch, bleiben in ihrer Argumentation bei der Demokratie der Aufklärung. Mehr Wissen müsse zwangsläufig mehr Diskussion, mehr Auseinandersetzung und mehr Demokratie bedeuten. Außerdem biete das Netz eben nicht nur die Chance der Verbreitung von Information und Wissen, sondern auch des Austausches von Meinungen und der Kommunikation. Eine Unabhängigkeit des Internet wird suggeriert ? ein Raum außerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen. Dabei werden nicht nur die Entstehungsgeschichte des Internet, sondern auch die höchst unterschiedlichen Voraussetzungen für dessen Gebrauch und schließlich die Macht des Marktes außer acht gelassen.

Verschmelzen der Gegensätze
Als »kalifornische Ideologie« wird die Verschmelzung der »kulturellen Bohème aus San Francisco mit den High-Tech-Industrien von Silicon Valley« bezeichnet. Der Liberalismus verbindet sie alle, die »Computer-Enthusiasten, faulen Studenten, innovativen Kapitalisten, engagierten Aktivisten, modischen Akademiker, futuristischen Bürokraten und opportunistischen Politiker« (Zitate aus: Netzkritik, s. Rez. S. 46). Während die einen damit jedoch den sozialen Sinn des Begriffs meinen, verwenden ihn die anderen rein ökonomisch. Ein tiefreichender Glaube an das emanzipatorische Potential der neuen Informationstechnologien bewirkt diese Verschmelzung der Gegensätze. Das Internet verdankt seine Entstehung einem gesellschaftlichen Konsens von Staat, Industrie und Rebellen.
Spätestens an diesem Konsens wird deutlich, daß das Netz lediglich ein Medium, jedoch kein eigenständiger und unabhängiger Raum ist. Das Netz ist Teil der Gesellschaft und bestehender Machtverhältnisse. Es ist eine Art gesellschaftlicher Spiegel, und es bringt wenig, ihn zu zerschlagen, wie es die fundamentalistischen Kritiker von technischen und elektronischen Medien wollen. Ebensowenig kann man den Spiegel ignorieren, wie es die Heilsprediger des Internet tun. Ihre kleine heile Welt Internet ist eben kein abgekapselter Kosmos. Eine Netzkritik könne daher, so Geert Lovink und Pit Schultz von der agentur bilwet, »keine Theorie, sondern eine Theoriepraxis sein«. »Netzkritik wäre somit eine zeitlich begrenzte Übung in taktischer Negativität, welche die Belanglosigkeit der Computernetze genießt, ohne sich den Verführungen gestiegenen Interesses zu verschließen. Sie analysiert die Organisation von Macht in der immateriellen Sphäre und versucht diese selbst in den Griff zu bekommen in dem Wissen, daß der Kapitalismus nie einen unbesiedelten, unzivilisierten Cyberspace erlaubte.«
Noch sei viel Platz im Netz, so die bilwet-Autoren, »noch gibt es die Freiheit, sich nicht mit alten Idealgegnern zu befassen, sondern auf deren Neubildung Einfluß zu nehmen. Jetzt ist die Periode der Hyperwachsamkeit, eine komprimierte Entwicklung, die aller Erfahrung nach in eine bleierne Zeit übergehen wird, wie wir sie von anderen elektronischen Medien her kennen. ? Die Netze sind Orte der Entscheidung, an denen sich zukünftige Machtordnungen abbilden und neu strukturieren.«
Völlig neu werden die Machtstrukturen allerdings nicht sein. Zu verschieden sind die Voraussetzungen für den Netzeintritt. In weiten Teilen Afrikas, Chinas und auch Osteuropas sind die infrastrukturellen und vor allem finanziellen Voraussetzungen des Netzanschlusses nur für wenige Privilegierte gegeben. Nur in den Industriestaaten haben bereits größere Bevölkerungsschichten Zugang zum world wide web. Doch auch in den Metropolen ist der Einstieg ins mediale abhängig vom sozialen Netz. Zunächst schließen die nicht unerheblichen hardware-Kosten für Computer, Modem und Netzanschluß sowie hohe Gebühren einen Teil der Bevölkerung aus. Der »access for all« bleibt eine Wunschformel, Zugang haben die, die sich das geforderte know-how und kontinuierliche Einkünfte erschließen. In der Informationsgesellschaft wird Wissen mehr denn je zum Produktionsfaktor, denn nur wer das Wissen und die Kenntnis des Netzgebrauchs hat, kann die Massen an Information im Internet selektierend nutzen und Kapital daraus schlagen. Letztlich hat sich eine privilegierte Schicht ihr kommunikatives Medium geschaffen: Demokratie für Besserverdienende und Demokratie für Besserwissende.


Stephan Günther und Thomas Cernay sind Mitarbeiter im iz3w.



User statt Looser? ?
Afrika und das Internet

Die wenigen »weißen Flecken« auf der Weltkarte der Kommunikationsnetze konzentrieren sich in Afrika. Weniger als eine Minute pro Jahr telefonieren die statistischen »DurchschnittsafrikanerInnen«. Pro 100 EinwohnerInnen gab es 1995 erst 1,1 Telefonanschlüsse und im ganzen südlichen Afrika stehen weniger Leitungen zur Verfügung als in Manhattan. Jetzt soll der Rückstand durch »leapfrogging«, das Überspringen von Entwicklungsschritten aufgeholt werden.
Im März 1998 will RASCOM (Regional African Satellite Communication System) die gesamte afrikanische Landmasse mit Sprache, Bild und Ton versorgen. Zusammen mit PATU (Pan-African Telecommunications Union), dem US-Konzern AT&T und der französischen Alcatel wird RASCOM ein weiteres Großprojekt in Angriff nehmen: Africa One, ein rund um den Kontinent verlegtes 39 000 km langes und $ 1,9 Mrd. teures Unterwasser-Glasfaserkabel wird 32 afrikanischen Küstenländern ab 1999 den Zugang zum Superhighway erschließen. Und pünktlich zur Jahrtausendwende stehen die weltumspannenden Satelliten-Netze von Microsoft und Motorola, die alle Regionen ohne teure terrestrische Verbindungen an die globale Informationsinfrastruktur anschließen werden.
Der neue Optimismus für Afrika, der vor allem von amerikanischer Seite geschürt wird, ist befremdlich angesichts der Nachrichten über afrikanische Krisen, Not und Elend, die die Wohlfahrtswelt meist erreichen. Doch das Interesse der USA konzentriert sich neben der Ausbeutung der Bodenschätze nicht zufällig auf das Internet und die Kommunikationstechnologie, auf Bereiche, in denen die US-Industrie stark, wettbewerbsfähig und auf der Suche nach neuen Märkten ist.
Als Vorbild muß immer wieder der »Erfolgsfall« des indischen Bangalore herhalten. Doch dort wurde eher eine dysfunktionale Wohlstandsinsel geschaffen, die kaum zu positiven Verknüpfungen mit der umgebenden Wirtschaft beitragen und somit auch kein Konzept für die afrikanischen Agrargesellschaften vermitteln kann. Ohnehin bauen die neuen Medien auf den »kulturellen Zwischenschritten« auf, die man nun überspringen möchte. Voraussetzungen, mittelfristig eine aktive Rolle bei Kommunikationsdienstleistungen zu spielen, sind nur in der Republik Südafrika gegeben. Ohne umfassende Alphabetisierung und adäquate Weiterbildung bleibt das Potential des Internet auf passive Rezeption beschränkt.
Die angepriesenen Vorteile für das Gesundheits- wie das Bildungswesen verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn ein Vergleich mit den Industrienationen gezogen wird. Trotz des gesellschaftlichen Konsenses über die Bedeutung der neuen Medien übersteigen die Kosten der Technik auch dort die Möglichkeiten vieler Schulen und Bibliotheken. Angesichts anderer und drängender Prioritäten kann eine Umschichtung der Budgets noch viel weniger rasch von Entwicklungsländern erwartet werden. Die 106 Mio. Radioempfänger werden auf absehbare Zeit das wichtigste Bildungsmedium Afrikas bleiben. Ernsthafte mediale Konkurrenz erwächst den Internetmachern durch ein aufziehbares (batterieloses) Radio, das eine südafrikanische Firma für weniger als $ 20 auf den Markt bringt. Auch für den medizinischen Bereich gilt: Die Mittel, die für die Vernetzung der Basisgesundheitsstationen aufzuwenden wären, lassen sich bis auf weiteres für Impf-, Aufklärungs- und Materialbeschaffungsprogramme sinnvoller nutzen.

Zusammengestellt aus: Stefan Brüne, Cord Jakobeit, Africa Online? Die Rolle Afrikas in der globalen Informationsgesellschaft. Afrika-Jahrbuch 1996.



Medien zwischen Transport und Transformation

Grob läßt sich die moderne Medientheorie in zwei Stränge unterteilen: Sehen die Vertreter der ersten Richtung die Medien als neutrale Kanäle zur Vermittlung von Botschaften und interessieren sich vornehmlich für deren (subversiven) Inhalte und Gebrauch, stellen die anderen die ebenso berechtigte Frage nach den gesamtgesellschaftlichen Effekten der Medien, also danach, inwieweit sich die Botschaften dadurch verändern, daß sie durch bestimmte Medienkanäle geschickt werden. Die Debatten kreisen um die Frage ob und, wenn ja, in welchem Maße Aufklärung durch die Medien möglich ist sowie um das Verhältnis menschlicher Subjekte zu ihren technischen Artefakten.
Brechts Radiotheorie von 1932 forderte, das damals noch junge Radio von einem Distributionsmedium zu einem reziproken Kommunikationsmedium zu verwandeln, denn nur dadurch, daß jede/r zugleich Sender und Empfänger wäre, könnte sich das vorhandene emanzipatorische Potential dieses Mediums voll entfalten. Hans-Magnus Enzensberger griff diesen Gedanken Anfang der siebziger Jahre in seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien auf und beeinflußte damit bis heute das Selbstverständnis von Gegenöffentlichkeit vieler freier Radios. Er kritisierte die deutsche Linke, da diese die Medien nur unter dem Aspekt der Manipulation betrachtete und sie dem Bereich des ideologischen Überbaus zuordnete. Enzensberger hingegen sah die Medien als eine revolutionäre Produktivkraft an: »Die Frage ist nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert. Ein revolutionärer Entwurf muß nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil jeden zum Manipulateur zu machen«. Hinter den Medien stand bei ihm stets die soziale Praxis der ?Massen?, deren politisches Bewußtsein sich durch die Vermittlung der ?richtigen? Inhalte radikalisieren ließ.
Jean Baudrillard stellte dieses aufklärerische Modell in seinem 1972 erschienenen Requiem für die Medien vehement in Frage. Die elektronischen Medien sind für ihn keine neutralen Kanäle, sondern reproduzieren, da man sich stets des bestehenden Kommunikationsmodells bedient, lediglich das gesellschaftliche Machtverhältnis. Die Medien sind demzufolge nicht die »Koeffizienten, sondern die Effektoren von Ideologie«. Genauso gibt es keine Botschaft mehr, denn »im Fernsehen ist durch seine bloße Gegenwart die soziale Kontrolle zu sich gekommen« ? ein Zustand, den Baudrillard mit dem Begriff der Simulation zu umschreiben versucht und in dem der kausale Zusammenhang zwischen Information, Bewußtsein und Handeln ? auch angesichts der von Umberto Eco postulierten »Interpretationsvariabilität« ? nicht mehr zwingend ist.
Auch für Marshall McLuhan steht die ?Form? über dem ?Inhalt? der Medien. In seinem Understanding Media wies er darauf hin, daß »die Botschaft jedes Mediums oder jeder Technik die Veränderung des Maßstabes, Tempos oder Schemas ist, die es der Situation der Menschen bringt«. In Übereinstimmung mit Baudrillard wird auch die Herrschaft der Menschen über die Technik angezweifelt und das Verhältnis umgekehrt: »Indem wir fortlaufend neue Techniken übernehmen, machen wir uns zu ihren Servomechanismen«. db