Volltext

(Artikel * 1998) die Redaktion
Erregende Betäubung Medienwelten
in Blätter des iz3w Nr. 228 * Seite 16 - 16
Themen: Medien * Dok-Nr: 130988
Medienwelten

Erregende Betäubung


Die Phänomene des gegenwärtigen Medienbooms sind schnell skizziert: Die Vervielfältigung und Beschleunigung der Daten- und Informationsübertragung durch die Innovationen der Telekommunikation (Kabel- und Satellitenfernsehen, Cyberspace) ermöglichen neue, direkte Verbindungen rund um die Welt ? Raum und Zeit verlieren an Bedeutung. Das Versprechen interaktiven Fernsehens, vor allem aber die Vernetzung der Welt im Cyberspace erregen dabei Hoffnungen auf die Aufhebung der traditionellen Einbahnstraßenkommunikation, für die Radio, Fernsehen und die Printmedien stehen.

Solche Utopien einer durch Technik ermöglichten aufklärerischen Kommunikation, wie sie auch in großen Teilen der Linken ausgeprägt sind, erinnern an den Radio-Enthusiasmus der 30er und die Faszination von »Gegenöffentlichkeit« der 60/70er Jahre. Damals korrespondierten diese mit Technik und Medien verbundenen Zukunftshoffnungen jeweils mit den Welt- und Feindbildern der Zeit: Den Kapitalisten ihre Instrumente zur Ideologieproduktion streitig zu machen, sie selbst in die Hand zu bekommen und damit den verblendeten und unterdrückten Subjekten auf die Sprünge zu helfen, galt seither als erster Schritt zur Revolution der Massen ? in den Industrieländern des Nordens wie für die Befreiungsbewegungen des Südens.
Dann allerdings entwickelte sich das Radio nicht zur Stimme der Emanzipation, sondern wurde zum Volksempfänger; das Konzept der Gegenöffentlichkeit führte in die Isolation, verlor im Rausch der Vielfältigkeit seine Bedeutung, und seine Medien brauchen heute nicht einmal mehr unterdrückt zu werden.

Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund haben die neuerlichen Medienutopien etwas von Heimweh ? der verklärenden Sehnsucht nach Ort und Zeit, wo die Welt noch ihre Ordnung hatte, wo sich Macht und Ohnmacht wie Gut und Böse gegenüberstanden. Diese Sehnsucht nach der verlorenen Heimat projizieren viele Netzaktivisten in die zukünftige Welt des Cyberspaces. Im virtuellen Raum sollen wieder Möglichkeiten der Intervention und Subversion bestehen, dort könnten sich die Marginalisierten (jetzt eben virtuell) zusammenschließen (jetzt heißt es vernetzen) und sich eine Stimme verschaffen, die die Welt erzittern ließe.
An der inhaltlichen Orientierungslosigkeit ändert die bloße Technik aber nichts. Die neue feste Burg wird mit alten Möbeln ausgestattet und schon zeichnen sich wieder dichotome Weltbilder ab: Das globale Feindbild vom Neoliberalismus ersetzt den US-Imperialismus und an die Stelle von Axel Springer, von dem es ?68 hieß: »Das Schwein bestimmt das Bewußtsein«, treten Bill Gates und Microsoft, Rupert Murdoch und Sky-TV, Leo Kirch, Bertelsmann und CNN.
Damit befände sich die Technolinke ganz auf einer Wellenlänge mit James Bond, der ebenfalls ohne sich bewegt zu haben, voll auf der Höhe der Zeit liegt. Zwar kämpft 007 immer noch gegen Bösewichter, die sich der Welt bemächtigen wollen, diese bedienen sich inzwischen aber nicht mehr der direkten Gewalt monströser Apparate: »Worte sind die neuen Waffen. Satelliten die neue Artillerie« sprach der Medientycoon in der letzten Folge und verstarb am Ende doch.

Diese Szenarien halten weiter am Manipulationsmythos fest. Sie bleiben verhaftet im Macht-Ohnmacht- und Gut-Böse-Schema, das den Inhalt, die gesendete und ausgestrahlte Information in den Mittelpunkt stellt. Dieses Schema macht den aufklärerischen Gegenentwurf erst denkbar. Was aber, wenn es gar nicht um Inhalt geht und nie gegangen wäre? Was, wenn es den Menschen jenseits aller materiellen Verhältnisse schlechterdings nur um die Erregung ihrer Sinne ginge, um den Thrill, den ihnen nur eine unablässig fortschreitende medientechnische Weiterentwicklung garantieren kann?
Dann wären es nicht die Medien, die mit Sport, Unterhaltung, seichten Talk-Shows, Sex and Crime, Reality-TV und Soap-Operas das Volk verblöden. Dann bedienten die Medienkonzerne auf 1000 Kanälen weltweit schlicht Bedürfnisse ? ob diese nun »wahr« sind oder nicht. Ein Bedürfnis nach Unterhaltung und Vergessen, nach Erregung und Betäubung auf niedrigstem Niveau als anthropologische Konstante? Dann wäre alle Aufregung überflüssig. Dann müßte Walter Kempowski aus seinem 37-Kanal-Zapp-Selbstversuch nicht gleich ein Buch machen, in dem er doch nur kundtut, daß er ebensowenig zu sagen hat wie seine Glotze.

Bei letzterer ist allerdings die Sprachlosigkeit Programm ? die sinnerregende und nervtötende, eintönig bunte Oberfläche des Mediums ist seine einzige Nachricht. Gilt das auch für Internet und Cyberspace? Immerhin öffnen sich hier neue Räume. Im folgenden wird die Frage nach den Möglichkeiten der Subversion durch neue Medien unterschiedlich beantwortet. Dennoch scheinen sich letztlich nur die Formen zu verändern, in denen sich die Menschen selbst über die Verhältnisse, in denen sie leben, hinwegmanipulieren.

die redaktion