Kommentar
Das große Schweigen
Über linkes Desinteresse an der Irak-Krise
von Georg Lutz
Die Operation ?Desert Shield? erregte Anfang 1991 große Teile der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit auf eine besondere Art. Eine breite Antikriegsbewegung hängte weiße Tücher aus den Fenstern, blockierte Bahnhöfe und ging in Massen gegen den Krieg auf die Straße. Auf der anderen Seite griffen einige intellektuelle Edelfedern der Republik zu pathetischen Formulierungen und rechtfertigten den Angriff auf den Irak. Wer erinnert sich nicht an den Vergleich von Hans Magnus Enzensberger: »Hussein gleich Hitler«. In den vergangenen Wochen nahmen nun beide Fraktionen das Geschehen am Golf eher beiläufig zur Kenntnis, obwohl offenbar ein neuerlicher Krieg direkt bevorstand. So groß war die Ratlosigkeit und das Desinteresse, daß nicht einmal dieses selbst, d.h. der frappierende Unterschied zwischen den Reaktionen damals und heute, zum Gegenstand von Deutungsversuchen wurde.
Erklären läßt sich dieser Wandel vielleicht durch einen Zeitvergleich. Das Jahr 1991 stand noch im Zeichen von Nachkriegsdeutschland. Trotz allgemeiner Orientierungsverluste nach dem Ende der bipolaren Weltordnung schien zumindest in der Linken noch Konsens über die grundsätzliche Ablehnung militärischer Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung zu bestehen. Abgesehen von antikolonialen Befreiungskämpfen war Krieg für die bundesdeutsche Nachkriegsgeneration, und das unterschied sie positiv von allen vorherigen Generationen, nicht vorgesehen. Diese Antikriegshaltung war 1991 noch verbunden mit den Resten anti-imperialistischer Denkmuster, die mit der Opposition gegen das Konzept der ?Neuen Weltordnung? unter US-Führung noch einmal Auftrieb erhielten. Zusammen mit der ebenfalls schon in die Jahre gekommenen Solidarität mit dem Süden sorgten solche Restbestände traditioneller linker Denkart im Golfkrieg für das letzte Aufflackern eingeübter Protestformen.
Als die ersten Bomben auf Bagdad niedergingen, füllten sich die Straßen, saßen SPD-Abgeordnete mit Kerzen im Bundestag und wurde der Karneval abgeblasen. Und dann stand plötzlich eine Angstbewegung auf der politischen Bühne: Argumente wurden durch Sensenmänner, Knochengerippe und Fässer voller Schweineblut ersetzt. Selbsternannte Militärexperten faselten von den Republikanischen Garden und der Armee des Irak als der viertstärksten der Welt, von Atom- und Biowaffen sowie ökologischen Katastrophenszenarien. Viele fürchteten ein Übergreifen des Krieges und auf Rache sinnende arabische Terroristen in der eigenen Nachbarschaft. So schaukelten sich die Bilder der Kriegsbefürworter (der Dämon Hussein als übermächtige Gefahr für die Menschheit) und die diesem Gefahrenpotential entsprechenden Angstszenarien der Kriegsgegner zu geradezu apokalyptischen Visionen auf.
Bis 1998 hat sich an diesen Denkformen und Befindlichkeiten so viel geändert, daß der Beinahe-Krieg am Golf nicht nur bei der Linken, sondern auch beim großen Rest der Gesellschaft kaum mehr als ein Achselzucken hervorruft. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, daß Krieg zwischen den Metropolen des Nordens dort mittlerweile als Mittel der Politik von gestern angesehen wird. Er kann nicht mehr wie einst zur Stiftung nationaler Identität dienen, auch nicht mittels homogenisierender Panikmache. Vielmehr hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges eine Verschiebung von kriegerischen hin zu ökonomischen Energien noch verstärkt. Letztere »diktieren den vibrierenden Gesellschaftskörpern die neuen Streßthemen vom globalen Wettbewerb« (Peter Sloterdijk). Militärisches Brimborium ist nicht mehr angesagt. »Die Fitneßtrainer haben die Generale in den Hintergrund gedrängt, die mobilisierten Nationen haben die Stiefel mit den Luftpolsterlaufschuhen vertauscht.« Die Fit-for-Fun-Generation der Postmoderne muß sich nicht auf das nächste Stahlgewitter vorbereiten, sondern auf den Nationenwettlauf. Neid- und Innovationsstreß haben den klassischen Feindstreß abgelöst.
Gleichzeitig hat der Krieg jedoch seine Funktion lediglich gewandelt. So bestechend das »Standortbild« sein mag, es verdeckt, daß Krieg auch wieder Mittel der Politik geworden ist. Heute bereiten sich darauf allerdings immer weniger junge Männer in stumpfsinnigem Kasernendrill vor, sondern gut ausgebildete und technisch hochgerüstete Krisenreaktionskräfte erledigen ihren »job«. Die »Schule der Nation« wird kaum mehr benötigt. Die neuen High-Tech-Soldaten schützen »unsere« Rohstoffquellen, ermöglichen robuste Friedenssicherung und halten uns Fundamentalisten und Diktatoren wie Saddam Hussein vom Hals.
Diese Sichtweise hat sich seit 1991 durchgesetzt. Der Golfkrieg stand am Anfang einer Neulegitimation von militärischer Intervention. Damals brauchte es noch die Hitze der Auseinandersetzung zwischen »Friedensfreunden« und »Kriegstreibern«, um Enzensberger zu seinem Hitler-Vergleich und Wolfgang Pohrt zu seiner Aufforderung zu bewegen, Israel möge doch Kernwaffen gegen den Irak einsetzen. Inzwischen ist die Debatte über die Stationen Jugoslawien, Somalia, Haiti, Kambodscha, Ruanda etc. weitergegangen. Ein Kampfeinsatz der Bundeswehr ist heute sogar bei den Grünen mehrheitsfähig.
Gesamtgesellschaftlich war im Januar 1998 der Nachkriegskonsens »Krieg darf niemals wieder Mittel von Politik werden« geknackt. In der Linken hat der Golfkrieg den Endpunkt einer notwendigen, aber unter Schmerzen vollzogenen Abkehr von liebgewonnenen dichotomischen Denkmustern markiert und bis heute Orientierungslosigkeit hinterlassen. Es empörte und demonstrierte sich leichter mit einem Weltbild, das einen noch klar zwischen Gut und Böse unterscheiden ließ.
Aber auch damals waren Aufregung und Angst nur punktuell. Nach 43 Tagen »Wüstensturm« diskutierten nur noch die Experten. Die beschworene und befürchtete weltweite Apokalypse hatte nicht stattgefunden, die politische Orientierungslosigkeit war offenkundig geworden und der »Nie wieder«-Nachkriegskonsens hatte sich als einigermaßen oberflächlich erwiesen. Die Antikriegsbewegung lief auseinander. Beiden Seiten, den »Pazifisten« und den »Bellizisten« war es offensichtlich in erster Linie um Deutschland gegangen. Den einen um deutsche Angst und den anderen um ihren Eintritt in die Realpolitik, in der die seit 1990 immer wieder beschworene »internationale Gemeinschaft« auch wieder das Kriegsbeil ausgraben darf. Der Irak war plötzlich wieder ganz weit weg ? und dort ist er auch heute noch.
Georg Lutz ist Mitarbeiter im iz3w. |