Politik in Banden
Racket und Völkermord in Zentralafrika
Möglichkeiten und Grenzen eines westlichen »Denkwerkzeuges«
von Jörg Marx
Das millionenfache Morden in Rwanda gilt meist immer noch als »ethnischer Konflikt«. Ethnizität kann jedoch auch einer derjenigen Mäntel sein, unter welchen bandenförmige Organisationen ihren Kampf um knappe Ressourcen austragen. Es stellt sich also die Frage nach der Übertragbarkeit des im Angesicht des deutschen Faschismus entwickelten Racket-Theorems auf die Analyse von heutigen Kriegen und Bürgerkriegen.
Aus dem Blickwinkel des Westens mag die jüngere Geschichte Afrikas als eine nicht abbrechende Serie von Kriegen und Hungersnöten erscheinen: Erinnert sei an Biafra (1968-69), Äthiopien (1973), West-Sudan (Beginn der 80er Jahre), wieder Äthiopien (1983-85), Somalia (1991-92) sowie an die Kriege in Mozambique und Angola, in Liberia und Sierra Leone. Und nicht zuletzt sitzt der Schock über den rwandischen Völkermordes 1994 mit seinen Domino-Effekten bis hin zu den Massakern im Ost-Kongo tief. Begleitet von den immer gleichen Bildern von Flüchtenden, Hungernden und Toten entsteht hierzulande der wirkungsmächtige Eindruck, Afrika sei ein »Kontinent ohne Hoffnung«.1 Solche medialen Inszenierungen dienen der Normalisierung des Elends. Sie greifen zurück auf koloniale Mythen, die Afrika zur geschichtlichen »Tabula rasa« stempeln, Geschichte in Natur wandeln und somit uns ruhig schlafen lassen. An die Stelle der Analyse menschlichen Handelns, das solch ungeheuerliche Verbrechen wie jene in Rwanda möglich macht, tritt die schlichte Bilanzierung des Massensterbens.
Normalisierungsarbeit wird aber auch in den akademischen Experten-Diskursen geleistet. Zauberformeln wie die des ethnischen Konflikts, der ideologischen Verblendung, der westlichen Manipulation oder der Bevölkerungsexplosion sollen erklären und dienen doch mehr der diskursiven Entsorgung. Der Rwanda-Diskurs zeigt beispielhaft zweierlei. Zum einen mangelt es uns an ausreichenden Denk-Werkzeugen, um die Möglichkeitsbedingungen des Ungeheuerlichen tatsächlich zu begreifen und es nicht bloß intellektuell abzuwehren; und zum anderen stellt der Gebrauch von Denk-Werkzeugen immer auch einen Eingriff in die Wirklichkeit dar, der die Wirklichkeit in Form von Wissen produziert und festschreibt. Der Import kolonialer europäischer Begriffe, Raster und Modelle in Rwanda ist ein Lehrstück für solche Form kultureller Gewalt.2
Die Konsequenz aus diesen Einschränkungen ist es, neue Problematisierungsformen und Erklärungsmodelle zu suchen und zu erproben, sie dabei aber auch stets selbst in ihrem Entstehungsprozeß zu reflektieren und ethisch zu befragen. In diesem Sinne soll ein Werkzeugangebot Max Horkheimers, das Racket-Theorem, auf die Probe gestellt und untersucht werden, inwiefern es zu einer angemessenen Beschreibung der Bedingungen des rwandischen Völkermords beitragen kann.
Das Racket und die Desintegration in Rwanda
Sieht man zunächst von der Frage ab, ob es überhaupt sinnvoll ist, das Racket-Theorem aus dem Denkgebäude der Kritischen Theorie herauszulösen und auf eine pragmatische Sentenz zu verkürzen, dann ließe sich diese vielleicht so formulieren: Da, wo der Gesellschaftsvertrag seine Funktion nicht länger erfüllt, nämlich die Menschen zu einem Kollektiv zu verbinden und miteinander zu verbünden, werden sie wieder zu versprengten Einzelgängern, ein jeder nur um das eigene Überleben kämpfend. Der Einzelne aber überlebt nurmehr »durch das älteste Mittel des Überlebens, nämlich durch Mimikry«, durch Verstellung und Nachahmung des Feindes.3 Und in der Aktion, in der Konkurrenz um Macht und Beute, rottet er sich, dem Gesetz der Selbsterhaltung folgend, mit seinesgleichen zusammen ? zum Racket. Die kriminelle Bande entsteht an genau jenem Punkt, wo sich gesellschaftliche Bande und Bindungen auflösen, die jenes System von Zwängen und Freiheiten gewähren, das die Menschen und die Dinge in Beziehungen und Verbindungen zusammenfaßt.
In dieser pragmatischen Verkürzung ? soziale Desintegration, Atomisierung der Menschen, Bandenbildung ? hilft das Racket-Theorem, die Situation Rwandas an der Wende in die 90er Jahre genauer zu erfassen. Es lenkt den Fokus der Analyse weg von dem mit dem Ethnizitäts-Etikett autorisierten kruden Schema eines Zusammenstoßes von Hutu und Tutsi, das den Blick auf die Erschütterungen innerhalb der rwandischen Gesellschaft verstellt. Es lenkt hin auf die Frage, wie die sozialen Situationen und Figurationen gestrickt waren, in denen die Mörder ihre Bluttaten verüben konnten. Solche Handlungsbeschreibung verhindert zum einen, daß die Taten als bloßer Reflex auf die gesellschaftlich produzierten sozialen Verhältnisse der Analyse entzogen werden, zum anderen, daß sie auf eine individuelle Psychopathologie reduziert und banalisiert werden.
Die ökonomische Krise Rwandas ? so wie sie sich zum Ende der 80er Jahre offenbarte ? bedeutete eben noch nicht, daß ihr quasi automatisch ein Massenmord auf dem Fuße folgt. In ihr entluden sich lediglich spezifische soziale und ökonomische Frustrationen innerhalb der Bevölkerung, die sich bereits über längere Zeit angestaut hatten. Diese Makroperspektive ist jedoch auf die äußeren Ereignisse beschränkt: Der Verfall des Weltmarktpreises für Rwandas Hauptexportprodukt Kaffee und der Zusammenbruch des internationalen Kaffeeabkommens 1989, zusätzlich forciert durch Dollar-Verfall und Anstieg der Importpreise von Energie als Folge der Irak-Kuwait-Krise, zwang das Habyarimana-Regime im Oktober 1990 zur Unterzeichnung des lange verweigerten Strukturanpassungsprogramms. Zeitgleich begann mit der Invasion von Exil-Rwandern, der Rwandese Patriotic Front, von Uganda aus der Bürgerkrieg. Es kam zu einer Massenflucht von einer Million Rwandern in die Region Kigali. Die über Weltmarkt und Bürgerkrieg verursachten Versorgungsengpässe, die im ohnehin benachteiligten Süden mancherorts zu Hungersnöten führten, hatten regionale und soziale Polarisierungen zur Folge, die die soziale Basis des Regimes mehr und mehr einengten.
Aber erst wenn man dem Racket-Theorem hinab auf die Handlungsebene folgt, lassen sich die Auflösung des Sozialen und die folgende Neubildung von Strukturen im einzelnen beschreiben, die der Begriff des Rackets auf den Punkt bringt: Diese Transformationsprozesse gründen zum einen in der Verschlechterung der ökologischen Bedingungen, in deren Folge die Ertragsintensität in der Landwirtschaft rapide absank. Dies wurde von vielen Rwandern ? 90 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft ? als Verlust über die Kontrolle der eigenen Umwelt erfahren. Angesichts dieser Ohnmacht wurden verstärkt Feindbilder zur Interpretation des eigenen Schicksals herangezogen.
Zum anderen offenbarte sich dem einzelnen das Bevölkerungswachstum in Form zunehmender Bodenknappheit. In Wechselwirkung mit den sinkenden Erträgen und der erbrechtlich bedingten fortschreitenden Parzellierung wurde die Landnot ein immer drängenderes Problem. Die ökonomischen Frustrationen zogen die Auflösung von Familienstrukturen und die damit verbundene zunehmende Isolation des einzelnen in der rwandischen Gesellschaft nach sich. Das Ausmaß der sozialen Desintegration offenbarte sich etwa in Berichten aus den 80er Jahren über Kinder, die ihre alten Eltern töteten, um der Unterhaltsverpflichtung zu entgehen. Insbesondere unter Rwandas nichterbenden Bauernsöhnen bildete sich ein neues Lebensgefühl der Überzähligkeit aus. Arbeitslos und zudem wegen geringer Heiratschancen sexuell frustriert, zogen sie in die Städte und bildeten dort die ideale Rekrutierungsbasis für Armee und Milizen. In nur zwei Jahren versiebenfachte sich die Stärke der Regierungsarmee auf 35.000 Soldaten, die Präsidentengarde, eine Elite-Einheit, wuchs von 600 auf 2.000 Mann und die professionellen interahamwe- und impuzi-Milizen rekrutierten seit 1991 mindestens weitere 60.000 Jugendliche.
Der Zusammenbruch des traditionellen Klientelsystems im Machtzentrum verstärkte zusätzlich den Prozeß der Bandenbildung. Ubumwe (Einheit) basierte auf der Bindung konfliktfähiger gesellschaftlicher Gruppen durch »Renten-Zahlungen«, die nicht auf Arbeitsleistung, sondern innerhalb eines politischen Geschäftes auf Gegenseitigkeit beruhten. Die Bereitstellung von Mitteln für die Bedienung der immer größeren und anspruchsvolleren klientelistischen Netze wurde aber angesichts der wirtschaftlichen Krise zum Problem. Es breitete sich die Angst aus, Erwartungen und Ansprüche könnten nicht mehr erfüllt werden, was die Konkurrenz innerhalb der Führungsschicht verschärfte und zu einem erheblichen Autoritätsverlust Habyarimanas führte. Hinzu kamen Befürchtungen einer Neuverteilung der ohnehin immer knapperen Ressourcen angesichts der von westlichen Geberländern erpreßten Demokratisierung (»Ohne Mehrparteiensystem und freie Wahlen keine Entwicklungshilfe«). In diesem Konkurrenzkampf war es insbesondere der Clan der Ehefrau Habyarimanas aus dem Norden Rwandas, der die Regierungsbasis in die Plattform einer politisch-kommerziellen Mafia verwandelte. Die Zulassung politischer Parteien ab März 1992 ? zwei Jahre später gab es 17 ? und deren Aufspaltung (außer der sozialdemokratischen PDS) in eine jeweils genozidale und eine zivile Oppositionsfraktion im Verlauf der Friedensverhandlungen mit der Rwandese Patriotic Front, bedeutete in dieser Situation die Etablierung eines explosiven Gemenges um Macht und Beute rivalisierender Gruppen, das den Organisatoren des Völkermordes ein geeignetes soziales Handlungsfeld eröffnete. Unter dem Schutzschild von Demokratie und Pressefreiheit konnten sich die Mörderbanden organisieren und ihre rassistische Hetze betreiben.
Es waren also nicht in erster Linie die rücksichtslosen Machtinteressen einiger weniger menschenverachtender Politiker, die eine »wahllose Blutorgie« und einen »Dschungel der Gewalt« erzeugten. Diese Erklärungsschablone von Verführern und willenlosen Verführten wird von manchen Entwicklungshelfern gerne gebraucht, läßt sich doch mit ihrer Hilfe das rwandische Volk in seiner Gesamtheit als manipuliertes Opfer stilisieren und für die eigenen Zwecke als Adressat einer engagierten Praxis erhalten.4 Die Plausibilität des Erklärungsmusters gründet auch in dem weitverbreiteten Irrglauben, daß erst die Gedanken einer souveränen Macht handlungsanleitend für die Masse der Verführten sind.
Das Racket-Theorem leitet demgegenüber einen Wechsel der Perspektive ein, indem es die Transformation von Strukturen in den Vordergrund rückt. Es eröffnet den Blick darauf, daß die entscheidende Bedingung für den Völkermord nicht die Intention seiner Organisatoren, sondern das von diesen in der Situation sich auflösender Sozialität produzierte dynamische Handlungsfeld war, in dem sich gesellschaftliche Herrschaft von ihrer alten Form emanzipierte und ihre Entgrenzung im Bandenwesen erfuhr. Und dort, folgt man denn Horkheimer, bildete sie sich in das zurück, was sie von Anfang gewesen ist: ein gewaltsamer Bandenkrieg um das nackte Überleben.
Die »instrumentelle Vernunft«
an ihren kulturellen Grenzen
Pragmatisch verkürzt liefert das Racket-Theorem also ein adäquates Beschreibungsmodell des Völkermordes. Fraglich jedoch ist, ob es auch zu einer Tiefenerklärung beiträgt, wenn man es zu seinem angestammten Platz im Denkgebäude der Kritischen Theorie zurückverfolgt. Horkheimer entwickelte das Racket-Theorem Mitte der 40er Jahre zur Beschreibung der modernen Industriegesellschaft. Doch antwortet die unreflektierte Über-Setzung westlicher Erklärungsansätze oftmals mehr der eigenen Kultur, die sie produziert, als ihrem mutmaßlichen Objekt, das selber erst durch die Erklärung konstituiert wird. Solcherlei produktive Wirkungen des Wissens hat die sogenannte Hamiten-These in der kolonialen Vergangenheit Rwandas eindrucksvoll demonstriert. Vor deren Hintergrund wurden die Rwander von den kolonialen Ethnologen zu Identitätsexkursionen mit bewußten Raum- und Zeitkoordinaten gezwungen, die erst jene mythen-historischen Formen von Hutu-, Tutsi- und Twa-Identitäten erzeugten, die den gegenwärtigen Konflikten zugrundeliegen. Insofern muß das Racket-Theorem auf seine ethnozentristischen Implikationen befragt werden, will man seine Tragweite über den westlichen Horizont ausdehnen.
Das Racket-Theorem findet seine Begründung in der von Horkheimer und Adorno formulierten weitreichenden These, daß die abendländische Vernunft selbst die Humanität zerstört, die sie erst ermöglicht hat. Und dies deswegen, weil sich der Prozeß der Aufklärung von Anfang an dem Antrieb einer Selbsterhaltung verdankt, die die Vernunft nur in Formen technischer Verwertbarkeit, als instrumentelle Vernunft, beansprucht. Die Vernunft ist zum Seziermesser geworden, das den Menschen zerschneidet und atomisiert. Sie löst das unmeß- und unvergleichbare Individuelle ab und ersetzt es durch das nunmehr der Logik der Dinge unterliegende Individualisierte, das als Korrelat quantifizierender Einordnung verstanden wird. Vernunft und Macht sind somit fusioniert und der Verlust persönlicher Identität hat die Menschen auf die bloße Erhaltung der eigenen Existenz zurückgeworfen ? sozial organisiert und aufgespalten in Rackets, die nur noch das Ziel bloßer Selbsterhaltung kennen.
Die Hintergründe einer solchen Zeitdiagnose zu Beginn der 40er Jahre waren die politischen Frustrationen über die ausgebliebene Revolution im Westen, über die stalinistischen Entwicklungen in Sowjetrußland und das Entsetzen über den deutschen Faschismus. In diesem Zusammenhang versuchte das Racket-Theorem zu erklären, warum Krisen und Klassenkonflikte kein revolutionäres einheitliches Bewußtsein mehr förderten.
Der Völkermord in Rwanda aber war eben um ein solches einheitliches Bewußtsein angelegt. Wie auch andere Gewaltwellen in der jüngsten rwandischen Vergangenheit wurde der Genozid ausgelöst durch Erschütterungen im Identitäts-Regime der Hutu-Mehrheit (und nicht, wie die weitverbreitete Lesart lautet, durch einen Zusammenstoß zwischen Hutu und Tutsi). Die lange Zeit identitätsstiftende antagonistische Hutu-Tutsi-Figuration war zum Ende der zweiten Republik aufgebrochen und die um Selbstvergewisserung bemühten Hutu-Extremisten reagierten auf das Ähnlichwerden von »Hutu« und »Tutsi« mit einer radikalen Ausschlußsemantik (s. iz3w Nr. 218). Der Völkermord war darum nicht ein bloßer Vernichtungsfeldzug, sondern diente zuallererst einer Wiederherstellung der erodierten kollektiven Hutu-Identität, einer Masseninitiation in eine als Tätergemeinschaft und Blutsbrüderschaft definierte neue rwandische Staatsbürgerschaft der Hutu. Daraus erklärt sich die Beteiligung jener unvorstellbaren Masse von Tätern ? Männer, Frauen, selbst Kinder, quer durch alle Schichten ? und die wenig effektive, aber um so effektvollere Durchführung des Genozids mittels masu (Knüppel) und panga (Machete). Diese Masse, das Racket, strukturierte dabei jenes abgeschlossene Handlungsfeld, in dem der Einzelne als Gleicher unter Gleichen sich mit dem Messer beweisen durfte. Es organisierte eine soziale Machtform, die sich wesentlich von geläufigen Herrschaftsformen unterschied. Aber obwohl das Racket-Theorem damit einige wesentliche Momente erfaßt, muß eine Analyse der dem Völkermord vorausgehenden sozialen Wirklichkeit tiefer ansetzen.
Die Kritische Theorie verortet eine solche Tiefenstruktur, der auch das Racket aufsitzt, im Antrieb zur Selbsterhaltung. Und hier ist der Augenblick des Überlebens gleichzeitig Augenblick der Macht. Stets mündet die Bezwingung des Todes durch Herrschaft in eine gefeierte Befriedigung des Lebens.5 Es zeigt sich dann, daß Ursprung und grausamer Endpunkt jener herrschaftslegitimierenden Befriedigungs- und Ordnungsleistung das Massengrab ist. Denn die historische Institutionalisierung von Herrschaft entspricht einer Etablierung von Strukturen, die die systematische Verneinung anderen Lebens ermöglicht und den Übergang vom Leben zum gewaltsamen Tod sozial regelt. Der Prozeß der Aufklärung läßt sich in diesem Sinne als eine Änderung der Funktionsweise von Macht auffassen, die Michel Foucault als den Übergang zur »Bio-Macht« analysiert.6 Dem Wesen nach aber bleibt Herrschaft, wie Horkheimer schrieb, an ihre Grundform, das Racket, gebunden, und ist von Anfang an nur dem Gesetz der Selbsterhaltung verpflichtet.
Das Überlebensphänomen macht nun die Grausamkeit des Tötens in Rwanda zwar verstehbar. Es handelt sich um ein soziales Geschehen, in dem der Täter seine Selbstexpansion, seine Auserwähltheit und Einzigartigkeit erfährt. Dieses Geschehen läßt sich psychologisch als ein rite de passage deuten, durch den der Initiand über eine traumatische Erfahrung zu einer neuen Identität gelangen soll. Will man aber darüber hinaus die spezifischen Bedingungen des Völkermordes analysieren, ist es wenig hilfreich, das Racket zur anthropologischen Konstante zu erheben, zum ewig gleichen Herrschaftsprinzip zu stilisieren und dieses dann auf die rwandische Wirklichkeit zu projizieren.
Vielmehr müssen die konkreten politischen Praktiken untersucht werden. Es muß untersucht werden, wie diese Hutu und Tutsi in einer Weise objektiviert wurden, daß die Rwander sich selbst und den anderen vornehmlich als eben Hutu und Tutsi wahrnehmen und die Beziehungen zueinander solch konflikthaftes Potential entfalten konnten. Damit verlagert sich der Versuch einer Erklärung in die historischen Tiefenschichten kultureller Selbst- und Weltdeutung, aus denen jener kulturelle Sprengstoff archäologisch freigelegt werden muß, der durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren entzündet wurde.
Das Problem der Sprache ? in den Worten von Lucien Febvre der »Grundstoff der Geschichte« ? ist ein fundamentales. Kaum einer der Journalisten, der Aid-workers und der Rwanda-Experten spricht auch nur eine der etwa 2.000 afrikanischen Sprachen, und dies ist eine entscheidende Verständnisbarriere, welche außenstehenden westlichen Beobachtern den Zugang zu den Ereignissen in Rwanda erschwert. Auch das abendländische Racket-Theorem muß demzufolge außerhalb jenes Universums bleiben. Dennoch hilft es, die im Geschichtsnetz verfangene Beobachterperspektive auf die situativen Bedingungen des rwandischen Völkermordes zu richten und damit zu einem angemesseneren Verständnis des mörderischen Handelns beizutragen.
Anmerkungen:
1 So titelte der SPIEGEL (1994, Nr.16) in seiner Berichterstattung zum rwandischen Hundert-Tage-Genozid, den er damit in ein Kontinuum von Katastrophen stellte. Dabei sind es nicht zuletzt die internationalen Interventionen, die eine Art von Uniformität zwischen den Krisen erzeugen. Und DIE ZEIT (1994, Nr.16) erklärte unter der Überschrift »Jeder gegen jeden« den Völkermord zum »grausamen Stammeskrieg«.
2 vgl. Jörg Marx: Identität und Wahnsinn, Zur Genealogie des Völkermordes von Rwanda, iz3w, Nr. 218; ders.: Völkermord in Rwanda, Zur Genealogie einer unheilvollen Kulturentwicklung ? eine diskurshistorische Untersuchung, Hamburg 1997; vgl. auch ders.: Blutiges Denken. Für eine ethische Praxis des Denkens nach dem Völkermord in Rwanda (im Erscheinen)
3 Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt/M. 1974, S.136
4 So z.B. Peter Molt: Zerfall von Staat und Gesellschaft in Ruanda, S.3-38 in: Konrad-Adenauer-Stiftung-Auslandsinformationen, Nr.5, Jg.10, 1994; Hildegard Schürings: Ein Volk verläßt sein Land, Krieg und Völkermord in Ruanda, Köln 1994
5 s. Elias Canetti: Masse und Macht, Frankfurt/M. 1996 [1960], S.557; Horkheimer, a.a.O.
6 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit Bd.1, Frankfurt/M. 1995 [1976], S.161ff.; ders.: Leben machen und sterben lassen, Die Geburt des Rassismus, S.27-50 in: Reinfeldt/ Schwarz: Bio-Macht, Konzepte der neuen Rechten, Duisburg 1992
Jörg Marx ist Soziologe und hat 1994 als Krankenpfleger in ostzairischen Flüchtlingslagern gearbeitet.
Das Racket
und der kleine Mann
Vom Tuscheln im Rat der Ältesten des primitiven Stammes bis zur Verständigung von Industrie und Armee in Klubs und Beratungszimmern dokumentiert sich die geschichtliche Herrschaft als die schlechte, die auch das schlechte Gewissen hat. Die Brutalität der Unteren, vor der man das Geheimnis der Regierung bewahren muß, ist nicht primär, sondern gesellschaftlich erzeugt. Das blutrünstige Kollektiv, das die Geschichte der Menschheit furchtbar durchzieht, ist nur das andere Gesicht der ausschließenden Rackets, bewußt oder unbewußt von ihnen erzeugt. Die abgetragenen Kostüme der Aristokraten leben als Volkstrachten fort, die Rackets der herrschenden Klasse als Brutalität der Stärkeren gegen die Schwächeren, als die unbeschreibliche Gemeinheit des Mobs gegen die Ohnmacht. Sie ist das Racket des kleinen Manns, herabgesunkenes Kulturgut. Stets führten die Rackets die Furchtbarkeit des von ihnen erzeugten und gelenkten Kollektivs als Grund für ihre eigene Notwendigkeit an, und die unheilige Einfalt der Historiker hat die entstellte Fratze der Masse als bare Natur genommen. Bisher hat das Racket allen gesellschaftlichen Erscheinungen seinen Stempel aufgeprägt, es hat geherrscht als Racket des Klerus, des Hofs, der Besitzenden, der Rasse, der Männer, der Erwachsenen, der Familie, der Polizei, des Verbrechens, und innerhalb dieser Medien selbst in Einzelrackets gegen den Rest der Sphäre. Es hat überall den Gegensatz zwischen innen und außen aufgerichtet, der Mensch, sofern er keinem Racket angehörte, war draußen in einem radikalen Sinn, der Mensch als solcher war verloren. Aber im Kopf des Vereinzelten noch herrschten die Rackets mittels der Begriffe und Urteilsschemata, der Denkweise und Inhalte, die ihrer Welt entstammen.
Die Grenze zwischen drinnen und draußen zu durchbrechen, ist das Ziel der Politik, mit dessen Erfüllung die Welt sich verwandeln wird. In der wahren Idee der Demokratie, die in den Massen ein verdrängtes, unterirdisches Dasein führt, ist die Ahnung einer vom Racket freien Gesellschaft nie ganz erloschen. Die Idee zu entfalten, bedeutet freilich die Durchbrechung einer dicken Suggestion, die noch die wahre Kritik am Racket in seinen Dienst stellt.
aus: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Band 12, S.290f.
In der Meute...
In der Meute, die sich aus der Gruppe von Zeit zu Zeit bildet und ihr Einheitsgefühl am stärksten zum Ausdruck bringt, kann sich der einzelne nie so vollkommen verlieren wie ein moderner Mensch heute in jeder beliebigen Masse. Immer wieder, in den wechselnden Konstellationen der Meute, in ihren Tänzen und auf ihren Zügen, wird er an ihrem Rande stehen. Er wird darin sein und gleich wieder am Rande, am Rande und gleich wieder darin. Wenn die Meute einen Ring um ihr Feuer bildet, mag jeder zur Rechten und Linken Nachbarn haben, aber der Rücken ist frei; der Rücken ist nackt der Wildnis ausgeliefert. Die Dichte innerhalb der Meute hat immer etwas Vorgetäuschtes: sie drücken sich vielleicht eng zusammen und spielen in überlieferten, rhytmischen Bewegungen das Vielsein. Aber sie sind es nicht, sie sind wenige; was ihnen an wirklicher Dichte abgeht, ersetzen sie durch Intensität.
aus: Elias Canetti: Masse und Macht, Frankfurt/M., 1980 |