Volltext

(Artikel * 1997) Gruppe 2828
Netze aus Seifenblasen Die Verstrickungen internationaler Solidarität Verstrickungen internationaler Solidarität
in Blätter des iz3w Nr. 226 * Seite 43 - 44
Themen: internationale Solidarität * Dok-Nr: 130963
Debatte

Netze aus Seifenblasen

Die Verstrickungen internationaler Solidarität

von der Gruppe 2828


Zauberwort Vernetzung: Die einen verstehen unter Netz schlicht das Internet, andere sehen in eben diesem Netz ? entgegen allen Argumenten und Erfahrungen ? den Schlüssel für hierarchielose und emanzipatorische Politik am Ende des 20. Jahrhunderts. Basta, keine weitere Diskussion, das Netz ist, weil es ist. Und es ist gut.

Auf dem 2. Interkontinentalen Treffen gegen Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft im vergangenen Sommer in Spanien standen diese beiden Positionen nebeneinander. Bereits 1996, am Ende des 1. Treffens in Chiapas, rief die EZLN zur Gründung eines »Netzes aller Widerständigen dieses Planeten« auf: »Wir erklären, daß wir erstens ein gemeinsames Netz all unserer spezifischen Kämpfe und Widerstände schaffen werden. Ein interkontinentales Netz des Widerstandes gegen den Neoliberalismus, ein interkontinentales Netz des Widerstandes für eine menschliche Gesellschaft. Dieses interkontinentale Netz ist keine Organisationsstruktur, es besitzt weder ein Leitungs- noch ein Entscheidungszentrum, noch hat es hierarchische Strukturen. Das Netz sind wir alle, die widerständig sind. Daß wir zweitens ein Kommunikationsnetz zwischen allen unseren Kämpfen und Widerständen schaffen werden. Ein interkontinentales Netz alternativer Kommunikation gegen den Neoliberalismus, ein interkontinentales Netz alternativer Kommunikation für eine menschliche Gesellschaft.(...) Das Netz sind wir alle, die miteinander sprechen und zuhören (...)« (Aus der 2. Erklärung von La Realidad, August 1996).
Seitdem wird in einer diffusen Linken, die sich auf »Chiapas« bezieht, eifrig an diesem Netz gestrickt. Vernetzung scheint zum Schlüsselbegriff widerständiger Politik zu werden. Dabei ist nicht klar, wer sich eigentlich warum und wie vernetzen soll. Geht es um das Netz als das Mittel globaler gegenseitiger Unterstützung? Bis zur politisch-praktischen Beantwortung dieser Frage dürften wohl noch einige Megabytes die intergalaktische Datenautobahn hinauf- und hinabfließen. Das »Wir«, mit dem eine einheitliche Identität suggeriert wird, ist vor allem über eine »Widerständigkeit« gegen Neoliberalismus definiert. Dazu zählen sich viele ? da sind Sozialistinnen, Kommunisten, Anarchisten, Studentinnen (manchmal), Obdachlose (selten, aber wahr), Gewerkschafter, Grüne... »Widerständig« gegen Neoliberalismus sind jedoch auch Teile des rechten und vor allem rechtsextremen politischen Spektrums, wenn diese etwa für einen starken Staat oder für eine »nationale Identität« in unübersichtlichen neoliberalen Zeiten kämpfen. Die postulierte Gemeinsamkeit der »Widerständigkeit« als kleinstem gemeinsamen Nenner ist offensichtlich zu allgemein. Aber nicht nur die Subjekte, auch die politischen Inhalte bleiben diffus. Das Label »gegen Neoliberalismus« kann man kaum als Ziel, sondern eher als eine grobe Orientierung bezeichnen. Dabei ist weitgehend ungeklärt, welche Vorstellungen eigentlich mit dem schillernden Schlagwort vom Neoliberalismus und der diesbezüglichen Widerstände und Alternativen verbunden sind. Die beschworene Vernetzung ist also durch eine große Unbestimmtheit charakterisiert. Es gilt daher, einen Suchprozeß nach Ansatzpunkten für zeitgemäße widerständige und emanzipatorische Politik zu beginnen. Darunter fällt auch die Frage, was denn das eigentlich Neue (und emanzipatorische) der Vernetzung ist.

Realitätsmächtige Vernetzung
Vernetzung avanciert nicht nur zum Schlagwort einer internationalistischen Linken. Sehr viel realitätsmächtiger wird in anderen gesellschaftlichen Bereichen darüber diskutiert. Neben hierarchischer Steuerung (vor allem durch den Staat und innerhalb von Unternehmen) und völlig dezentraler Marktsteuerung ist das Netzwerk ein weiteres Koordinationsprinzip. Als Selbstorganisation formal autonomer Akteure soll es kooperativ gemeinsame Ergebnisse erreichen. Außerdem werden Netzwerke im Vergleich zu Organisationen als weniger formalisiert charakterisiert und sind durch eine gewisse »Freiwilligkeit« und Gegenseitigkeit gekennzeichnet. In vier Bereichen wird Vernetzung als Organsiationsprinzip heute diskutiert und praktiziert. Die dominante politische und politikwissenschaftliche Debatte um die »Entgrenzung des Staates« geht von der Annahme aus, daß im Zuge der funktionalen Ausdifferenzierung von Gesellschaft diese immer komplexer wird. Mit der traditionellen hierarchischen Steuerung durch den Staat findet keine effiziente Problemlösung mehr statt. Deshalb entstehen Kooperationen und Netzwerke auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Innerhalb des Staatsapparates nennt man das »Politikverflechtung« z.B. zwischen lokaler und nationaler Verwaltung, sie besteht aber auch mit nicht-staatlichen Akteuren und auf internationaler Ebene. Auch als Organisationsform von Unternehmen spielt die Vernetzung ? vor dem Hintergrund globaler Expansion ? eine große Rolle. In Zeiten, in denen sich Produktivitätszuwächse in straff organisierten Unternehmen erschöpft haben, werden Flexibilisierung (u.a. mittels Produktionsverlagerungen), Dezentralisierung und kontinuierliche Rationalisierung zu Leitbildern hoher Produktivität und Profite. Die in Netzwerken organisierten dezentralen Unternehmenseinheiten ? wie auch die Vernetzung eigenständiger Unternehmen ? sollen sich schneller und kontinuierlicher an (neue) Wettbewerbsbedingungen anpassen, um Kosten zu minimieren und die Absatzchancen zu erhöhen.

Emanzipation oder Wettbewerb
Demgegenüber hat die erst am Anfang stehende Diskussion um die Vernetzung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wesentlich weniger Gewicht. Teilweise werden NGOs als »gesellschaftliche Produktivkraft« gefaßt, teilweise als »neue Akteure« bei der Bearbeitung globaler Problemlagen. Entscheidend ist jeweils das Argument, daß NGOs ihren politischen Einfluß vor allem über ihre Vernetzung erhalten. Im Unterschied zu Staat und Unternehmen sind ihre Netzwerke in der Regel wesentlich informeller. Schließlich beginnt zur Zeit eine Debatte über governance und global governance. Hier geht es nicht nur um Vernetzung innerhalb eines bestimmten »Bereiches« (z.B. verschiedener Unternehmenseinheiten oder NGOs), sondern um die Vernetzung zwischen ihnen. Staatliche, privatkapitalistische und andere Akteure sollen zusammen bei den Problemlösungen agieren (vgl. den Themenschwerpunkt im vorletzten Heft).
Das all diesen Entwicklungen und Diskussionen zugrundeliegende Element ist der Abbau staatlicher Hierarchien. Doch der Rückbau des Staates und entsprechender paternalistischer Politiken geht keineswegs mit emanzipatorischen Entwicklungen einher, sondern wird unter dem Diktum neoliberaler Strukturanpassung und Wettbewerbsorientierung vorangetrieben. Die technokratischen Debatten um Vernetzung haben Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse kaum im Blick, sondern fragen nach dem besseren Funktionieren von kapitalistischen Gesellschaften. Staat wird affirmativ als politisches Institutionensystem gefaßt, das doch noch irgendwie das »Gemeinwohl« im Auge hat, und unter »Wirtschaft« wird unter Ausblendung von strukturellen Grundlagen und Machtfragen die Sphäre der Produktion und Distribution von Gütern und Dienstleistungen verstanden. Globalisierung wird dabei zum irreversiblen, alles dominierenden Trend, die »Probleme« (welche und wessen?) müssen irgendwie gelöst werden. Es geht angeblich um gesellschaftliche Steuerung, die eben nicht mehr zentral durch den Staat erfolgt (was ohnehin nie der Fall war...), sondern nunmehr durch verschiedene Akteure. Daß dabei die Interessen vieler Menschen unter die Räder kommen, bleibt außen vor.
Dennoch sind einige Aspekte der Vernetzung auch für eine Debatte um emanzipatorische Politik(formen) und die Zusammenarbeit formal unabhängiger Gruppen und Organisationen fruchtbar und sollen im folgenden kurz skizziert werden: Aus der »dominanten« auf die »linke« Vernetzungsdebatte zu übertragen ist sicherlich die These, daß in komplexeren Gesellschaften und angesichts der vielfältigen Problemebenen deren Bearbeitung in vielen Fällen nicht mehr mit »top down«-Ansätzen zu gewährleisten ist, sondern eher mit horizontalen Organisationsmustern von formal relativ unabhängigen Akteuren. Wohlgemerkt: Es handelt sich um so unterschiedliche Probleme wie staatliche Ordnungspolitik und Widerstandsformen gegen dieselbe. Im Unterschied zu formalen Organisationen mit definierten Zielen und formalen internen Regeln und Normen, in denen Hierarchien und Entscheidungsbefugnisse mehr oder weniger festgelegt sind, spielt bei Netzwerken »Informalität« eine größere Rolle. Zum Zusammenhalt und Funktionieren des Netzes erhalten dann geteilte Gemeinsamkeiten und der in der Vernetzung gesehene Sinn größere Bedeutung. So bilden sich Netzwerke in den allermeisten Fällen aufgrund bestimmter Probleme in spezifischen Feldern (z.B. Unternehmensallianzen zur Technologieentwicklung, Bauernorganisationen in Landfragen oder Umweltverbände im Bereich Klimapolitik) und seltener mit Prozeßcharakter und unbestimmtem Ziel.

Politik als happening
Bei der äußerst heterogenen »internationalen zapatistischen Bewegung handelt es sich bislang eher um eine Netzwerkmetapher als um eine sichtbare Netzwerkstruktur. Formen alternativer Kommunikation bestehen längst, und an Möglichkeiten, Informationen zu erhalten, mangelt es gerade hier keineswegs. Es stellt sich also die Frage: Wer nutzt die vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten und wie lassen sie sich noch sinnvoll nutzen, ohne mit einem Computerbildschirm zu debattieren? Wie wird mit der Informationsüberflutung hierzulande umgegangen, während an anderen Orten der Welt an Internet-Vernetzung gar nicht zu denken ist. Natürlich ist es wichtig und motivierend, mittels Diskussionen, Erfahrungsaustausch oder punktuellen Aktionen vernetzt zu sein. Dies meinen wir, wenn wir von einer Netzwerkmetapher sprechen. Für eine stärkere Formalisierung von Netzwerken, was mit Struktur gemeint ist, spricht zunächst einmal der Anspruch auf transparente und demokratische Verfahren. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Wir argumentieren nicht per se für den Aufbau formaler Netzwerkstrukturen, denn in vielen Fällen sind lose Zusammenschlüsse durchaus sinnvoll. Wenn aber internationale soziale Bewegungen politisch stärker werden, sollte die Frage der Struktur nicht ausgeblendet werden.
Damit entstehen aber zwei Probleme, die wir abschließend anreißen möchten. Wenn Netzwerke eine gewisse Struktur annehmen, sind sie erstens damit konfrontiert, sich intensiver über Inhalte und Ziele des gemeinsamen Politikmachens Klarheit zu verschaffen. Es bestehen zweitens a priori Machtasymmetrien zwischen den einzelnen vernetzten Akteuren, womit Veto-Positionen einzelner Mitglieder entstehen können. Dasselbe gilt für ungleich verteilte Informationen und Ressourcen. Insofern muß auch die idealistische Prämisse der EZLN, das Netz beinhalte weder Hierarchie noch Leitungszentrum, relativiert werden, denn die individuellen oder kollektiven Inputs in das Netz (z.B. Internet) basieren von vornherein auf ungleich verteilten Ressourcen. Netzwerke sind keineswegs unmittelbar hierarchiefrei ? auch und gerade nicht per Internet. Im Gegenteil: Tendenziell verlängern sie zunächst eine gegebene Hierarchie selbst. Schon ein Austausch auf regionaler Ebene erweist sich als schwierig. Gruppen treffen zunehmend nur im Rahmen einzelner Aktionen aufeinander. Während sich im Wendland also 10.000 gegen den Castor stellen, zeichnet sich in langfristig arbeitenden Initiativen kein Zuwachs ab ? das einmalige Happening scheint genug. Wie soll da »Vernetzung« Abhilfe schaffen?

Dies ist die von den AutorInnen (Ulrich Brand, Marlis Gensler, Veronika Sievers, Jens Winter) stark überarbeitete Fassung eines Beitrages für eine AG des 2. Interkontinentalen Treffens in Spanien. Alle vier sind MitherausgeberInnen von REDaktion, Chiapas und die Internationale der Hoffnung (Neuer ISP-Verlag 1997).