Volltext

(Artikel * 1997) Hess, Sabine; Linder, Andreas
In between Die antirassistische Bewegung und hybride Identitäten antirassistische Bewegung und hybride Identitäten
in Blätter des iz3w Nr. 226 * Seite 36 - 39
Themen: antirassistische Bewegung * Dok-Nr: 130961
In between

Die antirassistische Bewegung und hybride Identitäten

von Sabine Hess und Andreas Linder


Wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm und verspürt in der Regel nicht den inneren Zwang, die eigenen Privilegien zu begründen. Anders AntirassistInnen, die im direkten Kontakt mit Flüchtlingen und MigrantInnen stehen. Für sie scheint es in der gemeinsamen politischen Praxis nicht so einfach zu sein, mit der Erfahrung von Unterschiedlichkeit umzugehen, ohne in ausgrenzende Muster zu verfallen. Angesichts der Reflexionsprozesse, die in den antirassistischen Bewegungen in den letzten Jahren stattfanden, stellt sich die Frage nach Veränderungen in der Qualität antirassistischer Identitäten und politischer Praxis.

In der autonomen antirassistischen Bewegung scheint sich ein Wandel zu vollziehen. Nach jahrelangen Erfahrungen von Marginalität und politischen Niederlagen entdeckt sie das Kulturelle. Heute lautet die Forderung nicht mehr »Offene Grenzen« oder »Bleiberecht für alle«, sondern »Kein Mensch ist illegal«. Im Vergleich zu den früheren Parolen drückt dieser Titel keine ?harte? politische Forderung, sondern einen symbolischen Utopismus aus. Im Vordergrund steht die Dekonstruktion der Feindbildanalogie »MigrantInnen gleich Kriminelle«, während die Unterstützung von Projekten, die sich für Illegalisierte einsetzen, im Hintergrund bleibt. Daneben (oder vor allem?) verknüpften die OrganisatorInnen der Kampagne die kulturelle Praxis stärker mit der politischen: Musik-CDs und Konzerte als Soli- und PR-Beiträge für die Kampagne sind in Vorbereitung. Als Ort für den offiziellen Start der Kampagne wurde die documenta X in Kassel gewählt ? ein »Hoch«kulturereignis ersten Ranges. Und statt des althergebrachten Infostandes machte ein »hybrid workspace« die documenta-BesucherInnen auf die Kampagne aufmerksam. Auffällig ist hierbei nicht nur die Multimedia-Sprache, sondern vor allem der aus dem postkolonialen Diskurs stammende Begriff »hybrid«, der sich insbesondere auf MigrantInnen bezieht, die sich in unterschiedlichen kulturellen Kontexten verorten. Entdeckt die antirassistische Bewegung »Hybridität« als politische Perspektive?
In unserer Forschungsarbeit »Antirassistische Identitäten in Bewegung« haben wir ausgehend von der Identitätstheorie von Stuart Hall untersucht, inwieweit das postkoloniale Konzept hybrider Identitäten auf AntirassistInnen in der weißen BRD-Dominanzkultur übertragbar ist. Stuart Hall, neomarxistischer Kulturwissenschaftler und in den 50er Jahren von der Karibik nach Großbritannien immigriert, ist einer der wichtigsten Vertreter der postcolonial cultural studies (vgl. die Beiträge von Sabine Grimm in iz3w 223 und 224) und prägt bis heute die anglophone Debatte über neue linke Politik, vor allem über Identität und Widerstand, Kultur und Hegemonie entscheidend mit.

Von postkolonialen Kulturen zum
weißen Antirassismus
Die Auseinandersetzung mit Identität ist für ihn v.a. aus der Perspektive emanzipatorischer Politik zentral. Denn der Kampf um individuelle und gesellschaftliche Emanzipation zwinge die einzelnen AkteurInnen dazu, einen Standpunkt zu beziehen, einen Ort zu bestimmen, von dem aus sie sprechen, in anderen Worten: sich mit etwas zu identifizieren. Hall bezeichnet diesen Prozeß als »Akt des Positionierens«. Identität meint also nicht einen uns innewohnenden innersten Kern, das Subjekt ist vielmehr Differenzierungs- und Fragmentierungsprozessen unterworfen, denn »nothing bloody stands still«.
Im Mittelpunkt Halls 1994 erschienenen Essaybands Rassismus und kulturelle Identität stehen Überlegungen über widerständige Identitäten einer emanzipatorischen, antirassistischen Politik. Hierbei spricht er von der Entwicklung neuer Ethnizitäten, die durch die Vermischung kultureller Einflüsse entstehen. Diese bezeichnet er als »hybride Identitäten«. In diesem Sinne ist jede/r ethnisch verortet, was die Vorstellung von hybrider Identität zum politischen Projekt macht, das nicht ausschließlich von MigrantInnen, sondern auch von progressiven Kräften der weißen Gesellschaft ausgehen kann. Diese Politik dekonstruiert sowohl aggressive Formen nationaler und kultureller Identität als auch defensive Selbstethnisierungen entlang rassistischer Herrschaftsdifferenzierungen. Sie konterkariert das statische Kulturverständnis des gängigen Multikulturalismus und auch die vereinheitlichenden Identitätskonzepte entlang Klasse, Nation und Geschichte.
Hall sieht darin ein fortschrittliches antirassistisches Potential im Entstehen begriffen. Das macht ihn so interessant für eine Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen antirassistischen Bewegung, für die in den neunziger Jahren die »Orientierung in Widerspüchen« zur Parole wurde. Mit Stuart Halls Konzept haben wir gefragt, inwiefern sich im Feld antirassistischer Praxen, die sich auf den ersten Blick ausschließlich auf den staatlichen Rassismus in Form einer Gegenpolitik beziehen, neue widerständige Identitäten jenseits nationaler und ethnisch-kultureller Bezüge entwickeln. Ergeben sich aus den Begegnungen und Kontakten mit MigrantInnen hybride Identitäten oder sind dabei für weiße Deutsche Hindernisse zu überwinden?
Zwei Aspekte des Hallschen Ansatzes sind unseres Erachtens für die Auseinandersetzung mit dem bundesdeutschen Antirassismus zentral: zum einen die Strategien der Identifikation als oppositionelle Politik, zum anderen die Dezentrierung des Subjekts durch die Globalisierung. Der Antirassismus wurde nicht zuletzt durch zwei bedeutende politische Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte ausgelöst. So wurde die westliche und männliche Narration vom Subjekt und der Welt durch das Hervortreten anderer Kulturen infolge der antikolonialen Befreiungskämpfe im Trikont sowie durch den Feminismus empfindlich gestört und »dekonstruiert«. Allgemein haben die sozialen Bewegungen der 60er und 70er Jahre wesentlich zur Erosion der herrschenden Identitäten beigetragen. Durch sie wurden zum ersten Mal Strategien der Identifikation zum Gegenstand der Politik, in dem jede Bewegung an die Identitäten ihrer UnterstützerInnen appellierte und eine Politik gegen die herrschenden Zuweisungen entwickelte. In diesem Zusammenhang verortet Hall auch die Konstruktion der politischen Kategorie »Schwarze« als Politik gegen die rassistische Realität. Der Prozeß der Identifikation selbst rückte ins umkämpfte Terrain um kulturelle Hegemonie.

Identität und Differenz
Leider verlegte sich dieser Ansatz einer »Politik der Differenz« , so Hall kritisch, immer wieder auf ein einziges gültiges Identitätskonzept innerhalb einer Bewegung. Identität wird damit wieder zu einem Essentialismus, der blind ist für andere Dimensionen der Unterdrückung. Die negativen Wirkungen dieser Positionalität seien zu überwinden und innere Differenzen und Fragmentierungen zu berücksichtigen. Die Diskussionen über die triple oppression, die »Durchkreuzungsansätze« in der feministischen Theorie sowie das Konzept der Mehrdimensionalität von Machtverhältnissen und Identitäten von Birgit Rommelspacher (um nur einige zu nennen) sind das theoretische Resultat dieser Differenzierungsprozesse in hiesigen Diskursen.
Neben den neuen sozialen Bewegungen hat aber auch der neue Globalisierungsschub, durch den die globalen Interdependenzen intensiviert wurden und die internationale Migration eine neue Dimension erlangte, die traditionellen Fundamente von Identität ins Wanken gebracht. Vor allem die nationalen Identitäten seien von der relativen Erosion der nationalstaatlichen ökonomischen, politischen und kulturellen Macht im Zuge der Internationalisierung des Kapitals betroffen. Die ?Nation? wird nicht nur für Kapital und Waren, sondern auch für Menschen und kulturelle Einflüsse durchlässiger. Diese These wird durch die zunehmend restriktive und militärische Migrationspolitik nicht widerlegt, sondern eher erhärtet. Durch die Globalisierungsprozesse würden auch zunehmend kollektive Identitäten wie ?Rasse?, Klasse und Geschlecht fragmentiert. Diese seien zwar im sozialen Leben noch erfahrbar, doch sie hätten nicht länger die verbindliche und stabilisierende Kraft. Denn: »In dem Maße, indem sich die Systeme der Bedeutung und der kulturellen Repräsentation vervielfältigen, werden wir mit einer verwirrenden, fließenden Vielfalt möglicher Identitäten konfrontiert, von denen wir uns zeitweilig mit jeder identifizieren können.« Hierin sieht Hall das »postmoderne Subjekt« im Entstehen begriffen, welches ohne eine gesicherte und dauerhafte Identität konzipiert ist.
Doch im Gegensatz zu bundesdeutschen SozialwissenschaftlerInnen, die das Ende des Sozialen bzw. den Anfang einer Erlebnisgesellschaft einläuten, bewertet Hall die Globalisierungsprozesse für eine emanzipatorische Politik auch positiv. Denn sie eröffne die Möglichkeiten neuer Artikulationen und die Erfindung neuer Identitäten. Es wird auf die sozialen Bewegungen, die »Politik des Lokalen« ankommen, welche Entwicklungen hegemonial werden. Die Erosion des Nationalstaats und der nationalen Identitäten stellt auch ein gefährliches Moment dar: Überall in Europa sei eine Regression zu agressiven Formen der nationalen Identität, ein Neuaufleben von Rassismen, Sexismen etc. und die ideologische und materielle Aufrüstung des nationalen Standorts feststellbar. Darüberhinaus habe das Kapital gelernt, mit einer Vielfalt von Differenzen zu leben und betreibe aktiv deren Ausbreitung mit. Ein passendes ideologisches Rüstzeug stellt hierbei der Multikulturalismus dar, ob als Vielfalt in einer Konsumkultur oder als ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung: »Ausländische« Kulturen sollen toleriert werden, solange sie goutierbar sind.
Die Ideologie des Multikulturalismus basiert auf einem statischen und Grenzen ziehenden Verständnis von Kultur. Die nach ethnischen Merkmalen eingeteilten Gruppen werden verfestigt und die Individuen auf ihr Anderssein festgeschrieben, in ihrer »Herkunftskultur« fixiert. Der Multikulturalimus befindet sich somit in direkter Nachbarschaft zum herrschenden kulturalistischen Differenzrassismus und paßt sich gut in eine globalisierte Ökonomie ein. Angesichts dieser Entwicklungen meint Hall, müsse eine Politik konzipiert werden, »die anerkennt, daß wir alle aus vielen sozialen Identitäten, nicht aus einer einzigen zusammengesetzt sind. Daß wir aus verschiedenen Kategorien, durch verschiedene Antagonismen komplex strukturiert sind.« Identitäten in der Differenz zu leben sei die politische Herausforderung.

Hybride Identitäten und
die antirassistische Bewegung
Hybride Kulturen sind für Hall etwas anderes als Multi-Kulturen, auch transzendieren sie die älteren Differenzansätze: Sie sind nicht fixiert, sondern greifen zur gleichen Zeit auf verschiedene kulturelle Traditionen zurück und befinden sich in-between, im Übergang zwischen verschiedenen Positionen. Sie bilden eine Melange aus mehreren ineinandergreifenden Geschichten und Erfahrungen und stellen ein Resultat von kulturellen Verbindungen dar, welche im wachsenden Maße in einer globalisierten Welt üblich werden. Hybride Kulturen, so Hall, sind eindeutig neue Typen der Identität, die der Spätmoderne angemessener sind als die alten umkämpften Identitäten der Vergangenheit. Lassen sich die Erfahrungen von MigrantInnen aus Ex-Kolonien nun auch auf den bundesdeutschen Kontext übertragen? Hall nennt als Voraussetzungen die Entwurzelung, die Diaspora, die durch die postkoloniale Migration geschaffen wurde. Dennoch gäbe es hier Anknüpfungspunkte, auch wenn die spezifischen Voraussetzungen des postkolonialen Kontexts unter umgekehrten Vorzeichen gegeben sind: im Kontakt mit Flüchtlingen und MigrantInnen bzw. in der Auseinandersetzung mit der nationalen Identität und Vergesellschaftung.
Allerdings hat sich die Linke hierzulande in der Vergangenheit immer gerne losgesagt von ihrer eigenen Verortung. In diesem Leugnen der nationalen Herkunft und ethnisch-kultureller Bezüge sehen TheoretikerInnen wie Birgit Rommelspacher oder bell hooks ein wesentliches Defizit weißer linker Politik. Weißsein als historisches Konstrukt, als Standort von Subjektbildungsprozessen sowie als Position struktureller Dominanz müsse erkannt und bearbeitet werden. Weiße AntirassistInnen müßten letztlich erst durch die eigene dominanzkulturelle Identität hindurch, um über sie hinaus zu kommen.
An unserer empirischen Forschung nahmen AntirassistInnen aus humanistischen, autonomen sowie feministischen Gruppen teil. Dies entsprach grob den drei gegenwärtigen Hauptströmungen der antirassistischen Bewegung: einer radikal-menschenrechtlichen, einer linksradikalen sowie einer feministischen Strömung. Bezüglich der biografischen Prozesse, die zu antirassistischer Praxis führten sowie bezüglich der Formen gab es nicht nur Unterschiede zwischen den Strömungen, sondern auch zahlreiche Überschneidungen. Als Ergebnis kann festgehalten werden, daß sich die Praxis der HumanistInnen aufgrund der politischen Entwicklungen der letzten Jahre radikalisierte, aber hinter den verbalen Positionen zurückbleibt. Die Praxis der Autonomen dagegen wurde aufgrund von Niederlagen und Marginalität humanistischer.
Am deutlichsten stechen die Differenzen zwischen den Strömungen jedoch in den verschiedenen Betrachtungweisen von Kontakten zu MigrantInnen hervor. Das Verhältnis zu Flüchtlingen wird entlang identitärer Selbstpositionierungen unterschiedlich gelebt und reflektiert. Während die Autonomen Kontakte zu Flüchtlingen im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen über ihre eigene Positionierung als weiße MetropolenbürgerInnen diskutierten, thematisierten die HumanistInnen vor allem Kontakte als Erfahrung kultureller Differenz. Die Kontakte wurden weitgehend auf ihren kulturellen Gehalt reduziert und bewirkten eher »Fremdheitserfahrungen« sowie Distanz auf Seiten der AkteurInnen. Als zentrales Moment dieses Interpretationsmusters kristallisierte sich heraus, daß die Flüchtlinge hinter ihrer vermeintlichen Herkunftskultur verschwanden, auf sie festgelegt und als Träger der Herkunftskultur und damit von »Andersartigkeit« betrachtet wurden. Als Menschen mit einer je indiviuellen Geschichte, als soziale Akteure erschienen sie nur im Rahmen ihres Schicksals als Flüchtlinge. Als Bezugspunkt der Selbst- und Fremdsicht blieb der eigene kulturelle Wertmaßstab erhalten. Daneben gab es auch eine positivistische Wendung der »Andersartigkeit«. Die Begegnung mit dem »Fremden« wurde als ein gewünschter und lehrreicher Prozeß betrachtet, was letztendlich auch auf eine Ethnisierung der ?Anderen? hinausläuft. Hier werden sie zur Projektionsfläche der eigenen Identitätsbildung. So oder so werden die herrschenden Differenzlinien nachgezeichnet und man selbst bleibt im deutschen Kollektiv verfangen.
In den beiden anderen Gruppen (Autonome und Frauen) bildete die Infragestellung der eigenen Identität und strukturellen Position im rassistischen Machtverhältnis als weiße/r Deutsche/r den Fokus der Diskussion. Infolge der Beschäftigung mit Rassismen und vor allem der Kritik von MigrantInnen wurde die eigene Person und Position hinterfragt: Es ging darum, den »eigenen Rassismus« und »eurozentristische Politikmuster« abzubauen sowie »Privilegien abzugeben«. Diese Auseinandersetzungen wurden dann auch als stark verunsichernd beschrieben ? die bisherigen identitären und politischen Positionen zogen Erschütterungen nach sich ?, doch auch als bewußt gesuchte Auseinandersetzungen. Der Kontakt zu Flüchtlingen und MigrantInnen entwikkelte sich zu einem wesentlichen Bestandteil der autonomen Praxis: Ohne Flüchtlinge keine antirassistische Politik!
Jedoch läßt sich hier zum Teil eine erhebliche Kluft zwischen praktischem politischen Alltag und diskursiver Auseinandersetzung feststellen: Einige erlebten die Unterschiede zu Flüchtlingen doch als nur unter Mühe zu überwindende Differenzen. Das Verlassen der gewohnten Normalität, sei es im Alltag oder der weißen politischen Praxis gestaltete sich als schwer verwirklichbares und meist gescheitertes Projekt. Auch in der selbstkritischen Diskussion wurden Differenzen fixiert und es fand eine merkwürdige Identifikation mit dem weißen deutschen Kollektiv statt. Die Zuschreibungen von »Weißsein« und nationaler Verortung wurden so stark verinnerlicht, daß sie wieder zur faktischen Differenz führten. Nur wenige hielten das Spannungsverhältnis zwischen Herkunftskultur, der eigenen historischen Verwobenheit und dem Aufbruch durch den Kontakt/Konfrontation mit MigrantInnen zu neuen Ufern aus. Aus den Differenzerfahrungen entstanden eher erneute Fixierungen als »Übersetzungen«.
So dominiert bei den autonomen und feministischen AntirassistInnen zwar ein Denken der Differenz und eine triple-oppression-Politik, aber die Frage, wie zu »hybriden« Identitäten zu kommen sei, wurde nur vereinzelt aufgeworfen. Antirassistische Identitäten entwickeln sich eher im Versuch des Zusammendenkens von Rassismus und Sexismus, im Abbau von Rassismen und dementsprechend einer komplizierten Arbeit am eigenen Selbst und weniger in einer Herausbildung von Hybridität. Dennoch nahmen einige den Standpunkt ein, daß sie die Erfahrungen von MigrantInnen als Bereicherung und Korrektiv ihrer eigenen Praxis suchten. Hierbei würden sie danach streben, die Unterschiede in der Anerkennung produktiv werden zu lassen bzw. sie anerkennend zu überwinden und eine gemeinsame politische Alltagspraxis zu leben ? eine Andeutung, wie es zu hybridisierten politischen Praxen kommen könnte.

Anti-Politik-Falle Nation
Auch hinsichtlich der Bezogenheit zum Nationalen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Autonomen und HumanistInnen. Während bei den HumanistInnen eine Distanzierung zum Nationalen und zu staatlicher Politik erst im Laufe ihrer antirassistischen Praxis entstanden zu sein scheint, blieb ihr Verhältnis ambivalent und widersprüchlich. Von den Autonomen wird die Rolle des Staates explizit angegriffen und eine antinationale Position eingenommen. Andererseits beschrieben sie sich als Weiße und Angehörige der nationalen Dominanzkultur. Dieses Nicht-Leugnen der eigenen ethnischen Identität (vgl. B. Rommelspacher) ist zweifellos ein Fortschritt identitärer Positionierung in der radikalen Linken. Es läßt aber auch einen eindeutigen Trennungsstrich zwischen dem Feind ? der rassistischen Gesellschaft ? und den antirassistischen AkteurInnen nicht mehr zu. Das eigene Verortet-Sein wird widersprüchlich und uneindeutig.
Positive Gegenidentitäten hält die antirassistische Bewegung bisher jedoch nicht parat, zumindestens wurden solche in unseren Diskussionsgruppen nicht skizziert. In der antirassistischen Diaspora BRD scheinen keine dementsprechend utopischen Entwürfe »in between« entwickelt worden zu sein. Der Antirassismus bleibt bis auf weiteres eine Anti-Politik, deren solidarisches Verhältnis zu MigrantInnen sich ex-negativo aus der rassistischen Migrationspolitik ergibt. Für die meisten unserer Interviewten tritt die Schwierigkeit, politische Identitäten im alltäglichen Versuch der Anerkennung und Überwindung von Differenzen zu entwickeln, sehr widersprüchlich zutage. Für strukturell privilegierte Angehörige der dominanten Kultur scheint eine Hybridisierung also weit schwieriger zu sein, als für Betroffene herrschaftlicher Zuschreibungen. Offenbar sind in einer Dominanz- und Monokultur deutscher Facon hartnäckigere kulturelle Blockaden und Behinderungen, die ja auch als machtvolle Privilegien locken, zu überwinden. Allerdings wollen wir hier nicht der Unmöglichkeit das Wort reden, darüber hinauszukommen. Der theoretische Diskurs der »Hybridisierung« eröffnet Perspektiven für eine Linke, die nicht länger in Anti-Politikmuster verfangen bleiben will. Andererseits ist die Theorie, nach Hall, auch immer der Umweg zu etwas Wichtigeren und zu fragen bleibt, wie »hybrid workspaces« nicht nur Cyberspaceprojekte, sondern zu einer politischen Alltagspraxis werden können, deren Ziel der Abbau von staatlichen und gesellschaftlichen Rassismen ist.


Literatur:

Cornelia Eichhorn: Frauen sind die Neger aller Völker. Überlegungen zu Feminismus, Sexismus und Rassismus. In: Redaktion diskus (Hg.): Die freundliche Zivilgesellschaft. Rassismus und Nationalismus in Deutschland. Edition ID-Archiv, Berlin, 1992.

Paul Gilroy: Das Ende des Antirassismus. In: Diedrich Diedrichsen (Hg.): Yo! Hermeneutics! Schwarze Kulturkritik, Pop, Medien, Feminismus. Edition ID-Archiv, Berlin, 1993.

Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität. Argument Verlag, Hamburg, 1994.

bell hooks: black looks. Popkultur, Medien, Rassismus. Orlanda Frauenverlag, Berlin, 1994.

Claudia Koppert: Identität und Befreiung. Eine politische Zwischenbilanz. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis, 19.Jg., 1996, Heft 42.

Off Limits / ZAG: Deutscher Antirassismus? Antirassistische Gruppen ziehen Bilanz. Hamburg, 1995.

Birgit Rommelspacher: Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Orlanda Frauenverlag, Berlin, 1995.


Sabine Hess und Andreas Linder sind Kultur- und Politikwissenschaftler und arbeiten in lokalen und überregionalen Antirassismusgruppen. Soeben ist im Verlag edition diskord ihr Buch Antirassistische Identitäten in Bewegung, erschienen.