Europäische Nord-Süd-Politik
Fisch für die Welt
EU ? Fischereipolitik und Ernährungssicherheit in Westafrika
von Katja Hansen
Ernährungssicherheit, Ressourcenschutz oder die Förderung nachhaltigen Wirtschaftens sind Stichworte auf internationalen Konferenzen, in Abschlußkommuniques und entwicklungspolitischen Konzepten. Zwischen diesen ? auch in der EU-Entwicklungspolitik formulierten ? Postulaten und der realen Agrar- bzw. Fischereipolitik der EU bestehen krasse Widersprüche. Der Senegal ist ein Beispiel für die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Fischereiabkommen zwischen der EU und den AKP-Staaten.
Für die Ernährungssicherung in Westafrika stellt Fisch eine äußerst wichtige Proteinquelle dar. Im Senegal deckt er den Proteinbedarf der Bevölkerung fast überall zu drei Vierteln. Dabei ist es vor allem der handwerkliche Fischereisektor, welcher eine zentrale Rolle für die Ernährung der Bevölkerung spielt: Er leistet 70% aller senegalesischen Anlandungen und liefert den Großteil des lokal konsumierten Fischs. Die traditionelle Fischerei nimmt damit nicht nur einen großen Stellenwert bei der Nahrungsversorgung ein, sondern ist auch eine wichtige Einkommens- und Beschäftigungsquelle. Über die Hälfte der senegalesischen Küstenbevölkerungen verdienen sich ihr Einkommen im Fischereisektor, in einigen Dörfern über 80%. Insgesamt gibt es im Senegal 50.000 handwerkliche Fischer und 200.000 indirekt Beschäftigte, die meisten davon sind Frauen. Fisch und Fischprodukte sind zur wichtigsten Devisenquelle Senegals avanciert (Hauptabnehmer: die EU-Staaten) ? im Gegensatz zum industriellen Sektor hat sich die traditionelle Fischerei zu einem sehr dynamischen Wirtschaftszweig entwickelt.
40% der weltweiten Fischproduktion gehen im Vergleich zu nur 2% der Reisproduktion in den internationalen Handel. 55% des Fischangebotes innerhalb der EU ? des größten Marktes für Fischereierzeugnisse weltweit ? stammen aus Fanggründen von Drittländern, Deutschland importiert gar drei Viertel seines Fischbedarfs. Fisch ist zu einem der wichtigsten Exportartikel von Entwicklungsländern geworden. Dieser Fisch landet nicht unbedingt direkt auf europäischen Tellern, ein Drittel der weltweiten Fischproduktion wird zu Fischmehl verarbeitet und verfüttert. 80% des Fischs, welcher aus Ländern Afrikas, der Karibik und des Pazifiks (AKP-Staaten) in die EU importiert wird, stammen dabei aus dem Senegal.
Einige westafrikanische Länder sind stark vom Export ihrer Meeresprodukte in EU-Länder abhängig, gleichzeitig häufig zum Import des Grundnahrungsmittels Fisch gezwungen ? zu einem wesentlichen Teil wiederum aus der EU. Nur der Senegal und Mauretanien weisen eine eindeutig positive Handelsbilanz mit Fisch auf. Die wirtschaftliche Krise in vielen Ländern ließ jedoch auch die Fischimporte zurückgehen. Im Gegensatz dazu ist der Fischverbrauch z.B. im Senegal und Mauretanien im letzten Jahrzehnt erheblich angestiegen, was u.a. auf veränderte Ernährungsgewohnheiten, in Mauretanien insbesondere infolge zunehmender Dürre und Desertifikation, zurückzuführen ist.
Arbeitsplätze in Europa ...
Die Fischereiabkommen der EU mit 15 AKP-Staaten räumen ihr nun das Recht ein, gegen finanzielle Entschädigungen (siehe Kasten) mit ihren hochmodernen Trawlern in den Hoheitsgewässern (200-Meilen-Zone) dieser Staaten zu fischen. 1995-96 wurden von der EU knapp 300 Fanglizenzen für den Fischfang im Senegal, in Mauretanien, Guinea-Bissau und Gambia vergeben, Fangrechte in AKP-Gewässern erhielten vorwiegend spanische, französische und portugiesische Schiffe. Europäische Industrieschiffe versuchen mit ihren Fängen in AKP-Gewässern den steigenden Fischkonsum der EU-Bevölkerung zu decken, die 40%-ige Flottenüberkapazität der EU auszulasten und die Bestände in den eigenen Gewässern zu schützen. Außerdem sollen die Fischverarbeitungsindustrien versorgt und Arbeitsplätze vor allem in Südeuropa erhalten werden. So führte Spanien 1996 knapp 60% seiner Fernfänge vor Westafrika durch, die Regionen Galizien und die südatlantische Küste hängen regelrecht von der Fernfischerei vor Westafrika ab, ähnlich die südliche Bretagne und die Region Pas-de-Calais in Frankreich.
Die EU stellt mit Abstand die wichtigste ausländische Flotte in Westafrika, insgesamt geht die Hälfte aller ausländischen Fänge vor den Küsten Westafrikas auf ihr Konto. Allein die Spanier decken knapp 20% der Gesamtfänge in westafrikanischen Gewässern ab. Deutschland ist vor allem beim Fang kleiner pelagischer Fische (Schwarmfische, z.B. Sardinen, Makrelen) in mauretanischen Gewässern erheblich beteiligt: 22% der deutschen Hochseefänge werden dort gefangen. Da die europäischen Gewässer überfischt sind und z.T. starke Quotenkürzungen bestehen, sehen viele europäische Reedereien ihre einzige Chance in der Ausdehnung des Fischfangs in westafrikanische Gewässer.
Der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN) zufolge sind jedoch die wichtigsten Bestände in den ehemals fischreichen Fangregionen Westafrikas ebenfalls bereits völlig ausgebeutet oder überfischt ? was vor allem die lokale Fischerei hart trifft. Inzwischen klagen Kleinfischer über abnehmende Fänge und knapper werdende Fischressourcen in dieser Region, die zu den fischreichsten Fanggründen der Welt zählt. Der damit verbundene Preisansteig auf dem einheimischen Markt macht den Fisch für die Bevölkerung häufig unerschwinglich, was die Ernährungssicherheit der westafrikanischen Küstenbevölkerungen stark gefährdet: Laut FAO sind etwa 30% der senegalesischen Bevölkerung unterernährt. Von den Fängen der Europäer in westafrikanischen Gewässern könnten 25 bis 50 Mio. Menschen zusätzlich ihren Fisch- bzw. Eiweißbedarf decken. Gerade die kleinen pelagischen Fischarten sind eine unentbehrliche Grundnahrungsquelle für ansässige Küstenbevölkerungen. Mengenmäßig stehen die kleinen pelagischen Fische auf Platz eins, doch wertmäßig nehmen sie den letzten Rang ein. Der geringe relative Wert dieser Fische verschleiert die Unmengen, welche dafür gefangen werden müssen. Darüberhinaus nutzen europäische Flotten fehlende Kontrollen und unzureichende Grundlagenforschung in den Entwicklungsländern für illegale Praktiken; Schutzzonen der lokalen Kleinfischer werden ignoriert, Mengenbeschränkungen und empfohlene Fangquoten nicht eingehalten.
... statt Nahrungsicherung
für Westafrika
Anstatt nun angesichts der gefährdeten Ressourcenbestände ihren Fangaufwand zu reduzieren, ist es der EU 1997 gelungen, ihre Fangmöglichkeiten in den westafrikanischen Gewässern im Rahmen der neuparaphierten Protokolle wesentlich zu erhöhen. Neben den Fischereiabkommen werden zahlreiche Lizenz- und Charterverträge abgeschlossen, wie z.B. für die pelagische Fischerei in Mauretanien.
Die westafrikanischen Fischer sind nicht nur bei ihrem Kampf um Fischressourcen die Verlierer. Durch die Präsenz ausländischer Flotten wird auch die Entwicklung des einheimischen industriellen Fischereisektors gehemmt. In Mauretanien z.B. wird Kraftstoff in erster Linie an ausländische Schiffe ausgegeben. Dadurch gehen der einheimischen Flotte jährlich etwa 20 Mio US$ in Form von »verlorener Fischfangzeit« aufgrund von Wartezeiten verloren. Einheimische Fischer müssen erheblich höhere Preise bezahlen, um ihre Schiffe betreiben zu können.
Mit ihrer Fischereipolitik ignoriert die EU nicht nur die zentrale Forderung der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) nach einer nachhaltigen Ressourcenbewirtschaftung. Die EU mißachtet ebenso die grundlegenden Ziele der Armutsbekämpfung sowie der sozialen und nachhaltigen Entwicklung, wie sie in Artikel 130u im Maastricht-Vertrag festgelegt sind. Auch das Kohärenzgebot (Art. 130v) wird ignoriert, welches die Übereinstimmung zwischen Agrar- und Entwicklungspolitik gebietet ? de facto besteht hier ein krasser Widerspruch. So existieren allein im Senegal 21 Entwicklungsprojekte der EU im Fischereisektor. Von deutscher Seite betreibt die GTZ z.B. Projekte zur Fischereikontrolle in Mauretanien und fischereiwirtschaftlichen Beratung in Namibia. Zwischen 1959 und 1989 gingen 42% der gesamten Unterstützung aus dem Europäischen Entwicklungsfond in den westafrikanischen Fischereisektor. Derlei Bemühungen können angesichts der gegenläufigen Fischereipolitik der EU nur als Farce bezeichnet werden.
Katja Hansen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der europaweiten Kampagne für faire Fischereiabkommen bei der Nord-Süd-Initiative GERMANWATCH in Bonn, wo auch ihre Studie »Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von EU-AKP-Fischereiabkommen« (ca. 20.- DM) bestellt werden kann: GERMANWATCH e.V., Berliner Platz 23, 53111 Bonn, Tel. 0228-60492-0, Fax 0228-60492-19 |